Schon vor der ersehnten Reise nach Schottland beginnt für die 14-jährige Pia der pure Albtraum. Dass sich das Traumschloss dann auch noch als heruntergekommen und unheimlich herausstellt, hält Pia und ihre Freundin Vanessa aber nicht davon ab, über den tödlichen Reitunfall von Cameron Nachforschungen anzustellen. Hat die kurz vor dem Wahnsinn stehende Tante Agathe etwas damit zu tun? Oder die hinterhältige Rachel? Wird es den Mädchen mithilfe von Ryan und Aidan gelingen, lang verschwiegene Geheimnisse aufzudecken, während Vanessa und Aidan sich nahekommen? Und gibt die Ähre der Hoffnung Pia genug Kraft, um sich ihren Problemen zu stellen? Jugendroman ab 12 Jahren, über Liebe und Leid, der unter die Haut geht.

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ISBN: 978-9963-52-839-4

Seiten: 144

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Eike Ruckenbrod

Eike Ruckenbrod
Eike Ruckenbrod, in den Sechzigern in Karlsruhe geboren und Mutter von drei Kindern, sitzt schon seit ihrem 10. Lebensjahr im Sattel. Neben ihrem Hauptberuf als Redakteurin bildet die Autorin Pferde und Menschen einfühlsam aus (Pferdeflüstern). Sie schreibt und illustriert seit 1998 Romane und Sachbücher hauptsächlich rund ums Pferd.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Sinnlos

»Warum kommst du nicht mit?«, quengelte Vanessa abermals, während sie das seidige Fell ihrer dunkelbraunen Stute striegelte.
   »Jetzt nerv mich doch nicht die ganze Zeit!« Ich pfefferte den Hufkratzer in die Putzkiste. Die Pferde zuckten zusammen. Staub vermischt mit Pferdehaaren wirbelte daraus hervor. Eigentlich wollte ich brennend gern mitfahren. Schon allein der Gedanke, eine Woche Ruhe vor Karl, meinem aufdringlichen Stiefvater, und vor meinen drei jüngeren Geschwistern zu haben und mich vor der Hausarbeit zu drücken, klang richtig cool. Davon mal abgesehen, dass ich noch nie im Leben verreist war und dies mit Vanessa zu tun mich voll reizte.
   »Hast du überhaupt schon gefragt?«
   »Ja, meine Mutter, aber die hat nichts zu sagen. Ich muss das mit Karl ausmachen.«
   »Na also, dann frage ihn doch einfach.«
   … einfach. Vanessa dachte wohl, Karl wäre einfach, war er aber ganz und gar nicht. In letzter Zeit wurde er mir immer unheimlicher durch seine schmierigen Annäherungsversuche.
   Vanessa starrte mich immer noch herausfordernd an.
   Ich wich ihrem Blick aus. »Ja, mal schaun.«
   Zum Glück ließ sie mich nun in Ruhe.

»Und, hast du endlich gefragt?«, fing sie am nächsten Tag wieder damit an.
   Ich zuckte mit den Schultern. Blut schoss mir in den Kopf.
   »Also nicht. So schwer kann das doch nicht sein, jetzt reiß dich mal zusammen! Du willst wohl gar nicht mit.«
   »Was weißt du schon.« Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. »Pia, bitte. Bestimmt bekommst du nie mehr im Leben die Chance, in einem echten Schloss zu wohnen und dich bedienen zu lassen … und Pferde und Kutschen haben die bestimmt auch … Soll ich mal mit deinem Stiefvater reden?«
   »Mit dem kann man nicht reden.«
   »Aber irgendwie muss es doch möglich sein, ihn umzustimmen. Lass dir was einfallen! Ohne dich will ich auch nicht fliegen.«
   Wie konnte man nur so hartnäckig sein? Gequält sah ich in ihr fein geschnittenes Gesicht. Diesen trotzigen Ausdruck kannte ich nur zu gut. Er hieß: Ich gebe erst Ruhe, wenn du tust, was ich will. Gewohnt, ihren Willen durchzusetzen, denn ihr lieber Dad erfüllte ihr jeden Wunsch. Sogar mich behandelte er höflich und nett. Er war nun mal ihr richtiger Vater … Meiner hatte sich, als ich vier war, aus dem Staub gemacht und im Süden eine neue Familie gegründet.
   »Du kennst ihn doch …« Zu Hause mussten alle nach Karls Pfeife tanzen, sonst gabs Ärger.
   »Versuchs doch wenigstens … bitte, mir zuliebe. Du bist schließlich meine beste Freundin. Ich möchte niemand anderes mitnehmen.«
   Ich stöhnte und versprach es mit einem flauen Gefühl im Magen.

Als Karl am Abend in ausgebeulter Sporthose und T-Shirt auf der Couch lümmelte und Bier trank, setzte ich mich im Schlafanzug neben ihn auf die Armlehne. Zwei leere Flaschen standen schon auf dem niedrigen Couchtisch. Meine Geschwister schliefen und Mutter nähte in der Küche am anderen Ende der Wohnung. Ich spielte mit den Fransen der Decke, die den abgeschabten Couchstoff verdeckte, und blickte starr in den Fernseher, ohne Details wahrzunehmen. Meine Zunge klebte am trockenen Gaumen.
   »Karl?«
   Mein Stiefvater legte mir, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, seine Hand auf den Oberschenkel.
   Die Berührung jagte mir einen eisigen Schauder über den Rücken.
   »Was gibts?«
   Tief atmete ich ein. »Vanessas Großtante hat sie in den Ferien nach Schottland eingeladen.«
   »Und?« Er fasste sich mit der anderen Hand in den Hosenbund und kratzte sich zwischen den Beinen. Die dunklen Körperhaare stachen vom Weiß seiner Haut hervor. Ein fischig-herber Geruch drang zu mir. Ich wandte das Gesicht ab. »Ich dürft mit. Ihr Vater würd mir den Flug bezahlen und seine Tante den Rest.« Gespannt hielt ich die Luft an.
   Er nahm die Hand aus der Hose, griff nach der Bierflasche, und trank einen tiefen Schluck. Schweigend konzentrierte er sich auf das Fußballspiel.
   Obwohl seine Miene finster aussah, bemühte ich mich weiter. »Vanessas Mutter bringt uns zum Flughafen und ein echter Diener holt uns in Schottland ab.«
   »… ein echter Diener«, echote er.
   Endlose Minuten verstrichen. Ich nestelte an den Fransen herum. In meinen Handflächen bildete sich kalter Schweiß. »Karl … bitte. Ich war noch nie im Leben weg und es kostet uns doch keinen Cent.«
   »Anscheinend ist es dir wichtig.«
   Ich nickte heftig. Ein klitzekleiner Funken Hoffnung keimte in mir auf. »Ja, sogar mega.«
   Er ließ streichelnd seine Hand meinen Schenkel hinaufwandern.
   Mir stockte der Atem. Ich rückte so weit nach hinten wie möglich.
   »Du bist kein Kind mehr mit vierzehn. Schau dich an, deine Titten wachsen.« Anzüglich grinste er, schob meine langen, schwarzen Locken zur Seite und streichelte meine Brüste.
   Das Blut rauschte in meinen Ohren. Mein Puls raste.
   Bitte Mama, komm ins Wohnzimmer. Bitte komm doch …
   Noch nie hatte er es so weit getrieben.
   Karl beugte sich zu mir.
   Zitternd nahm ich seine Bierfahne wahr und seine kalten grauen Augen, die rote Äderchen durchzogen.
   »Beweis mir, wie wichtig es dir ist«, flüsterte er mit lüsternem Blick.
   Übelkeit überfiel mich. Ich sprang auf und stürmte in mein Zimmer. Dort warf ich mich aufs Bett und schlug auf das Kissen ein, bis mich die Kraft verließ.
   Was sollte ich morgen nur Vanessa sagen? Womöglich nahm sie dann stocksauer doch Steffi mit. Ich weinte bitterlich.

Als Mutsch mich für die Schule weckte, quälte mich starkes Kopf- und Bauchweh. Sie empfahl mir, im Bett zu bleiben. Nichts tat ich lieber, so kam mir Karl nicht unter die Augen und Vanessa nervte mich nicht mit ihren Vorwürfen.
   In den folgenden Stunden nahm ich weder das Telefon ab, noch öffnete ich die Haustür. Ich wollte nichts sehen und nichts hören. Stattdessen wälzte ich mich im Bett von einer Seite zur anderen, kaute meine Nägel ab, weinte, schrie oder schlug ins Kissen.
   Erschöpft, zermürbt, mit blutigen Nagelbetten beschloss ich am Abend, doch noch einmal mit ihm zu reden und ihn zu bitten – anzuflehen, wenn es sein musste.

Als die Kleinen schliefen, zog Mutsch die Tür hinter sich zu, um zu ihrer Putzstelle zu fahren. Mit klopfendem Herzen schlich ich vor die Wohnzimmertür. Die stand einen Spaltbreit auf. Ich lugte hinein. Mir bot sich dasselbe Bild wie am Vortag. Unentschlossen stand ich im Türrahmen. Die Angst schnürte mir den Hals zu. Voll Abscheu starrte ich ihn an. Deutlich nahm ich seine beginnende Glatze und seinen Bierbauch wahr. Übelkeit stieg in mir hoch. Ich presste die Hand auf meinen Bauch und beugte mich ein wenig nach vorn. Die Tür quietschte. Ich zuckte zusammen.
   Selbstgefällig grinste er. »Pia? Komm doch her. Setz dich zu mir«, forderte er mich überfreundlich auf und klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die Couch.
   Ich zögerte. Hin- und hergerissen stand ich wie angewurzelt da.
   »Gehts dir wieder besser?«
   Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht und mich in meinem Zimmer verbarrikadiert, nur der Gedanke an Vanessas Vorwürfe hielt mich zurück. Tief sog ich den Atem ein, nahm meinen ganzen Mut zusammen, und trat ein. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen. Mit wachsweichen Knien ließ ich mich auf das Sofa sinken. Angst und Ekel schnürten mir den Hals zu. Gebannt starrte ich auf den Bildschirm und legte mir überzeugende Worte zurecht.
   »Karl, bitte lass mich doch mit Vanessa nach Schottland gehn.« Ich knetete meine zitternden Finger so fest, dass sie schmerzten.
   Er ließ sich Zeit mit der Antwort. – Mutsch kam ja erst in drei Stunden wieder heim.
   »Bitte … bitte, Karl.«
   »Ich überlegs mir noch.«
   Der wollte mich doch nur weichkochen. »Warum darf ich nicht?«, fragte ich erzwungen sachlich und unterdrückte das Bedürfnis, ihn anzuschreien.
   Er bot mir sein Bier an. »Hier trink, das beruhigt.«
   Um ihn bei Laune zu halten, trank ich einen kleinen Schluck. Er deutete mir an, mehr zu trinken.
   Mit Widerwillen trank ich. Der Alkohol wärmte und entspannte mich. »Ich könnte samstags dein Auto waschen«, presste ich zwischen den Zähnen hervor, »damit ich mit darf.« Tränen brannten in meinen Augen.
   Er schwieg.
   »… oder dir jeden Abend dein Bier aus dem Keller holen.«
   Karl flößte mir weiteren Alkohol ein, stellte die Flasche weg und legte seinen muskulösen Arm, den mehrere Tattoos zierten, um meine Schultern.
   Mein Körper bebte.
   »Du brauchst nur ein bisschen nett zu sein, das reicht mir schon«, sagte er weich und streichelte meinen Bauch.
   Ich erstarrte. »Bitte nicht.« Ich versuchte aufzuspringen, aber sein Arm hielt mich wie ein Schraubstock unten.
   »Lass mich!« Ich schlug mit den Fäusten nach ihm.
   Er presste seine gelb verfärbten Finger fest auf meinen Mund. »Sei still, ich tu dir nicht weh, das verspreche ich dir.«
   Panisch starrte ich ihn an. Seine Finger stanken nach Zigaretten.
   Er ließ nicht locker und ich sank in mich zusammen.
   Was für eine Wahl blieb mir denn? Noch nie im Leben hatte ich mich so hilflos und von Angst gelähmt gefühlt.
   Als hätte er meine Resignation gespürt, nahm er langsam die Hand von meinen Lippen, schob sie unter mein Schlafanzugoberteil und legte sie auf meine Brust.
   Steif saß ich da. Mein Herz drohte, zu zerspringen. Tränen rannen über meine Wangen und tropften auf den pinkfarbenen Flanellstoff. Mit dem Kniff in meine Brustwarze zog sich mein Bewusstsein ins Innerste zurück, geschützt wie hinter eine Nebelwand.
   Nur noch gedämpft spürte ich, wie er meine Hand mit seiner umschloss und in seine Hose führte. Er bewegte sie auf und ab. Verhaltenes Stöhnen drang aus seinen geschlossenen Lippen.
   Nichts regte sich in mir. Wie eine Marionette ließ ich meine Hand quälende Minuten lang von ihm immer schneller bewegen, bis er endlich zuckend und stöhnend zum Ende kam.
   »Du kannst jetzt gehn«, sagte er mit belegter Stimme, während er aufstand und sich suchend umsah. »Und wehe, du sagst irgendjemand ein Sterbenswörtchen, dann werd ich dir wirklich wehtun.« Seine Augen verengten sich drohend.
   Wie in Trance erhob ich mich, schloss mich ins Bad ein und wusch mir lang unter heißem Wasser die Hände.
   Der aufsteigende Dampf legte sich auf meine Arme und mein Gesicht, bis sie glänzten.
   Im Bett zog ich beschämt die Decke über den Kopf und schüttelte mich vor Weinkrämpfen. Am liebsten wäre ich eingeschlafen und nie mehr aufgewacht, so schlecht fühlte ich mich.

Mit brennenden Augen, zugeschwollenem Hals und einem Geschmack im Mund, als würde ein Tier darin verwesen, erwachte ich. Trotzdem zwang ich mich zum Aufstehen, da ich Vanessa die gute Nachricht unbedingt gleich erzählen wollte. Der Gedanke, Karl zu begegnen, ließ Panik in mir aufsteigen.
   In der Küche traf ich auf ihn. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Durch häufiges Schlucken gelang es mir, den Brechreiz zu unterdrücken. Rasch ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und starrte auf den Tisch. Über die bunten Farben der Plastikdecke hatte sich ein grauer Schleier gelegt. Mein Körper fühlte sich fremd und unvollständig an. So, als wäre ein Teil davon zerbrochen, abgestorben, vergiftet …
   Als ich seinen Blick auf mir spürte, begann mein Herz zu rasen, das Blut schoss mir vor Scham und Ekel heiß in den Kopf.
   »Ich ess heut nichts, mir gehts noch nicht gut«, erklärte ich Mutsch, die Eier briet, sprang auf und verließ fluchtartig die Wohnung.
   Je weiter ich mich entfernte, desto mehr beruhigte ich mich. Ich dachte an Vanessa und wie sie sich freuen würde.
   Schon von Weitem sah ich ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt am Feldweg stehen. Wie meistens trug sie ihre schulterlangen weißblonden Haare zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden. Allein durch ihren Anblick besserte sich mein Zustand ein wenig.
   »Na, ist mein Dad nicht mega-cool?«, fragte sie sogleich strahlend.
   Ich verstand nicht und hakte nach. Noch ehe sie antwortete, beschlich mich eine schreckliche Vorahnung. Meine Beine wurden butterweich.
   »Hat dir dein Stiefvater gestern etwa nicht gesagt, dass du mitdarfst? Dad hat es tatsächlich geschafft, ihn zu überreden. Er ist doch echt krass, findest du nicht?«
   Eine Welle, heiß wie Lava, durchströmte mich. Gedemütigt bis auf den Grund der Seele, sank ich auf die Knie, würgte und erbrach mich mehrere Male.
   »O Gott Pia, was ist denn los?«
   Ich wischte mir den Mund am Ärmel ab, rutschte zur Seite und vergrub das Gesicht in den Händen. Mein Körper bebte wie im Schüttelfrost. Von tiefstem Herzen und voll Hass wünschte ich Karl den Tod an den Hals.
   Vanessa kniete sich neben mich, legte den Arm um meine Schultern und streichelte mich ohne Unterlass. Nun schossen mir die Tränen aus den Augen.
   »Was hast du denn?«, fragte sie weich.
   »Mir gehts seit vorgestern echt beschissen«, erklärte ich durch meine tränennassen Finger.
   »Warst du deshalb gestern nicht in der Schule?« Vanessa reichte mir ein Taschentuch. Ich nickte und schnäuzte mir die Nase, ohne sie anzusehen.
   »Ich habe ein paar Mal versucht, dich anzurufen … Bestimmt gehts dir nächste Woche wieder gut, wenn wir fliegen, mach dir mal keine Sorgen.«
   Vanessas Zärtlichkeit wirkte wie Balsam auf meine frischen Wunden und allmählich beruhigte ich mich.

Cumshire Castle

»O nein! Tut mir echt leid, Pia.«
   Der erste Blick, als wir nach stundenlanger Fahrt durch eine hüglige grüne Landschaft um
   eine enge Kurve fuhren, fiel auf ein düsteres, riesiges Gebäude. Wie gebannt blickte ich auf das graue Gemäuer, dessen Putz abblätterte, und die hohen Fenster, die mich ausdruckslos anstarrten.
   Sollte diese Bruchbude unser Traumschloss sein, auf das wir uns schon tagelang gefreut hatten?
   Vanessa warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Ich durfte gar nicht daran denken, was ich für diese Reise alles auf mich genommen hatte, sonst stiegen mir sofort wieder Tränen in die Augen …
   Aber wenigstens hatte ich nun eine Woche Ruhe vor Karl.
   »Wir sind da«, sagte der weißhaarige Fahrer, der sich als Adam vorgestellt hatte, müde auf Englisch und öffnete uns die Autotür. Wir ergriffen unsere Rucksäcke und stiegen steifbeinig aus. Während der alte Mann die Koffer aus dem Kofferraum hievte, sah ich mich befremdet um. Auf dem steinbefestigten Vorplatz befand sich kein weiteres Auto, kein Busch oder Baum zierte die unkrautüberwucherte Einfahrt. Die feuchte Kälte drang augenblicklich durch meine Sweatjacke, und ich zog sie eng um mich. Ich hoffte von ganzem Herzen, dass es innen märchenhaft aussah und dass Vanessas Großtante nett zu mir war. Meine Nerven vertrugen nicht noch eine Enttäuschung.
   Als wir die schlecht beleuchtete, kalte Eingangshalle betraten, lief mir ein Schauder über den Rücken. Ein unheimlicher, fast schon grusliger Ort, Lichtjahre entfernt von märchenhaft. In diesem Augenblick erklang der tiefe Gong einer klobigen Wanduhr. Ich zuckte zusammen.
   Adam stellte unser Gepäck auf den schwarzen Steinboden und nahm uns die Jacken ab. Nun fröstelte ich noch mehr, aber ich zitterte auch vor Aufregung. Etwas Beunruhigendes lag hier in der Luft.
   Vor einer verzierten Holztür blieb der Bedienstete stehen.
   Vanessa griff nach meiner eiskalten Hand und drückte sie.
   Ich zog betont die Mundwinkel nach oben.
   Sie warf mir abermals einen entschuldigenden Blick zu.
   Ich gab ihr keine Schuld, sie hatte das ja nicht ahnen können.
   Adam klopfte und drückte die weit oben angesetzte Türklinke nach unten. Zögernd betraten wir einen geräumigen Saal, in dem sogar die wuchtigen Möbel zierlich wirkten.
   Ich staunte nicht schlecht, als ich die vielen Gemälde mit den verschnörkelten Goldrahmen und die seidig glänzenden Teppiche erblickte, voll krass. Ein niedriges Feuer loderte im Kamin.
   Adam ging schweren Schrittes in den hinteren Teil des Saales und meldete uns an.
   Erst in diesem Moment nahm ich in einem der Ohrensessel am Kamin eine Person wahr, die dort saß und las. Raschelnd legte die Schlossherrin die Zeitung zur Seite und kam auf uns zu. Ihre stocksteife Haltung und die düstere Ausstrahlung schüchterten mich ein.
   Ich starrte sie an. Ihr blasses Gesicht umrahmten glatte graue Haare, die sie als Bob trug. Obwohl sie ohne Schmuck und ungeschminkt vor uns stand, ahnte ich, dass sie vor langer Zeit, echt bombe ausgesehen haben musste. Das hellgraue eng anliegende Kostüm betonte ihre megaschlanke Figur. Ihren flachen Busen sah man kaum. Ich schätzte sie auf Ende sechzig.
   »Willkommen auf Cumshire Castle«, begrüßte uns Tante Agathe auf Deutsch mit leichtem Akzent. Ihr graublauer Blick ruhte auf Vanessas Gesicht.
   »Du bist sehr hübsch und siehst deinem Vater ausgesprochen ähnlich«, stellte sie fest und hielt uns nacheinander ihre schmale Hand hin.
   Das stimmte. Vanessas Dad sah richtig krass aus für sein Alter und roch auch immer voll gut. Er war Halbschotte, seine Mutter, Vanessas Oma, Schottin. Vanessa wurde zweisprachig erzogen und sprach perfekt Englisch.
   »Ich soll herzliche Grüße von Mum und Dad ausrichten und mich noch einmal für die Einladung bedanken.«
   Ich schloss mich brav dem Dank an. Tante Agathe lächelte gezwungen. Ihre Mundwinkel hoben sich zwar, aber ihre Augen blieben traurig. Sie bot uns Platz an und schob eine Glasschüssel mit Goldrand, gefüllt mit dick gezuckertem Gebäck, in unsere Richtung.
   »Welche Schule besuchst du?«, erkundigte sie sich bei Vanessa.
   »Das Gymnasium.«
   »Du wirst sicher deine Eltern nicht enttäuschen und Jura studieren, wie dein Vater und Großvater.«
   Vanessa zuckte mit den Schultern. »Mal sehen, ich weiß es noch nicht genau.«
   Vanessa zählte zu den besten Schülern unserer Klasse. Ich leider nicht, um jede gute Note musste ich hart kämpfen und viel büffeln. Außer in Deutsch, da stand ich auf einer glatten Eins und somit besser als sie. Ab und zu lernten wir auch zusammen, wenn Vanessa keinen Reit- oder Fechtunterricht hatte. Ich wollte auf keinen Fall sitzen bleiben und die Nähe meiner besten und einzigen Freundin verlieren.
   Unsere Freundschaft hatte in der fünften Klasse begonnen, als Vanessa nach dem Klingeln angehetzt kam und schon alle Plätze besetzt waren, außer dem neben mir. Ich ließ sie großzügig in Deutsch abschreiben. Dafür nahm sie mich mit zu ihren Pferden. Für mich erfüllte sich ein unerreichbarer Traum, da wir nicht viel Geld besaßen. Karl fuhr LKW und Mutsch nähte und putzte für andere. Und weil ich besonders liebevoll mit den Tieren umging, gab sie mir Reitunterricht. So hatte sich eine enge Freundschaft zwischen uns entwickelt, obwohl, oder gerade, weil wir so unterschiedlich waren.
   »Du hast ja noch Zeit. Wie alt bist du?«, fragte Tante Agathe.
   »Ich werde in einem halben Jahr fünfzehn.«
   Es klopfte und ein molliges Mädchen um die zwanzig brachte ein Tablett mit Essen. Sie stellte es ab, deckte den Esstisch und füllte die Teller. Ich ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Erstens sah sie echt nett aus und zweitens brachte sie uns Essen. Als ich die dampfende Suppe und den großen Laib Brot erblickte und kurz darauf ein unbeschreiblich leckerer Duft zu mir drang, lief mir das Wasser im Mund zusammen, und mein Magen knurrte lautstark.
   »Danke, Abbie.« Das Mädchen hatte ihr mahagonifarbenes Haar zu einem straffen Dutt gebunden. Über ihrem schwarzen, knielangen Kleid trug es eine weiße Spitzenschürze.
   Abbie verließ den Raum, den Blick auf den Boden geheftet.
   Wir setzten uns an die lange Tafel, an der gut zwei Dutzend Leute Platz gehabt hätten.
   Genüsslich löffelte ich die Hühnersuppe mit Lauch und aß dazu eine dicke Scheibe warmes Brot.
   Nachdem ich meinen zweiten Teller geleert hatte, lehnte ich mich im Stuhl zurück und strich über meinen runden Bauch. »Das tat gut. Lang hätte ichs nicht mehr ausgehalten.«
   Vanessa warf mir einen ermahnenden Blick zu.
   »Ich nehme an, ihr seid müde und wollt euch frisch machen und ausruhen. Morgen früh um neun gibt es Breakfast. Bitte bleibt so lang auf dem Zimmer.« Sie zog zweimal am Klingelzug und kurz darauf erschien ein erschöpft wirkender Adam. Der dunkle Anzug schlackerte um seinen hageren Körper. Der uralte Mann zwinkerte in rascher Folge. Seine eingefallenen Augen durchzogen Äderchen, wie rote Flüsse eine Landkarte. Die Lider umrahmten kurze, schneeweiße Wimpern.
   Flüsternd folgten wir ihm. Die Spannung erhöhte meinen Puls. Adam schleppte sich die breite Marmortreppe ins obere Stockwerk hinauf. Keuchend schlurfte er einen langen Gang entlang, der mit weiteren Gemälden bestückt war. In gleichmäßigen Abständen standen Ritterrüstungen an der Wand. Fasziniert betrachtete ich diese. So eine könnte ich echt gut zu Hause gebrauchen …
   Wir betraten unser Zimmer.
   »Wow, was für ein cooles Bett«, ich strich über den glänzenden Seidenbezug, »mit fettem Goldrahmen und Himmel. Hauchdünner Stoff bis auf den Boden, wie bei einer Prinzessin.«
   »Voll krass. Ich freue mich, dass es dir gefällt.«
   Rechts stand ein verschnörkelter Holzschrank, links die dazu passende Waschkommode mit Spiegel. Außerdem ein Tisch und zwei Stühle mit hohen Lehnen, die auf einem rot-weiß gemusterten Fransenteppich standen. Im Kamin prasselte ein niedriges Feuer. Es hätte ehrlich schlimmer kommen können. Kaum allein ließ ich mich auf das Doppelbett fallen. Vanessa ging ans Fenster und blickte hinaus.
   »Komm doch mal her. … Pia!«
   Ich stöhnte, da ich fast schon schlief, quälte mich aus dem bequemen Himmelbett und stellte mich vor sie.
   Das Zimmer lag auf der Rückseite des Castles. Ich ließ meinen Blick über die beeindruckende Hügellandschaft, hinter der gerade die Sonne versank, und den Park schweifen.
   »Stimmt, der verwilderte Garten hat was und der Teich mit dem kohlrabenschwarzen Wasser auch … und die wuchernden Büsche, an denen keiner die vertrockneten Blüten abgeschnitten hat, sehen auch echt urig aus.«
   Vanessa schlang ihre Arme um meine füllige Taille und blickte mir über die Schulter. Ihre festen Brüste drückten sich in meinen Rücken. Eine warme Welle durchströmte mich. Ich zog ihre Arme noch enger um mich und legte meine Wange an ihre. Vanessas Zärtlichkeit liebte ich.
   »Hier muss es vor langer Zeit sehr schön gewesen sein. Stell dir vor, Dads Tante war erst dreiundzwanzig, als sie den adligen Marquess Malcolm of Cumshire heiratete. Deshalb spricht sie Deutsch mit Akzent.«
   »Aber wir sind jetzt hier, und ich konnte noch nicht viel Schönes feststellen … Okay, die Suppe, die schmeckte echt gut … und das Bett ist auch richtig geil.«
   Vanessa löste die Umarmung und strich meine Locken nach hinten. »Du hast so krasse Haare, ich wäre froh, wenn ich so viele und so lange hätte«, schmeichelte sie und massierte meine Schultern. »Meine sind so fein und gerade wie Spaghetti.«
   »Stimmt, die Farbe und Länge haben sie auch.«
   Vanessa knetete mich nun so fest, dass es wehtat.
   »Aua, okay, du hast voll die geilen Haare. Ehrlich, ich wär auch gern so blond wie du.«
   Sie lachte. »Ich verspreche dir, wir werden das Coolste aus unserm Urlaub machen. Du wirst sehen, morgen bei Sonnenschein sieht alles schon viel besser aus.«
   Mit geschlossenen Augen genoss ich. Vanessa gelang es immer, mich zu beruhigen. »Doch, ich finds total schön, dass wir zwei zusammen hier sind.«
   Plötzlich hielt sie inne.
   »Nein, mach doch weiter, das tut so gut.«
   »Ich muss dringend zu Hause anrufen, das hätte ich jetzt fast verpeilt.« Sie griff nach ihrem Rucksack und wühlte darin herum, bis sie ihr Smartphone fand.
   »Mist, kein Empfang. Was machen wir jetzt?«
   »Vielleicht gibts unten ein Telefon.«
   »Meine Tante hat ausdrücklich gesagt, wir sollen bis morgen früh auf dem Zimmer bleiben. … Aber Mum und Dad warten sicher schon sehnsüchtig. Wollen wir es wagen?«
   »Ich weiß nicht recht.« Mit Grauen dachte ich an blutsaugende Vampire und herumspukende Geister.
   »Okay, wir wagen es.« Vanessas tiefblaue Augen sprühten vor Abenteuerlust.
   »Wir dürfen uns bloß nicht erwischen lassen.« Ich nagte am Rest meines Mittelfingernagels.
   Vanessa öffnete die schwere Holztür, sah sich um und schlüpfte hinaus. Mit einem mulmigen Gefühl blieb ich im Türrahmen stehen und hielt Vanessa am Arm fest. Sie zog mich mit sich auf den fast dunklen Gang. Mein Puls erhöhte sich mit jedem Schritt. Es roch nach altem Gebälk, Bohnerwachs und Petroleum.
   Eng an die Wand gedrückt, schlichen wir den Flur entlang. Die Rüstungen wirkten nun trotz ihrer Leblosigkeit bedrohlich, und ich bereute meinen lauten Gedanken. Halt suchend griff ich nach Vanessas Pulli. Vor dem Treppenabsatz verharrten wir lauschend. Mein Herz schlug bis zum Hals. Die breite Marmortreppe schimmerte im dämmrigen Licht. Ich drehte mich blitzschnell um und zuckte zusammen. »Ich glaub, da kommt jemand.«
   Vanessa ergriff meine Hand. Ich strauchelte auf der Treppe und fiel fast hin, aber sie fing mich auf und wir trippelten weiter.
   Unten angelangt hörten wir Stimmen aus den Wirtschaftsräumen auf uns zukommen. Hektisch sah ich mich nach einem Versteck um.
   Vanessa zerrte mich unter die Treppe.
   Mit rasendem Herzen ging ich in die Hocke und lauschte. Ich bewunderte Vanessa, die einen voll coolen Eindruck machte, übermütig grinste, und schließlich aus dem Versteck lugte. »Das eine war sicher Holly, die Köchin«, raunte sie mir zu.
   »Und von oben? Kommt da jemand?«
   »Ich hör nichts, bestimmt hast du nur einen Geist gesehen.«
   Wusst ichs doch …
   Als die Frauen das Castle verlassen hatten, krochen wir achtsam aus unserem Versteck.
   Wir standen in der mit Petroleumlampen schwach beleuchteten Eingangshalle und drehten uns um die eigene Achse.
   »Und? Siehst du irgendwo ein Telefon?«, fragte ich leise.
   »Nein, nirgends. Was machen wir jetzt?«
   »Lass uns schnell wieder hochgehn.«
   »Vielleicht habe ich draußen Empfang. Die dicken Mauern lassen wahrscheinlich nichts durch.« Vanessa huschte zur Eingangstür, öffnete diese einen Spaltbreit und spähte hinaus. »Ist schon stockdunkel.«
   »Wir bräuchten eine Taschenlampe oder ein Feuerzeug.«
   »… oder eine Kerze … Hey, ich habs, ich leuchte mit meinem Smartphone.«
   »Super Idee. Also nichts wie raus.« Ich schob sie durch die Tür. Nach ein paar Schritten ließ uns ein hartes Klicken herumfahren. Wir hechteten zur Tür zurück, aber die war fest zugeschnappt.
   »Nein, lass es nicht wahr sein«, bat ich aus tiefstem Herzen, drehte am runden Türgriff und rüttelte kräftig, aber die Tür ließ sich nicht öffnen.
   »So ein Mist.« Aufmerksam blickte Vanessa sich um. »Holly und Abbie sind weg, aber Adam und Tante Agathe müssten ja da sein. Vielleicht sitzt sie noch unten und liest.« Sie leuchtete um die Tür herum. »Hier muss es doch irgendwo eine Klingel geben.«
   »Jetzt prüf doch erst mal den Empfang.« Die feuchte Kälte kroch unaufhaltsam durch meine dünnen Klamotten.
   Sie starrte auf ihr Smartphone. »Müsste klappen, der Balken sieht gut aus.« Erleichtert ließ sie sich auf die unterste Stufe vor der Eingangstür plumpsen.
   Kurz darauf erzählte sie mit liebevoller Stimme ihrem Dad von seiner Tante, dem uralten Adam und dem beeindruckenden Schloss. Sie erwähnte nicht, dass wir uns vor diesem befanden, es unheimlich und bitterkalt war, und wir nicht mehr reinkamen. Nebenbei erkundigte sie sich, ob seine Tante ein Telefon besaß. Ihr Gesicht verdunkelte sich.
   Bei uns herrschte ein anderer Ton. Wir litten alle unter Karls aggressivem und aufbrausendem Verhalten. Mutschs blaue Flecken bedurften keiner Erklärung. Gestresst von ihrer vielen Arbeit und den Kleinen nahm sie sich nie Zeit für mich und meine Probleme. Deshalb klammerte ich mich an Vanessa und ihre Familie, die liebevoll und respektvoll miteinander umgingen.
   Vanessa beendete das Gespräch. »Die hat nicht mal ein Telefon, sonst könnten wir sie anklingeln.«
   »Ich versuchs mal mit dem Band, das da hängt.« Ich zog daran. »Hab nichts gehört, du?« Ich zog noch einmal fester. Plötzlich riss das poröse Seil und ich hielt das Ende in der Faust.
   »Das gibts doch nicht, oder?« Vanessa rieb ihre Hände aneinander. »Das Schloss ist verhext.«
   »Sieht echt danach aus.«
   Vanessa hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. Aber die massive Eichentür schluckte den Schall wie ein hungriges Tier.
   »Wenn wir nicht durch die Tür reinkommen, steigen wir halt durch ein Fenster. Wir laufen jetzt um den bescheuerten Kasten und kontrollieren, ob sich eins öffnen lässt.«
   »Wenn es nur nicht so eisig wäre, das ist ja schrecklich.« Vanessa leuchtete uns den Weg an den dunklen Fenstern entlang.
   »Arschkalt.« Ich bibberte. »Komm, ich mach dir Räuberleiter.«
   Sie stieg geschmeidig auf meine gefalteten Hände und versuchte, ein Fenster nach dem anderen aufzudrücken. Keines ließ sich öffnen, aber wenigstens fror ich nicht mehr.
   »Aua, pass auf, da steht was, ich habe mir voll das Schienbein angehauen«, wimmerte sie und humpelte um die nächste Ecke zur Rückseite des Gebäudes.
   »Hey schau, da ist eins beleuchtet. Klopf mal«, forderte ich sie auf und hielt ihr die Hände hin.
   Sie pochte gegen die dicke Glasscheibe. Nichts geschah. Während wir uns weitertasteten, fluchte ich leise. Wie konnten wir nur so hirnblind sein.
   Die Feuchtigkeit durchdrang meine Kleidung inzwischen vollständig und meine klammen Finger und Füße schmerzten. Vanessa leuchtete bang in den undurchsichtigen Nebel. Das Bild erschien uns überall gleich, egal, in welche Richtung sie sich drehte.
   Nun wurde mir unsere aussichtslose Lage erst richtig bewusst. Nagende Angst packte mich mit eiserner Faust.
   Was sollten wir nur tun? Bis zum Morgen wären wir todsicher erfroren. Tränen stiegen mir in die Augen. Zitternd blickte ich zu den Fenstern im oberen Stockwerk. Meine Zähne schlugen unkontrolliert aufeinander. »Schau mal, da oben ist auch Licht.« Ich bückte mich und tastete nach am Boden liegenden Steinchen.
   »Pst, sei mal still«, flüsterte Vanessa. »Ich hör was.«
   Sie drückte mich an die Wand. Ich starrte in die Richtung, aus der ich das Geräusch hörte. Mein Puls raste. Fest presste ich die Kiefer aufeinander. Etwas kam auf uns zu. Das Knirschen wurde rasch lauter. Furcht kroch mir den Nacken hoch. Ich bebte und wagte kaum noch, zu atmen. Wir standen da wie Kaninchen in der Falle. Ich erblickte den Lichtkegel einer Petroleumlampe. Wenigstens handelte es sich um kein wildes Tier auf Beutegang. Krampfhaft überlegte ich, was wir tun sollten, als ich schmerzhaftes Stöhnen vernahm. Das Licht erlosch. Ich hörte Adam fluchen und zog Vanessa hinter mir her. »Schnell, Adam ist uns auf den Fersen.« Panisch tasteten wir uns in die entgegengesetzte Richtung. So schnell die Dunkelheit es zuließ, eilten wir um die Ecken und auf den Eingang zu, der erleuchtet vor uns lag.
   Wir huschten hinein, spurteten die Stufen hinauf und schlichen den Gang entlang.
   »Weißt du noch, welches unser Zimmer ist?«, flüsterte Vanessa gerade, als sich am Ende des Flurs eine Tür öffnete. Mit einem Hechtsprung landeten wir hinter einer Rüstung. Ich betete, nicht doch noch erwischt zu werden.
   Tante Agathe trat heraus. Ihre harten Schritte hallten uns entgegen. Fest an den Händen haltend, kauerten wir in der Dunkelheit. Da die Tante starr geradeaus in Richtung Treppe blickte, entdeckte sie uns nicht. Wir hörten, wie sie Adam herrisch Befehle erteilte und die Eingangstür zweimal abgeschlossen wurde. Sogleich nutzten wir die Gelegenheit und stürmten zu der Tür, hinter der wir unser Zimmer vermuteten. Zum Glück irrten wir uns nicht und schlüpften hinein.
   »Puh, das war voll knapp.« Ich warf mich aufs Bett und fixierte Vanessa. Ihre Augen glänzten, wie bei meinen kleinen Geschwistern an Heiligabend, und ihre Wangen leuchteten rot auf ihrer extrem hellen Haut. Plötzlich brach ein Lachkrampf aus ihr heraus. Sie presste die Hand auf den Mund, schmiss sich neben mich und lachte in ihr Kissen hinein. Mir saß der Schreck noch zu tief in den Knochen, um es lustig zu finden.

Die Entdeckung

Sonnenlicht weckte mich und ich schlug die Augen auf. Die erste Nacht, in der ich seit Langem einmal wieder durchgeschlafen hatte, und mich nicht schweißtreibende Albträume plagten. Wie schön, ich befand mich ja mit Vanessa im Schloss.
   Sie schlief noch tief und fest. Ihre Bettdecke lag durchwühlt neben ihr. Ich ließ einen Blick über ihren perfekten Körper gleiten. Sie war beneidenswert schön. Ihr seidenes Nachthemd war ihr bis zum Bauch hochgerutscht. Unter dem hauchdünnen Stoff zeichneten sich ihre Brüste ab.
   Ich neigte mein Gesicht tiefer, um ihre Figur genau betrachten zu können. Ihr warmer blumiger Duft drang zu mir. Vanessas Brustwarzen standen wie kleine Zylinder in die Höhe. Ob sie wohl größere Brüste hatte als ich? Ich fasste mir an meinen Busen. Mit ein wenig Abstand hielt ich nun meine gewölbte Hand über Vanessas Busen. Aber so richtig gelang mir der Vergleich nicht. Selbst wenn ihrer voller erschien, na und, ich war schließlich ein halbes Jahr jünger als sie. Mein Blick wanderte nach unten, über ihre schlanken und muskulösen Beine. Der winzige String verdeckte gerade mal ihre Muschi, die glatt rasiert durch den dünnen Stoff schimmerte. Während ich sie so intensiv betrachtete, spürte ich ein angenehmes Kribbeln. Es fühlte sich aber nicht so an wie damals, als wir mit angehaltenem Atem den buschigen Schwanz eines zahmen Eichhörnchens gestreichelt hatten, sondern eher wie ein warmer Brausestrahl, der über den Körper prasselt und schließlich zwischen den Beinen verharrt.
   Vanessa wachte auf. Mit einem Ruck lag ich auf dem Rücken.
   »Guten Morgen, na, schon ausgeschlafen?«, sagte sie mit krächzender Stimme.
   »Ja, schon eine Weile.« Rasch setzte ich mich auf, damit sie meine aufsteigende Röte nicht bemerkte.

Als wir uns angezogen hatten, klopfte es und Adam trat mit ausdruckslosem Gesicht ein. Er nickte uns zu und schürte das Feuer. Die Gelenke an seiner rechten Hand zeigten Kratzer und Schwellungen, außerdem humpelte er.
   O je, der Arme, das hatten wir echt nicht gewollt.
   Wir bedankten uns überschwänglich und folgten ihm nach unten.
   Das Frühstück verlief wortkarg. Irgendwie belastete mich mein schlechtes Gewissen, obwohl wir ja nichts Unrechtes getan hatten.
   »Was habt ihr heute vor?«, erkundigte sich Tante Agathe.
   »Wir wollen ein bisschen spazieren gehen, wenns dir recht ist«, antwortete Vanessa.
   »Fühlt euch wie zu Hause. Wenn Adam euch irgendwohin fahren soll, müsst ihr es nur sagen.«
   Wir warfen uns begeisterte Blicke zu.
   »Ihr dürft jetzt gehen. Pünktlich um dreizehn Uhr gibts Lunch.«
   »Wir können ja erst mal das Gelände um das Schloss herum unter die Lupe nehmen, das wird bestimmt spannend«, schlug Vanessa auf dem Weg nach oben vor.
   »Vielleicht finden wir ja einen Schatz.« Die Aussicht auf ein Abenteuer beflügelte mich.
   Vanessa packte ihr Smartphone, eine Packung Kekse und die Digitalkamera ein und drängte zum Aufbruch.
   Mit Freude verließ ich das düstere Schloss. Vor der Tür deutete Vanessa grinsend auf den zusammengeknoteten Klingelzug.
   Der Weg führte uns um das Castle herum. Wir entdeckten den kniehohen Blumenkübel aus verwittertem Sandstein, an dem sich Vanessa und vermutlich Adam gestoßen hatten.
   »Ich finde es schön hier«, stellte Vanessa fest, den Blick auf das dunkle Wasser vom Teich gerichtet.
   Ich verkniff mir die Antwort, wollte ja nicht undankbar sein, aber ich hatte mir ehrlich alles komplett anders vorgestellt.
   Wir schnalzten ein paar Steinchen in das moorige Wasser und schlenderten weiter in den hinteren Teil des Parks. Zum Verweilen war es zu frostig.
   Vanessa blieb hin und wieder stehen und knipste ein paar Fotos von der beeindruckenden Landschaft und dem Castle. Der Nebel verflüchtigte sich, und für einige Augenblicke lugte die Sonne zwischen dem Wolkenschleier hervor. Trotzdem blieb es ungemütlich, da ein frischer Wind wehte.
   Vanessa atmete die würzige Luft tief ein. »So schlecht ist es doch gar nicht, oder?«, vergewisserte sie sich weich.
   »Also erben wollt ich es nicht.« Ich strich meine Haare zurück, die mir wild um den Kopf flatterten.
   Vanessa, die einen Zopf trug, lachte und knipste Fotos von mir. Ich streckte die Zunge heraus und schielte. Wir marschierten weiter. Da der Weg bergab führte, kamen wir flott voran.
   In einiger Entfernung nahm ein längliches Gebäude meine Aufmerksamkeit in Beschlag.
   »Lass uns das ansehen.« Ich deutete in die Richtung des flachen Baus.
   »Vielleicht wohnt dort ja unser Dreamboy.«
   »… ein Schatz wär mir lieber.«
   Es handelte sich um ein heruntergekommenes Gebäude, mit Fenstern trüb vor Dreck, an der Außenwand bröckelte großflächig der Putz ab.
   »Sieht aus wie ein verlassener Pferdestall«, stellte Vanessa fest. Ich öffnete eine Seite der hohen Flügeltüren, deren grüner Lack teilweise abgeblättert war.
   »Hallo? Ist da jemand?«, rief Vanessa.
   Ich zögerte, hineinzugehen.
   Vanessa schob mich energisch vor sich her. Quietschend schloss sich der Flügel. Ich sprang zurück und hielt ihn fest.
   »Keine Angst, die Tür ist so schräg, die kann gar nicht ganz zugehen.«
   Gespannt betraten wir den ausgestorbenen Stall.
   Stickige Luft, die noch schwach nach Pferden, Leder und Heu roch, schlug uns entgegen. Gitterboxen reihten sich aneinander, Spinnweben hingen weit von der Decke und zwischen den Stäben herab.
   »Wie geil, ein richtiger Pferdestall. Muss mal edel gewesen sein.« Ich strich über einen der goldenen Pferdeköpfe, die sich auf jedem Boxen-Pfeiler befanden.
   »Sieh mal, lauter Pokale und Schleifen.« Vanessa zeigte auf einen Glastürenschrank. »Was für eine Schande, da könnte man immer noch was draus machen.«
   Wir schlenderten die mit Kopfsteinen gepflasterte Stallgasse entlang. Rechts befand sich eine Tür. Neugierig steckte ich den Kopf hinein.
   »Sieht aus wie eine Sattelkammer.« Wir betraten den Raum. Ich strich mit der Hand über einen dick eingestaubten Sattel, der auf einem verzierten Sattelhalter hing.
   »Es muss mal echt krass gewesen sein.«
   Vanessa nahm ihre flache Kamera aus der Jackentasche und fotografierte.
   Wir entdeckten die Futterkammer und ein Stübchen mit Tisch, Stühlen und vergilbten Fotos an den Wänden.
   Vanessa wischte den Staub von den Scheiben. Gebannt starrten wir auf einen mega gut aussehenden Jugendlichen, der auf einem stattlichen Schimmel saß, dessen Mähne ihm bis zur Schulter reichte. Mit stolzem Lächeln hielt er einen Pokal in die Höhe.
   »Wow, der ist ja voll süß. Wenn ich den ansehe, wirds mir total heiß«, schwärmte sie.
   Mir gelang es zurzeit absolut nicht, mich für Jungs zu erwärmen und wenn sie noch so schön waren.
   »Den muss ich aufnehmen, und zwar von ganz nah.«
   Die weiteren Fotos zeigten das Castle in seinen besten Jahren. Vor dem geschmackvoll angelegten Park standen prunkvolle Kutschen. Kutscher in Uniformen betreuten die auf Hochglanz geputzten Rösser.
   »Damals müsste man gelebt haben: nur Pferdekutschen, keine stinkigen Autos. In langen Seidenkleidern, mit wertvollem Schmuck, romantischen, mutigen und voll hübschen Jungs, die mit kleinen Aufmerksamkeiten ausdauernd um einen warben. Das waren halt noch Zeiten …« Ein leichtes Lächeln erhellte Vanessas Antlitz.
   Ich untersuchte die Schublade unter der Tischplatte, noch immer in der Hoffnung, etwas Wertvolles zu finden.
   »Gehen wir weiter?«
   Ich stimmte zu, so interessant fand ich die fünfundzwanzig Jahre alten Futterbestellungen und Impfeinträge nicht.
   Vor dem Gebäude erblickten wir das Toilettenhäuschen mit Herzfenster, den Misthaufen und betraten einen Geräteschuppen, in dem sich noch allerlei Werkzeuge und Gerätschaften befanden.
   »Und, was ist, willst du hierher ziehen und das alles wieder aufbauen?«, erkundigte ich mich scherzhaft.
   Vanessa ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ehrlich, ich finds krass. Man könnte da echt was draus machen.«
   Ich schirmte mit der aufgestellten Hand die Sonne ab, die wieder zwischen den Wolken hindurchstrahlte und blickte über die riesigen, hügligen Weiden, die nur noch teilweise Zäune abgrenzten. Einige der Holzpfosten lagen durchgefault und abgebrochen auf dem Boden.
   »Tante Agathes Ländereien müssen riesig sein.«
   Vanessa nickte stumm.
   »Wer das wohl alles mal erben wird?«
   Sie lächelte. »Du machst dir Gedanken … Wenn der Besitz in Deutschland wäre, könnten wir uns ja darum kümmern.«
   »Bei uns wär das alles ein Vermögen wert. Hat sie keinen Erben?«
   »Ich habe nirgends Familienfotos rumstehen sehen, aber mein Dad hat erzählt, dass er früher mit Tante Agathes Sohn gespielt hat. Sie und mein Opa waren ja Geschwister. Bei seinen Besuchen in Schottland hat Opa meine Oma kennengelernt, sie mit nach Deutschland genommen und rasch wurde mein Dad gezeu…«
   »Also, dann hat sie ja einen.«
   Vanessa nickte und blickte auf ihre Armbanduhr. »Wir müssen zurück.«
   Da es nur bergauf ging, kamen wir nicht allzu weit, bis mir die Puste ausging.
   »Was ist denn? Warum trödelst du so?«, fuhr Vanessa mich an, als ich abermals stehen blieb und atemlos meine Hand in die Seite drückte.
   »Ich hab Seitenstechen. Warum gehts nur immerzu bergauf?«
   Vanessa grinste überheblich. »Das Schloss liegt auf einer Anhöhe, falls dir das noch nicht aufgefallen ist.«
   Ich strich meine Haare hinter die Ohren. »O doch, es ist mir aufgefallen. Besonders in den vergangenen zehn Minuten, seit dieser gammlige Weg kein Ende nimmt.« Stampfend ging ich weiter. »Außerdem hab ich Kohldampf und keine Kraft mehr.«
   Vanessa kramte in ihrem Rucksack und hielt mir die Packung Kekse hin. »Da, die kannst du alle haben.«
   Schlagartig erhellte sich meine Stimmung. Wir rasteten, bis ich verschnauft und einige Kekse gegessen hatte.
   »Mit Pferden könnten wir gemütlich die Gegend auskundschaften«, stellte ich mit vollem Mund fest und beobachtete Vanessas Reaktion.
   Ihr Gesicht erstrahlte. »Super Idee. Hier gibt es bestimmt eine Menge. Wir könnten jeden Tag von morgens bis abends reiten.«
   Begeistert nickte ich. Pferde zählten zu unserer größten Leidenschaft.
   »Gleich beim Mittagessen frage ich Tante Agathe … und Adam fährt uns hin und holt uns wieder ab. Ist doch gigantisch.«
   Frisch gestärkt und voll Vorfreude kam mir der Hang nur noch halb so steil vor, und schon bald befanden wir uns am Rand des Schlossparks. Schwarze Wolken hingen tief am Himmel und stürmischer Wind riss an unseren Kleidern und Haaren. Zügig durchquerten wir den Park.
   Als wir das Schloss erreichten, fing es an zu tröpfeln. Perfektes Timing.

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