Kikkis Freundin Florina darf zum ersten Mal mit in die Hexenschule. Als Florina ihren neuen Hexenbesen einfliegen soll, finden die Mädchen in einer Baumhöhle ein goldenes Ei. Es ist stark verdreckt und scheint niemandem zu gehören. Kikki und Florina nehmen es an sich und beschließen, ihren Schatz vor neugierigen Blicken zu verbergen. Eines Nachts schlüpft aus dem Ei ein kleiner Drache. Nun geht das Versteckspiel erst richtig los. Wie verbirgt man einen Jungdrachen vor den anderen Hexen, wenn man ihn keinen Moment allein lassen kann? Zudem lässt er die Mädchen kaum noch schlafen. Als er während einer Schulstunde zum ersten Mal Feuer speit, fliegt Kikkis und Florinas Geheimnis beinahe auf.

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ISBN: 978-9963-52-805-9

Seiten: 170

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Kapitel 1
Die Hexenschule

»Wir sind fast da«, rief die Oberhexe über ihre Schulter.
   Kikki seufzte auf. Endlich! Kikki, die fünf ausgewachsenen Waldhexen und noch zwei weitere Junghexen flogen seit drei Stunden auf ihren Besen. Ihre Reise hatte sie weit in den Norden geführt.
   Nun erreichten sie den Wald, der die Hexenschule vor den Menschen verbarg.
   Es war bereits dunkel und am Himmel glitzerten die ersten Sterne.
   »Meine Beine sind schon vor einer halben Ewigkeit eingeschlafen«, jammerte Florina, die hinter Kikki auf dem Besen saß.
   »Daran gewöhnst du dich noch. Schau! Das da unten ist die Schule.« Kikki zeigte auf eine stattliche Burg mit vier Türmen. »Vor vierhundert Jahren wurde sie von ihren Besitzern verlassen. Nun kann sich kein Mensch mehr an sie erinnern. Ein mächtiger Zauber liegt über ihr, der sie vor unerwünschten Besuchern verbirgt. Selbst wenn eines eurer Flugzeuge darüberfliegt, niemand kann die Schule sehen. Das liegt an den herbeigehexten Wolken, die das ganze Jahr über ihr schweben. Einzig Tiere und magische Wesen wie Hexen, Drachen und Gespenster können die alten Gemäuer von oben erkennen.«
   »Ich freue mich darauf, zaubern zu lernen.« Florina klang begeistert.
   »So einfach ist das nicht. Wir Hexen müssen die meisten Zaubersprüche aus Büchern lernen. Von denen gibt es Tausende.« Kikki schüttelte das Haar, dabei rutschte ihr beinahe der Zauberhut vom Kopf.
   Die Oberhexe beschrieb auf ihrem Besen eine Kurve und flog abwärts. Sie landete auf dem Kiesplatz vor der Hexenschule und stieg ab.
   Die alte Vallera war die Nächste. Es folgten Irmgard, Isolde, Trixi und Fauna. Kikki und Florina landeten zuletzt.
   Kikki und die sieben Waldhexen gingen plaudernd den schmalen Weg entlang, der zum Torbogen führte. Die acht Hexenbesen, an denen die Koffer mit den Kleidern festgezurrt waren, flogen ihnen nach.
   Mehrere eiserne Kessel standen auf dem Boden. Mächtige Feuer brannten darin und spendeten Licht. Mühelos gelangten sie in den Innenhof der Hexenschule.
   »Hexentrog und Fliegenpilz! Dieses Mal seid ihr aber pünktlich«, rief die Oberhexe. Mit ihrem viel zu engen schwarzen Rock watschelte sie auf eine Gruppe Dunkelhexen zu. Sie schüttelte der größten von ihnen die Hand. »Flavia, schön, dich zu sehen.«
   »Danke.« Flavia zwinkerte mehrmals mit ihren gelben Augen. »Wir sind schon in der Morgendämmerung losgeflogen. Wir können ja nicht immer die Letzten sein, die hier eintreffen.«
   Dunkelhexen waren geheimnisvoll. Viele Gerüchte rankten sich um die schlanken Hexen mit den schwarzen Haaren, die im Finsterwald wohnten. Noch nie hatten sie dort Besuch empfangen, noch nie erzählt, wie es bei ihnen aussah.
   Jananie, die jüngste von ihnen, eilte auf Kikki und Florina zu. Sie hatte rabenschwarze lange Haare, dunkle Haut und grüne Augen, was bei den Dunkelhexen nur sehr selten vorkam. »Fledermausflügel und Kräuterstiel. Endlich bist du da. Ich dachte schon, du lässt dich nicht blicken.«
   »Niemals würde ich eine Hexenschwester vergessen.« Kikki umarmte Jananie. Sie verstand sich recht gut mit ihr, auch wenn sie sich nur alle sechs Monate für einige Wochen sahen. »Das ist Jananie«, sagte Kikki zu Florina. »Und dies ist meine Freundin Florina. Sie ist erst seit Kurzem eine Junghexe.« Sie schob Florina zwischen sich und Jananie.
   »Es freut mich, dich kennenzulernen.« Jananie schüttelte Florinas Hand.
   »Was für einen schönen Namen du hast. Den habe ich noch nie gehört.«
   »Jananie bedeutet Licht«, erklärte die Dunkelhexe flüsternd. »Sagt das bloß nicht weiter. Die Moorhexen würden mich ständig damit aufziehen. Meine Vorfahrinnen kommen aus einem fernen Land. Aber keine Angst, wir fressen dich schon nicht.« Jananie kicherte. »Auch wenn das manchmal von uns behauptet wird. Komm, ich stelle dich den anderen vor.« Jananie packte Florina am Arm und wollte sie mit sich ziehen.
   »Das ist meine Aufgabe«, mischte sich die Oberhexe ein. Obwohl sie den drei Mädchen den Rücken zugewandt und angeregt mit Flavia geplaudert hatte, hatte sie alles mitgehört.
   »Hat sie denn überall Ohren? Manchmal ist sie echt unheimlich.« Jananie verdrehte ihre grünen Augen.
   Kikki nickte und hoffte, dass die Oberhexe nicht noch Augen am Hinterkopf besaß.
   »Hoffentlich gibt es bald etwas zu futtern«, sagte die Oberhexe nun wieder an Flavia gewandt. Aus ihrem Magen war ein lautes Knurren zu hören. »Ich habe das Gefühl, mir fällt gleich das Fleisch von den Knochen.«
   »Also dann. Bis später.« Jananie winkte ihnen und ging zu den Dunkelhexen zurück.
   »Besen, sei so lieb und bringe unsere Koffer nach oben.« Kikki tätschelte seinen Besenstiel.
   Besen nickte und flog mit seinem Gepäck auf die zweiflüglige Holztür zu, die in das Hauptgebäude führte.
   »Komm. Ich zeig dir unser Zimmer«, sagte Kikki. Gemeinsam durchquerten sie den Hof. Immer wieder blieb Florina kurz stehen und blickte die Mauern entlang hoch zu den Fenstern.
   Vier Berghexen mit hellgrauen Haaren und ebenso grauen Röcken gingen vor Kikki und Florina die dreizehn Steinstufen hinauf, die in das Gebäude führten. Sie hielten kurz inne, um einige mit Koffern beladene Besen vorbeifliegen zu lassen.
   »Die Besen sind ja alle unterschiedlich«, bemerkte Florina.
   »Natürlich. Jede Hexe sucht sich das Holz selbst aus. Die Besen der Waldhexen bestehen in der Regel aus Buchenholz. Es ist gutmütig, jedoch etwas schwatzhaft. Aber das weißt du ja schon.«
   »Wie spannend.« Florina blickte den Besen hinterher, die auf die hölzerne Treppe im hinteren Teil der Eingangshalle zuflogen.

Mehrere Hexen standen beisammen und plauderten. Es wurde gelacht und manchmal auch getuschelt. Zwischendurch blitzte ein Lichtstrahl auf, wenn sich eine von ihnen ein leckeres Getränk herbeihexte. Überall wimmelte es von Katzen, die um die Beine ihrer Besitzerinnen huschten.
   Kikki und Florina machten einen Bogen um die schwatzenden Frauen und kamen an einem großen Kamin vorbei, der an der hinteren Wand der Eingangshalle den Raum beherrschte. Er war so breit, dass mühelos mehrere ausgewachsene Hexen nebeneinander darin aufrecht stehen konnten. Seine Ränder waren vom Ruß geschwärzt, was die fliegenden Hexen und Raben, die in seinen Stein gemeißelt waren, noch eindrucksvoller machte. Ein prächtiges Feuer prasselte in seinem Inneren und verbreitete Wärme und Licht. Links und rechts vom Kamin standen zwei dunkle Sofas und luden zum Verweilen ein.
   »Ich finde es hier ein bisschen unheimlich.« Florina blickte auf die antiken Möbel und Teppiche. Zwei Ritterrüstungen standen neben einer schmalen Holztür, auf der das Wort Toilette stand. Spinnweben und Staubfäden klebten an jeder Zimmerecke. Die einen bewohnt, die anderen verlassen.
   Mehrere Bilder von Hexen auf ihren fliegenden Besen hingen an den Wänden. Die einen wirkten nett, während die anderen zum Fürchten aussahen. Um diese machte Florina einen großen Bogen.
   Kikki führte sie die Treppe hinauf, wo kurz davor die Besen verschwunden waren. Die dunklen Stufen knarrten bei jedem ihrer Schritte.
   An jeder Zimmertür hing eine Tafel mit mehreren Namen. Sobald sie daran vorbeikamen, leuchteten diese auf.
   »Nirgendwo steht Kikki«, bemerkte Florina, als sie bei der letzten Tür angekommen waren.
   »Natürlich nicht.« Kikki zog Florina weiter, bis sie zu einer geheimen Treppe gelangten, die hinter einem schweren roten Vorhang verborgen lag. Diese führte in einer Spirale nach oben zu einer niedrigen Tür.
   Kikkis Besen lag davor und keuchte.
   »Ach, du Armer.« Kikki befreite ihn von seinem Gepäck. Sie nahm ihren Koffer in die Hand und überreichte den anderen Florina. Kikki zog einen großen, rostigen Schlüssel aus ihrer Rocktasche und schloss die Tür auf.
   Das Turmzimmer war kreisrund und hatte ein spitzes Dach. Zwei Betten aus Holz standen sich gegenüber. Auf den Kissen- und Deckenbezügen sah man Hexenkessel, fliegende Besen, Eulen und andere Tiere. Zwischen den beiden Betten vor dem Fenster befand sich ein windschiefes Schreibpult. In seine Oberfläche waren mehrere Zaubersprüche eingeritzt. Kikki tippte auf das Pult. »Das ist mein Lieblingsspruch.«

Katzenjammer und Sumpfgetier. Nun sitzt du schon wieder hier. Machst Aufgaben, statt zu fliegen, komm lass deine Arbeit liegen. Geh nach draußen und genieß den Hexenflug, denn lernen kannst du später noch genug. Deine Aufgaben schreiben sich von ganz allein, brauchst bloß zu sagen diesen Reim!

»Drei Mal Hex und drei Mal Maden,
schreibt euch von selbst, ihr blöden Hausaufgaben!«

»So einen Spruch könnte ich in der Menschenschule auch gut gebrauchen.« Florina strich mit ihren Fingerspitzen über den Zauberspruch. »Das wäre toll.«
   Sie verstauten ihre Kleider in dem zweitürigen Schrank neben der Tür. Danach öffnete Kikki das kreisrunde Fenster. Ein warmer Wind wehte herein und wirbelte Staub auf. »Von hier kann man alles sehen. Das ist gut. Besonders, wenn man einmal unbeobachtet die Schule verlassen will. Du weißt ja gar nicht, wie oft ich schon auf meinem Besen ausgeflogen bin.«
   »Weshalb? Was hattest du vor?«
   »Dies und das.« Kikki langte in ihre Umhängetasche und zog ihren schlafenden Kater Lakritz daraus hervor. Vorsichtig legte sie ihn auf ihr Bett.
   »Ich wusste gar nicht, dass du ihn mitgenommen hast. Hat er die ganze Zeit geschlafen?«
   »Natürlich. Jetzt muss ich ihn bloß noch aufwecken.« Kikki nahm ihren Zauberstab in die Hand und sprach:

»Katze, die auf den Namen Lakritz hört,
hast genug geschlafen, wie es sich gehört.
Öffne deine Augen nun,
es ist keine Zeit mehr, um auszuruhn.«

Lakritz streckte sich und gähnte genüsslich. Er begrüßte Kikki und Florina mit einem heiseren Miau.
   »Kleiner Freund. Komm, ich stelle dich den anderen Katzen vor.« Kikki trug Lakritz die Treppen hinunter. Florina folgte ihr.

Im Erdgeschoss angekommen, bogen sie gleich rechts neben der Eingangshalle in die große Küche ein. Köstliche Gerüche begrüßten sie, begleitet von den Gesprächen der anderen Hexen, die bereits an runden Tischen saßen und auf ihr Essen warteten.
   Die Oberhexe winkte sie an den Tisch der Waldhexen. Sie stand auf. »Ruhe, ihr Hexen und hört mir zu!«
   Augenblicklich herrschte Stille in der Küche. Selbst die Frauen, die gerade die vollen Suppenteller verteilten, hielten mitten in ihren Bewegungen inne.
   »Das ist Florina Wilke, die jüngste von uns Waldhexen. Obwohl sie ein Mensch ist, haben wir sie bei uns aufgenommen. Sie hat den Hexeneid abgelegt und ist nun ein vollwertiges Mitglied. Ich verlange von euch, dass ihr Florina wie eine von uns behandelt. Wir haben ihr einiges zu verdanken.«
   Die Hexen an den Tischen klatschten Beifall. Außer die Moorhexen. Sie drehten den Waldhexen ihre Rücken zu und taten so, als hätten sie nichts gehört.
   »Reg dich nicht darüber auf«, meinte Trixi, die Waldhexe mit den langen schwarzen Haaren, als sie Florinas betrübten Gesichtsausdruck bemerkte. »Die sind noch nie anders gewesen.«

Das Essen wurde aufgetischt und die Hexen aßen begierig, was auf ihre Teller kam.
   Es gab Fliegenpilzsuppe, gebratene Kartoffeln, eingelegte Tomaten, Mooskuchen, Kürbisgrütze, Schokoladentorte, Vanilleeis und springende Gummibärchen.
   Auch Lakritz bekam seinen Teil davon ab. Bis Mitternacht futterten und redeten sie, bis es schließlich Zeit für die Hexen war, in ihre Betten zu schlüpfen.

Kapitel 2
Hexenbesen

»Zum heulenden Kuckuck. Wo steckt sie bloß?« Fauna, die Hexe, die mit den braunen Haaren und dem schmalen Gesicht einer Spitzmaus
   glich, warf einen ungeduldigen Blick auf ihre Armbanduhr.
   Kikki stand mit Fauna und Florina auf einer saftigen Wiese vor der Hexenschule. Die Frühlingssonne schien ihnen auf die Rücken, begleitet von einem angenehm warmen Wind. Die Vögel im angrenzenden Wald zwitscherten um die Wette.
   »Auf wen warten wir?«, fragte Kikki.
   »Auf die Oberhexe. Sie braucht auch einen neuen Besen, da ihr alter zerbrochen ist. Der Besen, auf dem sie hier hergeflogen ist, gehört meiner Großmutter. Ein wertvolles Stück.«
   Als hätte sie Fauna gehört, kam in diesem Moment die Oberhexe auf sie zugeeilt. Sie hielt ihren Hexenhut in der einen Hand und eine große Tasche aus Leder in der anderen.
   »Bin schon da«, sagte sie außer Atem, als sie bei ihnen ankam. »Los, auf was wartet ihr noch? Hopp, hopp, lasst uns das Holz für unsere neuen Besen aussuchen.«

Die Oberhexe flog voraus. Als Anführerin der Waldhexen wusste sie genau, wo die besten Bäume wuchsen.
   Es dauerte nicht lange, da erreichten sie einen Hain mit Buchen. Die Oberhexe landete geschickt und ging auf den größten und knorrigsten Baum zu.
   Fauna, Kikki und Florina folgten ihr.
   »Liebe Buche, mit deiner Erlaubnis würden wir gern gutes Holz für unsere Besen aussuchen.«
   »Spricht sie etwa mit dem Baum?«, fragte Florina. Ihre braunen Augen funkelten interessiert.
   »Natürlich. Wenn du ohne Erlaubnis einer Buche einen Ast absägst, brauchst du nicht erstaunt zu sein, wenn dir in Zukunft immer wieder Äste in die Quere kommen, die versuchen, dich zu schlagen. Da kennen Buchen keine Gnade«, erklärte Kikki.
   »Im Ernst?«
   »Sauerampfer und Stiefelwurz. Natürlich. Das sind ganz spezielle Bäume. Die leben.«
   »Das tun doch alle Bäume«, wandte Florina ein.
   »Schon, aber diese hier sind etwas eigenwillig«, erwiderte Kikki und kicherte.
   Wie zur Bestätigung beugte sich die Buche, vor der die Oberhexe stand, etwas nach vorn. Dabei machte sie ein knarrendes Geräusch. Aus einem Astloch in ihrem Stamm ertönte ein seltsames Pfeifen, das von einem Baum zum anderen überging.
   »Danke«, sagte die Oberhexe und verbeugte sich. »Wir werden uns beeilen.« Sie drehte sich zu Florina um. »Jetzt suchen wir erst mal das Holz für deinen allerersten Hexenbesen aus.«
   Florina strahlte und eilte der Oberhexe hinterher, die auf eine Gruppe Bäume zuging. Florina blickte sich immer wieder vorsichtig um. Vermutlich fürchtete sie sich nun vor den Buchen.
   Drei Bäume weiter links blieb die Oberhexe stehen. »Der hier sieht gut aus.« Sie zeigte auf einen geraden Ast. »Der hat die richtige Dicke und scheint mir auch belastbar.« Sie griff nach oben und zog daran. Ein zufriedenes Grunzen entwich ihrer Kehle. »Der würde sich eignen. Fass ihn an und sag mir, was du fühlst.«
   Florina streckte ihren Arm aus und strich vorsichtig über das Holz. »Der ist ja warm.« Sie klang erstaunt.
   »Dann soll er dir gehören.« Die Oberhexe legte ihren Hexenhut neben sich auf den Boden und zog eine Säge aus ihrer Tasche.
   Holzspäne fielen auf ihre stachligen schwarzen Haare, während sie den Ast von seinem Stamm sägte. Ringsherum begannen die Buchen, in dem gleichmäßigen Ton zu pfeifen, den Kikki so mochte.
   Die Oberhexe überreichte Florina den Ast. »Sei gut zu ihm. Dann wird er dir ein treuer Freund.«
   Florina nickte eifrig. »Danke.« Sie strahlte über das ganze Gesicht.
   Es dauerte nicht lange, da fand auch die Oberhexe einen Ast, der für ihren neuen Hexenbesen geeignet war. Als auch dieser abgesägt war, verabschiedeten sich Kikki und die drei Hexen von den Buchen und suchten Birkenreisig für die Enden der Besen.
   Die Oberhexe legte die beiden Besenstiele vor sich auf den Boden. Daneben platzierte sie das Reisig. »Tretet zur Seite!« Sie zog den Zauberstab und sprach:

»Hexenbesen seid ihr nun,
sollt uns tragen, ohne auszuruhn.
Gehorcht den Anweisungen eurer Hexen,
ohne sie abzuwerfen, sonst müssen wir euch verhexen.
Seid geduldig und folgsam, das wünsche ich mir,
so, wie unser allerliebstes Lieblingstier.
Seid guter Laune und korrekt,
sonst wird euer Verhalten aufgedeckt.
Sollt uns mögen, so wie wir euch,
hopp, hopp, ihr Besen,
von nun an fliegen wir mit euch!«

»Los, Junghexe, flieg ihn ein.« Die Oberhexe nickte Florina aufmunternd zu.
   Florina nahm ihren neuen Besen mit geröteten Wangen entgegen. »Soll ich wirklich?«
   »Hexenstiefel und Sauerampfer. Natürlich. Je schneller, desto besser. Kikki, du zeigst Florina, wie das geht. Ich muss zurück zur Hexenschule, die erste Schulstunde vorbereiten. Wir sehen uns dann beim Mittagessen.« Die Oberhexe stieg auf ihren neuen Besen und rauschte so geschickt davon, als würden sich die beiden schon seit einer Ewigkeit kennen.
   »Ich muss mit.« Fauna winkte ihnen zum Abschied fröhlich zu.

Kapitel 3
Der Schatz

»Halte dich gut fest«, sagte Kikki.
   Florina saß zum ersten Mal auf ihrem eigenen Besen. Noch etwas ungeschickt hielt sie sich an seinem Stiel fest.
   »Wenn du losfliegen willst, musst du den Stiel nach oben ziehen. Dann gewinnt der Besen an Höhe. Dasselbe machst du, wenn du eine Kurve fliegst. Beweg ihn in die Richtung, in die du möchtest. Eigentlich ist es genauso wie beim Fliegen mit dem Hexenkessel.«
   Florina nickte. Ihre Wangen waren noch immer rot vor Aufregung. »Wenn das bloß gut geht.«
   Ihr neuer Besen gab einen hohen Pfeifton von sich. Florina ließ ihn los und der Besen fiel ins feuchte Gras. »Was habe ich falsch gemacht?«
   »Nichts. Er hat vermutlich genauso viel Angst wie du. Er fliegt ja gleich auch zum ersten Mal.«
   Florina hob den Besen vorsichtig wieder auf. »Entschuldigung«, flüsterte sie in seine Richtung.
   »Bist du bereit?«
   »Es geht so.« Florina zuckte mit den Schultern.
   Kikkis Strümpfe kräuselten sich vor Vorfreude auf und ab. Selbst ihre Hexenstiefel mochten kaum noch ruhig stehen bleiben. »Na dann, flieg los. Ich bleibe dicht hinter dir.«
   Florina stieß sich mit den Füßen vom Boden ab und zog den Besenstiel kräftig nach oben. Viel zu steil schoss sie in die Höhe und drohte, jeden Moment vom Besen zu rutschen. »Kikki! Hilf mir!«
   Kikki, die dicht neben ihr flog, packte Florinas Besen und drückte ihn immer weiter hinunter. »Langsam. Nur nicht so hastig.«
   Florinas Besen schnaufte erleichtert aus und ließ sich von Kikki führen.
   »Gut. Bist ein ganz lieber Besen. Ich hätte da eine Idee.«
   »Welche denn?« Florinas Gesicht war weiß wie ein Laken. Eine einzelne Schweißperle rann ihr über die linke Wange.
   »Ich weiß einen Zauberspruch, der dir helfen kann.«
   »Prima. Ich kann jede Hilfe gebrauchen.« Florina saß so steif auf ihrem Besen, dass es Kikki schmerzte, sie so zu sehen. Sie zog ihren Zauberstab und sprach:

»Drei Mal Hex und drei Mal fliegen,
ein Band zwischen den Besen soll diese neue Freundschaft besiegeln.
Zusammen fliegen macht euch Spaß,
dies sollt ihr tun, ohne Unterlass.
Gesprochen ist dieser Zauber nun,
fliegt zusammen, ohne auszuruhn!«

Ein Seil kam von irgendwoher herbeigeflogen und wickelte sich um die beiden Hexenbesen. Es verknotete sich an mehreren Stellen und zog die Besen immer näher zusammen.
   »Stiefelwurz und faule Eier! Das tut weh!« Kikkis linkes Bein wurde zwischen den Besen eingeklemmt, genauso wie Florinas rechtes. Ihre Schultern wurden gegeneinandergedrückt, ebenso die Oberkörper.
   Als wäre das nicht schon schlimm genug, wickelte sich ein Seilende erst um Kikkis Hände und dann um Florinas.
   Kikki konnte ihre Hände nicht mehr bewegen und schon gar nicht mehr ihren Zauberstab schwingen, den sie in ihrer rechten Hand hielt.
   »Mach das weg!«, bettelte Florina.
   »Ja, wie denn?« Die erste nervöse Pustel bildete sich auf Kikkis Stirn. »Sumpfnatter und Eiterbeule. So sollte es nicht sein. Damals hat es auch geklappt, als mir meine Mutter das Fliegen beigebracht hat.«
   »Vielleicht hast du den Zauberspruch nicht richtig aufgesagt.« Florina klang panisch.
   Einen knappen Meter über der Wiese rauschten sie auf ihren Besen viel zu schnell dahin.

»Hühnerauge und Spinnenbein! Seil, lass das sein!«

Obwohl Kikki ihren Zauberstab nicht richtig bewegen konnte, gehorchte das Seil ihrem Befehl. Zentimeter um Zentimeter lockerte es sich.
   Florina schrie spitz auf, als sie in den Stamm einer mächtigen Tanne zu fliegen drohten. Sie riss an ihrem Besen und steuerte ihn nach links. In allerletzter Sekunde schafften sie es, dem Baum auszuweichen.
   »Danke.« Kikki gelang es endlich, ihre linke Hand aus der Schlaufe zu befreien. »Sieh zu, dass wir nirgendwo gegenfliegen. Ich muss nur noch meine andere Hand freikriegen, dann wird alles gut.«
   Überall ragten junge Bäume, Hecken und Farne in die Höhe, die selbst an den schattigen Stellen des Waldes gut gediehen. Kikki und Florina mussten ständig ihre Beine nach oben ziehen, um nicht an ihnen hängen zu bleiben.
   Kikki schaffte es schließlich, ihre rechte Hand zu befreien. Mit dem Zauberstab in der einen Hand und mit der anderen am Besenstiel, wickelte sie das Seil endgültig ab.
   »Pass auf!« Kikki zog schleunigst ihren Besen in die Höhe. Gerade rechtzeitig wich sie dem gewaltigen Felsen aus.
   Sie drehte sich um und blickte zu Florina zurück. Ihre Freundin riss ruckartig den Stiel ihres Besens hoch. Florina gelang es im letzten Moment, über die Felskante hinauszufliegen. Keine zwei Sekunden später schrie sie auf. Das Geräusch von knackendem Holz war zu hören. Dann herrschte Stille.
   Kikkis Herz hämmerte wild gegen ihre Brust. Hoffentlich war Florina nichts Schlimmes passiert.
   Sie flog einen Bogen und steuerte Besen von der Rückseite den Felsen hinauf. Zwei große Eichen spendeten dem hohen Gras Schatten. Kikki stieg von ihrem Besen. »Florina? Hörst du mich? Geht es dir gut?« Kikki drehte sich langsam im Kreis. Nirgendwo war ihre Freundin zu entdecken. »Faule Eier und Stinkkäse. Florina! Wo bist du? Sag doch was!«
   »Aua, das tut weh.« Florina stöhnte von irgendwoher.
   Kikki kämpfte sich durch das hohe Gras, das ihr bis zur Taille reichte. »Ich sehe dich nicht. Wo steckst du?«
   »Na, hier.«
   »Triefauge und Nasenschleim. Kannst du nicht etwas genauer sein?« Kikkis Haare verfärbten sich vor Sorge bereits hellgelb, während ihr Rock ängstlich wimmerte.
   »Ich stecke in einem Loch fest«, erklang Florinas gedämpfte Stimme.
   »Loch?« Kikki kniff die Augen zusammen und sah sich erneut um. Ein Loch konnte sie nirgendwo entdecken, bloß die zwei uralten Eichen, die einige Meter von ihr entfernt auf dem Felsen wuchsen.
   »Schimmelpilz und Sauerteig! Ich sehe dich nicht.«
   »Hier! Im Baum.«
   Kikki blickte an den Bäumen entlang nach oben. War Florina in einem Astloch stecken geblieben? Doch selbst mit ihren guten Hexenaugen konnte sie ihre Freundin nicht finden. Sie musste näher heran.
   Kikki stieg über die großen Wurzeln der beiden Eichen, die zu allen Seiten herauswuchsen. Sie entdeckte Florinas Füße und Beine zwischen den Wurzeln hervorragen. Das war auch das Einzige, was von ihr noch zu sehen war. Ihr Oberkörper und Kopf steckten in einem Loch, das zwischen den großen Wurzeln nach unten führte. Florina lag auf dem Bauch und zappelte mit den Füßen.
   »Ich hab dich.« Kikki packte sie an den Beinen. Ächzend zog sie ihre Freundin Zentimeter um Zentimeter aus ihrem unfreiwilligen Gefängnis heraus.
   Kaum war sie aus dem Loch befreit, setzte sich Florina auf. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Haare voller Blätter und Spinnweben. Drei fast unsichtbare Spinnen krabbelten schleunigst ihre Wangen hinab und flüchteten über den Boden zurück in die Dunkelheit der Baumhöhle.
   »Ich hab was gesehen. Da im Loch.« Florina wischte sich die Blätter aus dem Haar. »Es hat geglänzt. Warte, ich hole es.«
   »Machst du Witze? Weißt du eigentlich, wie anstrengend es war, dich da herauszuziehen?«
   Florina achtete nicht auf Kikkis Worte und kroch mit dem Oberkörper wieder in das Loch hinein. Sie schien mit den Händen nach etwas zu tasten.
   »Hast du es?«, fragte Kikki. Sie wollte unbedingt wissen, was Florina gesehen hatte.
   »Los, zieh mich heraus«, sagte Florina endlich nach einer ganzen Weile.
   Kikki holte tief Luft und zog mit aller Kraft an Florinas Beinen. Langsam wurde sie richtig gut darin, fand sie. Dieses Mal hatte sie Florina viel schneller aus dem Loch befreit als noch vor wenigen Minuten.
   Florina hielt einen großen braunen Klumpen in ihrer Hand.
   »Wieso wolltest du diesen komischen Dreckklumpen? An dem ist doch nichts Besonderes.« Kikki war enttäuscht.
   »Das ist nicht bloß Dreck.« Florina drehte das handballgroße Etwas in ihrer Hand und streckte es ihr hin. »Sieh doch.«
   »Bei allen guten Hexen. Das glänzt wie Gold«, hauchte Kikki. »Du hast einen Schatz gefunden.«
   »Meinst du?«

Gemeinsam klaubten sie mit ihren Fingern die Erde und die feinen Wurzeln ab, bis ihr Fund nach mehreren Minuten freigelegt war.
   »Das sieht aus wie ein Ei. Nur viel größer. Was glaubst du, was das ist?«
   »Vielleicht ein Straußenei«, mutmaßte Florina.
   »Oder was ganz anderes.« Kikki strahlte. »Es ist wunderschön.«
   »Vielleicht sollten wir es besser wieder zurücklegen? Bestimmt gehört das jemandem.«
   »Papperlapapp. Das nehmen wir mit. Wir können das arme Ding doch nicht seinem Schicksal überlassen. Wenn es zu regnen beginnt, würde es in diesem Loch doch augenblicklich unter Wasser stehen. Das können wir nicht zulassen. Das Ding vermisst bestimmt niemand.«
   »Meinst du?«
   Kikki nickte. »Natürlich. Doch bevor wir wieder in die Schule zurückgehen, hexe ich dir erst noch deine Kleider sauber.« Sie schwenkte ihren Zauberstab und zielte damit auf Florina. Der Schmutz fiel von Florinas Kleidern ab und wehte davon.
   »Danke.« Florina lächelte.
   Kikkis Armbanduhr mit dem Drachenzeiger kreischte auf.
   »Sieben Warzen und triefender Schleim, wir sollten schon in der Schule sein.« Schleunigst verstaute Kikki den Schatz in der Umhängetasche und verschloss sie sorgfältig. »Wir müssen los, sonst reißt uns Fauna noch den Kopf ab.«

Kapitel 4
Zaubersprüche

»Bestimmt kommt Fauna gleich. Die ist immer pünktlich«,
   sagte Kikki nach einem Blick auf ihre Armbanduhr.
   Sie und Florina saßen mit den anderen Schülerinnen in einem der Klassenzimmer im Untergeschoss der Hexenschule.
   »So ein unheimliches Schulzimmer habe ich noch nie gesehen«, hauchte Florina.
   Kikki sah sich um und fand, dass alles genau so war, wie es sich gehörte.
   An der hohen Zimmerdecke hingen unzählige Spinnweben. Eine dicke Staubschicht bedeckte jeden der Tische und Efeuranken wuchsen an den Wänden empor. Mehrere bunte Vögel flogen durch den Raum, während der Wind durch die beiden geöffneten Fenster wehte. Er wirbelte den Staub und die Blätter auf, die auf dem Boden, den Bänken und den Tischen lagen. Irgendwo quakte Faunas Lieblingskröte Lukas.
   Fauna kam in den Klassenraum geeilt. Sie winkte den Kindern kurz zu und legte ihren Hexenhut auf ihrem Schreibtisch ab. »Herzlich willkommen. Herzlich willkommen. Wie ihr seht, war ich schon fleißig.« Sie deutete auf die Wandtafel hinter ihrem Rücken, wo mehrere Zaubersprüche geschrieben standen. Sie waren kaum lesbar, da Fauna eine schreckliche Handschrift hatte.
   »Jananie, du fängst an«, sagte Fauna und nickte ihr aufmunternd zu. »Das kannst du. Nur keine Bange.« Fauna wedelte mit ihren Händen und bedeutete Jananie, aufzustehen.
   Die kleine Hexe mit den schwarzen Haaren und den grünen Augen nickte und stand auf. Sie hob ihren Zauberstab und beschrieb in der Luft eine Acht. Dabei kniff Jananie die Augen zusammen und las von der Wandtafel ab.

»Acht Beine sollst du haben,
laufen können, wie auch traben.
Setzt dich auf Faunas Haar,
dort ist es ganz wunderbar!«

Ein Zischen ertönte und Kikki sah, wie aus Jananies Zauberstab eine große rote Spinne entwich. Die Spinne schoss schnell wie ein Pfeil auf Fauna zu und ließ sich in ihren Haaren nieder. Zwei ihrer acht langen Beine baumelten vor Faunas Mund.
   »Fliegenpilz und Kräuterstiel. Was zu viel ist, ist zu viel.« Fauna wich die Farbe aus ihrem Gesicht. Sie riss ihre Augen weit auf. »Jananie! Wasch hascht du gemacht?«, nuschelte sie, als noch ein drittes Spinnenbein ihre Lippen berührte.
   Jananie zeigte auf die Wandtafel. »Ich habe den Zauberspruch aufgesagt. So, wie du es wolltest. Da steht, ich solle dir eine Spinne in dein Haar zaubern.«
   »Nischt in mein Haar.« Fauna versuchte, ihre Lippen möglichst nicht zu bewegen. »An der Wandtafel schteht: zschaubere wunderbar.«
   »Oh«, sagte Jananie. »Tut mir leid. Soll ich dir helfen, die Spinne loszuwerden?«
   Fauna schielte auf die drei hellroten Beine neben ihrer Nase. »Bleib blosch weg. Sonscht wirscht du noch gebischen. Dasch ischt eine rote Laufspinne. Schie gehört zu den giftigschten Tieren, die ein Hexenwald zschu bieten hat. Keinesfalls darf schie gereizt werden.«
   Florina, die neben Kikki saß, schrie spitz auf. Stella, die Berghexe mit den grauen Haaren, die eine Reihe vor ihnen gerade an ihrem Distelblumenbrötchen knabberte, ließ es vor lauter Schreck fallen. Sie schien gar nicht daran zu denken, es wieder vom Boden aufzuheben.
   »Vielleicht kriege ich die Spinne mit einem Gegenzauber von dir los«, überlegte Kikki laut.
   »Sumpfnatter und Auerhahn, lasch dasch schein. Schonst triffscht du mich noch«, quietschte Fauna.
   Kikki und die anderen Schülerinnen beobachteten, wie Fauna nach ihrem Zauberstab tastete, der neben ihr auf dem Pult lag. Doch anstatt damit zu hexen, hielt Fauna ihn an ihren Kopf und kitzelte die Spinne damit. Die Laufspinne fand das nicht lustig.
   Blitzschnell zog sie ihre langen Beine an und sprang auf den Zauberstab.
   Fauna bewegte den Zauberstab samt Spinne von ihrem Kopf weg. Im Zeitlupentempo und mit angehaltenem Atem setzte sie das gefährliche Tier auf dem Pult ab. Danach griff sie nach ihrem Zauberhut und stülpte ihn über die giftige Spinne. Als Letztes zog Fauna ihren Zauberstab vorsichtig unter dem Hut hervor und sprach:

»Spinne mit den vielen Beinen,
bring die Hexen nicht zum Weinen.
Verschwinde jetzt aus diesem Raum,
als wärst du gewesen bloß ein Traum.«

Ein leises Zischen ertönte.
   Fauna hob vorsichtig ihren Hexenhut. Die Spinne war weg.
   »Bravo!« Kikki und die anderen drei Schülerinnen klatschten begeistert in die Hände und trommelten mit den Füßen auf den Boden.
   Fauna grinste und verbeugte sich vor ihrem Publikum. »Kommen wir zum nächsten Zauberspruch«, sagte sie. Sie wippte auf den Füßen vor und zurück, während sie ihre Hände hinter dem Rücken verschränkte. »Florina? Möchtest du vielleicht?«
   »Soll ich?« Florina klang unsicher.
   »Etwas ganz Harmloses«, versprach Fauna ihr.
   »Na gut«, sagte Florina und stand auf.
   Kikki sah, dass Florinas Hände leicht zitterten.
   »Da du ganz neu bist, fangen wir mit einem einfachen Spruch an.« Fauna drehte sich zur Wandtafel um und schrieb mit ihrer hellgrünen Kreide den nächsten Spruch auf. »Als Anfängerin zaubert man am besten möglichst nahe am Objekt«, erklärte Fauna ihr. Sie fischte einen Apfel aus ihrer Rocktasche und biss ein Stück heraus. Den angebissenen Apfel legte sie vor sich auf das Pult. »Richte deinen Hexenstab auf den Apfel und sprich langsam und deutlich.«
   Florina nickte und streckte ihren Arm nach vorn.

»Komm zurück, du fehlendes Stück.
Sollst bringen wieder Glück.
Wo immer du bist, komm wieder her,
etwas zu heilen ist gar nicht schwer.«

Der Apfel begann, sanft zu wackeln. Dort, wo Fauna gerade noch ein Stück herausgebissen hatte, wuchs er nach. Eine dünne Rauchschwade stieg zur Decke und verbreitete den Apfelgeruch.
   »Gut gemacht.« Fauna klopfte Florina auf die Schulter. »Diesen Spruch kannst du beinahe bei allem anwenden. Er wirkt zudem äußerst schnell. Außer natürlich, du verlierst ein Bein oder einen Arm. Dann dauert es etwas länger. Du kannst dich wieder hinsetzen.«
   »Du bist ja richtig gut«, sagte Kikki, als Florina wieder Platz genommen hatte.
   »Oh, schon so spät.« Fauna blickte auf die Wanduhr mit den schiefen Zeigern. »Die Stunde ist gleich vorbei. Habt ihr noch Fragen, bevor ich euch eure Hausaufgaben aufgebe?«
   Kikki und Florina tauschten verschwörerische Blicke aus. »Ja, ich hätte da noch eine Frage.«
   »Ja, Kikki?«
   »Gibt es ein Tier, das goldene Eier legt?«
   »Stielauge und Sumpfgras«, murmelte Fauna. »Es gibt tatsächlich ein solches Tier.«
   Kikkis Hände wurden schweißnass. Ihre Schuhspitzen klopften nervös auf den Boden, während sich die Strümpfe an ihren Beinen auf und ab kringelten. »Und welches Tier ist das?«
   »Haltet euch fest.« Fauna machte eine bedeutungsvolle Pause, dann sprach sie endlich weiter. »Nur goldene Drachen legen solche Eier. Sie sind die edelsten und schlausten Geschöpfe in der Tierwelt.«
   »Drachen?«, fragte Kikki. Sie spürte, wie sich auf ihrer Nasenspitze eine nervöse Pustel bildete. Möglichst unauffällig schob sie mit ihren Füßen ihre Umhängetasche mit dem goldenen Ei noch etwas weiter unter ihren Stuhl. Sicher war sicher. Nicht, dass noch jemand aus Versehen auf ihrer Tasche stand.
   Florina, die neben ihr saß, atmete hörbar auf. Ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass Kikki schon glaubte, sie würden ihr aus dem Kopf springen.
   Kikki ging es nicht besser. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. So nervös war sie schon lange nicht mehr gewesen. »Wie groß ist ein solches Drachenei?«
   »Da fragst du die richtige Hexe.« Fauna strahlte. »Das Ei des goldenen Drachen soll die Größe eines Handballs haben und etwa ein Kilogramm schwer sein. So steht es im Lehrbuch für Hexen geschrieben.«
   Fauna ging zu dem Regal, das hinter ihr an der Wand stand. Sie klopfte sich mit den Fingerspitzen gegen das Kinn, während sie die Buchtitel las. Dann zog sie ein in Leder gebundenes Buch daraus hervor. Es wog vermutlich mehrere Kilos. Ächzend trug sie es zu ihrem Pult und ließ es aus geringer Höhe fallen. Staub wirbelte auf und der Tisch knarrte bedrohlich. Nachdem sie die gesuchte Buchseite aufgeschlagen hatte, winkte sie ihre Schülerinnen nach vorn. Das handgemalte Bild eines goldenen Drachen war zu sehen. Es bedeckte die ganze linke Buchseite. »Der goldene Drache ist ein schlankes, lang gezogenes Tier mit gewaltigen fledermausartigen Flügeln. Sein schmaler Kopf mit den großen Augen ist schön anzusehen. Einzig die gebogenen Reißzähne wirken bedrohlich. Doch diesen Anblick soll keine Hexe fürchten. Es wird den goldenen Drachen nachgesagt, dass sie unsere Sprache sprechen können.«
   »Den würde ich gern kennenlernen«, hauchte Jananie.
   »Ich nicht. Nicht einmal in dreihundertdreiunddreißig Hexenjahren«, meinte Stella.
   »Es geht noch weiter.« Fauna blätterte die Seite um. »Es gibt nur noch wenige Exemplare seiner Art. Das liegt daran, dass er nur alle paar Jahre Nachkommen aufzieht. Leider sind seit dem Jahre 1209 lediglich fünfzig dieser Tiere von ehrwürdigen Hexen gesehen worden. Sollte eine Hexe jemals ein goldenes Drachenei finden, sollte sie es liegen lassen. Außer, es ist bewiesen, dass sich die Drachenmutter nicht um das Ei kümmert. Dann sollte jede gute Hexe ihr Bestes geben, es auszubrüten.«

Kapitel 5
Kochkurs für Junghexen

Kikki und Florina huschten durch den mit Fackeln beleuchteten Flur, der zu den anderen Klassenräumen führte.
   Junghexen der verschiedenen Stämme eilten mit Büchern in den Armen und in Begleitung ihrer Besen an ihnen vorbei.
   »Hexentanz und Schleiereule. Wir haben ein richtiges Drachenei gefunden«, flüsterte Kikki. »Bestimmt sind wir die allerallerersten Hexen, die eins besitzen.«
   Kikkis Besen, der neben ihr herging, knurrte leise.
   Sie strich über seinen Stiel. »Aber dich habe ich trotzdem am allerallerliebsten.«
   Der Besen gurrte zufrieden.
   »Wo ist eigentlich dein Besen?«, fragte Kikki.
   Florina schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Im Klassenzimmer. Den habe ich total vergessen. Bin gleich zurück.« Schon huschte sie davon, um ihn zu holen.
   Während des Wartens wagte Kikki erneut einen Blick in ihre Umhängetasche. Ihr Herz schlug ihr vor Freude bis zum Hals.
   »Was hast du da?«, fragte eine unsichtbare Stimme.
   Kikki blickte sich um.
   Die anderen Schülerinnen waren bereits wieder in den Klassenzimmern verschwunden. Zudem hatte die Stimme männlich geklungen.
   »Wer bist du?«
   »Kennst du mich denn nicht mehr?« Die Stimme wirkte enttäuscht.
   »Du musst dich mir schon zeigen«, verlangte Kikki.
   »Wie du willst.«
   Aus der Wand rechts von ihr kam ein schmales Gesicht zum Vorschein. Dann der Rest der Gestalt.
   »Strunk! Wie schön, dich wiederzusehen«, begrüßte Kikki den Waldgeist. »Du siehst irgendwie älter aus.«
   »Findest du?« Strunk drehte sich vor ihr in der Luft. Die astähnlichen Arme streckte er dabei zur Seite und lächelte. Seine dunkelbraunen Haare waren länger als sonst üblich. Auf seinem Gesicht lag ein dunkler Schatten.
   »Wächst dir etwa ein Bart?«
   »Siehst du ihn?«, fragte Strunk. »Seit drei Monaten schon.« Er kam mit seinem durchscheinenden Gesicht näher an Kikki heran. »Schau genau hin.«
   »Eindeutig, dir wächst ein Bart. Dann wirst du nun doch noch erwachsen.«
   »Ja, endlich. Darauf warte ich schon seit über dreihundertsiebzig Jahren.« Er schielte in Kikkis Umhängetasche. »Das ist aber schön. Ist es ein Ei?«
   Kikki nickte. »Bitte erzähl niemandem davon. Es ist ein Geheimnis.«
   »Geheimnisse sind toll. Ich werde schweigen wie ein Grab«, versprach er. Strunk blickte erst den nun leeren Flur hinunter und dann auf Kikkis Armbanduhr. »Oh, ich muss los. Meine Schülerinnen warten schon. Bis bald, junges Hexenmädchen.« Er schwebte an Kikki vorbei und verschwand auf der anderen Seite durch die Mauer.
   Florina tauchte wieder auf und trug ihren Besen vor der Brust. »Der wollte gar nicht mehr aus Faunas Klassenzimmer raus. Ich musste ihn mit aller Kraft wegziehen.«
   »Das kann ich verstehen. Dort drinnen sieht es ja auch wie in einem Wald aus. Komm, beeil dich. Die nächste Stunde fängt gleich an. Haushaltskunde.«
   »Was soll das sein?«
   »Keine Ahnung. Dieses Fach ist neu.« Kikki schob ihre Umhängetasche zurecht.
   Gemeinsam gingen sie an den brennenden Fackeln vorbei, die den dunklen Flur erhellten. Schwarzer Rauch sammelte sich unter der steinernen Decke.
   Das laute Geschnatter der anwesenden Schülerinnen empfing sie in dem Klassenzimmer, das am Ende des langen Flurs lag. Kaum traten Kikki und Florina über die Schwelle, flog zwischen ihren Köpfen eine Kröte vorbei.
   Eine der jungen Berghexen schwang ihren Zauberstab, während auf dem Fußboden vor der Wandtafel ein alter Hexenkessel tanzte.
   »Da sind ja Isolde und Trixi.« Florina deutete auf die beiden Waldhexen, die vor dem Fenster saßen. »Ich dachte, sie besuchen die höheren Klassen.«
   »Das tun sie auch, außer wenn die Oberhexe unterrichtet. Dann müssen alle Junghexen anwesend sein.« Sie und Florina setzen sich zu den Waldhexen an den Tisch. »Das da sind die Weiherhexen, daneben sitzen die Dunkelhexen und da drüben sitzen die Berghexen«, erklärte Kikki.
   »Bloß die Moorhexen fehlen«, stellte Florina erleichtert fest.
   In diesem Moment schlug die Tür mit einem Knall zu. Die Oberhexe watschelte in ihrem viel zu engen Rock auf das Pult zu. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs befahl sie dem Kessel, mit dem Tanzen aufzuhören, und ließ mit einem weiteren Schlenker die Kröte aus dem Fenster fliegen. Diese verabschiedete sich mit lautem Quaken.
   »Nun denn«, begann die Oberhexe. Sie strich sich mit den Fingern durch ihre stachligen schwarzen Haare, nachdem sie ihren Hexenhut an dem dafür vorgesehenen Haken aufgehängt hatte. »In dieser Lektion lernen wir, wie die Menschen zu kochen.«
   »Wie kochen?«, fragte Isolde misstrauisch. Die Spitze ihrer langen Nase verfärbte sich dunkel. »Etwa gewöhnliches Essen?«
   »Natürlich«, antwortete die Oberhexe und schnaubte. »Oder willst du verhungern, wenn du mal keinen Zauberstab mehr hast?«
   »Natürlich nicht«, entgegnete Isolde durch das Getuschel der anderen Schülerinnen.
   Schon längst wussten alle Hexenstämme, dass die Oberhexe vor einiger Zeit ihr Gedächtnis verloren hatte. Nur dank dem Zauber eines Kobolds hatte sie dieses recht schnell wiedergefunden.

Fast eine Stunde lang mussten sie Eier aufschlagen, solange, bis kein bisschen Eierschale mehr in den Schüsseln zu finden war. Danach hexte die Oberhexe eine Feuerstelle, mehrere Pfannen, Butter und Kräuter herbei. Mit diesen Zutaten bereiteten sie zum allerallerersten Mal in ihrem Leben ein selbst gemachtes Omelett zu.
   »Bei allen guten Hexen, das ist köstlich«, rief eine der Weiherhexen.
   »Zum Niesen«, pflichtete Jananie ihr bei.
   »Weiter geht‘s.« Die Oberhexe kramte ein Rezept nach dem anderen hervor, das ihre Schülerinnen nachkochen mussten. Am meisten begeistert waren sie von den klebrig süßen Sahnetörtchen.
   Nachdem alles probiert war, was sie in den vergangenen beiden Stunden zubereitet hatten, flog endlich der lang ersehnte Kuckuck zum Fenster herein und verkündete das Ende der Schulstunde.
   »Nun denn.« Die Oberhexe gluckste zufrieden, als sie dem Chaos, bestehend aus verschütteten Eiern, Mehl, angebrannter Butter und dem schwarzen Rauch verkohlter Sahne, nachblickte. »Das habt ihr gut gemacht.«
   Mit vollen Mägen watschelten Kikki und Florina aus dem Klassenzimmer.
   »Mir ist schlecht«, klagte Florina.
   »Mir auch.« Kikki fasste sich an ihren nun kugelrunden Bauch, über dem ihr hellgrüner Rock spannte. »Hexentanz und Rattenschwanz. Ich glaube, in den nächsten zwei Stunden kriege ich keinen Bissen mehr hinunter.«
   Mit vollen Bäuchen stiegen sie die Treppen hinauf, die in ihr Turmzimmer führten.
   Kikki ließ sich auf ihr Bett fallen. »Ein Nickerchen wäre jetzt ganz schön.«
   »Meinst du, es wäre besser, wenn wir der Oberhexe vom Drachenei erzählen? Vielleicht kann sie uns sagen, was wir damit tun sollen.«
   »Nicht in einer Million Hexenjahren.« Kikki streifte sich ihre schwarzen Hexenstiefel von den Füßen. Sie beobachtete zufrieden, wie sich die beiden in die Ecke warfen und dort liegen blieben. »Die Oberhexe würde uns die Ohren lang ziehen. Oder gar Schlimmeres.«
   »Nö, oder?«, fragte Florina. Sie klang verunsichert.
   »Seit ihr Hexenhaus rosa ist, ist sie öfter schlecht gelaunt. Die Farbe ist nicht von den Wänden zu kriegen, egal, mit welchem Zauber die Oberhexe sie wegzuhexen versucht. Vorige Woche hat sie Kletterpflanzen herbeigehext, die das Haus verdecken sollten. Aber selbst die weigern sich, die Hauswände entlang nach oben zu wachsen. Erst gestern sind wieder mehrere von ihnen geflohen.«
   »Die Kletterpflanzen?« Erstaunt riss Florina ihre braunen Augen auf. »Echt?«
   »Bei den Kröten, ich schwöre.«
   Florina kicherte. »Ich muss wohl noch viel über das Hexenleben lernen.«
   »Deshalb gibt es ja die Hexenschule. Weißt du was?«, kam Kikki auf Florinas eigentliche Frage zurück, »wir überlegen uns ein paar Tage, was wir mit dem Drachenei machen.« Sie nahm das Drachenei aus der Umhängetasche und legte es neben sich auf das Bett.
   »Wir könnten es im Schrank verstecken«, schlug Florina vor. »Wenigstens so lange, bis wir uns entschieden haben, ob wir es wieder in diese Baumhöhle zurücklegen.«
   Eingewickelt in Kikkis dunkelblauen Pullover legten sie das Drachenei in Florinas Schrank.
   Kikki schloss leise die Tür. »Bis bald, kleiner Schatz«, hauchte sie verträumt.

Kapitel 6
Ein langer Tag

In den folgenden Tagen hetzten die Junghexen von einer Schulstunde zur anderen. Einige fanden nachmittags statt, andere mitten in der Nacht, je nachdem, ob die jeweilige Lehrerin ein Mittagsschläfchen machte oder nicht.
   Irmgard, die Klassenlehrerin für nützliches Zaubern, brachte ihren Schülerinnen allerlei Zaubersprüche bei, die man täglich anwenden konnte. Dazu gehörte, wie man Kleider trocken hexte – den Spruch kannte Kikki bereits –, Flecken entfernte, Spinnweben samt ihren Bewohnerinnen herbeizauberte und natürlich den Auffindungszauber für verloren gegangene Gegenstände.
   Am allerallerliebsten mochte Kikki den Zauberspruch für Unordnung. Für jede gute Hexe gab es nichts Schlimmeres als ein aufgeräumtes Hexenhaus.
   Die Schülerinnen mussten die Zaubersprüche erst in ihre Notizbücher schreiben und danach auswendiglernen.
   »Fliegenpilz und Sumpfnatter. Das sind viel zu viele«, klagte eine der Berghexen. Über ihrem Kopf schwebte eine kleine Wolke, in der winzige Blitze zuckten.
   »Das werde ich niemals können«, stöhnte Stella, die Weiherhexe, was vermutlich auch stimmte. Weiherhexen waren für ihr schlechtes Gedächtnis berüchtigt. Allein an diesem Nachmittag hatte sie sich schon drei Mal verhext. Entweder hatte sie mehrere Worte falsch aufgesagt – oder diese ganz vergessen. Das Ergebnis war eine vor Wasser triefende Zimmerdecke, stinkender Morast auf dem Boden des ganzen Klassenzimmers und ein kleiner, aber harmloser Brand an den Vorhängen. Das hatte dazu geführt, dass Irmgard ihren Schülerinnen gleich noch einen Löschzauber aufs Auge drückte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit flog endlich der Kuckuck zum Fenster herein und verkündete das Ende der Schulstunde. Obwohl er erst seit einer Woche im Einsatz war, sah er schon ziemlich erschöpft aus. Das lag daran, dass er von einem Zimmer zum nächsten fliegen musste. Er ließ sich auf Irmgards Pult plumpsen und schlief augenblicklich ein.
   »Der arme Kerl«, murmelte Stella und hexte ihm gleich einen saftigen Wurm herbei, den sie quer über seinen Schnabel legte.
   Kikki freute sich gerade auf den freien Abend und verstaute ihren Notizblock in der Umhängetasche, als Irmgard erneut die Stimme hob. »Vergesst nicht, heute um Mitternacht gibt es den alljährlichen Vollmondschmaus mit allen Schülerinnen und Lehrerinnen. Wir treffen uns kurz vor zwölf Uhr im Innenhof der Schule.«
   »Und wann sollen wir lernen?«, fragte eine der Berghexen.
   »In der Zwischenzeit«, meinte Irmgard freundlich, womit sie sich mehrere wütende Blicke einhandelte.

Der Vollmondschmaus fand auf einem nahe gelegenen Hügel statt. Von ihm aus konnte man ungehindert über das ganze Hexental blicken. Hier waren die Hexen unter sich. Sie mussten nicht befürchten, von den Menschen gestört zu werden, die in weiter Ferne auf ihren Bauernhöfen lebten. Sie lagen um diese Zeit bereits in ihren Betten und schliefen.
   Die Weiherhexen spielten auf ihren Geigen, während die Berghexen im Takt auf ihre mitgebrachten Trommeln schlugen. Die Moorhexen sangen mit krächzender Stimme Lieder über die Ungeheuer der Vergangenheit und die Waldhexen nahmen sich bei den Händen und tanzten mit wildem Gekreische um das große Feuer, das auf dem Gipfel brannte.
   Die herbeigehexten Tische waren mit köstlichem Essen bedeckt und in die Krüge wurden nur die beliebtesten Getränke gefüllt.
   »Das ist toll«, sagte Florina. »So was habe ich noch nie erlebt.«
   Schon seit über einer Stunde tanzten Kikki, Florina und die anderen Waldhexen Hände haltend im Kreis um das Feuer herum.
   »Bei allen Hexen, wo du recht hast, hast du recht.« Kikki gefiel das ausgelassene Fest ebenso gut wie ihrer Freundin. »Lass uns eine Pause machen. Ich muss dringend essen.« Kikki ließ die Hand von Irmgard los und Florina die von Fauna. Gemeinsam gingen sie zu den Tischen. Dort kosteten sie allerlei Süßigkeiten.
   »Hast du deine Hausaufgaben gemacht?« Florina biss gerade das allererste Mal in einen hüpfenden Pudding.
   »Nö. Die mach ich morgen früh«, antwortete Kikki, während sie ihren Pullover mit Schokoladentorte vollkrümelte. »Das hat noch Zeit. Und du?«
   »Ja, ich hatte nämlich keine.« Florina grinste. »Heute habe ich ganz allein einen Stuhl herbeigehext.«
   »Echt?«
   »Wenn ich es sage. Natürlich hat mir Irmgard erst den Spruch beigebracht«, ergänzte Florina. Sie zeigte auf ihre neue Umhängetasche, die sie zum Schulanfang in der Hexenschule bekommen hatte. Sie war genau so groß wie die von Kikki. Allerdings war Florinas Tasche sauber, was man von Kikkis schon seit Jahren nicht mehr behaupten konnte.
   »Schade, dass wir nicht immer zusammen Unterricht haben«, bemerkte Kikki.
   »Es ist doch nur eine Stunde am Tag«, sagte Florina.

»Das Fest ist vorbei«, rief die Oberhexe so unerwartet, dass den anwesenden Hexen vor lauter Überraschung die Münder offenstanden. Sie hielt ihre Hände wie einen Trichter vor das Gesicht, damit sie auch wirklich gut zu hören war.
   »Muss das sein?« Isolde zog eine Schnute. »Ich habe mir gerade einen Waldbeerensaft herbeigehext.«
   »Trink ihn aus«, entgegnete die Oberhexe und gähnte.
   »Wenn wir das Sagen hätten, dann würde diese Feier niemals enden«, rief Ragna, eine der Moorhexen. »Wir würden immer nur feiern und tolle Dinge hexen.«
   »Das würde euch so passen. Das letzte Mal, als ihr das Sagen hattet, habt ihr ganz viel Chaos angerichtet.«
   »Ja, genau«, stimmte die alte Vallera ein. Sie kniff ihre grauen Augen zusammen und richtete sich zur vollen Größe auf. »Wir alle mussten zwei Tage lang nach unseren Besen suchen, weil ihr sie weggehext habt.«
   Alle, außer den sieben Moorhexen, nickten.
   »Das war doch witzig.« Ragna lächelte selbstgefällig. Wie alle Moorhexen sah sie Furcht einflößend aus. Ihr bösartiges Gesicht, die krallenartigen, langen Finger und ihre grünen Haare unterstützten diesen Eindruck.
   »Keine Zeit für Diskussionen«, rief die Oberhexe. Erneut gähnte sie, worauf über ihrem Kopf das durchscheinende Bild einer schlafenden Hexe erschien. »Jetzt wird aufgeräumt. Zack! Zack!«
   »Aufräumen«, stöhnte Isolde. »Immer wieder aufräumen. Wir sind doch keine Menschen. Wir Hexen mögen Unordnung.«
   »Das weiß ich selbst.« Die Oberhexe klang ungehalten. »Und trotzdem muss es manchmal eben sein. Wir können die Tische ja nicht ein ganzes Jahr hier draußen stehen lassen.«
   »Da hat sie wiederum recht«, pflichtete die alte Vallera ihr bei. Die Waldhexe kicherte.
   Unter lautem Gemurre wurden die Tische weggehext.
   Es war fünf Uhr in der Frühe. Höchste Zeit, ins Bett zu gehen, fand nun auch Kikki.
   Die Weiherhexen, Berghexen, Moorhexen, Waldhexen und Dunkelhexen stiegen auf ihre Besen. Hexenlieder singend flogen sie zurück zur Schule.

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