Endlich darf auch Kikki Krümel am Hexenkesselwettflug teilnehmen. Das Rennen zwischen den Waldhexen und den Moorhexen entscheidet, ob in den nächsten vier Jahren gute oder böse Dinge gezaubert werden. Kikki muss ihren winzigen Kessel unbedingt zum Wachsen bringen, damit sie sich beim Rennen hineinsetzen kann. Um auf jeden Fall zu gewinnen, stehlen die Moorhexen Kikkis Kesselchen. Die Suche führt Kikki ins Dorf der Menschen. Dort begegnet sie Florina, die ihren Kessel gefunden hat. So ein Glück. Vor Freude verplappert sich Kikki. Nun weiß Florina, dass Kikki eine Hexe ist und ihr jeden Wunsch erfüllen muss. Mit einem unbedachten Zauber verwandelt Kikki alle Dorfbewohner in Kröten, bei ihr wird eingebrochen und ihr Kessel mag nicht wachsen … Werden nun die bösen Moorhexen das Rennen gewinnen?

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ISBN: 978-9963-724-43-7

Seiten: 160

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Der verschwundene Kessel


Kikki rieb sich immerzu die feuchten Hände. Ihre Schritte polterten auf dem Holzboden, während sie zum tausendsten Mal zwischen Stube und ihrer Schlafkammer hin und her eilte. Vor lauter Anstrengung schmerzten ihre Beine. Dabei wollte sie nur noch eines – sich auf das Bett lümmeln und das Comicheft weiterlesen.
   »Glotzende Kröten, Fledermauskot, verschlung’ne Gedärme, ich bin in Not.«
   Auf der Türschwelle blieb sie schwer atmend stehen und drehte sich zur Stube um. Die Zimmerdecke sah sie beinahe nicht mehr, weil an dunklen Holzbrettern etwa hundertfünfzig Bündel der verschiedensten Kräuter an krumm eingeschlagenen Nägeln hingen. Sie waren über den Herbst und den Winter getrocknet und Kikki hätte sie schon lange in Einmachgläsern verstauen sollen.
   Weil sie diese Arbeit aber überhaupt nicht mochte, baumelten sie immer noch von der Decke. Was hatte sie davon, wenn sie alles abfüllte, wie sie es von den anderen Hexen gelernt hatte? Es war doch viel einfacher, wenn sie bloß den Arm ausstrecken musste, um an Pfefferminz, Salbei, Dill und Thymian zu kommen, anstatt sie in der Vorratskammer herauszusuchen.
   Sie seufzte.
   Im nächsten Jahr würde sie neue Kräuter sammeln und sie aufhängen müssen. Also brauchte sie den Platz an der Decke.
   Kikki bemerkte, dass sie schon wieder abschweifte. Das tat sie viel zu oft und deshalb konzentrierte sie sich auf die allerwichtigste aller Fragen und sprach sie aus, um sie nicht gleich wieder zu vergessen. »Wo, verflixt noch mal, ist mein Kesselchen? Das ist zum Haareraufen. Fliegenmist und Teufelshorn! Es ist zum Verrücktwerden!« Sie stieß sich von der Wand ab und durchsuchte erneut jeden Winkel des Hauses.
   Sie lebte allein, seit ihre Eltern in die große weite Welt aufgebrochen und nicht wieder zurückgekehrt waren. Verschollen, sagte der Hexenrat. Nur auf Weltreise, sagte die Oberhexe, die sich seitdem um sie kümmerte.
   In der Schlafkammer kroch Kikki unter das breite Holzgestell ihres Bettes. Sie schob die Kiste mit ihrem geheimen Schatz – einem Himbeerbonbon, einer alten Cola-Flasche und einem Menschenschuh – zur Seite und wühlte in den Spinnweben. Esmeralda warf ihr einen, oder besser gesagt, acht böse Blicke zu. Die dicke schwarze Spinne ärgerte sich jedes Mal, wenn sie ihr Netz reparieren musste. Esmeralda war wahrscheinlich schon älter als sie und Kikki vermutete, dass sie vom ewigen Klettern und Arbeiten Gelenkschmerzen haben könnte.
   »Es tut mir leid, dass ich dir Umstände mache.« Kikki streichelte Esmeralda sanft über den Rücken, stand auf und sah einen Spinnenfaden auf dem Handrücken kleben. Sorgfältig löste sie ihn ab und legte ihn wieder unter ihr Bett. »Hier, für dich, kleine Freundin.« Esmeralda würde ihr dankbar sein.
   Mit einem Stöhnen kletterte sie auf den Kleiderschrank. Der knarrte und wackelte, während sich Kikki mit ihren spitzen Schuhen an der Seite entlang hochstemmte. Als sie endlich oben saß, fiel ihr ein, dass es wesentlich einfacher gewesen wäre, auf ihrem Besen hinaufzuschweben. Aber das wäre bestimmt auch nicht gut gegangen. Sie hätte den Besenstiel festhalten müssen und hätte nur eine Hand frei gehabt, um nach ihrem Kesselchen zu suchen. Ganz sicher wäre das schiefgegangen. Sie kannte sich schließlich. So ein Hexenleben war manchmal eben etwas kompliziert.
   Auf den Knien kauernd wühlte sie in dem verbeulten Koffer, der auf dem Schrank lag. Der enthielt jedoch nur ein paar alte Schulbücher. Schule! Noch so etwas, an das sie nicht gern dachte. Schule bedeutete Aufgaben, Rechnen, Zauberkunde und vieles mehr. Das Allerallerschlimmste aber war, so viele Stunden an einem Platz sitzen zu müssen. Selbst, wenn draußen die Sonne schien. Zum Glück waren gerade Übungsferien. Zeit, das Gelernte im Freien anzuwenden. Unter Aufsicht, verstand sich.
   Da Kikki ihr Kesselchen auch nicht im Koffer fand, rutschte sie rückwärts, bis sie die Kante des Schrankes erreichte. Sie umklammerte den Rand, ließ die Beine baumeln und sprang hinab.
   Schnurstracks eilte sie ins Wohnzimmer, räumte das Regal mit dem Geschirr leer und stapelte sorgfältig die Krötenteller aufeinander. Die zerschlissenen Tassen stellte sie daneben auf den Boden. Wieder nichts! Das durfte nicht wahr sein. Dabei wusste sie genau, dass sie ihr Kesselchen gestern noch gesehen hatte. Sie war ja nicht verrückt oder vergesslich. Dafür war sie viel zu jung. Fürs vergesslich werden natürlich. Verrückt konnte man in jedem Alter sein.
   Kikki kicherte und wandte sich der Vorratskammer zu. Unter lautem Schimpfen räumte sie diese leer. Sie öffnete jedes Gefäß, das sie in die Hände nahm. Vertraute Gerüche stiegen ihr in die Nase. Da gab es Nieswurz, ein Gewürz, das einen zum Niesen brachte und ziemlich streng nach Pfeffer roch. Getrockneten Froschaugentee, ihr Lieblingsgetränk, Salamanderpaste zum Heilen von Wunden, Knödelsuppe und Laubkuchen. Bei den anderen Gerüchen, die von Drachenzahn, Mäusekot oder Schlangeneiter aufstiegen, hielt sie sich die Nase zu.
   Nach über einer Stunde fühlte sie sich so erschöpft, dass sie eine Pause einlegen musste. An ihren Haaren klebten Staubfäden und quer über der Nase lag ein kleiner Streifen Seetang, der sie kitzelte. Beim heftigen Niesen flog er davon.
   Kikki kletterte über das Chaos hinweg und setzte sich auf den Schaukelstuhl ihrer Mutter. Sie gähnte und wischte sich mit dem Arm Schweiß von der Stirn. Erneut gähnte sie und überlegte, wo sie noch nicht nachgesehen hatte.
   Mit einem Satz sprang sie vom Stuhl und eilte in ihr kleines Badezimmer. Natürlich, das war es! Sie warf einen prüfenden Blick in die Toilettenschüssel und in den Spülkasten, aber auch dort versteckte sich der kleine Hexenkessel nicht. Kikki rieb sich das Gesicht. Es war unheimlich wichtig, ihn um Mitternacht mit Blütenwasser zu besprenkeln und zu befüllen. Nur so konnte er wachsen.
   Bis zur Silvesternacht musste er so groß werden, dass sie sich trotz ihrer langen Beine mühelos in ihn hineinsetzen konnte. Es war doch das erste Mal, dass sie bei dem Rennen dabei sein durfte. Sapperlot, wo steckte Kesselchen nur?
   Missmutig kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und starrte auf das prasselnde Feuer im Kamin. An einem Haken darüber hing ein schwerer Topf, in dem eine grüne Suppe brodelte. Immer wieder warf sie Blasen, die mit einem Knall explodierten.
   »Mach nicht so einen Krach!« Sie rümpfte die Nase. Dabei konnte sie sich nicht konzentrieren. »Wo kann er bloß sein?«, überlegte sie und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Kesselchen! Wo steckst du?«
   Jemand polterte an die Tür.
   Kikki zuckte zusammen und fuhr herum. Dies konnte nur eine der Waldhexen sein. Niemand sonst wusste, wo das winzige Haus mit dem schiefen Dach gut versteckt mitten im Wald stand.
   »Wer ist da?« Kikki schielte aus dem Fenster. Bei ihrer Suche brauchte sie dringend Hilfe. Vielleicht spürte eine ihrer Freundinnen ihre Not. Ach, sie hatte ja keine. Aber schön wäre es.
   »Ich bin es.«
   »Oberhexe?«
   »Wer denn sonst? Na los, mach die Tür auf.«
   Kikki zeigte mit dem Zauberstab auf das Türschloss. Der Schlüssel drehte sich mit einem leisen Quietschen und die Klinke wurde wie von Geisterhand nach unten gedrückt.
   Mit Wucht flog die Tür auf und die Oberhexe trat ein. Sie war eine kleine Frau mit rundem Gesicht. Ihre schwarzen Haare standen wie Borsten vom Kopf ab und zeigten in alle Richtungen.
   Sie stellte ihren Besen an die Wand und kam auf Kikki zu. »Ich bin hier, um zu sehen, wie es deinem Kessel geht. Sag, ist er schon ein bisschen gewachsen?«
   Hitze stieg in Kikki empor und entflammte ihre Wangen. Sicher leuchteten sie so feuerrot wie ihre Haare. »Ich weiß nicht, wo ich ihn hingestellt habe«, gestand sie leise.
   »Was?« Die Oberhexe kniff die Augen zusammen. »Sag, dass das nicht wahr ist.«
   »Wenn ich das sagen würde, dann würde ich lügen.« Kikki fühlte sich in die Mangel genommen, ihr Magen rebellierte, sodass im Kessel über dem Feuer die grünen Blasen noch lauter explodierten. Der Tisch hüpfte aufgeregt umher und die Bilder an den Wänden fielen klirrend zu Boden.
   »Du kannst ihn nicht finden? Hast du überall nachgesehen?«
   »Ja, sogar in der Toilettenschüssel.«
   »Wo hast du ihn das letzte Mal gesehen?« Die Oberhexe begann, im Raum umherzugehen. Mit dem Zauberstab befahl sie den Tisch auf seinen Platz zurück, danach brachte sie die grüne Suppe zum Schweigen. Mit einem anerkennenden Blick streifte sie das Durcheinander, das vor der Vorratskammer am Boden lag.
   »Vor dem Fenster«, antwortete Kikki nach einigem Überlegen. »Genau! Ich habe ihn vor das Fenster gestellt, damit er vom Vollmond beschienen wird.«
   Die Oberhexe schnaufte. »Kikki Krümel! Wie oft habe ich dir befohlen, auf deinen Kessel aufzupassen?«
   »Einhundertsiebenundfünfzig Mal, in dieser Woche. Vor vier Jahren waren es zweihundertachtzehn Mal. Aber da hast du es zu Trixi gesagt.«
   »Das weiß ich selbst«, sagte die Oberhexe. »Und überhaupt – wie siehst du wieder aus?«
   Kikki sah an sich hinunter und verstand nicht, was die Oberhexe damit sagen wollte. Sie trug einen blauen Zauberhut, einen hellgrünen Pullover, einen gelben Rock, schwarz-weiß gestreifte Strümpfe und violette Schuhe. »Was gefällt dir denn nicht an mir?«
   Die Oberhexe zupfte an ihrem Pullover. »Das ist viel zu bunt. Du siehst wie ein leuchtendes Sumpfmonster aus. Dich würde man sogar in der dunkelsten Nacht noch erkennen.«
   »Aber ich mag Farben«, meinte sie. »Besonders im Winter.«
   »Das ist mir egal. Eine anständige Hexe kleidet sich unauffälliger. Wenn du so weitermachst, wimmelt es hier bald nur so von Menschen.« Sie seufzte theatralisch. »Doch du bist noch jung. Wer weiß, vielleicht entwickelst du eines Tages doch noch einen richtigen Hexengeschmack.« Die Oberhexe nahm den Zauberstab in die rechte Hand.

»Was verloren in diesem Raum,
komm hervor wie im Traum.
Zeig dich mir, du kleines Ding,
damit ich wieder frohen Mutes bin!«

Nichts geschah. Auch dann nicht, als die Oberhexe den Zauberspruch wiederholte. »Seltsam, seltsam«, meinte sie. »Hier stimmt etwas nicht. Wäre dein Kessel im Haus oder gar im Hexenwald, wäre er aufgetaucht. Warst du gestern Nacht fort?«
   »Ich?«
   »Ja, du!«
   »Ich war zu Hause, und zwar die ganze Nacht.«
   »Hast du geschlafen?«
   »Natürlich. Du etwa nicht?«
   »Das war eine blöde Frage«, gab die Oberhexe zu. »Ist jemand in dein Haus gekommen?«
   »Keine Ahnung. Ich hab doch geschlafen.«
   »Hexenkraut! Grüne Froschaugen und Fledermausmist! Du musst deinen Kessel finden«, schimpfte die Oberhexe. »Du weißt genau, was davon abhängt!«
   Nur zu gut wusste Kikki, was ein solcher Verlust bedeutete. Aber darüber wollte sie nicht erst nachdenken.
   Die Oberhexe ließ den Blick nochmals durch das Zimmer schweifen und wedelte mit dem Zauberstab. Der Berg aus Hunderten von Einmachgläsern, der beinahe den ganzen Boden bedeckte, begann sich zu bewegen und in die Vorratskammer zu marschieren. Dort ordneten sie sich fein säuberlich in ein Regal ein. Eine Regalseite blieb frei. Der Platz für die neuen, noch nicht eingemachten Kräuter von der Decke, wenn sie diese mal hinuntergeholt hatte.
   Kikki sah der Oberhexe an, dass ihr die plötzliche Ordnung nicht gefiel. Mit einem Murren auf den Lippen ging sie zu dem schiefen Bücherregal und strich über die dicke Staubschicht. Mit einem zufriedenen Seufzen wandte sie sich wieder Kikki zu. »Wenigstens hast du gelernt, etwas mehr Unordnung zu machen.« Sie schwenkte erneut den Zauberstab, worauf sich ein wunderschönes Spinnennetz unterhalb der Deckenlampe bildete. »Schon viel besser«, meinte sie. »Du weißt, dass du noch heute aufbrechen musst, um nach deinem Kessel zu suchen. Das ist dir doch klar?«
   »Und wo soll ich nach ihm suchen?« Kikki knabberte an ihrem Daumennagel und ließ es rasch wieder bleiben.
   »Überall. Selbst im Dorf der Menschen.«
   Kikkis Rücken überzog sich augenblicklich mit einer Gänsehaut. Vor Schreck rollten sich ihre gestreiften Strümpfe nach unten und wimmerten leise. »Bei den Menschen? Sind die nicht sehr gefährlich?« Ihr kamen allerlei Geschichten in den Sinn, die über die Bewohner von Waldheim erzählt wurden.
   »Solange du nicht zauberst, ist es kein Problem«, antwortete die Oberhexe. »Wenn niemand erkennt, was du bist, wirst du von den Dorfbewohnern in Ruhe gelassen.«
   »Kannst du nicht mitkommen?« Kikki schluckte.
   Die Oberhexe schnaufte. »Nein, ich werde nicht mitkommen. Die Aufgabe musst du allein erfüllen. Nur du wirst ihn finden können, wenn er nicht freiwillig kommt. Und vergiss nicht«, ermahnte sie Kikki, »zieh dir etwas weniger Auffälliges an.«
   »Natürlich«, versprach sie. »Möchtest du vielleicht ein wenig Suppe, bevor du gehst?« Kikki schielte zum Kessel, dessen Inhalt einen lieblichen Duft verströmte.
   »Machst du Witze?« Die Oberhexe tätschelte ihren dicken Bauch. »Du weißt genau, dass ich auf Diät bin.« Mit einem sehnsüchtigen Blick auf den Suppentopf drehte sie sich um und verließ das Häuschen.
   Kaum war die Oberhexe gegangen, packte Kikki ihren Hexenbesen und flog los. Natürlich hatte sie sich weder gewaschen noch umgezogen, dafür machte sie sich einfach zu viele Sorgen um ihren Kessel.
   Der Vollmond stand am Himmel und leuchtete ihr den Weg nach Waldheim.

Kapitel 2
Das Dorf der Menschen


Kikki fror. Seit zweihundertdreiundvierzig Minuten durchsuchte sie schon das Dorf der Menschen. Sie schnüffelte wie ein Spürhund in der Luft herum, weil sie ihren Kessel, seit er in ihrem Besitz war, täglich mit Veilchenwasser besprüht hatte. Aber so sehr sie auch schnupperte, nirgends roch es nach ihrem Lieblingsparfüm. Meistens drangen ganz andere Gerüche in ihre Nase.
   Einmal beugte sie sich in der Dunkelheit über einen schwarzen Fleck. Entsetzt wich sie zurück, als sie feststellte, dass sie an einem stinkenden Haufen roch. Eher Hund als Katze.
   Kurz darauf entkam sie nur knapp dem Angriff eines Schäferhundes, als sie an dessen Hütte schnüffelte. Zum Glück saß sie auf ihrem Besen, der die Gefahr spürte. Als der Hund nach ihr schnappte, erwischte er nur noch ihre linke Schuhspitze, die sich sogleich empört nach oben bog. Kikki vermutete, den Besitzer des schwarzen Flecks gefunden zu haben.
   Sie steckte den Kopf in jeden Abfalleimer, in jede Regenrinne und in jeden noch so verborgenen Winkel. Sie durchsuchte die Gärten und hielt selbst in den Baumkronen nach ihrem Kesselchen Ausschau. Doch sie fand es nicht.
   »Komm, fliegen wir nach Haus«, sagte sie Stunden später zu ihrem Besen. »Es hat keinen Sinn.«
   Der Besen erhob sich gehorsam in die Luft, aber anstatt Richtung Wald zu fliegen, setzte er sie auf dem nächsten Hausdach ab.
   »Du bist gut«, lobte sie ihn. Ihr Besen hörte das gern. »Hier haben wir noch nicht nachgesehen.« Wieder reckte sie die Nase in alle Richtungen und schnüffelte.
   Ein Motorengeräusch näherte sich. Kikki verbarg sich hinter dem Schornstein und spähte auf die Straße hinab, auf der ein Auto anhielt. Vier Menschen stiegen aus. Die Oberhexe hatte ihr befohlen, vorsichtig zu sein. Dazu gehörte, nicht entdeckt zu werden. Schon seit Jahrhunderten kursierten im Hexenwald allerlei Gerüchte über Menschenkinder. In der Schule erzählten die Lehrer von unfreiwilligen Zusammenstößen und warnten davor, sich den Menschen zu nähern. Nach allem, was Kikki gehört hatte, mussten sie sehr gefährlich sein.
   Einmal, so hatte die Oberhexe erzählt, sei sie von einem Jungen mit Eiern beworfen worden, als sie versucht hatte, mit ihm zu sprechen. Ein anderes Mal wurde Isolde von diesen kleinen Monstern mit einer Mistgabel gepikst, als sie auf einem Bauernhof notlanden musste.
   Die Leute unten auf der Straße verschwanden in einem der Häuser. Kikki flog von einem Hausdach zum anderen, blickte in die Schornsteine und Regenrinnen. Das Ergebnis war immer dasselbe. Der Kessel blieb unauffindbar. Verflixt! Sie durfte nicht versagen, auch wenn sie sich in Gefahr begab. Sie musste ihren Kessel finden. Unbedingt!
   Nach einer weiteren halben Stunde erfolgloser Suche wollte Kikki enttäuscht in den Hexenwald zurückkehren, da entdeckte sie ein hohes Gebäude, das etwas außerhalb des Dorfes stand. Ihre Nase begann vor Freude zu zucken, als sie auf dem Dach landete. Es roch eindeutig nach Veilchen.
   Kikki war so aufgeregt, dass sich ihre Strümpfe immer wieder auf und ab kringelten. Sie lächelte und blickte sich um. Ihr Kessel befand sich in der Nähe und dieses Wissen ließ ihr Herz vor Freude wild pochen. Sie suchte das Hausdach ab, kroch von der einen Seite zur anderen und zurück, die Nase dicht über den Dachziegeln.
   Eindeutig, ihr Kessel war hier. Trotzdem konnte sie ihn nicht exakt orten. Was war bloß los? Steckte vielleicht ein Zauber dahinter?
   Kikki ging umher und grübelte angestrengt, an welcher Stelle sie noch nicht nachgesehen hatte. Sorge wühlte sie auf und sie schämte sich, ihren kleinen, süßen und hilfebedürftigen Kessel verloren zu haben. Als dann auch noch der Besen vorwitzig an ihrem Gesicht vorbeiflog, packte sie ihn und schmiss ihn zu Boden.
   Mit lautem Gepolter rutschte er über die Dachschindeln und kam erst in der Regenrinne scheppernd zum Stillstand.
   »Es tut mir leid«, stammelte Kikki. »Ehrlich. Bitte, Besen, sei mir nicht böse. Es ist nur wegen Kesselchen …«
   Der Besen antwortete mit einem unfreundlichen Knurren. Vorsichtig kroch Kikki auf ihn zu und hob ihn hoch, drückte ihn fest an ihre Brust. Sie schnupperte. Der Veilchengeruch wehte von unten herauf. Kesselchen befand sich im Haus.
   Sie stieg auf den Besen und steuerte ihn zum darunterliegenden Fenster. Hoch konzentriert schnüffelte sie am Fensterrahmen entlang. Als sie durch die Scheibe in das Zimmer blickte, erschrak sie.
   Im Inneren saß ein Menschenmädchen auf einem Bett und starrte genau in ihre Richtung. Lauthals begann sie, nach ihrer Mutter zu rufen.
   Kikki fiel vor Angst beinahe von ihrem Besen. Einem ausgewachsenen Menschen wollte sie auf keinen Fall begegnen. »Teufelsdreck und Sauerkraut, fast wird mir die Nacht versaut«, rief sie und befahl dem Besen, schleunigst zum Hexenwald zurückzufliegen.

*

»Ich weiß, wo der Kessel ist.« Kikki stand in der Stube der Oberhexe und strich sich stolz die Locken aus dem Gesicht.
   »Du hast ihn doch mitgebracht?« Die Oberhexe schielte hoffnungsvoll auf Kikkis Lederbeutel, den sie am Arm trug.
   »Ich konnte nicht. Zudem hast du gesagt, dass ich nur herausfinden soll, wo sich der Kessel befindet. Das habe ich getan.«
   »Wenn du ihn schon gesehen hast, hättest du ihn gleich mitnehmen können«, schimpfte die Oberhexe.
   »Also, gesehen habe ich den Kessel nicht. Ich konnte nämlich nicht in das Zimmer hinein. Da war ein Mädchen. Es hat mich angestarrt. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich dran denke.«
   »Welches Mädchen?«
   »Na, das in dem Haus, wo vermutlich mein Kessel steht. Außerdem darf ich bei den Menschen nicht zaubern, sonst hätte ich das Fensterglas verschwinden lassen und nach ihm gesucht.«
   »War dieses Kind allein dort?«
   »Glaube ich nicht. Ich habe gehört, wie es nach seiner Mutter rief.«
   »Weißt du wenigstens, wie die Menschen heißen?«
   »Ich habe vergessen, nachzusehen«, gab Kikki kleinlaut zu. Sie wickelte sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger und fixierte die Decke, damit sie nicht in die Augen der Oberhexe sehen musste. Erwachsene konnten ja so streng sein.
   »Morgen gehst du nochmals hin und freundest dich mit dem Mädchen an. Sobald du ihr Vertrauen erweckt hast, kannst du problemlos in ihr Haus und deinen Kessel holen. Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche.«
   Kikki gehorchte und bekam gerade noch mit, wie die Oberhexe mit den Fingern schnippte und einen Zauberspruch murmelte. Keine Sekunde später hielt sie eine Packung ihrer Lieblingskekse in der Hand.
   »Damit wirst du das Vertrauen des Mädchens gewinnen«, meinte sie und drückte Kikki die Kekspackung in die Hände.
   »Verstanden«, antwortete Kikki und machte sich auf den Heimweg.