Wie viele Wünsche benötigst du für ein wirklich glückliches Leben? Nach dem Tod ihrer Großmutter ist Lilith untröstlich. Fast nichts ist ihr geblieben, einzig eine alte Kanne. Lilith staunt nicht schlecht, als dieser eines Nachts blaue Nebelschwaden entsteigen. Kurz darauf steht Luc vor ihr – ein Dschinn. Zu Liliths Überraschung hat er es furchbar eilig, ihr drei Wünsche zu erfüllen. Aber er hat nicht mit ihrer unnatürlichen Wunschlosigkeit gerechnet. Sein Aufenthalt in der ihm verhassten Menschenwelt dauert länger, als ihm lieb ist. Schon bald findet er es aber nicht mehr so schlimm, dass Lilith keine Wünsche hat. Auch Lilith findet Gefallen an dem für andere unsichtbaren Begleiter, doch dann äußert sie versehentlich einen Wunsch und bringt damit eine Lawine ins Rollen, die beide nur allzu gern stoppen würden ...

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ISBN: 978-9963-722-78-5

Seiten: 278

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Tine Armbruster

Tine Armbruster
Tine Armbruster wurde 1970 als älteste von zwei Kindern in Karlsruhe geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihren Eltern, der Schwester und jeder Menge Getier in einem kleinen Örtchen nahe Karlsruhe. Mittlerweile lebt sie, selbst Mutter von zwei Kindern, mit ihrem Ehemann und zwei kleinen durchgeknallten Hunden in der Nähe von Bretten. In frühester Jugend begann sie, Geschichten niederzuschreiben, was sie aber in der bewegten Teenagerphase wieder aus den Augen verlor. Fast genauso lange ist Lesen eines ihrer liebsten Hobbys, damit – so findet die Autorin – lässt sich neben Musik einfach am besten vom Alltag abschalten. Außerdem entfachte es, nun, da sie sich selbst als älter und reifer betitelt, ihre alte Leidenschaft des Schreibens aufs Neue.  Ihre erste Arbeit „Wandel der Zeit, Savannah – Liebe gegen jede Regel“ ist seit Mai 2012 im Handel erhältlich. Danach folgten im Juni 2013 „Lilith wunschlos glücklich“ und im Februar 2014 „Hope - Fluchgebunden“, die beide über den bookshouse-Verlag publiziert wurden. Weitere Werke der Autorin sind in Arbeit.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

Sie drehte sich irritiert um sich selbst. Wo war sie? Aber was viel wichtiger war, wie war sie hierher geraten? Noch nie hatte sie etwas dieser Art gesehen. Es war, als schwebte sie im Nichts … oder im Himmel.
   Jemand kam aus nicht allzu weiter Ferne auf sie zu. Langsam und ohne Eile, fast wie in Zeitlupe, trieb er in ihre Richtung. Ein junger Mann, und auch er schien zu schweben. Gebannt fixierte sie die ihr unbekannte Person. Nichts anderes schien in dieser Umgebung zu existieren, nur er und sie.
   Ihr Herzschlag beschleunigte sich in beunruhigendem Tempo, doch nicht aus Angst. Neugier trieb ihn an, und sie ließ es einfach geschehen, wandte sich nicht ab, ergriff nicht die Flucht.
   Endlich stand er vor ihr. Atemberaubend schön, ebenso engelsgleich wie gefährlich. Er lächelte, doch er sprach nicht. Wunderschön! Sie war versucht, ihn zu berühren, doch sie hatte Angst, er würde sich in Luft auflösen, wenn sie ihm zu nahe kam. Also verwarf sie die Idee. Sie hätte es nicht ertragen, wenn er verschwunden wäre und sie allein zurückgelassen hätte.
   Nach einer weiteren kleinen Unendlichkeit legte er den Kopf schief und sah sie fragend an. Konnte er nicht sprechen?
   Sie hielt es einfach nicht mehr aus. »Wer bist du?« Ihre Stimme klang unsicher und brüchig. Es war kaum mehr als ein Flüstern.
   »Ich bin, was immer du wünschst«, hauchte er ihr mit einer tiefen, samtigen Stimme entgegen, die alles in ihr zum Vibrieren brachte. Der Drang, sich in seine starken Arme sinken zu lassen, wurde immer stärker. Aber was meinte er nur damit? Alles, was sie wollte …?
   »Wünsch dir etwas, Lilith.«
   Moment! Woher kannte er ihren Namen?
   »Wünsch dir etwas … Ich bin alles, was du willst … Alles!«

Kapitel 1
Die beschissene Realität

Den Kopf an eine weiße, kalte Kalkwand gelehnt, die Augen geschlossen, so saß Lilith da. Vollkommen reglos. Wartend, dass irgendjemand kam und sie aus diesem Albtraum befreite. Aber es kam niemand. Obwohl sie immer wieder hektisch trampelnde Füße an sich vorbeihuschen hörte. Doch sie liefen nicht zu ihr, hielten nicht an, überbrachten keine gute Botschaft. Zumindest nicht ihr und vielleicht auch keinem anderen.
   Ihr Brustkorb hob und senkte sich ein wenig zu schnell für jemanden, der schon seit mindestens einer Stunde absolut reglos auf einem dieser unbequemen, weißen Plastikstühle verharrte. Niemand außer ihr schien zu spüren, wie es ihr ging. Es fiel keinem dieser eilig umherlaufenden Götter in Weiß auf. Sie zog sich in ihre Gedanken zurück und kramte tief in ihrem Innersten nach längst verschwunden geglaubten Erinnerungen. Immer weiter, immer tiefer tauchte sie in ihren Kopf ein und durchsuchte jeden noch so kleinen Winkel ihres Gehirns.
   Das letzte Wochenende zog in Gedanken an ihr vorbei. Ihre Großmutter und sie auf dem Flohmarkt … Die drei neuen Bücher, welche sie ihr gekauft hatte. Der Zwischenstopp in ihrem Lieblingscafé … Der Spaziergang im Park … Sie fröstelten, es war kalt.
   Sie suchte weiter und schlingerte in ihren Hirnwindungen ungefähr ein halbes Jahr zurück. Ihr sechzehnter Geburtstag. Großmutters Geschenk, ein Besuch in einer Druckerei. Die Party am Abend … Die Schauermärchen am Lagerfeuer … Die heißen Schokoladen mit den kleinen, klebrigen Marshmallows. Wenn Großmutter die dampfende Schokolade zubereitete, schmeckte sie ihr immer am besten.
   Davor der Wechsel zu einer weiterführenden Schule … Wie stolz Granny auf sie gewesen war. Aber das war sie ja immer – nichts Besonderes.
   Immer mehr Bilder stürmten auf sie ein, wärmten sie, gaben ihr Hoffnung. Aber was sie ebenfalls spürte, war Kälte. Eine wirklich beunruhigende und beklemmende Kälte. Sie griff mit ihren langen, eisigen Fingern nach ihr und verdrängte mehr und mehr die Wärme ihrer Erinnerungen.
   Lilith erschauderte, schüttelte sich regelrecht. Die erste Regung ihres Körpers seit … ja, seit wann eigentlich?
   Minuten? Stunden? Sie wusste es nicht.
   Immer weiter zappte sie durch ihre Gedanken. Sah so viele ihrer Geburtstage, Familienfeiern, Urlaube, Ausflüge, Schulaufführungen, Spaziergänge, Shoppingtouren, Lesungen … Ihre Großmutter war immer dabei gewesen, hatte einen festen Platz in ihrem Leben gehabt, doch nun? Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, aber sie bewegte sich nicht. Gab dem Gefühl keine Macht, sie zu beherrschen.
   Zu den Geräuschen hastig umherhuschender Füße drängten sich zunehmend Stimmen, wirr und durcheinander, uninteressant. Doch dazwischen mischte sich plötzlich das zarte und hohe Stimmchen eines kleinen Kindes. Ein Mädchen. Es wurde an ihr vorbeigezogen. Sie hörte das unverkennbare schnelle Tippeln zweier Füßchen, welches erst anschwoll, dann wieder abebbte. »Mommy, Mommy?«, fragte es. »Wo ist Granny?« Die Stimme zittrig, ängstlich, eingeschüchtert.
   Lilith lauschte, doch es blieb still. Niemand antwortete und die Schritte wurden leiser und leiser, bis sie irgendwann zwischen all dem anderen Lärm gänzlich verstummten. Genau in diesem Moment fühlte sich Lilith mit einem Mal so unsagbar klein, angsterfüllt und verloren. Sie war verzweifelt und ihre Seele bröckelte entzwei. Immer größere Stücke brachen von ihr ab und schienen sich unwiederbringlich aufzulösen. Es war fast so, als wäre sie dieses kleine Mädchen, das eben ängstlich und zweifelnd an ihr vorbeigetippelt war. Auch sie flehte nach ihrer Großmutter, flehte um deren Leben.
   Lilith seufzte. Abermals reagierte niemand auf sie, also erlaubte sie sich einen weiteren tiefen Atemzug, um sich zu beweisen, dass sie noch hier war, noch lebte, aber das Gegenteil schien der Fall. Nie zuvor hatte sich ihr Körper abgestorbener angefühlt. Abgetrennt vom Rest der Welt.
   Ihre Gedanken drifteten erneut in die Vergangenheit. Sie sah sich als kleines Kind, nicht älter als vier. Vielleicht sogar genauso alt wie das Mädchen von eben. Sie saß in ihrem Zimmer und malte ein Bild. Es zeigte ihre Großmutter und sie, Hand in Hand. Ihre Großmutter sah furchtbar darauf aus. Na ja, das Mädel war noch klein, die Zeichenkünste eher bescheiden. Aber die Großmutter liebte dieses eher abstrakt geratene Abbild, denn sie liebte … Lilith. Noch heute hing es mit einigen anderen Bildern über ihrem Bett.
   Die wild durcheinanderlaufenden Füße drangen nun wieder deutlicher durch ihren Schleier der Starre hindurch. Sie lauschte ein wenig der Umtriebigkeit, dann erstarrte sie. Jemand huschte nicht an ihr vorbei.
   Er war stehen geblieben. Vor ihr und ihrer Familie.
   »Mrs. Winters?«
   Lilith hielt die Augen weiterhin geschlossen, denn die Anrede galt nicht ihr, sondern ihrer Mutter. Sicher sah sie in diesem Moment ruckartig auf.
   »Ja …«, erwiderte ihre Mutter mit gebrochener Stimme zaghaft.
   »Es tut mir sehr leid, aber …«
   Lilith schrie.
   Aus der Ferne trug der Nachtwind seichtes Glockengeläut an Liliths Ohr. Eins – zwei – drei – vier. Vier Uhr morgens. Eigentlich lag man zu dieser Uhrzeit im Bett und schlief. Eigentlich. Unglücklicherweise hatte sich ihr Leben vor einigen Stunden von einer Sekunde auf die andere drastisch verändert. Alles fühlte sich falsch und unwirklich an und sie wusste, dieses Empfinden würde nun für den Rest ihres Lebens an ihr haften wie Hundekot an einer Schuhsohle. Egal, wie sehr man auch schrubbte, der Geruch, oder in ihrem Fall die Trauer, würde nie wieder gänzlich verschwinden.
   Lilith verließ mit ihren Eltern das Krankenhaus. Dad musste sie stützen, denn sie war viel zu kaputt, um es aus eigener Kraft zum Wagen zu schaffen. Kaputt wie defekt, zerstört, nicht reparabel. Denn heute Nacht war sie, ohne die Aussicht auf Rettung, innerlich in zwei Hälften zerbrochen.
   Dad verfrachtete sie auf die Rückbank des Wagens. Sofort rollte sie sich zu einem kleinen festen Ball zusammen und schluchzte in sich hinein. Um diese Zeit waren die Straßen in Seattle zwar nicht wie leer gefegt, dennoch schienen sie schnell voranzukommen. Dabei hatte es Lilith überhaupt nicht eilig, nach Hause zu kommen.
   Innerlich verfluchte sie ihre Eltern. Sie waren zwar rücksichtsvoll und unterhielten sich im Flüsterton, aber sie verstand trotzdem jedes noch so leise Wort. Wie konnten sie sich schon jetzt, nur knapp zwei Stunden nach Großmutters Tod, über die Formalitäten für die Beerdigung unterhalten? Sie wollte das nicht hören. Genauso wenig wollte sie sich vorstellen müssen, wie der Sarg ihrer Großmutter aussah, welche Blumen in der Kirche stehen würden, welche Lieder sie singen würden, welche Kleidung sie für ihren letzten Gang bekommen sollte – nichts von alledem war für sie von Bedeutung. Sie wollte Granny einfach nur wiederhaben. Sie sollte wieder mit ihnen nach Hause kommen, heute Nacht friedlich in ihrem Bett schlafen und morgen, in aller Herrgottsfrühe und wie jeden Morgen, mit ihnen frühstücken. Wie immer – für immer.
   Als sie die Augen aufschlug, war sie plötzlich wieder zu Hause in ihrem Zimmer. Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Eltern es geschafft hatten, aber sie lag tatsächlich in ihrem Bett. Dad saß neben ihr und strich ihr sanft über die Stirn, während Mom noch eine heiße Schokolade auf ihren Nachttisch stellte. Es war ihre Spezialmischung mit diesen kleinen, klebrigen Marshmallows obenauf.
   »Schlaf noch ein wenig, Prinzessin, morgen sieht die Welt schon wieder heller aus«, flüsterte sie. Ihre Eltern verschwanden nach unten.
   Mom hatte ja keine Ahnung. Die Welt würde nie wieder hell genug für sie sein – nie wieder.
   Sie lauschte noch eine Weile den Gesprächen ihrer Eltern im Untergeschoss. Als sie sicher war, dass sie sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatten, schnappte sie sich ihre mittlerweile nur noch lauwarme Schokolade und schlich über den Gang in Großmutters Zimmer. Alles sah so aus, als ob sie nur kurz weg wäre und bestimmt gleich wiederkäme. Das Wasserglas, das Lilith ihr heute Mittag gebracht hatte, als sich ihre Großmutter nicht wohlfühlte, stand noch halb voll auf dem Nachttisch. Daneben lag ein Buch, und obenauf die Lesebrille ihrer Großmutter. Das Bett war benutzt, davor standen plüschig weiche Pantoffeln. Lilith stellte die Schokolade neben dem Wasserglas ab, schlug die Decke zurück und kroch ins Bett. Der Duft der Bettwäsche ließ sie fast glauben, dass Granny neben ihr lag. Wieder spürte sie Tränen, die ihr in den Augen brannten und sich einen Weg über ihre Wangen suchten.

Ihre Mom wollte sie am folgenden Morgen in der Schule entschuldigen lassen, aber Lilith lehnte dankend ab. Nach nur eineinhalb Stunden Schlaf glich sie zwar eher einem Zombie als sich selbst, aber hier hielt sie es definitiv keine Minute länger aus als unbedingt nötig. Seit sie die Küche für ihr Frühstück betreten hatte, gab es kein anderes Thema für ihre Eltern als die anstehende Beerdigung. Müde oder nicht, es blieb ihr keine andere Möglichkeit, wollte sie der größten Tragödie ihres bisherigen Lebens entkommen. Sie wollte nichts mehr über den Tod ihrer Großmutter hören. Deren plötzliches und für sie immer noch unbegreifliches Dahinscheiden als unabwendbar anzunehmen, war ihr momentan einfach noch nicht möglich. Nur leider waren ihre bis aufs Blut durchorganisierten Eltern viel zu sehr mit sich beschäftigt, um diesen Umstand zu bemerken. Sie war dankbar, als sie tief grummelnde Motorengeräusche in der Auffahrt wahrnahm. Gleich darauf ertönte eine nervende Dreiklanghupe. Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Es war genau sieben Uhr und Jordan somit wie immer überpünktlich.
   Ihre Gedanken schweiften ab. Gestern um diese Zeit war die Welt noch rosarot und völlig in Ordnung gewesen … Gestern. Ein erneutes Hupen riss Lilith zurück in die Realität.
   »Mom, Dad …«, unterbrach sie ihre Eltern, worauf sie auch sofort und irgendwie peinlich berührt verstummten. Sie hatten wohl noch gar nicht registriert, dass Lilith seit einigen Minuten ebenfalls anwesend war. »Jordan ist da. Ich muss los. Kann etwas später werden. Wir haben heute noch Theaterproben.«
   »Heute?«, fragte Mom verwundert. »Es ist Freitag, da hattest du noch nie eine Probe«, stellte sie grübelnd fest und blies dabei gedankenverloren über ihren bestimmt schon längst erkalteten Kaffee.
   »Heute schon«, log Lilith. »Wegen der Weihnachtsfeier in sechs Wochen. Die Probe will ich keinesfalls verpassen, deshalb muss ich heute auch unbedingt zur Schule, also bis später. Hab euch lieb!« Tapfer lächelnd schnappte sie sich ihre Schultasche und rauschte, seltsamerweise total erleichtert, den beiden zu entkommen, aus dem Haus.
   Eigentlich sollte es ihr nicht egal sein, wie der Sarg ihrer Granny aussah … welche Blumen ihre Eltern nehmen wollten … oder welche Musik … Todesanzeigen … Trauerreden oder Dankeskarten. Aber all diese Dinge zeigten ihr nur, dass sie in der beschissenen Realität feststeckte. Leider war es kein Traum. Es war real und sie konnte nichts daran ändern. Egal, wie sehr sie es sich auch wünschte.

Kapitel 2
Schreckliche Tage

Lilith öffnete die Wagentür, schmiss ihre Tasche in den Fußraum und stieg ein.
   »Mann, Lil, siehst du scheiße aus! Was ist los?«, kommentierte Jordan ihr Äußeres, als sie sich kraftlos neben ihn auf den Beifahrersitz gleiten ließ. Sie hätte gern gesagt: Was soll sein? Nichts, also fahr schon los, aber sie hatte Jordan, nun ja, bis auf ein einziges Mal, noch nie etwas vormachen können. Er kannte sie einfach zu gut. Kein Wunder, schließlich waren sie bis vor sechs Monaten ein Paar gewesen. Sogar ganze eineinhalb Jahre lang. Für ihn war es Liebe, für sie … tja was nur? Sie wollte damals nur auf der Welle ihrer Freundinnen mitschwimmen. Alle, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hatten zu dieser Zeit eine feste Beziehung und sie wollte schlicht dazugehören. Vor allem aber wollte sie dem blöden Geplapper, als einsame Jungfer zu enden, aus dem Weg gehen. Außerdem musste sie zu ihrer Entschuldigung gestehen, dass sie Jordan damals mochte. Ja, das hatte sie wirklich getan und sie tat es immer noch.
   Er war eine Stufe über ihr, beliebt, sah gut aus und er vergötterte sie, das wusste sie. Seit ihrer einvernehmlichen Trennung war er ihr allerbester Freund geworden. Ihre Beziehung war seither sogar besser als zuvor, denn ab da brauchten sie keinerlei Geheimnisse mehr voreinander zu haben. Heute konnte sie sagen, dass sie sich das auch alles hätte sparen können. Außer Bethany waren ihre anderen besten Freundinnen mittlerweile nämlich auch wieder solo.
   Soviel zu ihrer Angst, als alte Jungfer zu enden. »Mir geht’s heute einfach nicht gut, okay?«, versuchte sie, seine Frage zu umschiffen und kauerte sich dabei noch tiefer in den Sitz hinein.
   »Reicht nicht«, erwiderte er, stellte den Motor ab und zog die Handbremse an. Sie spürte seinen fragenden Blick schwer und unnachgiebig auf sich ruhen. Typisch Jordan, einmal angebissen, würde er nicht mehr lockerlassen.
   »Jordan, bitte …«, meuterte sie lang gedehnt.
   »Lilith, was ist los?«
   Sie sah aus dem Fenster und mied seinen sie immer noch durchbohrenden Seitenblick. Klasse! Er hatte es geschafft. Dabei hatte sie sich heute Morgen doch so gut unter Kontrolle gehabt. Die ersten Tränen für den heutigen Tag kullerten über ihre Wangen und sie wusste, es würden nicht die letzten sein. Eigentlich wollte sie zur Schule, um mit niemandem darüber sprechen zu müssen. »Annie ist tot.« Sie schluchzte erstickt. Ihre Kehle fühlte sich trocken und kratzig an und staubte beinahe beim Sprechen.
   »Deine Katze?«, erwiderte Jordan überrascht.
   Klar, dass er nicht an Großmutter dachte, immerhin war ihre Katze Annie, die sie mit drei Jahren bekommen und nach ihrer Granny benannt hatte, mittlerweile auch schon sehr betagt. »Nein … Annie, meine Großmutter.« Immer noch starrte sie stur aus dem Fenster, obwohl sie mittlerweile überhaupt nichts mehr außerhalb des Wagens erkennen konnte. Ihr Blick war von einer erneuten Heulattacke indessen so verschleiert, als wäre sie hinter einem undurchdringbaren Wasserfall gefangen. Auch der Druck in ihrem Kopf hatte wieder zugenommen, und momentan wünschte sie sich fast, sie hätte den Tag doch lieber im Bett verbracht.
   »O mein Gott, Lil …«, flüsterte Jordan mitfühlend, rutschte über die Handbremse zu ihr herüber und schloss sie einfach stumm in eine starke, tröstende Umarmung ein. Dankbar wandte sie sich ihm zu und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
   Minutenlang hielt er sie, gab ihr Ruhe, Halt und Geborgenheit, bis sie wieder einigermaßen sie selbst war und zu ihrer morgendlichen Selbstbeherrschung zurückgefunden hatte. Danach sah er sie einfach nur an und sie nickte. Sie verstanden sich, wie so oft, auch ohne Worte. Dieser Augenblick war genau einer dieser wunderbar stummen Momente zwischen ihnen, der alles gab und nichts nahm.
   Er startete den Wagen und fuhr ohne ein weiteres Wort Richtung Schule. Lilith lehnte sich in den bequemen Schalensitz zurück und starrte wieder stur aus dem Seitenfenster. Diesmal war ihr Blick fest nach oben in den Himmel gerichtet. Es war bewölkt, dennoch konnte man hier und da zwischen den mausgrauen Wolken eine überirdisch schöne und beruhigende, blaue Weite erahnen. Ob Granny wohl irgendwo da oben war? Sah sie von dort vielleicht sogar auf sie herab? Lief das mit dem Tod und all dem überhaupt so ab? Kam die Seele eines Menschen nach dem Tod in den Himmel oder gab es danach einfach nichts?
   Liliths Überlegungen wurden durch den stoppenden Wagen und den kurz darauf ersterbenden Motor unterbrochen. Sie hatte ganz vergessen, wie kurz der Weg zur Schule war. Jordan stieg aus, kam um den Wagen herum, öffnete die Tür, schnappte sich ihre Tasche und hielt Lilith die Hand entgegen. Aber sie war wie erstarrt und saß weiterhin reglos im Auto. Fast wartete sie darauf, dass ihre Seele sich erheben und in den Himmel emporsteigen würde, um nach Großmutter zu suchen. Es hätte ihr nichts ausgemacht, zu gehen.
   »Lil? Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde, aber es sieht bestimmt seltsam aus, wenn ich dich in die Schule trage. Meinst du nicht auch?«
   Bei der bloßen Vorstellung, dass Jordan sie wie einen nassen Sack über die Schulter werfen und in die Schule bugsieren würde, musste sie lachen. Sie war todtraurig, aber Jordan hatte es geschafft und ihr ein kehliges Lachen entlockt. Er war der Beste!
   Trotzdem fühlte sich dieses Lachen aus ihrem Mund unwirklich an. Irgendwie falsch, angesichts der Tatsache, dass sie erst vor wenigen Stunden ihre Großmutter verloren hatte. Unsicher stoppte sie sich, indem sie eine Hand auf den Mund presste und das deplatzierte Geräusch erstickte. »Danke, Jordan … ich liebe dich«, bedankte sie sich bei ihm und ergriff seine Hand.
   »Lügnerin«, erwiderte er und zog sie schwungvoll aus dem Wagen.
   »Du weißt, ich liebe dich …«, verteidigte sie sich.
   »Jaja … und du weißt, dass ich dich liebe. Wirklich!«
   »Jordan …«
   »Rein platonisch, ich weiß«, ergänzte er schelmisch und zog sie hinter sich her durch das große Haupttor.
   Camille und Mercedes warteten schon an ihren Spinden auf Lilith. Die lagen, dank einer kleinen Spende von Cams Dad, praktischerweise alle vier nebeneinander. Lilith war etwas spät dran, da sie sich noch schnell Make-up-technisch in den Mädchentoiletten im Untergeschoss frisch gemacht hatte. Nach einigen Minuten fand sie sich sogar wieder einigermaßen vorzeigbar, und selbst Jordan bestätigte ihr, dass sie fast wieder so frisch und munter aussah wie immer. Auch Bethany war spät dran, denn Lilith sah sie gerade von der anderen Seite des Ganges laut fluchend auf die Gruppe zuflitzen, als sie bei den Mädchen ankam.
   »Hi, Feige. Spät dran heute, was?«, begrüßte Camille Bethany lautstark, bevor diese sie erreichte.
   »Wieso? Lil ist doch auch gerade erst eingetrudelt«, prustete Bethany nach Atem ringend, öffnete ihren Spind und schmiss ihre nicht benötigten Bücher und Hefte hinein, ehe sie das Schloss mit einem lauten Knall wieder einschnappen ließ. Den Spitznamen Feige hatte Camille Bethany von der ersten Sekunde an in der Oberstufe verpasst. Die zweite Hälfte von Bethanys Namen bedeutete im Hebräischen Feige und da Beth, wie Lilith sie nannte, auch ihre Haare so lila wie eine reife Feige färbte, hatte sie den Spitznamen bei Camille gleich nach ihrem ersten Zusammentreffen weggehabt.
   »Was ist los, Süße?«, fragte Mercedes. »Kam dein Loverboy heute Morgen nicht aus den Federn?« Mercedes lachte und die anderen stimmten wie von selbst mit ein. Selbst Lilith, ein wenig zumindest. Es war ein offenes Geheimnis, dass Beths Freund, Damian Porter, seit Monaten bei ihr wohnte. Also so ganz, mit allem Drum und Dran. Ihre Eltern waren sehr liberal eingestellt und erfüllten ihrem einzigen Kind jeden, wirklich jeden Wunsch. Und war er auch noch so absurd, unnötig oder teuer.
   »Ach halt’s Maul, Sternchen«, fauchte Beth gekünstelt sauer. Wieder fingen alle an, zu lachen und Mercedes verdrehte genervt die Augen. Sie hasste es, mit dieser gewissen Automarke verglichen zu werden, die mit dem großen Stern mitten auf der Haube. Auch wenn nur sie vier wussten, dass sie diesen Namen einzig aus einem ganz speziellen Grund von ihren Eltern verpasst bekommen hatte, so war es ihr trotzdem immer noch peinlich, dass es überhaupt jemand außerhalb ihrer Familie wusste. Ihr Daddy hatte ihnen nämlich an dem feuchtfröhlichen Abend von Mercedes’ sechzehntem Geburtstag verraten, dass ihre allerbeste Freundin in genau so einem Auto gezeugt worden war, und deshalb diesen Namen trug. Seither nannte Beth sie immer Sternchen, wenn sie sie wegen irgendetwas aufziehen wollte.
   Nach einer kurzen, kollektiven Make-up Kontrolle in Camilles Spiegel rauschten sie Richtung Klassenzimmer.
   Normalerweise zog sich der Unterricht so zäh wie Kaugummi durch die Morgenstunden. Heute nicht. Die Zeiger aller Uhren schienen an diesem Tag einen Sprint hinlegen zu wollen und selbst der Minutenzeiger raste so schnell über das Ziffernblatt hinweg, als wolle er den Sekundenzeiger jeden Moment überrunden. Dabei wollte Lilith heute nicht so schnell wieder nach Hause.
   In der Mittagspause stieß sie Camilles Arm während des Essens in der Mensa an.
   »Was ist?«, nuschelte diese ihr unverständlich zu. Camilles Mund war randvoll gestopft mit Pommes. Lilith wunderte sich, dass Camille überhaupt noch Luft bekam, aber schon schob sie die nächste goldbraune Fritte nach, während Liliths Bagel immer noch unberührt auf ihrem Tablett lag.
   »Später schon was vor?«, erkundigte sie sich.
   »Bäter? Wam Bäter?«, brachte Camille nun unverständlich hervor.
   »Bäh, Camille, mach den Mund leer, das ist ja ekelhaft.«
   Camille kaute ein paar Mal, verzichtete auf weiteren Nachschub und fragte erneut: »Wann später?«
   »Ich dachte, vielleicht gleich nach der Schule?«
   Camille sah Lilith fragend an. Normalerweise ging Lilith freitags immer gleich nach Hause, um ihre Arbeiten im Haushalt zu erledigen. Denn ohne die Pflicht, so ermahnte Mom sie stets, würde sie ihre Kür an den Wochenenden ins Wasser fallen lassen. Camille schob ihre Pommes ein Stück von sich. »Ist etwas passiert?«
   Lilith wurde heiß. Sie spürte, wie sich Tränen ganz tief in ihr sammelten, aber sie presste sie zurück in den Abgrund, schloss sie weg und zuckte nur nichtssagend mit den Schultern. »So etwas in der Art«, bestätigte sie, ohne die geringste Gefühlsregung preiszugeben.
   »Okay, verstehe – streng geheim. Dann eben später.« Dabei schielte sie auf Liliths Tablett und deutete vielsagend auf ihren Bagel. »Sag mal, isst du den noch?« Als sie den Kopf schüttelte, griff Camille danach und biss herzhaft hinein.
   Lilith lachte. »Mülleimer!« Sie sah zu, wie der Frischkäse zu beiden Seiten herausquoll und die perfekt geschminkten Lippen ihrer Freundin verunzierte.
   »Wer kann, der kann«, hauchte sie und biss erneut zu.
   Lilith seufzte. Es war wirklich gemein, denn Cam konnte essen, was sie wollte, ohne dass sich auch nur ein Gramm auf ihren wohlproportionierten Hüften ablagerte.

Nachdem Lilith vier weitere öde Schulstunden hinter sich gebracht hatte, saß sie bei Camille im Wagen und starrte, ihre Schläfe an die kalte Scheibe gelehnt, auf den Wald, der in den unterschiedlichsten Brauntönen an ihr vorbeizufliegen schien.
   »Tee? Im Cadillac?«, fragte Cam unvermittelt.
   Lilith nickte dankbar für diese Idee. Die Mädels trafen sich oft im Cadillac, es war ihr Stammlokal. Aber nicht nur ihres, die halbe Schule traf sich dort an den Wochenenden. Das Cadillac war einfach der It-Laden schlechthin. Den Namen verdankte der Club seiner ebenso genialen wie funktionalen Einrichtung. Motorblöcke mit Plexiglasauflagen als Tische, Rückbänke alter Autos als Sitzgelegenheiten, die Bar bestand aus einer irrsinnigen Menge aufgestapelter, alter Reifen. Die Wände glänzten in den unterschiedlichsten grellen Neonfarben, sie waren mit unzähligen Bildern von den verschiedensten Wagen gepflastert. Aus der Wand über der kleinen, wirklich minimalistisch wirkenden Tanzfläche ragte die Front eines rosafarbenen Cadillacs.
   Es war nicht viel los am Nachmittag. Der Tag war noch jung, zum Abend aber würde es bestimmt wieder brechend voll werden, so viel war sicher. Camille zog sie hinter sich her in die entfernteste Ecke des Lokals, etwas abseits ihres sonstigen Tisches. Hier gab es einige abgetrennte Nischen, in denen man sich ungestört unterhalten konnte, und das war genau das, was Lilith nun brauchte – Ruhe, nur Camille und sie. Ohne den Rest der Welt. Camille nahm Lilith ihre Jacke ab und schubste sie etwas unsanft auf die Bank. Dann nahm sie ihr gegenüber Platz und musterte sie vielsagend … oder besser vielfragend.
   Bevor Lilith loslegen konnte, kam schon Stacy angerauscht. Sie war die Stammbedienung der Mädels im Cadillac. In den vergangenen zwei Jahren hatte Stacy wohl die Vorzüge von Mercedes’ lockerer Geldbörse zu schätzen gelernt. Bei dem geringen Aushilfslohn, den die Angestellten hier bekamen, war gutes Trinkgeld eben gern gesehen. Stacy zwinkerte ihnen zu und stellte zwei Jasmintees in die Tischmitte.
   »Weitere Wünsche?«, fragte sie mitten in ihrer Kehrtwendung. Sie schüttelten die Köpfe. »Einfach rufen, wie immer«, ergänzte sie und verschwand.
   »Also?« Camille lehnte sich kokett über den Tisch hinweg und lächelte Lilith verführerisch an. Sie dachte wohl, Lilith hätte irgendeine scharfe Neuigkeit in petto. Vielleicht einen neuen Lover oder so was in der Art, aber da musste Lilith sie enttäuschen.
   Nach zwei Stunden, in denen Camille mit ihr geweint und gelitten hatte, sie getröstet und gedrückt, sie aufgemuntert und wieder zum Lachen gebracht hatte, bezahlte sie die Rechnung und fuhr sie nach Hause.
   »Also, ich komm morgen bei dir vorbei. Mach dir keine Sorgen, Süße. Wir schaukeln das schon.« Sie entließ Lilith aus der Umarmung.
   »Danke Cam.«

Die folgenden Tage kamen und gingen und Lilith wurstelte sich mehr schlecht als recht durch ihr Leben. Alles lief irgendwie wie ein Film an ihr vorbei. Die Schule genauso wie die außerschulischen Aktivitäten, Familientreffen, Einkäufe und ihre Freunde, aber sie hatte sich täglich besser im Griff. Nur abends und in der Nacht wurde es stetig schlimmer. So allein in ihrem Schmerz, ohne Ablenkung, ohne Freunde, nur umhüllt von Finsternis und ihren düsteren Gedanken … In den frühen Morgenstunden kamen die Albträume und rissen sie regelmäßig aus dem Schlaf.
   Eine Woche nach dem Tod ihrer Großmutter nahte der zweitschlimmste Tag ihres Lebens.
   Die Beerdigung.
   Lilith und ihre Familie saßen schon den ganzen Morgen über in der Kirche, so hatten sie genügend Zeit für den endgültigen Abschied. Als es so weit war, und sie durch eine Verbindungstür in die Friedhofskapelle eintraten, war diese eigentlich recht große Halle schon brechend voll. So voll, dass trotz des eisigen Windes, der sich draußen selbst um die Bäume hetzte, sogar die drei Haupteingangstüren geöffnet bleiben mussten. Trauernde, in Schwarz gehüllte und vermummte Menschen jeden Alters standen bis weit draußen vor der Kapelle, nur um von Liliths Großmutter Abschied nehmen zu können.
   Sie saßen als die nächsten Angehörigen in der ersten Reihe. Lilith zählte die Klinkersteine an der Wand. Sie hörte dem Pfarrer nicht zu, sah den Sarg nicht an, auch musterte sie die Blumen nicht oder las irgendwelche Inschriften auf den Kränzen und Gestecken. Nein. Ihr Blick war von ihren Tränen viel zu sehr verschleiert, dennoch hielt sie ihn stur geradeaus auf die Wand gerichtet. In ihrem Kopf irrten nur Zahlen umher. 79, 80, 81, 82 … Auch beim Gang hinaus zum ausgehobenen Grab. Nur Zahlen … 159, 160, 161, 162 … Als massenhaft beileidsbezeugende Hände nach ihr griffen, zählte sie einfach weiter … 644, 645, 646, 647 … Beim anschließenden Leichenschmaus im Lieblingslokal ihrer Großmutter … 3732, 3733, 3734, 3735 …
   Sie wusste schon lange nicht mehr, was sie zählte, sie reihte die Zahlen einfach subtil aneinander. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, als sie abends todmüde im verwaisten Bett ihrer Großmutter lag, war … 486932.

Für den darauffolgenden Tag war die Testamentseröffnung angesetzt und somit folgte der drittschlimmste Tag in ihrem kurzen Leben. Eigentlich unnötig, immerhin war Mom das einzige Kind und somit Alleinerbin. Aber Annie hatte anscheinend auch ihr etwas hinterlassen und daher musste sie bei diesem Termin gezwungenermaßen ebenfalls anwesend sein. Während sie schon in Mr. Devenports Büro auf seine Ankunft warteten, rätselte Lilith, was Annie ihr wohl vermacht hatte. Sie tippte auf ihre Büchersammlung oder vielleicht auf etwas, dass sie beide über die Jahre hinweg immer miteinander verbunden hatte.
   Mr. Devenport überreichte ihr eine alte, antik aussehende Kanne und einen Brief. Sie erkannte gleich Großmutters schnörkelige Handschrift auf dem Umschlag. »Kann ich den …«, sie wedelte mit dem Brief, »… zu Hause lesen?«, erkundigte sie sich mit erstickter Stimme.
   »Sicher«, antwortete Mr. Devenport. Nach einer weiteren Stunde war der Papierkram erledigt und sie befanden sich wieder auf dem Heimweg. Die Kanne lag in Liliths Schoß.
   Zu Hause angekommen, stellte Lilith das verschnörkelte und eigentümlich wirkende Gebilde auf dem Nachttisch ab und verkroch sich mit dem Brief in Annies Bett.

Liebste Lilith,

wenn du diesen Brief in den Händen hältst, bedeutet das, dass meine Zeit gekommen war. Schon jetzt, wie ich dir diesen Brief schreibe, kann ich behaupten – Ich bereue nichts in meinem Leben! Es hat das Beste hervorgebracht, das ich je zu hoffen gewagt hatte. Deine Mutter und dich!
   Ich werde dich und unsere gemeinsamen Unternehmungen vermissen da oben, und ich weiß, auch du wirst mich vermissen, aber sei dir gewiss, wir werden uns eines Tages wiedersehen und dann machen wir da weiter, wo wir nun unterbrochen wurden.
   Ich wünsch dir nur das Beste, meine kleine Lilith, und auch wenn du es jetzt nicht verstehst, diese orientalisch anmutende Kanne, die ich dir hinterlasse, war die beste Investition meines Lebens. Und darum vererbe ich sie dir. In der Hoffnung, dass auch du mit ihr dein Glück findest …

Pass auf deine Mom auf, meine kleine, süße Lilith.

Bis irgendwann,
deine dich liebende Großmutter Annie

Lilith drückte den Brief an ihre Brust und ließ sich schluchzend zurück in die Kissen fallen. Irgendwann besiegte die Müdigkeit ihre Trauer und trug sie in einen ruhelosen Schlaf.

Kapitel 3
Der einzige Wunsch

Wie so oft in den vergangenen Nächten wurde Lilith auch in dieser Nacht wieder unplanmäßig wach. Früher, als in ihrem Leben noch alles in Ordnung gewesen war, wäre ihr das nie passiert. Sie hatte schon immer einen gesunden Schlaf gehabt, aus dem sie noch nicht einmal ein Erdbeben oder dergleichen hätte reißen können. Komisch, wie sich das Leben doch schlagartig ändern konnte.
   Hektisch atmend schielte sie auf ihren Wecker. Es war wie jede Nacht seit dem Tod ihrer Großmutter. Pünktlich um zwei Uhr weckte sie der immerwährend gleiche Albtraum. Zum Todeszeitpunkt ihrer Granny.
   Sie setzte sich auf, griff nach dem Glas Wasser auf ihrem Nachttisch und leerte es in einem Zug. Sie atmete tief durch, ihr Herz raste immer noch. Das Mondlicht schien hell in ihr Zimmer, es war Vollmond. Sie wollte sich schon wieder hinlegen, als ihr die Ölkanne ins Auge fiel. Das einfallende Mondlicht schien sich auf ihr zu bündeln und das Teil funkelte sie regelrecht an.
   Sollte dies eine Aufforderung sein?
   Seit sie dieses Ding nach dem Tod ihrer Großmutter vor vier Wochen bekommen hatte, lag es fast unberührt in einem ihrer vollgestopften Bücherregale herum. Dahin hatte sie das unbrauchbare Teil verbannt, nachdem Camille es ausgiebig inspiziert hatte. Sie hielt es doch tatsächlich für wertvoll und wollte es sogar auf Hochglanz polieren. Aber Lilith ertrug es nicht, dass Camille daran herumhantierte, und so hatte sie ihr die Kanne postwendend entrissen und in eines ihrer Bücherregale geschmissen. Seitdem vegetierte dieses karaffenähnliche Ding fast wie ein Fremdkörper, der hier absolut nicht hergehörte, zwischen ihren heiß geliebten Büchern vor sich hin.
   Die meisten dieser Bücher hatte sie sich zusammen mit ihrer Großmutter auf diversen Flohmärkten gekauft. Nun musste sie das allein tun. Nie wieder würde sie mit ihr samstags die Märkte der Stadt abklappern können, nie mehr würde sie aus ihren Händen ein Buch erhalten, niemals wieder würden sie sich über die Inhalte unterhalten können …
   »Was soll ich damit tun, Granny? Wieso hast du mir von all den Dingen, die wir gemeinsam hatten, nicht das Geringste vermacht? Warum bekomme ich ausgerechnet dieses olle Teil?«
   Sie erhielt logischerweise keine Antwort auf ihre Fragen, und dabei hatte sie doch noch so viele, die ihr auf der Seele brannten. Annies Stimme fehlte ihr so sehr, aber in ihrem Zimmer blieb es still.
   Lilith entfuhr ein resignierter Seufzer, während sie die Decke zurückschlug und barfuß über den kalten Fußboden tappte. Es war frisch geworden und sie beeilte sich, um schnellstens wieder unter ihre warme Decke schlüpfen zu können. Auf Zehenspitzen angelte sie die Kanne aus dem obersten Regalfach und hüpfte damit zurück ins Bett. Das metallene Ding lag kalt und schwer auf ihrem Federdeckbett. Nur schemenhaft zeichneten sich die Konturen im Schein des Mondlichts auf dem Laken ab. Lilith beugte sich zur Seite und betätigte den Lichtschalter.
   Mein Gott, war das Teil hässlich …
   Ein weiterer Seufzer entfuhr ihren Lippen. Sie erinnerte sich an die dazugehörenden Worte aus dem Brief.

Ich wünsch dir nur das Beste, meine kleine Lilith, und auch wenn du es jetzt nicht verstehst, diese orientalisch anmutende Kanne, die ich dir hinterlasse, war die beste Investition meines Lebens. Und darum vererbe ich sie dir. In der Hoffnung, dass auch du mit ihr dein Glück findest …

Lilith saß mit der Kanne im Schoß da und ließ den Tränen, die selbst Wochen später noch nicht versiegt waren, freien Lauf. Ihr Blick wurde unscharf, verschleierte sich und sie hörte es unablässig von ihrem Kinn auf das harte, goldene Metall unter sich tropfen. Pling – pling – pling …
   Jetzt krieg dich mal wieder ein, ermahnte sie sich, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und schniefte in ein buntes Taschentuch, das sie danach im hohen Bogen in den Mülleimer neben ihrem Schreibtisch warf. Zumindest versuchte sie es, aber es landete, wie so viele andere zerknüllte Schnäuzfetzen der vergangenen Tage, nur irgendwie in der näheren Umgebung ihres Schreibtisches. Was soll’s. Sie war heute Nacht viel zu kaputt, um sich noch einmal aus dem Bett zu hieven.
   Ihr Blick wanderte erneut in ihren Schoß. Jetzt war die Kanne nicht nur hässlich und matt, sondern auch pitschnass und Lilith bekam irgendwie ein schlechtes Gewissen. Die Kanne war Großmutter wohl irgendwie wichtig gewesen. Sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass Lilith sie so stiefmütterlich behandelte. Sie beschloss, einen schönen Platz für sie zu finden und sah sich im Zimmer um.
   Der Nachttisch erschien ihr am besten geeignet, aber so schmuddelig gab dieses Ding darauf kein gutes Bild ab. Es war merkwürdig, dass Großmutter etwas, das ihr anscheinend so immens am Herzen gelegen hatte, so dermaßen hatte verkommen lassen …
   Lilith ließ ihre Zunge im Mund kreisen und sammelte etwas Spucke in den Mundwinkeln. Eklig, aber sehr effizient. Nachdem sie zwei- oder dreimal darauf gespuckt hatte, rieb sie mit dem Ärmel großzügig über die Kanne.
   Nur Sekunden später begann es, darin zu brodeln. Rauch stieg auf und es zischte und pfiff, fast so, als ob man in einer alten Teekanne Wasser aufgesetzt hätte. Panisch wegen dieser … na ja, Selbstentzündung, warf Lilith die Kanne hochkant aus dem Bett. Mit einem tiefen Plong schlug das Teil scheppernd auf dem Holzfußboden am Fußende ihres Bettes auf. Immer mehr Rauch stieg auf und dann kam auch noch ein gespenstisch blaues Leuchten hinzu. Eigentlich viel zu untypisch für ein Feuer und auch der Rauchmelder war, trotz der Schwaden an der Decke, immer noch mucksmäuschenstill. Die von ihr zuerst vermutete Selbstentzündung schied also aus. Lilith hätte furchtbar gern nach ihren Eltern gerufen, und obwohl sie es versuchte, saß sie wie versteinert in ihrem Bett und bekam keinen einzigen Piep über die Lippen.
   Das Leuchten breitete sich mehr und mehr in ihrem gesamten Zimmer aus, während der immer noch aufsteigende Rauch genau das Gegenteil tat. Dieser zog sich langsam zusammen und formte die Umrisse einer menschlichen Silhouette.
   Lilith zog die Beine an ihren Körper, löschte das Nachttischlicht und zerrte sich die Zudecke bis über die Nasenspitze. So, von der mondbeleuchteten Dunkelheit und ihrer Decke beschützt, beobachtete sie die sich ständig verändernden Rauchschwaden. Anfangs konnte sie noch hindurchsehen, doch dies wurde nun immer schwieriger. So sehr sie sich auch konzentrierte, nach einigen weiteren Sekunden, die ihr wie Jahre vorkamen, wurde das blaue Rauchgebilde fast undurchsichtig.
   O Gott, was hatte Großmutter ihr da nur hinterlassen?
   Mit einem leisen Klirren verschwanden Rauch und Licht und hinterließen eine große, breitschultrige, gut riechende Gestalt inmitten ihres Zimmers. Den Umrissen nach zu urteilen, stand da ein Junge … oder ein Mann … Lilith hatte keine Ahnung.
   Während sie überlegte, wie sie aus dieser Geschichte wieder herauskommen würde, musterten sie einander still. Er bewegte sich nicht, und er sprach auch nicht. Das Einzige, das Lilith in der erdrückenden Stille vernahm, war ihr immer noch viel zu sehr polternder Herzschlag und seine ruhige, gleichmäßige Atmung.
   Sie holte noch einmal tief Luft, um sich Mut zu verschaffen. »Wer bist du?«, fragte sie leise, fast zaghaft.
   »Ich bin Luc. Dein Dschinn.«
   »Mein was?«, fragte sie und betätigte wie von unsichtbaren Zügeln geführt den Lichtschalter neben ihrem Bett. Wow … Vor ihr stand ein wirklich atemberaubend gut aussehender Junge. Er musste schätzungsweise einen Kopf größer sein als sie und hatte einen ultraheißen Körper, der in einer ausgewaschenen Jeans, einem Shirt, einer Lederjacke und schwarzen Converse Chucks steckte. Seine ebenso schwarzen Haare standen wild in alle Richtungen, wobei sein etwas längerer Pony leicht sein rechtes Auge - Waren das wirklich grüne Augen? - verdeckte.
   Langsam senkte sie die Decke und schämte sich fast für ihren Schlabberpyjama, den sie ausgerechnet heute als Nachtgewand erwählt hatte.
   »Dein Dschinn«, wiederholte er. »Und nun mach schon, ich hab nicht die ganze Nacht Zeit … Wünsche!«
   »Ich habe aber keinen Wunsch«, erklärte sie mit belegter Stimme und war immer noch ganz geblendet von seiner schillernden Ausstrahlung. Doch sie berappelte sich schnell. »Du willst mich verarschen, oder? Ein Dschinn? Im Ernst, wer hat dich engagiert?«
   Luc schien etwas überrumpelt angesichts ihrer Antwort und ließ sich aufstöhnend und sichtlich genervt rücklings in Liliths Schreibtischstuhl plumpsen. »Na, das kann ja heiter werden …«
   »Was heißt da, das kann ja heiter werden?«, fragte sie leicht angesäuert. Der Pluspunkt, den ihm sein äußeres Erscheinungsbild verschafft hatte, wurde von seinem missmutigen Gehabe sofort ratzeputz aufgefressen.
   Eine Weile saßen sie sich still gegenüber und sahen einander nur stumm und unverhohlen an.
   »Hast du jetzt einen Wunsch?«, drängte er plötzlich erneut und schielte dabei scheinbar gelangweilt an ihr vorbei.
   Aber sie hatte immer noch keinen Wunsch. Und selbst wenn, hätte sie ihn, nur, um ihr Gegenüber zu ärgern, nie laut ausgesprochen. Er konnte doch nicht im Ernst denken, dass sie ein bisschen Rauch und Funkellicht davon überzeugten, dass er tatsächlich ein Dschinn war. »Nein.«
   Langsam rutschte Lilith an das Kopfteil ihres Bettes, klopfte das Kissen zurecht und machte es sich gemütlich. Sie hätte total verängstigt sein sollen, immerhin stand da ein fremder, wenn auch gut aussehender Junge mitten in ihrem Zimmer. Dennoch war sie die Ruhe in Person. Sie wusste zwar nicht, wie ihr geschah, aber da Großmutter immer genau wusste, was sie tat, gab es auch jetzt keinen Grund für sie, an ihrem Handeln zu zweifeln. Wenigstens ergab ihr letztes Geschenk an sie nun einen Sinn. Zumindest, wenn sie dem fremden jungen Mann Glauben schenkte. Aber konnte das wirklich wahr sein?
   Luc schien derweil jede von ihren Bewegungen zu beobachten, und als sie sich entspannt zurückgelehnt hatte, fragte er erneut: »Und jetzt?«
   Sie schüttelte nur den Kopf.
   Luc atmete einmal tief ein und ganz langsam wieder aus. Lilith schien seine Nerven – hatte ein Dschinn überhaupt Nerven? – wohl etwas überstrapaziert zu haben, denn selbst in dem fahlen Dämmerlicht der Nachttischlampe sah sie, wie sein Gesicht wahrscheinlich vor Wut zu kochen begann.
   »Oh«, prustete er, sprang wie ein HB-Männchen in die Höhe und landete direkt vor ihrem Bett. Sie zuckte fürchterlich zusammen, doch dass er sie erschreckt hatte, störte ihn wohl nicht. Er stand wild gestikulierend vor ihr. »So läuft das nicht! Nie! Jeder Mensch hat Wünsche. Das liegt in seiner Natur. Sieh mal, es ist ganz einfach … denken, aussprechen, fertig! Das Ganze mal drei und ich kann wieder gehen. Und nun, denke und sprich!«
   Lilith war wie gebannt von seinem umwerfend schönen Gesicht. Die Worte sprudelten nur so von seinen sanft anmutenden Lippen. Wie sie sich wohl auf ihren anfühlen würden? Himmel … was dachte sie da nur? Aber es war gut, dass er mit ihr sprach, so hatte sie wenigstens weiterhin einen Grund, ihn anzustarren. »Abgesehen davon, dass ich momentan nicht den Hauch eines Wunsches verspüre, könntest du bitte etwas leiser reden? Du weckst noch das ganze Haus auf.«
   »Wenn es dein Wunsch ist«, entgegnete er und ein verschlagenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
   Lilith lag das Ja schon auf der Zunge, als sie seine kleine Manipulation bemerkte und mit dem gleichen triumphierenden Lächeln wie er ablehnte.
   »Das darf doch nicht wahr sein!«, meuterte er. »Irgendetwas musst du doch wollen? Willst du Reichtum?«
   Sie schüttelte nur den Kopf.
   »Willst du berühmt sein?«
   Erneut lehnte Lilith kopfschüttelnd ab.
   »Willst du einen neuen fahrbaren Untersatz?« Bevor sie ablehnen konnte, fragte er: »Penthouse, Schmuck, einen Freund, gute Noten? Irgendwas …?«
   »Scht«, machte sie. Sie glaubte nicht daran, dass er lediglich für sie hörbar sein sollte. Außer er war wirklich … ach Quatsch.
   »Niemand außer dir sieht oder hört mich, also mach dir deswegen keinen Kopf. Sorge dich lieber um deine abartige Wunschlosigkeit … das ist echt nicht normal!«
   Er hatte recht, es gab tatsächlich etwas … Etwas, das sie sich mehr wünschte als jemals etwas zuvor. Sollte er doch beweisen, wie groß seine Macht war. Wenn er ihr ihre Großmutter zurückgab, konnte er von ihr aus sein, was er wollte. Selbst ein Dschinn.
   »Das kann ich dir nicht erfüllen«, flüsterte er nun.
   »Kannst du meine Gedanken lesen?«
   »Nur, wenn du dir etwas wünschst. Alles andere bleibt mir verborgen.«
   Lilith atmete auf. »Und?«
   »Was, und?«
   »Wirst du mir meinen Wunsch erfüllen?«
   »Ich sagte doch schon, dass ich das nicht kann.«
   Sie sah ihn enttäuscht an und hoffte innigst, dass er seine Meinung doch noch änderte.
   »Sieh mal, auch wir Dschinn müssen uns an ein paar winzig kleine Regeln in unserem Job halten. Es gibt nun mal gewisse Dinge, die nicht in unserer Macht liegen. Ich habe wahrscheinlich nicht einmal die Kraft, um einen Toten zum Leben zu erwecken. Ich bin ein Dschinn – nicht Gott.«
   »Ist das dein letztes Wort?«
   »Wenn du keinen anderen Wunsch hast, leider ja«, flüsterte er. Ungeniert sah er zu, wie ihr aus lauter Wut und Verzweiflung bittere Tränen in die Augen stiegen.
   »Dann pack deine doofe Kanne, Flasche oder was auch immer und mach dich damit vom Acker … Ich brauche keinen überkandidelten Dschinn, der nicht einmal in der Lage ist, mir meinen einzigen Wunsch zu erfüllen. Hau ab«, knurrte sie so laut, wie sie es sich ihrer Eltern wegen gestattete.
   Er bewegte sich nicht. »Tut mir leid. Nicht, dass ich nicht wollte … Ich meine, hey, ich würde liebend gern sofort verschwinden, aber ich darf nicht. Nicht richtig, nicht für immer, nicht solange …«
   »Ach, mach doch, was du willst«, fuhr Lilith ihn an, löschte das Licht und kroch wütend unter ihre Decke.
   »Wie heißt du eigentlich?«, fragte er nach einiger Zeit in die dunkle Stille, die nur von ihrem gelegentlichen Schluchzen durchbrochen wurde.
   »Lilith«, antwortete sie mechanisch.
   »Gute Nacht, Lilith.« Dann ertönte ein dumpfes Plong, und sie war wieder allein.

Luc schloss innerlich fluchend die Augen und dachte an seine Lampe, die immer noch auf der Seite vor Liliths Bett lag. Für heute würde er keinen einzigen Wunsch mehr aus ihr herauskitzeln können, so viel war klar. Die Zeit hier war also die reinste Verschwendung seiner selbst. Irgendwie war er nur leider nicht ganz bei der Sache. Dieses eigenwillige Mädchen hatte es tatsächlich geschafft, ihn aus der Fassung zu bringen …
   Nur langsam, fast wie in Zeitlupe, begann Liliths Zimmer sich aufzulösen. Zähflüssig zerflossen die Ränder in seinem Blickfeld und wirbelten schlussendlich doch wie gewohnt um ihn herum, bis er mit einem leisen Plong in seinem Übergangszuhause landete. Aber er wollte weiter, weiter in seine echte Welt. Sein zweites Zuhause, die Kanne, war gemütlich. Ja, aber sie war lediglich eine Art Artefakt. Einfach nur irgendein profaner Gegenstand, ohne jede weitere Bedeutung für Dschinn. Es war einfach nur ihr Zweitwohnsitz, der extra für Menschen erschaffen wurde, damit sie die Dschinn finden und mit ihnen in Kontakt treten konnten.
   Luc schloss erneut die Augen und dachte an Aslas … So nannten sie die Parallelwelt, in der sie lebten, wenn sie ohne Meister waren oder einfach nur zur Ruhe kommen wollten.
   Im Grunde glich ihre eigentliche Heimat der Welt der Menschen auf geradezu unnatürliche Weise, aber bei genauerem Hinsehen war sie doch durch und durch anders. In Lucs Welt gab es immerzu gutes Wetter … Regen, Wind, Sturm, Schnee kannten die Dschinn nicht. Für sie schien immer nur die Sonne und es herrschte absolute Stille … Auch Geräusche existierten in ihrer Welt nicht. Es gab Vögel, die trällerten fröhlich von einem Baum, aber man hörte nicht das Geringste. Kein auftretender Schuh hatte jemals ein klackerndes Geräusch auf dem Asphalt hinterlassen, keine zuschlagende Tür jemals einen dumpfen Knall. Diese Welt war einfach friedlich; ohne jegliche störende Einflüsse und somit ganz anders als die hektisch laute Menschenwelt. Aber auch sonst unterschied sich Aslas in so manchen Dingen von der Welt der Menschen. Dschinn konnten essen, verspürten aber im Grunde niemals Hunger, genauso wenig wie Durst, Müdigkeit oder Langeweile. Es gab keinen Hass, keinen Neid, kein Leid. Sie spürten daher körperliche Schmerzen ebenso wenig wie andere Gefühle und Emotionen für ihre Umwelt. Sie kommunizierten ohne Worte und lebten, obwohl jeder stets wusste, was der andere tat, isoliert für sich allein.
   Luc liebte es, nach Hause zu kommen. Hier konnte er sich von allem erholen, was einem der erzwungene Aufenthalt in der Menschenwelt antat. Waren Dschinn zu lange in der Welt der Menschen gefangen, verspürten sie alsbald doch Hunger, Müdigkeit, Schmerz und Leid. Sie vermenschlichten regelrecht, und dies war bei ihren Wächtern im Tribunal nicht gern gesehen – abgesehen davon, dass sie es verabscheuten, menschliche Gefühle zu entwickeln.
   Es war Luc echt zuwider, daher bevorzugte er schnelle und entschlussfreudige Meister. Mit ihnen war der ganze Zirkus meistens schnell beendet und er konnte wieder verschwinden. Aber so langsam schwante ihm, dass es dieses Mal anders sein würde.
   Vielleicht sollte er Jack um Rat fragen, seinen Bruder. Er war der einzige Dschinn, dem Luc blind vertraute. Aber er musste vorsichtig sein. Die Wächter dürften es nicht erfahren, somit musste Luc wohl abwarten, bis er erneut in der Menschenwelt war.
   »Mist«, grummelte er in sich hinein und dachte immer noch an sein echtes Zuhause. Endlich stand er mit einem weiteren Plong dort, wo er hinwollte.
   Diese spartanisch eingerichteten Einzimmerhäuser glichen sich alle bis auf das i-Tüpfelchen und säumten ausnahmslos alle Straßen in Aslas. Alle, bis auf die Plaza des Tribunals. Das Tribunal war das Zuhause und zugleich der Arbeitsplatz ihrer Wächter und Iblise. Dieses riesige Gebäude nahm in ihrer Welt mehr Platz ein, als die Menschenstadt, in der Lilith im Moment wohnte. Es war gigantisch und beherbergte mehrere Tausend Wächter und einige Hundert Iblise, die Begründer von Aslas. Jeder dieser Wächter hatte dauerhaft mehrere Dutzend Dschinn zu betreuen. In der Menschenwelt hätte man dieses Gemäuer mit seinen internen Vorgängen wohl als Gerichtshof bezeichnet.
   Auch wenn in der Welt der Dschinn alles perfekt war, die Menschenwelt, in der sie sich so oft aufhalten mussten, war es nicht. Zu viele Dschinn wurden von den Menschen infiziert und mussten umgepolt, bestraft oder eliminiert werden. Dafür waren ihre Wächter und die Iblise da, sie bewahrten ihre Gesetze und deren Magie.
   Genau aus diesem Grund musste Luc nun auch sofort dorthin. Seine neue Meisterin, diese Lilith, war nichts für ihn, das war ihm nun klar. Er musste sie loswerden. Sofort! Er schloss erneut seine Augen und landete, diesmal ohne große Ablenkungen, sofort vor den großen Toren der für ihn zuständigen Abteilung.
   »Sie wünschen?«, fragte ihn eine breitschultrige, schwarze Schattengestalt vor dem Tor gedanklich.
   Wächter waren ehemalige Dschinn. Durch gehobene Leistungen qualifizierten sie sich für ein Wächteramt und durften fortan wieder zu ihrer eigentlichen Form, dem Rauch, aus dem sie geboren wurden, zurückkehren.
   »Ich muss sofort zu meinen zuständigen Wächtern. Ich habe Schwierigkeiten. Mein Meister ist zu unentschlossen, das ist absolut nichts für mich! Ich brauche einen Austausch – schnellstmöglich!«, antwortete Luc ihm auf der gleichen Ebene.
   Der Wächter senkte sein kapuzenverdecktes Haupt. Luc wusste, dass er mit seinen zuständigen Wächtern hinter den geschlossenen Toren kommunizierte. Es dauerte nicht lange, bis sich seine von Rauchschwaden umwirbelte Gestalt erhob und ihm gedanklich zuflüsterte: »Abgelehnt!«
   »Was? Wieso abgelehnt? Das kann nicht sein! Dies ist meine allererste Bitte in 820 Jahren Dienstzeit. Ich will jetzt sofort da rein«, schmetterte Luc ihm direkt unter seine hohle Kapuze.
   Erneut hörte er in seinem Innersten: »Abgelehnt!«
   Als er darauf einfach an dem Wächter vorbeistürmen wollte, prallte er mitten in dessen Schutzschild hinein. Es war eine nur von Wächtern errichtbare, durchsichtige, aber undurchdringliche Mauer aus reinster Energie. Bei Lucs Aufprall sprühten Funken und kleine Blitze durchzuckten absolut schmerzlos seinen Körper.
   Sicher lag es an Lucs greifbaren Emotionen, die er aus der Menschenwelt mit hierher geschleppt hatte. So würden ihn die Wächter niemals in ihrem Tribunal dulden, also beschloss er, zu warten. Er würde es einfach später noch einmal versuchen. Ja, das würde wohl besser sein. Also dachte er wieder an sein Zuhause und löste sich auf. Doch während er schon schemenhaft seine spartanische Einrichtung erahnen konnte, wurde er abrupt von allem fortgerissen und rücksichtslos in die Menschenwelt katapultiert.
   Lilith …
   Hatte sie nun doch einen Wunsch?
   Als Luc in ihrem Zimmer aufschlug, wurde er ein weiteres Mal jäh enttäuscht, was ihre Wunschfreudigkeit betraf. Er seufzte. Sie war nicht einmal bei Bewusstsein. Sie schlief noch, träumte und murmelte dabei nur irgendwelche wirren Dinge vor sich hin.
   Luc beugte sich leicht über sie, um ihre Äußerungen besser verstehen zu können, denn er würde jede noch so kleine Chance nutzen, um ihr diese drei Wünsche zu erfüllen. Und wenn er sie ihr unterschieben musste. Ihm war jedes Mittel recht, um endlich wieder frei zu sein.

Kapitel 4
Nerviger Dschinn

Lilith wusste, dass sie träumte, denn Großmutter war bei ihr. Sie lagen zusammen auf Liliths Bett und diskutierten über ein Buch, das sie vor einigen Wochen von ihr geschenkt bekommen hatte. Die Sonne schien durch das Fenster, sie lachten und alberten herum. Aber dann … dann wurde es schlagartig dunkel. Besser gesagt, es herrschte plötzlich absolute Schwärze, und Lilith war völlig allein. Sie blinzelte in die rabenschwarze Nacht, aber im Moment konnte sie nicht einmal ihre eigene Hand vor Augen erkennen. Plötzlich war Großmutter wieder bei ihr, die Helligkeit kehrte langsam zurück, doch Annies Gesicht sah merkwürdig entstellt und verfremdet aus.
   »Möchtest du für mich sterben?«, fragte sie mit einer unvorstellbar verzerrten Stimme und brach anschließend in gehässiges Gelächter aus.
   Lilith fiel. Aus heiterem Himmel … Sie fiel und schrie. Als sie hart aufschlug, war da kein Boden unter ihr. Nein … Sie lag in einem Sarg und der Deckel war geschlossen. Mit einem lauten Schrei fuhr sie in die Höhe.
   Aufseufzend sackte sie wieder in die Kissen zurück, rieb sich die Stirn und öffnete langsam die Augen. Über sie gebeugt stand dieser Junge von vergangener Nacht und sah sie fragend an. »Guten Morgen«, stammelte sie gehetzt. Ihre Lungen schienen zu zerbersten und sie rang immer noch nach Luft.
   »Hast du heute einen Wunsch?«, hauchte Luc nur Millimeter von ihrer Nasenspitze entfernt.
   »Nein«, protestierte sie und wich seitlich unter ihm zurück. Daraufhin richtete er sich auf und setzte sich an ihr Bettende, von wo aus er sie unablässig mit seinen magnetisch wirkenden, grünen Augen taxierte. Lilith hüpfte genervt aus dem Bett, schnappte sich ein paar Klamotten aus ihrem Schrank und verschwand ins angrenzende Badezimmer.
   »Vielleicht keine schmerzende Stirn mehr …?«, rief er ihr hinterher, als die Tür ins Schloss fiel und ihm die Worte abschnitt.
   »Was bildet dieser Typ sich eigentlich ein«, grummelte sie wütend vor sich hin, während sie die Minzpaste gleichmäßig auf die Borsten ihrer Zahnbürste verteilte. Und woher wusste er überhaupt, dass ihre Stirn schmerzte? Irgendwie hatte sie das Gefühl, sich wirklich an dem Sargdeckel aus ihrem Traum die Stirn gestoßen zu haben.
   Hoffentlich war dies alles nur ein Traum, und er war bald für immer verschwunden. Lilith betete diesen Satz Hunderte Male vor sich hin. Die ganze Zeit, auch unter der Dusche. »Hoffentlich ist der Typ bald verschwunden …« Selbst, als sie sich danach die Haare trocken föhnte und als sie Make-up auflegte.

Daraufhin verfolgte sie dieser Satz wie ein Mantra an diesem Morgen – wieder und immer wieder, bis sie in ihr Zimmer zurückkehrte.
   »Du bist ja immer noch hier«, knurrte sie, als sie sah, wie selbstverständlich es sich Luc auf ihrem Bett gemütlich gemacht hatte. Doch insgeheim war sie froh, dass er nicht verschwunden war. Er nervte sie … ja, aber aus irgendeinem Grund hoffte sie, dass dies nicht ewig so weitergehen würde. Er musste doch kapieren, dass er ihr so keinen Wunsch entlocken konnte.
   »Hast du jetzt einen Wunsch?«, konterte er.
   Lilith schnaubte und sie hörte selbst, dass sie sich anhörte wie eine Seekuh, die nach ihrem Jungen rief. Es war wohl doch besser, wenn er verschwand. Sie konterte ebenfalls mit absolutem Ernst: »Nein, nein und nochmals nein!«
   »Dann bleibe ich«, antwortete er zuckersüß.
   »Ist das eine Drohung?«, fragte sie und sah ihm provozierend in seine grasgrünen Augen. O mein Gott … wenn er doch nur nicht so verboten gut aussehen würde. Er trug die gleichen Klamotten wie in der Nacht zuvor, war wahrscheinlich ungeduscht und noch genauso arrogant, dennoch würde sie, ohne mit der Wimper zu zucken und am liebsten sofort, in seinen muskulösen Armen versinken.
   »Wenn es dein Wunsch ist.« Er lachte.
   Lilith wurde schlagartig klar, dass sie ab sofort vorsichtiger mit ihren Gedanken umgehen musste. Diesmal versagte ihre Stimme, also schüttelte sie nur ihren vor Scham inzwischen bestimmt rosarot angelaufenen Kopf. Es machte sie ganz nervös, ihn so zu sehen. So entspannt, so total Herr der Lage. Sie wusste, dass er momentan am längeren Hebel saß und er wusste, dass sie es wusste.
   Das konnte doch alles nicht wahr sein …
   Sie atmete noch einmal tief durch, wedelte kapitulierend mit einer Hand in seine Richtung und spazierte zur Tür. Sie hatte schon genug Zeit mit ihm verschwendet. Ihr blieben nur noch läppische fünfzehn Minuten, ehe Jordan aufkreuzen und ihre Nachbarn mit seiner unmelodischen Dreiklanghupe nerven würde.
   »Wo willst du hin?«
   »Zur Schule? Ich meine … wenn es dir nichts ausmacht«, antwortete sie, jetzt wieder gelassen, fast schnippisch, spürte aber zeitgleich, wie sein hypnotischer Blick eine innere Hitze in ihr aufsteigen ließ. Seine Augen brannten sich regelrecht durch ihr Rückgrat hindurch, und sie fühlte sich schlagartig fiebrig. Dieses neuartige Gefühl würgte ihr die Luft ab.
   Sie musste definitiv hier raus.
   Plötzlich und völlig unerwartet stand er hinter ihr und schob ihr eine Haarsträhne hinters linke Ohr. »Ich komme mit«, säuselte er in ihren Nacken.
   Lilith überkam eine Gänsehaut, als hätte sie gerade eben die absolut geilste Musik des Universums gehört.
   Alle Härchen an ihrem Körper stellten sich in seiner Nähe, wegen seiner beinahe erfolgten Berührung, seines Atems in ihrem Nacken, seiner dunklen, melodischen Stimme wie elektrisch geladen auf und verursachten ungeahnte Gefühlsregungen. Sie konnte ihr Erschaudern gerade noch in letzter Sekunde unterdrücken. Sie wollte nicht, dass er bemerkte, wie sehr ihr seine Gesten, wie sehr er ihr, unter die Haut ging.
   Bleib cool, ermahnte sie sich. Und so blickte sie ihn lässig mit unbeteiligter Miene über die Schulter hinweg an. »Wenn es sich nicht vermeiden lässt.«
   Leider nahm er die Einladung etwas zu wörtlich, denn er folgte ihr sofort in die Küche, in der schon ihre Eltern beim Frühstück saßen.
   »Hast du nun einen Wunsch?«, löcherte er sie erneut. »Ich meine, du könntest dir auch wünschen, dass ich endlich mal die Klappe halte.«
   Lilith ignorierte ihn. Als Jordans Hupe ertönte, und sie ihre Tasche packte, verließ er mit ihr das Haus und ließ sich in Jordans Wagen unbemerkt auf den Rücksitz gleiten.
   »By the way …«, ertönte seine nervige Stimme zu ihr nach vorn, »… hat Madam nun endlich einen Wunsch? Ich werde langsam ungeduldig.« Sein Tonfall hatte sich verändert. Er schien verärgert zu sein, denn die zweite Hälfte seines Satzes glich einem Knurren, das bestimmt jeden Löwen vor Neid hätte erblassen lassen. Aber es kümmerte sie nicht, ob er wütend war, denn sie war ebenfalls genervt. Und genervte Mädchen konnten schlimmer zu ertragen sein als wütende Jungs. Genau aus diesem Grund reagierte sie auch diesmal nicht auf ihn. Na ja, was erwartete er auch? Dass sie in Jordans Wagen quasi mit einem Geist sprach?
   In der Schule wich er ihr nicht von der Seite. Wieder und wieder bedrängte er sie mit dieser einen bescheuerten Frage. »Deine Schallplatte hat echt ’nen Sprung«, fauchte sie ihn schließlich in der Schlange der Essensausgabe an. In der Mensa war es zu diesem Moment proppenvoll und die Geräuschkulisse dementsprechend hoch, sodass sie niemand außer Luc, der immer noch wie ein Kaugummi an ihr klebte, verstand.
   »Du hast es in der Hand. Du kannst dem hier und jetzt ein schnelles oder zähes Ende bereiten, ganz wie es dir beliebt. Du hast doch eh keine Chance gegen mich! Ich bin ein Dschinn, ich habe eindeutig den längeren Atem von uns zweien …«
   Lilith ließ ihn einfach kommentarlos stehen, bevor er seinen Satz beendet hatte.
   Die letzten zwei Schulstunden standen ihr bevor. Mathe bei Mr. Garner. Mathe war nicht gerade ihr Lieblingsfach und Mr. Garner, passend dazu, auch nicht unbedingt ihr Lieblingslehrer. Ehrlicherweise war er niemandes Liebling. Er war ein kleiner, dicklicher, immerzu schwitzender Zwerg, dessen Lebensaufgabe darin bestand, seinen Schülern, allen voran natürlich Lilith, das Leben zur Hölle zu machen. Während alle Schüler ihre Bücher und Hefte hervorkramten, war er damit beschäftigt, den Diaprojektor in Stellung zu bringen und irgendwelche Formeln vor sich hin zu stammeln, als Luc sie abermals ablenkte. Er hüpfte um sie herum, vollführte die dümmsten Grimassen, äffte ihren Lehrer nach, lief alle Tische ab und fuchtelte den anderen Schülern nur Millimeter vor ihren nichts ahnenden Gesichtern herum. Lilith hatte wirklich Mühe, sich auf die Anzeige des Projektors zu konzentrieren, anstatt Luc laut fluchend an die Gurgel zu gehen. Als er sie damit nicht aus der Fassung bringen konnte, erfand er ein neues Spiel. Wie aus dem Nichts ertönte neben ihr ständig ein Kling, dann ein Plong. Kling – Plong – Kling – Plong – Kling – Plong. Er kam und verschwand, kam und verschwand, kam und verschwand. Als er gerade mal wieder neben ihr aufgetaucht war, zischte sie ihn gereizt an. »Hör auf damit!«
   Er sah sie freudig an. »Ist das dein Wunsch?«
   »Nein, ein Befehl!«, flüsterte sie so leise, wie es ihre blank liegenden Nerven zuließen.
   Daraufhin kam er noch näher an sie heran. »Du siehst einfach zauberhaft aus, wenn du wütend bist«, surrte er nur Millimeter von ihrem Ohr entfernt. »Weißt du das? Es macht richtig Spaß dich zu quä…«
   »Halt … endlich … die … Klappe!«
   Mr. Garner drehte sich zur Klasse herum und heftete wie alle anderen Anwesenden seinen Blick fest auf Lilith. Seine Augen verengten sich zu kleinen, schmalen Schlitzen, was sein Gesicht noch rundlicher und somit nur noch verzerrter erscheinen ließ. Nun war sie fällig.
   »Miss Winters«, säuselte er und seine Stimme triefte wie zäher Honig, »wenn Sie denken, dass Sie dieser Aufgabe auch ohne meine Erläuterungen gewachsen sind, dann bitte ich Sie um eine kleine Demonstration. Vielleicht jetzt gleich? Wie wäre es hier vorn an der Tafel?«
   »Schönen Dank auch«, presste Lilith wütend hervor, stand auf und ging durch die Bankreihen hindurch nach vorn. Dies war der einzige Nachteil, wenn man in der letzten Reihe saß. Beim Gang zur Tafel kam man sich immer vor, als würde man zur Schlachtbank geführt. Sie sah auf und stierte auf den Projektor, der für sie nur undefinierbares Geschreibsel an die Wand warf, das da lautete:

Ein Drahtseil überspannt einen Graben von 30 m Breite bei einem Höhenunterschied von 24 m. Das durchhängende Seil hat ungefähr die Form einer Parabel. Im oberen Stützpunkt (B) besitzt es eine Neigung von 45°.
   1) Lege den Koordinatenursprung in den unteren Stützpunkt (A) und ermittle die Gleichung der Parabel (quadratische Funktion).
   2) Wie groß ist die Neigung des Seils im unteren Stützpunkt?
   3) In welchem Punkt der Kurve ist die Tangente parallel zur Strecke AB? Ermittle die Gleichung der Tangente in diesem Punkt und den Durchhang f des Seils (d. h. den vertikalen Abstand zwischen der Tangente und der Strecke AB).

Lilith stand vor der Tafel, verstand nur Bahnhof und ärgerte sich. Warum hatte sie Luc nicht einfach weiter ignoriert? Er allein war schuld, dass sie nun hier stand und ihr Kopf so leer war wie ein Teekessel, aus dem jegliches Wasser verdampft war. Die Kreide schon in der Hand drehte sie sich Hilfe suchend zur Klasse um. Mr. Garner stand mit einem selbstgefälligen Lächeln im Gesicht an das Pult gelehnt, während Luc, von allen unerkannt, neben ihm saß, sie ebenfalls von oben herab angrinste und locker die Beine von der Tischplatte baumeln ließ. Mercedes versuchte, ihr irgendetwas zuzuflüstern, einige andere tuschelten hinter vorgehaltener Hand, während die Klassenschönheit Payten Baker verachtend ihre frisch gezupften Augenbrauen in die Höhe zog. Aufstöhnend wandte sie sich wieder der Tafel zu, als plötzlich Luc neben ihr auftauchte.
   »Was willst du?«, knurrte sie kaum hörbar. »Hast du nicht schon genug angerichtet?«
   »Dir aus der Scheiße helfen«, stellte er in gewohnter Lautstärke fest.
   Klar … niemand sah oder hörte ihn. Niemand außer ihr. »Lass mich raten. Wenn es mein Wunsch ist …?«, flüsterte sie gekünstelt nett. »Hab ich recht?«
   »Nein, hast du nicht und nun halt die Klappe und schreib.«
   Lilith blickte Luc verstört an, aber er diktierte ihr schon irgendwelche Gleichungen, und so schrieb sie, ohne nachzudenken:

y = x²/150 + 3x/5
k = 3/5, = 31°
P(15/10,5); t: y = 3x/5 - 3/2; f = 1,5 m

Dem entsetzten Gesichtsausdruck von Mr. Garner nach zu urteilen, waren ihre Ergebnisse an der Tafel wirklich stimmig zu der Aufgabenstellung. Lilith dankte Luc mit einem kleinen Lächeln und legte die Kreide zufrieden an ihren Platz. Während sie zurück an ihr Pult tänzelte, ging ein anerkennendes Raunen durch die Klasse. Mercedes grinste über beide Ohren und klatschte sie ab, als Lilith an ihrem Tisch vorbeikam.
   Für die letzte Stunde ließ sowohl Mr. Garner als auch Luc sie in Ruhe. Ersterer wollte sich heute wohl nicht weiter blamieren, aber was Lucs Handeln anging, war sich Lilith leider nicht so sicher. Es kam ihr vor wie die bekannte Ruhe vor dem großen Sturm, aber es wurde noch unheimlicher.
   Luc begleitete sie zwar auch wieder in Jordans Wagen nach Hause, doch er verlor während der Fahrt kein einziges Wort. Er saß unerkannt mit Lilith und ihren Eltern am Abendbrottisch, aber auch da kam keine einzige Silbe über seine wunderbar samtig aussehenden Lippen.
   Als Lilith später am Abend über ihren Hausarbeiten brütete, lag er stumm wie ein Fisch auf ihrem Bett. Sie spürte lediglich seinen stechenden Blick in ihrem Rücken. Ihr war klar, dass er sie beobachtete und irrsinnigerweise machte sie seine ungewohnte Schweigsamkeit sogar noch nervöser als sein minütliches Gequengel von heute Morgen. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. Sie drehte sich schwer seufzend mit ihrem Schreibtischstuhl um 180° und starrte stur zurück. Immer noch machte er keinen einzigen Mucks. Er blickte sie einfach nur an. Und nun, als er ihr nicht mehr in den Rücken stierte, sondern direkt in die Augen, schmolz sie dahin wie Butter in der Sonne.
   »Neue Taktik?« Sie räusperte sich.
   »Oh, du redest wieder mit mir? Wie nett. Ich nehme nicht an, dass du einen …«
   »Nein, ich habe keinen Wunsch!«, fuhr sie ihm über den Mund, gab ihrem Drehstuhl einen erneuten Schubs und wandte sich frustriert wieder ihren Hausaufgaben zu. Wie konnte sie nur so dumm sein und denken, dass er versuchte, nett zu ihr zu sein. Er war ein Dschinn, er wollte nicht nett zu ihr sein, er wollte ihr lediglich drei Wünsche unterschieben und dann einfach nur nach Hause. Sie war inzwischen fast gewillt, dafür zu sorgen, als er seinen Satz beendete und sie damit in die Realität zurückholte.
   »Bist du sicher, dass du keinen Wunsch hast?«
   Ein Knacken ertönte, als Liliths Bleistift in zwei Teile brach. Ohne es zu bemerken, hatte sich ihr Griff so sehr verfestigt, dass er in der Mitte entzweigebrochen war. Sie schmiss die zwei Hälften in den Papierkorb und wischte die abgebröckelten Splitter auf den Boden.
   Nun, sie war bei den Hausarbeiten noch nie die Schnellste gewesen, aber an diesem Abend zog sie das Ende ihrer schulischen Aufgaben extra lange hinaus. Sie wollte damit jeder weiteren Konversation mit Luc aus dem Weg gehen. Für ihn gab es eh nur dieses eine Thema – Wünsche. Es war frustrierend.
   Zwischendurch schielte sie immer mal wieder auf den Wecker. Als dieser kurz nach dreiundzwanzig Uhr anzeigte, klappte sie erschöpft ihre Bücher zu und stopfte alles in ihre Schultasche. Danach ging sie zum Bett, griff am Fußende unter die Zudecke und zog ihren schicken Seidenpyjama heraus. Das olle Ding von vergangener Nacht würde sie heute bestimmt nicht tragen.
   Luc ließ sie nicht aus den Augen. Sie hätte fast einen Wunsch dafür gegeben, um zu erfahren, was er dachte. Als sich ein breites Lächeln auf seinem hübschen, ebenmäßigen Gesicht abzeichnete, verwarf sie den Gedanken daran sofort wieder. »Vergiss es, ich bin vielleicht naiv … bestimmt sogar, aber blöd bin ich nicht«, fauchte sie.
   Lilith schnappte sich noch schnell Bürste und Lieblingsparfüm von ihrem Schminktisch und verschwand im Badezimmer. Sie stellte das Wasser in der Dusche an und ließ es schon mal warm laufen. Im Vorbeigehen drückte sie den On-Knopf am Radio und entledigte sich gedankenverloren ihrer Kleidung. Luc … er war so verdammt gut aussehend. Nur leider auch verdammt nervig. Sie versuchte, ihn aus dem Kopf zu verbannen.
   Als sie die Wassertemperatur für gut befunden hatte, warf sie ihr Handtuch über die Kabinentür und trat unter den warmen, weichen Wasserstrahl. Dampfschwaden füllten das Innere der Duschkabine, hüllten sie ein und stiegen in Wölkchen empor. Langsam beschlugen die Scheiben der Schwingtüren und versperrten ihr die Sicht auf den Rest ihrer kleinen Welt. Entspannt schloss sie die Augen und genoss die feuchte Wärme um sich herum und die fast absolute Ruhe, sah man von dem beruhigenden Geplätscher des Wassers einmal ab, das sie einschloss wie in einen Kokon.
   »Mmmhhh.«
   »Noch irgendwelche Wünsche, bevor ich mich für heute zurückziehe?«, fragte plötzlich eine ihr wohlbekannte und penetrante Stimme irgendwo vor der Kabine.
   »Luc«, schrie sie und zog reflexartig das Handtuch zu sich herein. Sie schlang es um sich, drückte die Schwingtür einen Spaltbreit auf und linste hinaus. Alle weiteren Beschimpfungen, die nur darauf warteten von ihr ausgespuckt zu werden, blieben ihr augenblicklich im Halse stecken, als sie Luc erblickte.
   Sein Kopf prangte mitten in der Badezimmertür. Der Rest von ihm schien auf dem Flur stecken geblieben zu sein. Immer noch geschockt von dem Anblick eines körperlosen Dschinn, schüttelte sie zur Antwort nur leicht den Kopf.
   »Dann gute Nacht, Lilith.« Mit einem leisen Plong verschwand sein Kopf.

Diesmal switchte Luc ohne große Umwege und Ablenkungen direkt in sein Haus in Aslas. Er spürte, wie ihn der heutige Aufenthalt in der Menschenwelt nachhaltig verändert hatte. Normalerweise befriedigte ihn die Ankunft in seinem Zuhause.
   Heute nicht. Er war unruhig … geradezu fahrig. Eine irritierende und vor allem menschliche Angewohnheit. Aufgewühlt tigerte er über den Einheitsteppich in seinem Einheitshaus in seiner einheitlichen Welt. Unsicherheit nagte in ungewohnter Weise an ihm. Noch so ein unbrauchbares und durchweg menschliches Gefühl. Er war einer der Besten, und doch war er anscheinend nicht fähig, einem kleinen, verzogenen Mädchen drei Wünsche zu entlocken.
   Irgendetwas lief absolut falsch … nur was? Für so ein aufgewühltes junges Girlie waren meist nicht nur die drei Wünsche sehr verführerisch. Sein Äußeres tat normalerweise sein Übriges. Er hatte bisher noch jeden weiblichen Teenager in null Komma nichts um den Finger wickeln und seine Arbeit somit jedes Mal in Rekordzeit beenden können. Nur bei diesem Mädchen schien er überhaupt keinen Eindruck zu hinterlassen. Wieso nur? Wie bekam er diese Lilith nur dazu, ihm endlich ihre Wünsche zu offenbaren? Es müssten doch keine großen Dinge sein. Einige seiner bisherigen Meister waren durchaus genügsam gewesen. Nicht alle waren gierig nach Macht oder Reichtum. Aber ein so durch und durch wunschloser Mensch schien ihm irgendwie zu unwirklich für die Menschenwelt.
   Er überlegte kurz, ob er gelassen genug war, um erneut um einen Meisteraustausch zu bitten. Ja, er musste es schon zugeben, Lilith hatte irgendetwas an sich, das ihn magisch anzog. Irgendwie hatte er es heute ganz amüsant gefunden, sie bis aufs Blut zu reizen. Sie sah wütend einfach zuckersüß aus.
   Mein Gott! Was dachte er da? Zuckersüß …? Dies waren keine Gedanken eines Dschinn.
   Angesichts der Tatsache, dass er momentan irgendwelche undefinierbaren und durch und durch menschlichen Gefühle entwickelt hatte, verwarf er den Gedanken, dem Tribunal einen erneuten Besuch abzustatten, gleich wieder. Seine für ihn verantwortlichen Wächter würden ihn in diesem Zustand eher einer Umpolung zuführen, als einem Austausch zustimmen. Aber was konnte er dann tun? Sich einfach damit abfinden, dass er Stunde um Stunde mehr verweichlichte?
   Er seufzte. Es fiel ihm schwer, es sich einzugestehen, aber im Moment war es wohl die einzig richtige Entscheidung. Entweder das oder er tat, was Lilith gestern Abend in sein Verhalten hineininterpretiert hatte …
   Das war’s! Genau …
   Besondere Menschen benötigten besondere Maßnahmen. Er legte sich also eine neue Taktik zurecht, aber zur Ruhe kam er leider trotzdem nicht.

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