Kurz nach ihrem zehnten Geburtstag erfährt Laura, dass sie die Tochter einer Magierin ist und von einem Tag zum anderen verändert sich ihr ganzes Leben. Unglaubliche Abenteuer warten auf sie, die sie nur mithilfe ihrer beiden Freundinnen Lea und Lotta bestehen kann. Nun bekommen ihre seltsamen Träume, die sie seit frühester Kindheit plagen, einen Sinn. Mit einem Mal weiß sie, weshalb sie Winde und Stürme hervorrufen kann, eine Eigenschaft, die ihr eines Tages das Leben retten wird. Aber können Laura und ihre Freundinnen es wirklich schaffen, den geheimnisvollen Zauberstab zu finden und vor dem bösen Kallator in Sicherheit zu bringen, um ihn auf dem alle 13 Jahre stattfindenden Hexenkongress den rechtmäßigen Besitzerinnen zu übergeben? Und was hat es mit dieser geheimnisvollen Truhe auf sich und dem magischen Stein? Alles Fragen, die auf eine Antwort warten ... "Sturmwind - Die Tochter der Magierin" wurde 2002 als bestes Kinderbuch mit der Kalbacher Klapperschlange ausgezeichnet und auch ins Chinesische übersetzt.

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ePub: 978-9963-724-50-5
Kindle: 978-9963-724-52-9
pdf: 978-9963-724-49-9

Zeichen: 277.997

Printausgabe: 11,99 €

ISBN: 978-9963-724-48-2

Seiten: 218

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Andrea Klier

Andrea Klier arbeitet seit 1997 als freie Autorin. Schon mit 11 Jahren wollte sie Schriftstellerin werden, doch bevor sich dieser Traum erfüllte, war sie über 24 Jahre als Hebamme tätig. Ihr Roman-Debüt „Sturmwind - Die Tochter der Magierin“ wurde auch ins Chinesische übersetzt und mit dem Literaturpreis „Die Kalbacher Klapperschlange“ für das beste Kinderbuch 2002 ausgezeichnet. Seit 1997 hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, wahre Geschichten, Fach- und Sachartikel veröffentlicht, ebenso 4 Hörbücher und E-Books. Sie ist Mitautorin mehrerer Heftroman-Reihen und schreibt unter verschiedenen Pseudonymen.

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Leseprobe

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1. Der Entschluss


Mit Leichtigkeit kletterte die Katze auf den hohen Kirschbaum und sprang mit einem Satz auf das Fensterbrett im dritten Stock. Ein eisiger Wind zerzauste ihr schwarzes Fell, doch das Tier blieb geduldig vor dem Fenster sitzen und starrte in das Zimmer. Drinnen war alles dunkel. Die kahlen Äste raschelten im Wind und endlich ging das Licht an.

Mit einem Knall fiel die Zimmertür ins Schloss. Laura hämmerte wie eine Verrückte mit den Fäusten gegen die Wand, dann griff sie nach einem Schulordner und schleuderte ihn auf den Tisch. Wütend trat sie gegen den Schrank und fegte alle Bücher vom Regal. Eine kleine violette Vase fiel zu Boden und zerbrach. Es war ein Geschenk ihrer Mutter. Laura kniete erschrocken davor nieder. Ihr Zorn war schlagartig verflogen. Sie sammelte die Scherben auf, doch im gleichen Augenblick zuckte sie zusammen. Die Tür öffnete sich und ihr Vater stand vor ihr.
   »Nimm dich sofort zusammen! Auch wenn du heute zehn Jahre alt geworden bist, musst du tun, was ich dir sage. Du wirst deine Großmutter nicht wiedersehen. Das gilt seit dem Tod deiner Mutter und wird auch weiterhin so bleiben. Ich hoffe, wir haben uns verstanden?«
   »Ich verstehe überhaupt nichts«, rief Laura. »Seit Mama tot ist, darf ich nie mehr allein aus dem Haus gehen. Warum? Was hab ich denn verbrochen? Ich will doch nur meine Großmutter besuchen. Sie mag mich wenigstens, aber du hast sie ja noch nie leiden können. Und ob du es hören willst oder nicht: Meine Mutter war dort auch glücklich, viel glücklicher als hier bei dir.« Laura blickte in das versteinerte Gesicht ihres Vaters. Sie wusste, dass sie ihn mit ihren Worten verletzt hatte. Aber es war die Wahrheit.
   »Du wirst sie nicht wiedersehen, egal ob du es verstehst oder nicht.« Seine Stimme klang eiskalt. Er drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
   Laura blickte hasserfüllt auf die geschlossene Tür und nur die Scherben in ihren Händen verhinderten einen neuen Wutanfall. Behutsam legte sie die Reste der Vase auf die Kommode und nahm die Fotografie, die darauf stand, in ihre Hand. Lange betrachtete sie das Bild ihrer Mutter. Sie war kurz nach ihrem fünften Geburtstag gestorben. Und seit diesem Tag hatte sich Lauras Leben verändert. Am Anfang war ihr Vater noch traurig und verzweifelt. Doch dann wurde er mit jedem Tag härter, ungerechter und verbitterter. Nichts konnte sie ihm mehr recht machen. Doch das Schlimmste war: Sie durfte ihre Großmutter nicht mehr sehen.
   Laura musste an ihre vielen Auseinandersetzungen über diese Besuche denken. Sie hatte schnell gelernt, ihre Gedanken und Gefühle vor ihrem Vater zu verstecken. Doch es gab noch etwas, was sie nicht verstehen konnte. Sie wusste damals schon, dass sie irgendwie anders war. Anders als andere Menschen, etwas stimmte nicht mit ihr. Laura wusste, dass sie eine Kraft besaß, deren Ursache sie nicht erklären konnte.
   Ein greller Blitz erhellte das Zimmer. Kurz darauf ertönte der Donner. Das Gewitter war nicht weit entfernt. Laura stellte das Bild ihrer Mutter wieder zurück auf seinen Platz. Müde und enttäuscht legte sie sich auf ihr Bett und dachte noch lange nach. Dann fiel sie in einen unruhigen Halbschlaf.

Der Wind rüttelte am Fenster, als Laura von ihrer Großmutter träumte. Ihr Gesicht war verschwommen, denn Laura konnte sich nicht mehr daran erinnern. Nur eines hatte sie nicht vergessen: ihre großen, schwarzen Augen. Genau die gleichen Augen, wie sie auch Laura und ihre Mutter hatten. Das Bild ihrer Großmutter verschwand wieder und sie träumte von Lea und Lotta. Die Freundinnen tanzten im Kreis und schwebten wie auf Wolken. Dann näherten sie sich lautlos und hielten ihr lachend die Hände entgegen.
   Der Wind peitschte heftig gegen das Fenster und der Blitz schlug irgendwo in der Nähe ein. Laura zuckte zusammen und öffnete die Augen.
   Ich muss mich den beiden anvertrauen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie sprang aus dem Bett und blickte aus dem Fenster. Draußen tobte der Sturm. Ein Schatten bewegte sich. Sie sah gerade noch, wie die schwarze Katze auf den gegenüberliegenden Kirschbaum sprang. Entschlossen lehnte Laura ihre Stirn an das kalte Fensterglas.
   Auch das mit dem Sturm würde sie ihnen erzählen.
   Eine Weile blickte sie noch hinaus und beobachtete die Zweige im tobenden Wind, dann schaltete sie die kleine rote Lampe an ihrem Nachttisch an. In Gedanken versunken zog sie sich aus und ging ins Bett.
   Lange konnte sie nicht wieder einschlafen, sondern betrachtete das Schattenspiel der tanzenden Zweige an der Decke und lauschte dem Wind.

Geschmeidig verließ die Katze ihren Platz und kletterte mit großer Geschwindigkeit den Baum hinunter. Dann verschwand sie in der Dunkelheit.

2. Eine schreckliche Entdeckung

Leise huschte Laura durch den Flur, um ihren Vater nicht zu wecken. Als sie die Küche betrat, stand er jedoch so plötzlich vor ihr, dass sie zusammenzuckte.
   Sie drehte sich so heftig um, dass eine Tasse vom Tisch zu Boden fiel und zerbrach. Zornig starrte sie hoch zu ihrem Vater, der zu ihrer Überraschung lächelte.
   »Du kannst einen genauso wütend ansehen wie deine Mutter«, sagte er ruhig, während er sich bückte und die Scherben aufsammelte. »Du hast gerade deine Lieblingstasse zerbrochen. Willst du sie dir wieder kleben oder sollen wir sie wegwerfen?«
   Weil Laura keine Antwort gab, ging er zum Abfalleimer und warf die Scherben hinein. Dann holte er aus dem Küchenschrank eine andere Tasse und stellte sie auf den Tisch. »Setz dich, ich muss mit dir reden.«
   Damit hatte Laura nicht gerechnet. Noch nie hatte ihr Vater nach einem Streit so mit ihr gesprochen. »Ich habe die ganze Nacht über dich nachgedacht. Unsere ewigen Streitereien müssen ein Ende haben. Du willst unbedingt deine Großmutter sehen, doch ich habe gute Gründe, dir das zu verbieten. Es gibt Dinge, die du noch nicht einschätzen kannst. Deine Mutter wollte im Falle ihres Todes keinerlei Kontakt zwischen dir und deiner Großmutter.« Streng sah er Laura in die Augen.
   Er lügt, dachte sie bei sich, hielt seinem Blick jedoch tapfer stand. »Warum wollte Mama das nicht?«
   »Das werde ich dir an deinem achtzehnten Geburtstag mitteilen. So lange musst du noch Geduld haben und mir vertrauen.« Sein Blick war sehr eindringlich. Es schien, als versuchte er, all ihre Gedanken zu lesen.
   »Wenn Mama es so wollte, versuche ich mich damit abzufinden. Aber ich verstehe es nicht.«
   »Im Augenblick ist es nicht wichtig, ob du es verstehst. Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein. Lass uns Frieden schließen und uns bemühen, besser miteinander auszukommen.« Er reichte ihr die Hand.
   Laura zögerte, doch dann legte sie sehr vorsichtig ihre Finger in seine.
   »Nach dem Tod deiner Mutter hat sich deine Großmutter nie wieder nach dir erkundigt. Schließlich war sie damals schon sehr alt. Und wer weiß, vielleicht lebt sie ja gar nicht mehr.«
   Hast du eine Ahnung, dachte Laura. Sie lebt und ich werde sie bald sehen. Ihr Herz schlug heftig bei diesem Gedanken, doch sie verzog keine Miene.
   »Gut, dann haben wir jetzt alles geklärt«, sagte ihr Vater zufrieden. »Bekommst du heute Besuch?«
   »Ja«, antwortete sie schnell. »Lea und Lotta kommen. Dürfen wir in den Wald? Es ist so schönes Wetter.«
   Ihr Vater nickte. Solange sie in Begleitung ihrer Freundinnen war, machte er sich keine Sorgen. Wahrscheinlich glaubte er, die beiden würden sie schon auf andere Gedanken bringen. Sie sah seine Erleichterung, als er zu seiner Kaffeetasse griff. Ihm kam garantiert nicht der leiseste Verdacht, wie sehr er sich getäuscht hatte.
   Schweigend beendeten sie das Frühstück und Laura war froh, als es zu Ende war.

Laura lief unruhig in ihrem Zimmer auf und ab.
   Es schien, als würden sich die Zeiger der Uhr überhaupt nicht vorwärts bewegen. Heute konnte sie es kaum erwarten, ihre Freundinnen zu sehen. Zu lange hatte sie sich gescheut, mit irgendjemandem über sich zu sprechen. Doch jetzt wollte sie alles so schnell wie möglich loswerden. Wie eine eingesperrte Löwin rannte sie hin und her. Wo sollte sie nur beginnen, wenn sie ihren Freundinnen die ganze Geschichte erzählen wollte? Würden sie, wenn sie alles gehört hatten, auch weiterhin zu ihr halten? Nervös lief sie zum Fenster, doch im gleichen Augenblick ertönte die Klingel. Sie rannte die Treppen hinunter und öffnete die Tür.
   »Endlich!«
   »Was ist denn mit dir los?« Erstaunt betrachteten Lea und Lotta sie. Laura legte einen Finger an den Mund und schlüpfte in ihren Mantel.
   »Lasst uns abhauen«, flüsterte sie und zog die Freundinnen mit sich.
   Schnell gingen sie durch die Wohnsiedlung in den Wald.

Keines der Mädchen bemerkte, dass sie in kurzem Abstand hinter ihnen herlief. Die Katze kletterte auf eine Birke, als die Freundinnen sich auf einen Baumstamm setzten und Atem holten. Aufmerksam lauschte sie, was da unten gesprochen wurde.

»Nun sag doch endlich, was los ist!« Lea hielt das Schweigen nicht mehr aus.
   Laura konnte unmöglich still sitzen und lief unruhig auf und ab. Dann blieb sie plötzlich stehen. »Was ich euch erzählen will, ist ziemlich merkwürdig. Es geht dabei auch um die Familie meiner Mutter und mich. Irgendetwas stimmt nicht mit mir und ich kann einfach nicht herausfinden, was los ist.« Lotta wollte sie unterbrechen, doch Laura hielt sie davon ab. »Bitte, fragt jetzt nichts. Erst muss ich alles loswerden.« Sie blickte kurz in den strahlend blauen Himmel, dann strich sie sich entschlossen die Haare aus der Stirn.
   »Alles hat mit dem Tod meiner Mutter angefangen. Ich vermisse sie so und ich finde es gemein, dass ich über ihren Tod genauso wenig weiß wie ihr. Sie ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Angeblich wurde sie von einem umstürzenden Baum erschlagen. Aber wie das genau passiert ist, hat mir niemand erklärt.
   Ein Spaziergänger fand meine Mutter blutüberströmt, aber zu diesem Zeitpunkt war sie schon tot. Merkwürdigerweise lag der umgestürzte Baum zehn Meter von ihr entfernt. Es muss eine sehr dicke Eiche gewesen sein. Aber wie konnte meine Mutter zehn Meter weiterkriechen, wenn so ein schwerer Baumstamm auf sie gefallen war? Es ging lange das Gerücht um, dass es kein Unfall war, sondern Mord. Mein Vater hat nie mit mir darüber geredet. Irgendetwas verheimlicht er mir. Das meiste habe ich selbst herausgefunden, und zwar auf sehr sonderbare Weise. Als meine Mutter starb, wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert war, denn in dieser Nacht hatte ich meinen ersten Traum.
   Ich träumte von einem Waldstück. Es war niemand da. Nur die Bäume bewegten sich langsam im Wind. Plötzlich sah ich einen Schatten am Boden. Es schien, als schwebte ein großer Raubvogel am Himmel. Dann stand eine schwarze Gestalt zwischen den Bäumen. Es war die Gestalt eines Mannes. Er war sehr groß und beobachtete den Waldweg. Er trug einen weiten, schwarzen Mantel und hatte die Kapuze tief über den Kopf gezogen. Und dann ist es passiert. Meine Mutter kam den Weg entlang. Bevor sie zu der Stelle kam, an der er stand, verließ sie den Pfad und ging in den Wald. Langsam schlich er hinterher. Da drehte sich meine Mutter um. Doch es war zu spät.
   Er hielt irgendetwas in der Hand und schlug damit so fest auf meine Mutter ein, dass sie stürzte. Als sie blutend auf dem Waldboden lag, hob er die Hand. Danach verschwand er spurlos. Es schien, als hätte er sich in Luft aufgelöst. In dem Augenblick fiel eine große Eiche zu Boden. Sie krachte mit ungeheurer Wucht genau auf die Stelle, an der meine Mutter lag. Die dicken Zweige begruben ihren Körper. Heftiger Wind kam auf. Plötzlich sah ich eine Hand unter den Ästen des umgefallenen Baumes hervorschauen. Meine Mutter lebte noch.
   Langsam kroch sie unter dem Baum hervor und richtete sich auf. Sie hob den Kopf, sah nach oben und ihre langen, schwarzen Haare wehten im Wind. Ganz deutlich sah ich ihr Gesicht. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Ich fühlte ihren Blick und sah, wie sie die Hand nach mir ausstreckte. Sie sah mir direkt in die Augen. Dann rief sie meinen Namen. Sie rief ihn so laut, dass ich aufwachte. Ich dachte, sie wäre bei mir, aber ich war allein und wusste, dass ich sie nie mehr wiedersehen würde. Erst am nächsten Tag erzählte mir mein Vater, dass sie von einem Baum erschlagen wurde. Doch das habe ich nie geglaubt.
   Der Grund dafür war nicht nur dieser eine Traum. Er war nur der Anfang einer Reihe von merkwürdigen Dingen, die danach passiert sind.
   Mein Vater war die meiste Zeit völlig verzweifelt und wollte mich nicht sehen. Ich war ständig allein. So bin ich oft in den Wald gegangen. Zuerst ist es mir nicht aufgefallen, aber dann habe ich gemerkt, dass immer, wenn ich den Weg verließ und den Wald betrat, Wind aufkam. Es schien, als würde er mich begleiten. Und wenn der Wind bei mir war, fühlte ich mich geborgen. Irgendwie erinnerte er mich an meine Mutter. Ständig musste ich an meinen Traum denken. Drei Tage nach dem schrecklichen Unglück fand ich auch die Stelle, an der es passiert war. Alles sah genauso aus, wie ich es vorher geträumt hatte: die umgefallene Eiche, die Sträucher und genau dieselben Laubbäume.
   Zufällig habe ich später zwei Waldarbeiter belauscht, die sich über den Unfall unterhielten. Ich hatte mich also nicht getäuscht. Es war wirklich die Stelle, an der meine Mutter ermordet wurde.
   Eine Woche nach dem Tod meiner Mutter war ihre Trauerfeier. Die halbe Stadt versammelte sich auf dem Friedhof und das Getuschel war nicht zu überhören. Doch das interessierte mich nicht, denn ich konnte nur an meine Mutter denken. Sie lag aufgebahrt in der kleinen Kapelle. Ihre Wunde am Kopf war kaum zu sehen und sie sah wunderschön aus. Nie werde ich vergessen, wie sie den Deckel des Sarges zugemacht und sie verbrannt haben. Mein Vater hat geweint und mir war eiskalt vor lauter Angst. Wir gingen hinaus ins Freie, doch als wir den Friedhof überquerten, bemerkte ich wieder einen Schatten am Boden.
   Es schien, als schwebte ein großer Raubvogel am Himmel.
   Plötzlich konnte ich mir alles erklären. In meinem Traum hatte ich doch das Gleiche gesehen. Und jetzt sah ich ihn wieder: genau die gleiche Männergestalt, groß und von einem schwarzen Mantel umhüllt. Er stand abseits, hinter einem Baum, und überblickte den Platz. Dann war die Gestalt wieder verschwunden. Mir war unheimlich. Was wollte dieser Kerl von uns? Sollte ich meinem Vater vielleicht doch alles erzählen? Ich sah mich verzweifelt um und suchte nach Hilfe. Und da sah ich sie. Sie saß auf einem Baum und musterte mich neugierig mit ihren grünen Augen. Es war eine kleine, schwarze Katze. Sie war noch sehr winzig, wirkte aber nicht hilflos. Als ich sie ansah, sagte eine innere Stimme: Sei still, erzähle nichts. Ich wurde wieder ruhiger und schwieg.
   Zu Hause rannte ich sofort in mein Zimmer. Plötzlich fiel mir meine Großmutter ein. Mit ihr könnte ich über meine Ängste reden. Aber ich hatte sie seit Wochen nicht gesehen. Auch auf der Trauerfeier war sie nicht gewesen. Ob ihr etwas zugestoßen war?
   Plötzlich wurde ich sehr müde. Ich schlief ein und wieder hatte ich einen Traum. Ich sah eine Gestalt vom Himmel schweben. Sie stürzte herab und tauchte zwischen den Bäumen wieder auf. Langsam kam sie näher. Das Gesicht war zuerst undeutlich, doch mit jedem Schritt erkannte ich mehr davon. Es war der Mann im schwarzen Mantel. Immer näher bewegte er sich auf mich zu und ich spürte seinen Atem auf meinen Wangen. Ich weiß, dass ich in dieser Nacht sein Gesicht ganz deutlich gesehen habe. Aber auf einmal war alles dunkel. Meine Zimmertür schnappte ins Schloss und ich wachte auf. Mir war schrecklich kalt. Doch das Schlimmste war: Ich konnte mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern. Ich hatte es vergessen.« Laura war mit ihrer Erzählung noch nicht am Ende. Nun kam der schwierigste Teil der Geschichte. Lea und Lotta wagten nicht, sie zu unterbrechen. Ganz still stand Laura da und starrte in den Himmel. Ein leichter Windstoß spielte in ihren Haaren. Wie gut, dass sie endlich den Mut gefunden hatte, alles zu erzählen. Sie atmete noch einmal tief durch und fuhr mit ihrer Geschichte fort. »Ich versuchte verzweifelt, mich an sein Gesicht zu erinnern, aber es gelang mir nicht. Ich kroch zum Lichtschalter und knipste die Nachttischlampe an. Da hörte ich ein Geräusch. Es kam von unten. Irgendwie klang es, als wäre die Haustür zugefallen. Sicher war ich mir jedoch nicht. Es war mitten in der Nacht und wer sollte um diese Zeit noch bei meinem Vater sein? Obwohl ich wahnsinnige Angst hatte, sprang ich aus dem Bett. Leise öffnete ich meine Balkontür und lehnte mich über das Geländer. Anfangs erkannte ich in der Dunkelheit nichts, dann sah ich im Schein der Laterne den Mann vom Friedhof wieder. Es war dieselbe Gestalt wie in meinem Traum: umhüllt von einem schwarzen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
   Entsetzt rannte ich zurück in mein Zimmer und kroch zitternd unter die Bettdecke. Was suchte dieser Kerl hier? Was wollte er bei meinem Vater? Die Haustür war zugefallen, er musste also im Haus gewesen sein. Und auch meine Tür hatte jemand zugemacht! Hatte ich seinen Atem gespürt, weil er im Zimmer war? In dieser Nacht konnte ich nicht mehr schlafen. Ich hoffte nur, dass meiner Großmutter nichts passiert war. Sie wusste bestimmt noch nicht, dass meine Mutter tot war, sonst wäre sie längst zu mir gekommen.
   Am nächsten Morgen stand ich wie gewohnt auf und frühstückte mit meinem Vater. Er sah sehr schlecht aus und tat mir leid. Trotzdem fragte ich ihn gleich nach meiner Großmutter. Er schlug mit der Hand auf den Tisch und schrie mich an. Ein für alle Mal verbot er mir, von ihr zu sprechen. Und es kam noch schlimmer. Ich durfte sie nie mehr sehen. Ich habe das nicht verstanden, aber seit dieser Zeit wurde ich beobachtet und kontrolliert. Alles, was mich wirklich interessierte, wurde mir verboten. Als er mich einmal beim Kartenlegen überraschte, wurde er so wütend, dass er das ganze Spiel ins Feuer warf. Nie hat er mir erklärt, warum er das tut, und bald haben wir uns nur noch gestritten. Viele Dinge konnte ich nur heimlich tun. Regelmäßig wurde mein Zimmer kontrolliert und ich wurde von ihm oder der Haushälterin überwacht. Erst seit wir drei zusammen sind, darf ich weggehen, wenn eine von euch dabei ist.
   Gestern an meinem Geburtstag habe ich ihn noch einmal gefragt, ob ich meine Großmutter besuchen darf. Er hat seine Meinung nicht geändert und wir hatten deswegen einen schrecklichen Streit. Heute Morgen haben wir uns zwar wieder vertragen, aber ich muss herausfinden, was mit mir los ist. Ich will endlich meine Großmutter sehen und ich werde sie suchen. Doch dazu brauche ich eure Hilfe.«