Als die elfjährige Samantha von der abenteuerlichen Zeitreise ihrer Mutter erfährt, beschließt sie, ebenfalls den Sprung durch die "Geheime Pforte" zu wagen. Gemeinsam mit ihren Freundinnen, den Zwillingen Antonia und Anica, verschwindet sie in das mittelalterliche Magdeburg. Eine geplante Hexenverbrennung stellt Samantha vor eine schwerwiegende Entscheidung, doch das ist erst der Anfang ihres ungewöhnlichen Ausflugs in die Vergangenheit. Ob es die Begegnung mit Mathilda, der Tochter der Kräuterfrau, den im Wald hausenden Gesetzlosen oder den Bergleuten ist, immer bleibt es für Samantha ein Kampf gegen den Aberglauben, die Grausamkeit und die Ungewissheit der damaligen Zeit. Sie lernt Missgunst und Niedertracht kennen, erfährt aber auch Liebe und Zuneigung. Als sie schwer krank wird, kann nur noch eine Rückkehr ins 21. Jahrhundert sie retten, doch diesen Weg hat sich Samantha verbaut ...

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ISBN: 978-9963-724-28-4

Seiten: 272

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Sabine Bürger

1946 an der Ostsee im hanseatischen Rostock geboren, blieb mein Wunsch, Gedichte und Geschichten aufzuschreiben, vorerst auf kindliche Versuche beschränkt. Mein Schulabschluss an einer POS in Rostock, meine Ausbildung zur Laborantin am Justus von Liebig Institut und meine Heirat folgten. Als Berufstätige und Mutter dreier Kinder war ich vollends ausgelastet. Mein großer Traum vom Schreiben rückte in den Hintergrund. Erst viele Jahre später brachte mich meine Liebe zu den Büchern, die bis heute meine ständigen Begleiter sind, dazu, an meine Kinder – und Jugendjahre anzuknüpfen, Eigenes aufzuschreiben. Seit 2010 schreibe ich für eine Agentur Krimis und Kurzgeschichten. Im Dezember ist mein Kinder- und Jugendbuch erschienen, dem hoffentlich viele folgen werden. Ich freue mich riesig auf die Zusammenarbeit mit einem Verlag, der meinen Vorstellungen und Wünschen total entspricht.

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Kapitel 1
Der erste Tag

»Ich heiße Samantha, komme aus Schüttdorf, bin elf, habe noch zwei Geschwister, meinen Bruder Florian Falco, der ist acht, und meine kleine Schwester Griselda Gisela, aber die zählt noch nicht, die ist noch ein Baby.« Hastig leierte Samantha ihre Vorstellung herunter und blickte ihre Klassenlehrerin erwartungsvoll an.
   »Sehr schön, Samantha«, sagte Frau Glucke, »aber deinen Familiennamen verrätst du uns bestimmt auch noch«, forderte sie Samantha freundlich auf.
   »Nein, das möchte ich nicht«, flüsterte sie kaum vernehmlich, spielte an ihren Zöpfen und blickte stur geradeaus auf die grüne Tafel.
   Heute Essensgeld bezahlen, entzifferte sie verzweifelt und sie wusste, dass ihr niemand helfen würde.
   Ja, warum auch? Jeder Mensch hatte einen Nachnamen. Einige waren prima, einige nicht. Das musste Frau Glucke doch verstehen. Wer hieß schon Glucke. Aber dafür konnte sie ebenso wenig wie Samantha.
   »Ja, aber Kind, warum denn nicht?«, fragte Frau Glucke verdattert und bewirkte, dass neunundzwanzig Augenpaare gespannt auf Samantha blickten.
   »Mein Nachname ist Marsch«, antwortete sie gepresst und lauschte angstvoll in die Stille. Als nichts geschah, wuchs eine winzige Hoffnung wie ein Blümchen in ihrem Herzen, dass es dieses Mal nicht wie sonst sein würde. Sie atmete auf, fuhr jedoch zusammen, als der blonde Junge neben ihr auf die Bank trommelte und sich lachend auf die Oberschenkel hieb. »Arsch Samantha. Marsch am Arsch«, brüllte er und alle lachten los.
   Von allen Seiten schallten ihr die bekannten Sätze entgegen.
   »Kinder, nun beruhigt euch doch, setzt euch sofort wieder hin.« Beschwichtigend streckte Frau Glucke der Klasse beide Hände entgegen, aber als das nichts nutzte, sondern Julian »Marsch, Arsch, Marsch, Arsch« singend durch die Klasse hopste, stemmte sie die Arme in die Seiten und holte tief Luft. »Fünfte Klasse! Sofort Ruhe, wer nicht sitzt, geht vor die Tür!«
   Endlich legte sich der Lärm, nur noch versprengtes Gelächter war zu hören.
   »Mann, da haben fünf Leute diesen bekloppten Namen«, gluckerte Fabian. »Und einen Babyarsch haben die auch noch zu Hause.«
   »Fabian, es reicht«, stoppte Frau Glucke Samanthas Banknachbarn. »Wir haben uns genug amüsiert und schlagen das Deutschbuch Seite fünfundzwanzig auf.« Energisch versuchte sie, den Unterricht fortzuführen.
   Samantha war das egal. Lustlos starrte sie in ihr Buch. Es war klar, dass das passieren würde. Es passierte immer.
   »Du kannst froh sein, Samantha, dass wir noch ein M im Namen haben«, witzelte ihr Paps dazu.
   Sie war aber nicht froh. Sie war mit und ohne M am Arsch.

Kapitel 2
Die Hausaufgabe

Einige Tage später saß Samantha an ihrem Schreibtisch und kaute auf ihrem Federhalter herum. Oh, wie sie diese Hausaufgabe hasste. Das würde wieder eine Katastrophe geben. Gerade hatte sich die Klasse einigermaßen beruhigt. Auch die schlimmsten Rüpel wie Fabian oder Julian ärgerten sie nicht mehr.
   Samantha seufzte. Wenn sie an den ersten Schultag dachte, an das Gelächter und die Demütigungen, denen sie ausgesetzt gewesen war, dann wollte sie diese Sätze lieber nicht schreiben. Es würde alles von vorn losgehen und darauf hatte sie absolut keinen Bock.
   Wie gut alles in Berlin gelaufen war.
   Dort waren ihre Freundinnen, ihr Zuhause, und dort hatte sie ihre Englischphase gehabt, wie Paps es genannt hatte.
   Dafür war ihre Englischlehrerin verantwortlich gewesen. Mistress Echt, die nicht Echt hieß, sondern nur echt war. Eine Engländerin mit einem unaussprechlichen Namen. Seither nannte Samantha ihre Mama Mum. Sie fand das cool und das alberne Gekicher ihres jüngeren Bruders Florian Falco störte sie nicht. Zumal er diese Anrede einige Zeit später kommentarlos kopierte.
   Wehmütig betrachtete Samantha das Bild an der Wand, von dem die ehemaligen Klassenkameraden auf sie herunterlächelten. Es war ein trauriger Abschied gewesen. Eine dicke Träne fiel auf ihr Heft und leckte die Buchstaben in einer trüben Tintentränenlösung weg.
   »Samantha, aller Anfang ist schwer«, hatte Arthur Marsch vergeblich versucht, sie zu trösten, als sie nach dem ersten Tag in der neuen Schule in ihrem Zimmer saß und weinte.
   »Was heißt Anfang?«, hatte Samantha trotzig geantwortet und über ihre tropfende Nase gewischt. »Da geh ich nie wieder hin.«
   »Na also, mein tapferes Mädchen. Da erkenne ich meine Samantha wieder. Das schaffst du schon.«
   So sicher war sie sich da nicht. Samantha vermisste ihre Berliner Freunde und daran konnte ihr Vater nichts ändern. Seine Dienststelle hatte ihn nach Schüttdorf versetzt und die Familie musste mit.
   »Sieh mal, Samantha, hier ist es auch ganz nett«, hatte er es erneut versucht. »Das schöne Haus. Alle haben ein eigenes Zimmer. Ist das denn gar nichts? Es geht uns hier viel besser.«
   »Dir und Mum vielleicht«, hatte Samantha gefaucht. »Wir Kinder werden ja nie gefragt. Wir müssen tun, was die Erwachsenen wollen, selbst wenn wir unglücklich werden.«
   »Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder«, brummte ihr Vater ärgerlich und trommelte auf der Kommode herum. »Der macht kein Theater.«
   Samantha blinzelte durch einen Tränenschleier und seufzte. Florian Falco fand eh alles cool. Sie war die absolute Heulsuse der Familie. Nur Griselda Gisela plärrte noch häufiger. Aber das fanden alle nur goldig.
   Wütend strich sie die verschmierten Stellen durch und überlegte. Sollte sie sich irgendetwas ausdenken? Aber was? Die Hausaufgabe war nicht schwer.
   Was weiß ich über den Beruf meiner Eltern? Schreibe fünf Sätze zu diesem Thema, stand da.
   Grübelnd sah sie aus dem Fenster. Eine Spatzenfamilie hopste über das Dach und balgte sich um ein Stück Brot. Als zwei der Vögel in die Dachrinne rutschten und zeternd ein unfreiwilliges Bad in Laub und Schmutz nahmen, lachte sie auf.
   Wesentlich besser gelaunt verwarf sie ihre Mogelidee, umklammerte den Füllfederhalter entschlossen und begann.
   »Mein Vater ist Polizist. Er verhaftet Spitzbuben und fährt Autos mit Blaulicht. Meine Mutter passt auf unser Baby auf. Später will sie wieder arbeiten, wenn Griselda Gisela auf die Toilette gehen kann. Sie ist Krankenschwester. Nicht Griselda Gisela, sondern meine Mama«, fügte sie stirnrunzelnd hinzu. So, das dürfte genügen. Bis auf eine Kleinigkeit. Samantha nahm den Halter und drückte die Feder fest auf die Seite. »Meine Mum kann etwas, was niemand kann. Meine Mum kann zaubern. Sie ist eine Hexe!«

Kapitel 3
Eins plus Eins sind Zwillinge

Die ganze Nacht war Samantha die blöde Hausaufgabe nicht aus dem Kopf gegangen. Schon die Vorstellung, dass sie das vor dieser dämlichen Klasse vorlesen sollte, trieb ihr Schweiß auf die Stirn.
   Der Tag würde grässlich werden.
   Aber als Frau Glucke alle Deutschhefte einsammelte und meinte: »Es eilt nicht, Kinder, das sehe ich mir zu Hause an«, war Samantha mehr als erleichtert, weil sie sich in zweifacher Hinsicht geirrt hatte.
   Der Tag begann ganz okay. Und nicht alle Kinder waren boshaft.
   »Wollen wir Freundinnen sein?«, hatte die dunkelhaarige Antonia ihr während der ersten Stunde hoffnungsvoll zugewispert. »Ich hab keine, wegen meiner Schwester, weißt du? Und dich, dich finde ich wirklich nett.«
   Samantha war so überwältigt vor Glück, dass sie außer »Ja, gern«, nichts sagen konnte.
   »Also, zuerst müssen wir Frau Glucke fragen, ob wir zusammensitzen dürfen«, beschloss Antonia umgehend. »Zweitens musst du mich unbedingt besuchen. Und drittens meine Schwester Anica kennenlernen. Sie ist mein Zwilling und sieht genauso aus wie ich.«
   Samantha blickte erstaunt in dunkle Augen, bewunderte die schwarzen Haare, die Antonia mit einer Handbewegung aus dem Gesicht fegte, und fragte sich, wie das wohl wäre, doppelt zu sein. In der Pause fragte sie ihre neue Freundin schüchtern, warum sie und ihre Zwillingsschwester eigentlich nicht in die gleiche Klasse gingen.
   Antonia wurde ganz ernst und berichtete über Anicas schwere Krankheit und dass sie deshalb so viel Unterricht versäumen musste.
   »Oje«, flüsterte Samantha und berührte den Arm ihrer Freundin. »Das war sicher eine schlimme Zeit. Was hatte sie denn?«
   »Genau kann ich dir das auch nicht erklären, Samantha. Der Doktor hat gemeint, dass ihr Blut krank sei und nur Tabletten helfen würden. Große, eklige Dinger.« Antonia schüttelte sich. »Ich hätte die nie verschlucken können. Meine Eltern haben gesagt, dass Anica ein mutiges Mädchen ist«, fügte sie stolz hinzu und seufzte erleichtert. »Heute ist sie wieder richtig gesund.«
   Samantha dachte an ihre kerngesunden Geschwister. Wie froh sie das mit einem Mal machte.
   »Anica und ich sind unzertrennlich, weil wir aus einem Ei kommen.« Antonia kicherte. »Aber weil sie in eine andere Klasse geht, brauche ich unbedingt eine Freundin. Klar, oder?« Übermütig zog sie an Samanthas Zöpfen. Dann reichte sie ihr strahlend die Hand. »Du gefällst mir genauso gut wie meine Schwester«, erklärte sie feierlich. »Wenn du willst, kannst du Toni zu mir sagen. Ich nenne dich Sam.«
   »Klar«, antwortete Samantha und betrachtete nachdenklich ihre Banknachbarin.
   Unauffällig ließ sie ihren Blick über die rosigen Wangen, das runde Gesicht und die blitzenden Augen gleiten. Gott sei Dank teilten Zwillinge doch nicht alles, dachte sie zufrieden.

*

Langsam ging das Jahr zur Neige. Bunte Blätter tanzten um kahl gewordene Bäume und Büsche, wirbelten über abgeerntete Felder, über Scheunen und Häuser und landeten knisternd in den Laubsaugern der Stadtreinigung.
   Es war Oktober und die Herbstferien nicht mehr weit.
   Samantha fühlte sich von Tag zu Tag wohler in Schüttdorf. Sie hatte eine Freundin, der sie alles anvertrauen wollte.
   »Toni«, begann sie zögernd, als sie zur Bushaltestelle schlenderten. »Was machen deine Eltern eigentlich so, ich meine wegen der Hausaufgabe, die Frau Glucke immer noch nicht …?«
   »Naja«, antwortete Antonia grinsend. »Papa schraubt an Autos herum. Er arbeitet in einer Autowerkstatt in Berlin. Stell dir vor, er fährt jeden Tag eine Stunde mit dem Zug. Aber das stört ihn nicht, weil er seine geliebten Autos um sich hat.« Antonia schob ein unsichtbares Lenkrad vor sich her und brummte. »Meine Mum weiß viel über andere Leute, weil sie Friseurmeisterin ist. Den ganzen Tag erzählen Kunden irgendwelche Geschichten.«
   Samantha nickte und beneidete ihre Freundin darum. Wie einfach wäre das, wenn ihre Mum auch nur einen stinknormalen Beruf hätte.
   »Wir haben einen Laden unten im Dorf. Ich muss immer Haarmodel sein. Total langweilig«, plauderte Antonia weiter, schüttelte ihren Kopf wie einen Wischmopp und stöhnte. »Stundenlang den Kopf stillhalten, ätzend, sage ich dir.«
   »Och, ich würde gern meinen Kopf hinhalten. Wenn Mum meine Haare kämmt, dann krabbelt es so schön.«
   »Wie kann man das cool finden?« Abschätzend betrachtete Antonia Samanthas Haarpracht. »Die müssen natürlich ab, was denkst du, warum meine so kurz sind? Weil Mama immer rumschnippeln muss.«
   »Ach so? Nee, das geht nicht.« Samantha wickelte ihre Haare um den Finger. »Mum würde das nie erlauben.« Hatte sie doch die gleichen, langen Haare …
   Himmel – Mum – fast hätte sie das eigentliche Problem beim Quatschen vergessen.
   »Meine Mum ist Krankenschwester«, erklärte Samantha. »Im Moment passt sie auf unsere kleine Griselda Gisela auf.« Sie holte tief Luft, fixierte eine Schönwetterwolke am Himmel und spitzte die Lippen. »Und außerdem hat meine Mama die Gabe.«
   »Die Gabe? Welche Gabe denn?« Antonia war hellwach.
   »Na … Sie kann so was wie zaubern.«
   »Ach was!« Antonia blieb stehen, stützte die Fäuste auf die Hüfte und blickte Samantha spöttisch an. »Wir haben das Jahr zweitausendzwölf. Hallo? Copperfield kann zaubern und nur auf der Bühne.« Empört und erschüttert über so viel Unwissenheit schüttelte die neue beste Freundin den Kopf.
   »Aber es ist wahr, ich lüge nicht.« Verzweifelt ergriff Samantha Antonias Hand. »Glaub mir doch, bitte. Es ist ein Familiengeheimnis, Toni. Und nun kennst du es auch.«
   Frostige Stille breitete sich über ihr Gespräch.
   Samantha wartete sehnsüchtig auf das Erscheinen des Busses.
   »Gut Sam, wenn du es so haben willst«, zischte Antonia plötzlich und pikte mit dem Finger auf Samanthas Brust. »In den Ferien komme ich dich besuchen, und wenn das alles gelogen ist, dann war’s das mit unserer Freundschaft, so wahr ich Antonia Fischer heiße.« Flink tauchte sie zwischen schwatzenden und lärmenden Kindern unter und blickte sich nicht mehr um.

Kapitel 4
Eff Eff alein im Haus

Als die Klingel schrillte, sauste Florian Falco wie der Blitz die Treppe hinunter. Ungestüm öffnete er die Tür und blickte auf den Postboten, der mit einem Paket in der Hand vor ihm stand. »Mann, wie siehst du denn aus? Det glob ich nich.« Vergnügt trommelte er gegen die Türfüllung, während sein Blick von den schwarz gewienerten Schuhen die Hosenbeine hinauf über das runde Gesicht mit den vielen Pickeln bis hin zu dem spärlichen Haarkranz und den gewaltigen Ohren glitt. Bedauernd schüttelte er den Kopf. »Mach dir nichts draus, das kann nur besser werden.«
   Der Beamte trat einen Schritt rückwärts und blickte Florian Falco vorwurfsvoll an. »Na, nun hast du Spaß gehabt, was? Hol deine Mama, du Knirps. Sie muss unterschreiben.« Diensteifrig zeigte er auf sein Terminal.
   »Wat heißt hier Knirps«, zischte Florian Falco. »Ich bin acht. Wir reden nich von Griselda Gisela.«
   Der Postmann stellte seinen Fuß in die Tür und fing sie ab. »Wie heißt du denn, mein Junge? Ich nehme an, du bist ein besonders schlauer Junge, nicht wahr? Und du kannst bestimmt deine Mutter holen. Bitte Kind, ich habe noch mehrere Kunden.« Er lächelte schief.
   »Nee, kann ich nich.« Florian Falco stieß beharrlich seinen Fuß gegen den in der Tür.
   »Was kannst du nicht?«
   »Meine Mum holen.«
   »Wieso nicht?«
   »Weil se mit Samantha und dem Windelpupser zur U is.«
   »Welche Uhr denn?«
   »Nich Uhr«, entgegnete Florian Falco grinsend. »Zur Untersuchung, Herr Postmann. Aber ick kann det unterschreiben. Auch wenn Mum immer sagt, dass det aussieht, als ob eine Batterie von Hitchcock seine Vögel über mein Heft gelatscht is. Na, die Geschmäcker sind eben verschieden, wa?«
   Der Beamte wischte sich den Schweiß von der Stirn, drückte Florian Falco das Paket in die Hand und flüchtete.
   »Kannst Eff Eff zu mir sagen«, brüllte Florian Falco dem gelben Auto hinterher, das mit quietschenden Reifen vom Hof fuhr. Achselzuckend ging er ins Haus zurück und warf das Päckchen auf den Küchentisch.
   Obwohl er nicht allein an den Herd gehen durfte, schaltete er ihn an, schüttete gefrorene Pommes auf das Backblech, knallte die Tür zu und holte seinen Supermannteller aus dem Schrank. Nicht zu verwechseln mit Samanthas Teller und Tassen, auf denen Pferde abgebildet waren.
   Plötzlich hörte er es Klirren und Knurren. Ungläubig fixierte er das Päckchen auf dem Tisch und stupste mit dem Finger dagegen. Es brummte lauter. Erschrocken sprang er zurück. Nichts. Er trat näher und nahm das Ding einfach in die Hand. Ruhe. Er rüttelte, schnupperte und lauschte angespannt. Nichts. Nur das Zwitschern der Spatzen war zu hören. Das Päckchen blieb stumm. Ob er sich alles nur eingebildet hatte?
   Mühsam entzifferte er den Namen, der auf dem Einwickelpapier stand. »Frau Soraya Marsch«, murmelte er. Dann grinste er. »Okay Mum, wir sind eine Familie und was dir gehört, det gehört auch mir.«
   Erneut erklang ein heller Ton, als er ungeduldig das braune Papier beiseite zerrte und die Kiste öffnete.
   Drei Anhänger plumpsten auf den Tisch. Unansehnlich und hässlich. Nur die Ketten, an denen sie hingen, die waren schön. Zierlich und goldglänzend. Auf den Tonscheiben war etwas eingraviert.
   Remember me?
   Florian Falco schüttelte den Kopf und stopfte alles hastig in den Karton zurück.

Als Mum mit Griselda Gisela nach Hause kam und ihn die verbrannten Pommes aus dem Ofen kratzen ließ, da hatte er das Päckchen längst vergessen. Er war wütend und beachtete seine Mum kaum.
   Vielleicht sollte er sich über ihre Begeisterung, die drei verschrumpelte Tonscherben auslösten, wundern? Vielleicht auch nicht. Was wusste er schon über die alte Urgroßmutter im Holländischen? Was von der geheimnisvollen Verbindung zwischen seiner Mum und ihr? Nicht mehr als das, was Mum hin und wieder erzählte.
   »Endlich sind sie da, meine Amulette«, hörte er sie jubeln. »Großmutter Amelie, ich erinnere mich. Remember me.«

Kapitel 5
Urgroßmutter Amelie und die Geheime Pforte

Samantha freute sich bereits die ganze Woche auf den heutigen Samstag. Endlich würde sie mithilfe ihrer Mum beweisen können, was ihre Freundin nach wie vor belächelte. Obwohl sie nie darüber sprachen, spürte Samantha seitdem Zweifel und Misstrauen in Antonias Verhalten. Das machte sie traurig.
   Vielleicht würde sich heute alles ändern.
   Das Geheimnis der Familie Marsch sollte zukünftig auch Antonia teilen.
   »Wir müssen nicht mit der Trommel um den Christbaum rennen«, hatte Mum verärgert zu ihr gesagt, als sie stockend über das Versprechen berichtete, das sie Antonia gegeben hatte. »Nicht jeder muss über meine Fähigkeiten Bescheid wissen.«
   Samantha hatte nur genickt und losgeheult. »Es geht um mein Leben, Mama«, hatte sie geschluchzt. »Um meine Freundschaft zu Antonia. Wenn du ihr nicht bestätigst, was ich wegen unserer blöden Hausaufgabe ausgeplaudert habe, dann ist alles aus.«
   Mum hatte sie überrascht angesehen. »Komm mal her, mein großes Mädchen.« Behutsam hatte sie Samantha auf den Schoß gezogen und sie gewiegt wie Griselda Gisela. »Die Menschen glauben nur das, was sie sehen, Samantha. Im Mittelalter wären Frauen wie deine Urgroßmutter Amelie oder ich auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, weil die Leute ängstlich und abergläubisch waren. Natürlich ist das heute nicht mehr so, aber Freunde machst du dir mit solchen Behauptungen auch nicht. Schlimmstenfalls würden sie dich für verrückt erklären.«
   Samantha hatte unter Tränen genickt und sie flehend angesehen.
   »Also gut, mein Kind«, hatte sie seufzend kapituliert. »Lade deine neugierige Freundin ein. Ich werde euch alles erzählen.«
   Aufgeregt hopste Samantha um den Tisch herum, betrachtete den Kuchen, die Tassen und das Sonntagsgeschirr. Vorsichtig goss sie heißen Kakao in eine Thermoskanne. Als die Klingel »Horch, was kommt von draußen rein« spielte, rannte sie zur Tür und ignorierte das erschreckte Protestgeschrei ihrer kleinen Schwester.
   »Was ist denn bei euch los?« Antonia stand in der Tür, hielt sich einen Blumenstrauß an die Ohren und traute sich keinen Schritt weiter.
   »Hör nicht hin«, meinte Samantha lachend und zog ihre Freundin in den Flur. »Das ist nur Griselda Gisela. Ist gleich vorbei.« Wie zur Bestätigung ihrer Worte erstarb das Kreischen und ging in ein undefinierbares Gebrabbel über.
   Antonia warf ihre Jacke über das Treppengeländer, drückte Samantha die Blumen in die Hand und sah sich neugierig um.
   »Komm schon.« Samantha stürmte voran die Treppe hoch, riss eine der drei Türen auf und ließ ihren Arm kreisen. »Mein Zimmer.«
   »Oh, wie hübsch«, sagte Antonia, strich über die Möbel und blickte sehnsüchtig auf den kleinen Fernseher in der Ecke.
   »Ich muss mir mit Anica ein Zimmer teilen«, erzählte sie und zuckte die Schultern. »Bei uns ist nicht viel Platz, das Haus ist alt und die Zimmer klein. Papa verspricht schon ewig, dass er anbauen will. Mama meint, das wird sein Lebenswerk. Und Lebenswerke dauern eben ein Leben lang.«

*

Soraya Marsch stand am Fenster der Wohnstube und blickte in den Garten. Wie sehr hatte das Wissen um die Kraft der Amulette und der Geheimen Pforte ihr Leben verändert. Versonnen ließ sie die goldenen Ketten durch die Hände gleiten, strich über die raue Oberfläche der Tonscheiben und blinzelte in das Sonnenlicht, das die Möbel und die beiden Mädchen in rötliches Licht tauchte.
   »Ich war fünf Jahre alt«, begann sie und strich sich über die Stirn. »Ein schüchternes Ding, mit spitzem Gesicht und riesigen Augen, die ich auf meinen kleinen Bruder heftete, weil er sich schreiend am Boden wälzte. Als mein Vater hektisch nach einem Arzt telefonierte, lief ich zu ihm und legte ihm meine Hand auf den Bauch. Er wurde sofort ruhig. Noch am gleichen Tag berichtete meine Mutter Großmutter Amelie am Telefon davon. »Mama«, hörte ich sie sagen, »Soraya hat die Gabe. Warum mir niemand meine Fragen beantwortete, kann ich euch nicht sagen. Meine Mutter wollte wohl möglichst wenig Aufsehen erregen mit der Tatsache, dass ihre kleine Tochter Hände auflegen und in die Vergangenheit blicken konnte.
   Wir lebten damals in Amsterdam, ganz in der Nähe meiner Großeltern Julius und Amelie de Mére. Sie besaßen ein kleines Haus mit rotem Dach und weißen Fensterrahmen. Und herrlichen Blumen, die mein Großvater verkaufte. Sie waren wie Großmutter Amelie, frisch und lebendig.
   Es war an einem der ersten Ferientage im Herbst, als alles begann. Großmutter und ich hatten wunderschöne Blumensträuße gebunden und genossen den Feierabend. Plötzlich sprang sie auf, nahm meine Hand und führte mich in den äußersten Winkel des Gartens. Dabei blickte sie mich prüfend an. »Du bist jetzt elf Jahre alt, Soraya«, sagte sie. »Alt genug, das Geheimnis der Familie de Mére kennenzulernen. Heute wirst du mit mir durch die Geheime Pforte gehen.«
   Mein Herz klopfte wie rasend und ich stolperte hinter Großmutter Amelie her. Welche Geheime Pforte? Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Als sie mit dem Finger auf etwas deutete, das wie ein Fenster aussah, war ich enttäuscht. Was denn? Dieses mit Moos und Schlingpflanzen bedeckte Teil war ihre Geheime Pforte? Sekundenlang zweifelte ich an Großmutters Verstand. Zögernd kletterte ich durch das geöffnete Fenster und erwartete den Aufprall auf das dahinterstehende Gewächshaus.
   Stattdessen spürte ich einen kalten Hauch, Finger berührten meine Haut, es wisperte neben mir und ich plumpste auf eine Sommerwiese. Großmutter Amelie streifte eine Goldkette mit einem braunen Amulett aus Ton über meinen Kopf, ergriff meine Hand und begann, bis fünf zu zählen.
   Alles drehte sich und mir wurde übel. Es war stockdunkel. Noch bevor ich schreien konnte, spürte ich Großmutter Amelies Hand auf meinem Mund und ihr liebes Gesicht über mir. Sie presste einen Zeigefinger auf ihre Lippen und packte meinen Arm.
   Erschrocken spürte ich etwas Großes, Raues an meinem Bein. Ich stolperte rückwärts und tastete würgend nach einem Ausgang. Mit der anderen Hand hielt ich mir die Nase zu. Eine Wolke erbärmlichen Gestanks erreichte mich und presste mir die Luft ab. Panisch trat ich um mich und zwischen Trampeln und Schweinequieken fühlte ich Großmutter, die mich durch eine wacklige Tür ins Freie schob.
   »Willkommen in der Vergangenheit, Soraya.« Sie lachte leise, klopfte Staub und Stroh von meiner Kleidung und nestelte eine Taschenlampe aus ihrem Mantel.
   »Wo sind wir hier?«, flüsterte ich und sah mich um.
   »Keine Ahnung«, wisperte Oma zurück. »Das werden wir gleich sehen.«
   Der Strahl ihrer Taschenlampe durchbrach die Finsternis.
   Oma hob die Schultern und drehte sich zu mir. »Ungünstig gelandet, Soraya. Vierzehnhundertfünfundachtzig sehen Felder im Herbst auch nicht anders aus als bei uns. Na, dann los.«
   »Vierzehnhundertfünf…«, stotterte ich und stolperte hinter Großmutter Amelie her. »Wie kommst du denn darauf?«
   Sie drehte sich um, hielt eine Hand hoch und spreizte die Finger. »Ist doch ganz einfach, für jede Zahl einhundert Jahre zurück.«
   Ach so, ganz einfach, dachte ich und erschrak. Das war ja tiefstes Mittelalter. Ohne Luxus. Selbst das Wort kannte man nicht. Missmutig trottete ich über den Acker. Und als es zu regnen begann und meine Kleidung wie eine zweite Haut am Körper klebte, meine Füße im aufgeweichten Schuhwerk hin und her patschten, da hatte ich von diesem Abenteuer bereits die Nase voll, bevor es überhaupt begonnen hatte.« Soraya schwieg und Samantha und Antonia blickten sie erwartungsvoll an.
   »Mum, wie geht es nun weiter?«
   »Bitte, Frau Marsch, bitte, ich platze vor Neugierde.«
   Die Mädchen drängelten und bettelten um die Wette.
   Soraya lächelte. Sie konnte das gut verstehen. Auch für sie waren diese Erinnerungen immer noch aufregend. Und im Moment hatten sie ihren Zweck erfüllt.
   Antonia und Samantha saßen eng umschlungen auf der Couch, glücklich und versöhnt.
   »Was hältst du davon, Antonia«, sagte sie, »wenn wir deine Eltern anrufen und du heute hierbleibst?« Sie lachte herzhaft, als sich Samantha und ihre Freundin spontan umarmten und singend durch die Stube sprangen.
   »Mittelalter, Mittelalter, ach, Alter, wie cool ist das denn?«

Kapitel 6
Vergangene Zeit

Graue Wolken zogen ihren Schleier über den nachtschwarzen Himmel, drückten Nebel auf Felder und Wiesen hinab und ließen den Mond im Frühdunst des beginnenden Tages vergehen.
   »Sag mal, Samantha«, fragte Antonia und betrachtete den Sternenhimmel aus Tapete über sich. »Hast du gewusst, dass deine Mama eine Zeitreisende ist? Das ist ja irre spannend.« Samantha fixierte sehnsüchtig die echten Sterne am Nachthimmel. »Ich würde auch gern in die Vergangenheit reisen. Stell dir mal vor, was man da erzählen könnte. Wie alle staunen würden.«
   Antonia riss die Augen auf. »Fabians große Klappe würde sich nicht mehr schließen lassen.« Kichernd schubste sie die Plüschtiere von der Bettkante.
   »Naja.« Samantha gähnte und reckte die Arme über den Kopf. »Zuerst müssten wir wissen, wo die Geheime Pforte ist. Viel hat mir Mum nicht erzählt.« Sie hob die Schultern. »Eigentlich weiß ich nur von ihren heilenden Händen und ihrer Fähigkeit, in die Vergangenheit blicken zu können und dass das alles ein Erbe von Urgroßmutter Amelie sein soll.« Sie rieb sich die Augen und wunderte sich über Antonia, die wahrscheinlich die ganze Nacht durchmachen wollte. »Außerdem hab ich gestern das erste Mal von der Zeitreise gehört. Wir müssen also abwarten.« Entschlossen zog sie die Decke bis an die Brust. »Aber überlegen könnten wir«, murmelte sie schläfrig, »wenn ich wüsste worüber?«
   »Wann denkst du, erzählt deine Mama weiter, Samantha? Nach dem Frühstück? Vorher muss ich erst nach Hause. Vielleicht kann Anica mitkommen, was meinst du? Dagegen hat deine Mum bestimmt nichts. Es sind doch Ferien. – Samantha?«
   Antonia beugte sich über sie, aber Samantha war viel zu müde, um noch zu antworten.

Mum hatte den Frühstückstisch gedeckt und schaufelte Grießbrei in den schmatzenden Mund von Griselda Gisela, als Antonia und Samantha schwatzend und lachend in die Küche stürmten.
   »Stellen Sie sich vor, Frau Marsch, Samantha ist gestern einfach eingeschlafen, mitten im Gespräch, ganz früh schon.« Antonia kräuselte die Lippen und schnarchte wie ein Mops.
   »Früh ist gut. Hell wurde es bereits.« Samantha legte wie zufällig den Finger auf die Lippen und sandte Antonia beschwörende Blicke. Nicht auszudenken, wenn ihre Mum ahnen würde, was sie gestern besprochen hatten.
   »Kinder, Kinder, dann müsst ihr ja mächtig müde sein, ihr beiden.«

*

Soraya lächelte und wischte Griselda Gisela den Mund ab. Wie oft hatte sie mit ihrer besten Freundin die Nächte durchgequatscht, als sie so alt war wie ihre Tochter heute. Aber auch die Zweifel und den Unglauben der Mädchen über das, was sie erlebt hatte, hatte sie nicht vergessen. Alles schien sich zu wiederholen. Auch ihre Freundin glaubte ihre Mittelaltergeschichten nur, weil sie mit genauen Schilderungen über ihre dramatische Rückkehr in die Gegenwart aufwarten konnte.
   »Na dann kommt, ihr müden Krieger, frühstückt erst einmal ordentlich.« Soraya schob Antonia und Samantha an den Tisch und strich ihrer Großen liebevoll ein langes Haar aus dem Gesicht. »Wenn du magst, kannst du Antonia den Garten und die Tiere zeigen. Ich fahre dann einkaufen. Zum Mittagessen bin ich wieder da.«
   »Hm.« Samantha zwinkerte Antonia verschwörerisch zu und blinzelte in die Sonne, die dunstige Strahlen über Tisch und Wände schickte. »Wir beschäftigen uns schon, Mum. Und heute Abend wollen wir deine Geschichte weiter hören«, forderte sie, gähnte herzhaft und streckte ihre Glieder wie eine Katze.

Kapitel 7
Das Wigwam und sein Geheimnis

»Darf ich vorstellen? Das Wigwam der Familie Marsch.« Samantha wies nach vorn und rannte ausgelassen auf einen unübersichtlichen Teil des riesigen Grundstücks zu.
   Antonia sah nichts zwischen all den Sträuchern und Bäumen, deren Blätter sich bunt und braun an die Zweige klammerten oder unansehnlich und feucht den Boden bedeckten. Sie rutschte und stolperte ihrer Freundin hinterher, blieb mit ihrer Jacke an den Dornen wilder Rosenbüsche hängen und zerkratzte sich die Hände, als hätte sie mit Othello, ihrem grünäugigen Kater, gerangelt.
   »Dornröschen lässt grüßen«, keuchte sie und versuchte, die weiße Masse aus dem Gesicht zu wischen, die aus den geplatzten, überreifen Hagebuttenfrüchten stammte. Es brannte fürchterlich. Juckpulver nannten die Jungen das Zeug und es machte seinem Namen alle Ehre. Fluchend kämpfte sie sich durch die Hecke und hieb auf den letzten störenden Zweig ein. Überrascht blieb sie stehen.
   Vor ihren Augen entfaltete sich eine gepflegte Wiese, die durch ein hübsches, rundes Gebäude begrenzt wurde. Mit seinem leuchtend roten Kegeldach wuchs es wie ein riesiger Fliegenpilz aus dem Boden.
   Samantha winkte ihr ungeduldig zu. »Na sag mal, Toni, wo bleibst du denn?« Belustigt musterte sie Antonias rotes Gesicht. Ihr Blick glitt über die zerrissene Jacke und das Laub, das in dicken Schichten unter ihren Schuhsohlen klebte. »Donnerwetter, du kommst daher wie der Geist aus der Flasche.« Mit langen Schritten umkreiste Samantha sie, packte sie an den Schultern und drehte sie um. »Aber den Grund, warum du nicht hier entlanggekommen bist, den verrätst du mir bestimmt, oder?« Dabei zeigte sie auf einen rosengesäumten Weg, der sich wie eine Schlange durch das Gestrüpp wand. »So ist es natürlich einfacher«, stichelte sie und grinste über das ganze Gesicht.
   »Wieso denn? Das war Absicht.« Antonia verzog keine Miene. »Juckpulver wollte ich sammeln, damit wir es den Jungs so richtig heimzahlen können.« Sie hustete, weil sie insgeheim an die doofe Brille dachte, die in der untersten Schublade ihres Schrankes vergraben lag und die da bleiben würde, für immer und ewig.
   »Ach so, ich verstehe, deshalb der schmerzhafte Ganzkörpertest. Sehr überzeugend, Toni.«
   »Zeigst du mir nun das Haus da, oder willst du mich weiter begaffen?« Entschlossen ging Antonia auf das Gebäude zu, riss wütend die Tür auf und blieb stocksteif stehen. Lautes Gegacker und Flügelschlagen begrüßte sie. Entsetzt blickte sie auf die geöffneten Schnäbel und die äugenden Hühnerblicke. Die waren ja riesig. Genauso beeindruckend wie das Licht, das wie ein gebündelter Sonnenstrahl durch die hohen Fenster in den Stall flutete und Spinnenweben und Einstreu durch die Luft flirren ließ.
   »Dieses Haus hat mein Paps gebaut«, erklärte Samantha, die endlich hinter Antonia aufgetaucht war und auf die gackernden Bewohner wies. »Für seine Brahmas natürlich. Die sind schön anzusehen, nicht? Was meinst du, Toni?«
   Toni meinte gar nichts. Sie nickte höflich. Warum sollte sie Samantha erzählen, dass sie außer Othello keine Tiere mochte? Und dämliche Hühner? Die schmeckten nur in der Suppe gut. Vorsichtshalber ging sie einige Schritte zurück, blickte respektvoll auf die spitzen Schnäbel und steckte ihre Hände in die Taschen.
   »Das sind Ludolf und seine Gang.« Samantha zeigte auf einen glänzenden Hahn, der drei Hühner gurrend zum Fressen aufforderte. »Die andere heißt Latrine, weil sie immer im Dreck und Wasser herumpanscht und die«, sie deutete auf ein Huhn, das ununterbrochen gackerte, »die nennen wir die quatschende Lerche.« Samantha gluckste vergnügt und schubste Antonia an. »Na los, sieh schon hin. Der Weiße ist Macke. Den haben wir so genannt, weil er in den Legeboxen sitzt, wie eine Henne gackert und Eier legen will. Hat ‘ne komplette Macke, der Macke.«
   Sie schlenderten weiter und ganz allmählich fand Antonia diese großen Hühner wirklich interessant.
   »Die Henne da hinten, das ist Fata Morgana. Sie ist als Küken winzig gewesen«, erläuterte Samantha und fügte augenzwinkernd hinzu, »allerdings ist das Monate her. Inzwischen hat sich aus Fata Morgana eine fette Morgana entwickelt.«
   Eine gelbe Henne blieb vor ihnen stehen, hob die Flügel und knurrte drohend. Antonia stolperte rückwärts an die Stallwand.
   »Keine Angst, Toni.« Samantha stellte sich schützend vor sie. »Das ist nur Morgen, die ist mindestens einmal pro Woche in Lebensgefahr. Morgen kommt morgen in die Suppe, hat Paps schon häufig gedroht. Nur wie du siehst, ist sie immer noch da. Mum meint allerdings, dass für Morgen bestimmt irgendwann heute ist, wenn sie sich weiter so benimmt.« Samantha fuhr sich mit dem Finger unter dem Kinn entlang und Antonia fiel in ihr Lachen ein, weil sie an fette Hühnerbrühe dachte.
   Ein riesiger Hahn äugte von seiner Sitzstange herunter und gurrte leise.
   »Das ist Winnetou.« Samantha kraulte den kleinen Kopf in dem rot-bunten Gefieder. »Den hat Paps mir geschenkt. Zur Übung, wie er meint, als Ersatz für ein Pferd, das ich erst dann bekomme, wenn ich ihm bewiesen habe, dass ich Tiere sorgfältig betreuen kann.«
   Sonnengelbe Flecken fielen auf drei Hühner, die Samantha aus einer Ecke scheuchte. »Ambrosia, Helgoland und die kleine Amboss. Leider hacken die anderen Amboss oft, weil sie sich nicht wehrt. Mein Bruder nennt sie ‚Hau drauf‘ und findet sie einfach nur genauso dämlich wie Helgoland, die in jede Pfütze springt und im Wasser steht wie ein Storch.« Samantha hob die Arme und beschrieb einen Kreis, der auch die Ecken des Hühnerstalls mit einschloss. »Das waren alle, Toni. Wir sind durch.«
   Antonia blies erleichtert die Backen auf. Schnell folgte sie Samantha in den hinteren Teil des Wigwams.
   Vor einer unauffälligen Tür blieb Samantha stehen. »Hier ist Schluss. Aber vielleicht interessierst du dich für Gartengeräte, Hühnerfutter und ollen Plunder, den niemand mehr anguckt«, neckte sie und prustete los.
   »Dafür schon.« Antonia zeigte auf ein altes Fenster, das verloren an der Wand lehnte. Grüne Ranken und saftiges Moos wuchsen erstaunlich lebendig auf dem Rahmen. Ein brüchiges Fensterkreuz lugte verschämt unter all dem Grünzeug hervor und teilte das Glas in acht einzelne Teile. Jedes Viereck funkelte wie ein geschliffener Kristall und leuchtete im Dämmerlicht des Schuppens wie ein Stern in dunkler Nacht.
   »Ich werd ja nicht wieder.« Samantha trat überrascht näher.
   Ihre Blicke trafen sich und Samantha sprach aus, was Antonia dachte. »Wenn es das ist, was wir glauben, Toni, dann hast du gerade Großmutter Amelies Geheime Pforte entdeckt.«

Kapitel 8
Der unheimliche Mönch

»Seine schlechte Laune wuchs wie ein Gerstenkorn im Auge, je weiter wir über diesen aufgeweichten Acker stampften«, setzte Soraya ihre Geschichte vom vergangenen Abend fort und blickte in die Gesichter dreier gespannt lauschender Mädchen.
   »Zwillinge gehören automatisch dazu«, hatte Samantha kategorisch erklärt und Anica nach Schüttdorf geholt. »Glaubst du etwa, dass Antonia ihrer Schwester nichts erzählen würde? Mum! Die teilen alles. Fast alles«, hatte sie leise hinzugefügt.
   Wieder ein Mitwisser mehr, hatte Soraya wenig erbaut festgestellt. Zum Glück war Florian Falco mit ihrem Mann nach Holland gereist, wo er den Rest der Oktoberferien bei ihrer Mutter verbringen würde.
   »Mama!« Samantha betrachtete sie ungehalten. »Wir warten!«
   »Hm ja, natürlich.« Soraya räusperte sich, strich einige vorwitzige Locken aus der Stirn und richtete ihre Gedanken konzentriert auf das längst Vergangene. »Es war dunkel, es regnete in Strömen, wir waren restlos aufgeweicht und Großmutter Amelie rannte über das Feld, als wüsste sie genau, wo es langging. Ihr hastiges Atmen und mein leises Keuchen unterbrachen die nächtliche Stille. Der Regen peitschte in Böen über das Feld, stach unbarmherzig in mein Gesicht, lief über meine Nase, unter meine Jacke, in meinen Pullover und war bereits am Körper angekommen, als ich erschreckt nach vorn blickte und aufschrie. Ich griff so heftig nach Großmutters Hand, dass ich ihre zarten Knochen spürte. Im grellen Licht der Taschenlampe war eine vermummte Gestalt hängen geblieben. Mit weit abgespreizten Armen stand sie abwehrend vor uns.
   »Ruhig, Soraya«, flüsterte Großmutter, »das ist kein Räuber, der hat Angst vor uns. Wir gehen langsam auf ihn zu und ich spreche ihn an. Du hältst den Mund.«
   Meine Güte. Das hätte sie mir nicht sagen müssen. Alles lag mir ferner als jetzt zu sprechen. Meine Zunge klebte in meinem ausgetrockneten Mund und mein Herz klopfte so heftig, dass ich das Pochen bis in den Kopf verspürte.
   Schritt für Schritt gingen wir vorwärts. Meine Hand in Großmutters zitterte wie dürres Laub und ein akuter Brechreiz quälte meinen aufgeweichten Körper.
   »Reiß dich zusammen, Soraya«, zischte Großmutter Amelie neben mir und hielt die Taschenlampe unverwandt auf den Fremden gerichtet. »Schwäche ist jetzt unangebracht. Du bist hier nicht zu Hause.«
   Was das auch immer heißen sollte, es wirkte.
   Beleidigt löste ich meine Hand aus ihrer und starrte trotzig auf die Gestalt vor uns. Näher kam sie nicht. Mit jedem Schritt, den wir vorwärtsschlichen, taumelte der Unbekannte einen zurück.
   »Hallo, wer da?«, rief Großmutter mit ihrer freundlichsten Stimme in die Dunkelheit und blieb stehen. »Wir sind arme Wandersleute und kommen von weit her. Ihr seht doch, wie der Himmel uns begießt. In der Fremde ist es nicht leicht, ein Obdach zu finden. Bitte sagt uns, in welche Richtung wir gehen müssen. Gott wird Eure Hilfe vergelten, guter Mann.«
   Wie redete Großmutter denn? Holländisch war das auf keinen Fall. Aber wir waren ja hier im Mittelalter, da war wohl alles anders. Wie sehr ich mit meinen Vermutungen recht behalten sollte, ahnte ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht. Überrascht war ich nur, dass ich die deutschen Laute trotz meiner dürftigen Schulkenntnisse verstehen konnte.
   »Gott zum Gruß, Weib.« Der Vermummte hatte eine Stimme. Er hob die Hand und zeichnete ein Kreuz vor seinem Bauch.
   Also war Großmutters Verhalten goldrichtig gewesen.
   Langsam schlurfte er näher.
   »Ein Geistlicher, Soraya«, sagte sie leise. »Ein Mönch oder so was Ähnliches. Dann wollen wir nur hoffen, dass er uns helfen will.« Schnell hatte sie die Taschenlampe ausgeschaltet und in ihre Manteltasche gesteckt.
   Verstohlen musterte ich den Fremden. Viel konnte ich in der Finsternis nicht erkennen. Zuerst fiel mir sein Kapuzenumhang auf, von dem ich später erfuhr, dass es eine Kutte war, eine durchaus übliche Bekleidung für einen Geistlichen. Ich fand sie viel zu lang, ähnlich einer Pferdedecke, deren Saum über den Boden schleifte und den Dreck in matschigen Klumpen nach oben schleuderte. In diesem Fall waren es seine Beine, nicht die eines Pferdes. Seine Füße steckten in einfachen Sandalen, die aber kaum noch als solche zu erkennen waren, so verdreckt und ekelhaft, wie sie aussahen. Um die Mitte seines Gewandes baumelte eine Kordel, deren Enden aus dunklen Holzperlen bestanden. Unablässig wanderten seine Hände an ihnen auf und ab, begleitet von gemurmelten Sätzen oder Gebeten. Vielleicht waren es sogar Beschwörungen gegen uns, gegen die Fremden, die, aus dem Nichts aufgetaucht, für ihn eine unheimliche Gefahr darstellten?
   Wie sonst hätte ich das unangenehme Gefühl deuten sollen, das mich beim Betrachten dieses merkwürdigen Mannes ohne Gesicht beschlich?
   Tatsache war, dass ich außer einer riesigen Kapuze und einer spitzen Nase nichts sehen konnte. Es war wie in einem Gruselfilm.
   »Was führt Euch und diesen Burschen hierher?«, redete der Unbekannte Großmutter streng an und unterbrach meine finsteren Überlegungen.
   »In der Nacht ziemt es sich nicht, dass ein gottesfürchtiges Weib allein unterwegs ist. Gottes Acker ist nicht mehr sicher, seit sich allerlei Gesindel im Wald herumtreibt.«
   »Die Dunkelheit hat uns überrascht, Vater«, antwortete Großmutter demütig und senkte den Kopf. Anschließend trat sie mir leicht auf den Fuß, quetschte meine Hand schmerzhaft, holte tief Luft und begann mit weinerlicher Stimme zu jammern. »Ach Hochwürden, nur der liebe Herrgott weiß, wie unsere Füße schmerzen, wie hungrig wir sind und wie gern wir unsere müden Häupter zur Ruhe betten würden, wenn wir nur wüssten, wo.« Sie schwieg abrupt, wischte sich lange über die Augen und blinzelte mir verschwörerisch zu. »Ach, guter Mann«, flüsterte sie mit brüchiger, hinfälliger Stimme, »ich bin die Großmutter dieses Burschen hier. Seine Eltern erlagen der Schwindsucht, unser bescheidenes Heim hat der Feuerteufel verschlungen und deshalb muss ich altes Weib in Stellung gehen, wollen wir nicht Hungers sterben.« Großmutter greinte vor sich hin und der ‚Enkelsohn‘ presste die Hand auf den Mund, um nicht versehentlich loszuprusten.
   »Gottes Wege sind unerforschlich«, seufzte der Mantel und seine Kapuze nickte. »Wahrlich, Weib, Ihr seid hart geprüft. Doch Gott hat Euer Flehen erhört. Verzagt nicht. Eine kurze Wegstrecke von hier ist eine Wirtschaft. Dort werden wir unterkommen können. Es ist auch mein Begehr, in dieser Herberge zu rasten. Der Wirt ist ein gottgefälliger Mensch und auf seinem Herd steht immer eine warme Suppe.« Andächtig faltete der Geistliche seine Hände, blickte hinauf in den dunklen Himmel und begann, flott auszuschreiten. »Folgt mir und danket dem Herrn, dass sein heller Strahl mich erleuchtet hat, damit ich Eure Not erkenne und sein Werk vollende.«

Kapitel 9
Eine fremde Welt

»Gott zum Gruß, Rob Tannhäuser.« Unser Begleiter stieß die Tür der Herberge auf und schob Großmutter Amelie und mich über die Schwelle. Unvorbereitet prallte ich gegen eine riesige Wolke aus Lärm, Schweiß und Gestank, die über unsere Köpfe hinweg zum Ausgang waberte.
   »O Scheiße«, stöhnte ich, presste die Hand auf den Mund und begann zu würgen.
   »Du sagst es, Kind«, nickte Großmutter, zerrte ein Taschentuch aus ihrem Mantel und hielt es mir unter die Nase. »Hühnerkacke, Schafsknödel, Schweinescheiße, Hund, Katze, Mensch«, zählte sie alle Sorten Kacke auf, die ich auch kannte. Dabei sah sie mich verschmitzt und fast übermütig an. »All das eben, was oben oder unten fest oder flüssig wieder hinauswill.«
   »Danke, es genügt, Großmutter«, nuschelte ich in das Tuch und atmete erleichtert ihren Blumenduft ein, den ihre Kleider verströmten.
   Der Mönch drehte seinen Kopf in meine Richtung, schob seine Kapuze auf die Schultern und sah mich aus tiefen Augen misstrauisch an.
   »Was ist Er denn so empfindlich? Er benimmt sich ja wie eine törichte Jungfrau, will Er ein Bub sein oder was?« Bedrohlich näherte er sich meinem Gesicht und der strenge Ausdruck seiner hageren Züge, verstärkt durch eng stehende Augen und verkniffene schmale Lippen, ließ mich schaudern. Ängstlich wich ich zurück. Großmutter Amelie hatte alles beobachtet. Flink wie ein Wiesel stellte sie sich vor den Fremden und schob mich hinter ihren Rücken.
   »Das hat er von seiner Mutter selig, Hochwürden. Leider überkommt ihn dieses üble Erbe ab und an mit Macht. Meine So…«, stotterte sie, stutzte, schlug die Hände über ihrem Kopf zusammen und beendete ärgerlich ihren Satz. »Da seht ihr es, Hochwürden, so ist es, wenn man alt wird, da bekommen die Worte Flügel und gleiten über die Zunge, bevor sie gebändigt wurden.«
   Beruhigend strich sie über meinen Arm und blickte mich besorgt an. Anschließend glitt eine einfältige Miene über ihr Gesicht. »Mein Simon ist ein braver guter Junge«, erklärte sie dem Geistlichen treuherzig. »Die Freude seiner betagten Großmutter und die kleine Schwäche, die er ab und zu zeigt, die bemerke ich gar nicht mehr.«
   Hochwürden war über Großmutter Amelies aufwertende Anrede so erfreut und beeindruckt, dass er sich endlich den wichtigeren Dingen zuwandte. Zielstrebig steuerte er den schlichten Holztisch an, der diesem düsteren Raum überhaupt das Prädikat Gaststube verleihen konnte. Hastig verließen die lärmenden Zecher die Sitzbank und ließen sich mit ihren gefüllten Bechern in die schmutzige Strohschicht sinken, die den Boden bedeckte.
   »Bring Er uns einen ordentlichen Teil seiner guten Kaldaunensuppe und einen gewärmten Schluck zum Nachspülen. Knausere Er nicht, Wirt. Ich hab ihm Gäste mitgebracht und wir sind hungrig und rechtschaffen müde von der weiten Reise.«
   »Gott zum Gruß, Bruder Thomas«, antwortete ein kleiner, dünner Mann, dessen sonore Stimme durch den Raum dröhnte und in krassem Widerspruch zu seiner äußeren Erscheinung stand.
   »Welche Freude, Euch in unserer bescheidenen Herberge begrüßen zu dürfen.« Beflissen eilte er herbei, schob die Bank beiseite und wuchtete drei einfache Eichenhocker heran, wischte mit dem Ärmel seines Hemdes über die raue Oberfläche von Tisch und Stuhl und huschte in den hinteren Teil des Raumes, wo ihn Rauch und Dunkelheit verschluckten.
   Erschöpft und triefend vor Nässe ließ ich mich niedersinken und war dem unbekannten Mönch dankbar, dass er uns in diese Herberge geführt hatte. Zuvor hatte Großmutter mir ihre Mütze zugesteckt und durch Gesten verständlich gemacht, dass ich meine langen Haare darunter verbergen sollte. So würde ich weiterhin einen ganz passablen Jungen abgeben, dem, das muss ich zugeben, diese Maskerade damals völlig überflüssig erschien.
   Erst zu einem späteren Zeitpunkt sollte sich meine Meinung erheblich ändern.
   Obwohl ich von Großmutter Amelie wusste, in welchem Jahrhundert wir uns befanden, kam mir alles wie eine gut inszenierte Theateraufführung vor.
   Nur meine klammen Sachen und die fremden, lauten Männer am Boden brachten mich in die Gegenwart zurück. Sie waren zu realistisch. Unruhig sah ich mich um, bewegte meine erstarrten Zehen und spürte die Nässe, die durch meine guten Lederschuhe hindurch meine Füße unangenehm abgekühlt hatte.
   An einer fleckigen Lehmwand erkannte ich drei rußende Fackeln, die den Raum mit spärlichem Licht versorgten. An zwei weiteren Tischen saßen Bauern in einfachen Hemden und Hosen. Ihre Füße steckten in Wickeltüchern oder primitiven Mokassins aus Stoff oder Leder. Sie schlürften, schmatzten und lärmten. Dabei grinsten sie uns unverfroren an und ließen mich in ihre zahnlosen Münder blicken. Nur die jüngeren von ihnen sahen besser aus. Doch ihre Züge hatten etwas Verschlagenes, Hinterlistiges.
   Ich fühlte mich bedroht und wandte schnell den Kopf ab.
   »Möge es Euch munden, Bruder Thomas und Euren Gästen ebenso.« Geräuschvoll stellte der Wirt eine große Holzschüssel auf den Tisch und legte drei Löffel daneben. Die unförmigen, holzgeschnitzten Teile sahen aus wie Suppenkellen und ich hoffte sehr, sie ohne Maulsperre in den Mund zu bekommen. Ein abgebrochenes Stück Brot für jeden von uns vervollständigte unser einfaches Mahl. Alles roch gut und sah lecker aus. Trotzdem wartete ich, bis Bruder Thomas und auch Großmutter hungrig losschaufelten, bevor ich ebenfalls die Suppe kostete. Lecker. Sie schmeckte überraschend gut, war würzig und schön heiß. Ich schlürfte und schmatzte wie alle im Raum. Großmutter schmunzelte über den Schüsselrand hinweg und war sicher sehr zufrieden mit ihrem guten, braven Jungen, der sich so hervorragend anpassen konnte.
   Erst als ich außer dem Gemüse, das ich kannte, auch noch kleine und größere Fleischbrocken in dem Essen entdeckte, erinnerte ich mich daran, was der Mönch bestellt hatte.
   »Großmutter«, flüsterte ich, »was sind Kaldaunen?«
   »Eingeweide.«
   »Igitt!« Mein Löffel klatschte in die Suppe und verteilte sie großzügig über Tisch und Kleidung.
   »Kämpft Er wieder mit seinem Erbe?« Bruder Thomas sah mich mitfühlend an.
   Wie sollte ich ihm sagen, dass ich kein blödes Erbe bekämpfte, sondern gerade einen unfassbaren Ekel niederrang?

Kapitel 10
Aus dem Holländischen

Rob der Wirt, der eigentlich Robert hieß, den aber alle Rob riefen, kam zurück an unseren Tisch und stellte schwankend drei Holzbecher ab. Es störte ihn nicht, dass die Flüssigkeiten munter über den Rand schwappten und in einer großen Lache langsam zu Boden tropften.
   Eines der klebrigen Gefäße schob er dem Mönch hin und wischte mit seinen Fingern über einen schmutzstarrenden Flicken, der sein Hemd in der Leibesmitte bedeckte. »Euer Gerstensaft, Bruder Thomas«, murmelte er untertänig und senkte den Kopf. »Wie immer extra heiß, gerade so, wie Ihr es mögt.«
   Nachdem er Großmutter und mir zugenickt und die beiden restlichen Getränke kommentarlos serviert hatte, verschwand er wieder. Misstrauisch roch ich daran.
   »Das kannst du ruhig trinken, Simon«, sagte Großmutter laut und deutlich. »Das ist Molke, schmeckt wie flüssiger Joghurt.«
   Ich vertraute Großmutter. Vorsichtig nippte ich an dem Getränk, stellte fest, es war sauer, aber nicht unangenehm und schüttete alles gierig hinunter.
   »Na, das nenn ich mal einen Zug.« Bruder Thomas prostete mir zu und lächelte. Dann schlürfte er an seinem Bier und hob den Humpen zu Großmutter hin.
   »Dem Herrn sei Dank Frau …?«
   »Amelie de Mére, Hochwürden«, kam Großmutter ihm eilig zur Hilfe. »Wir sind aus dem Holländischen herübergekommen, dort hielt uns nichts mehr, nachdem wir doch alles verloren haben, wie Ihr ja wisst.« Liebevoll nahm sie mich in den Arm, tätschelte meine Wange und seufzte tief. »Nur Simon van Poh, der Bub meiner Tochter, Gott habe sie selig, ist mir geblieben.«
   Ich presste die Lippen zusammen und schluckte den aufsteigenden Lacher hinunter. Großmutter bot großes Kino, jedes Theater würde sich um sie reißen.
   »Sicher versteht Ihr das, Hochwürden«, klagte sie weiter. »Allein für dieses mutterlose Kind muss ich bald eine Stellung finden.«
   Schon klar, Großmutter, nicht nur für den mutterlosen Knaben, denn wie sonst sollten wir bezahlen, was wir aßen und tranken? Umsonst gab es sicher auch hier nichts, fünfhundert Jahre vor unserer Zeit.
   Langsam wurde ich müde. Es war fast Mitternacht. Ein vorsichtiger Blick auf meine Armbanduhr bestätigte mir das und ich gähnte laut und gelangweilt in Großmutters Richtung. Doch sie beachtete mich nicht, sondern unterhielt sich angeregt mit Bruder Thomas.
   »Habe ich das richtig verstanden«, hörte ich den Mönch erstaunt fragen. »Euer Name, Frau, ist de Mére?«
   Großmutter nickte und Bruder Thomas winkte aufgeregt den Wirt heran. »Wirt, he, Rob«, brüllte er durch den kleinen Raum und ich spürte alle Blicke auf uns gerichtet. »Komm Er doch einmal her. Dieses Weib behauptet, ihr Vatersname lautet de Mére. Trägt nicht Euer Schmied den gleichen Namen?«
   »Natürlich, natürlich, das stimmt, der Schmied ist William de Mére, aus dem Holländischen, Bruder Thomas«, bestätigte Rob Tannhäuser lauthals die Vermutung des Mönches. »An die zehn Jahre muss das wohl her sein. Mit seinem Weib und zwei Kindern.« Er kicherte mit einem verschämten Blick auf mich. »Inzwischen hat er fast das Dutzend voll.«
   »Jaja, schon gut.« Bruder Thomas wedelte mit der Hand, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen. »Geh Er mal zu den de Méres und kündige Er Schlafgäste an. Dort ist es wärmer als in Euren Kammern und Platz gibt es auch.«
   Der Wirt eilte beflissen davon.
   »Aber Hochwürden«, hauchte Großmutter in Dankbarkeit gehüllt. »Das kann ich doch nicht annehmen, so viel Mühe. Und die fremden Leute. Bezahlen können wir auch nicht, wo uns Räuber unterwegs alles genommen haben.« Ihre leidende Miene sprach Bände.
   Donnerwetter, Amelie de Mére, dachte ich bewundernd, eine Lüge folgte der anderen. Dabei hasste sie in unserer Zeit nichts mehr als die Unwahrheit.
   Nichts ist so fein gesponnen, alles kommt ans Licht der Sonnen, war eines ihrer Lieblingszitate. Wahrscheinlich sollte ich mich beizeiten daran gewöhnen, dass das hier keine Gültigkeit mehr besaß.
   »Nun, Weib, mach dir darüber keine Gedanken«, tröstete Bruder Thomas Großmutter, ergriff ihre Hände und duzte sie vertraulich.
   »Viel kann ich auch nicht geben, mein Orden ist arm. Aber es wäre mir eine große Freude, wenn du und dein Enkel sich als meine Gäste betrachten würden. Ich erquicke die guten Leute hier mit einer Predigt am siebten Tag der Woche. Gottes Wort zu hören, das ist wahrlich Bezahlung genug.« Bruder Thomas faltete die Hände und blickte an die verräucherte Decke. »Der liebe Herrgott sorgt schon für seine treuen Diener. Hat er mir doch bei unserer Begegnung ein helles Licht gesandt, ganz geblendet war ich und hatte Furcht im Herzen, weil ich anfangs nichts erkennen konnte. Aber dann wusste ich, dass es sein Zeichen für mich ist. Er ließ mich deine Not erkennen, Frau, und ich helfe dir und deinem Enkel gern.«
   »Hochwürden«, sagte Großmutter dankbar. »Wenn das so ist, dann nehme ich Eure Hilfe mit Freuden an.«
   Ach so, dachte ich, das ist ja einfach. Taschenlampe sei Dank. »Genug geschwatzt, Weib«, sagte der Mönch plötzlich, stand auf und bedeutete uns, ihm zu folgen. »Tannhäuser hat euch schon angekündigt. Lasst uns gehen und die de Méres mit den Verwandten aus dem Holländischen überraschen.«

»Die beiden Großen, das sind Antje und Mariele. Sie wurden noch in der Heimat geboren. Dann kamen William, Pieter, Hannes und Thomas, den wir nach unserem verehrten Bruder Thomas genannt haben.« Die kleine zierliche Frau zerrte ihre Kinder eines nach dem anderen hinter ihrem langen Rock hervor, schob den kleinsten der Buben dem Mönch zu, der den schmutzigen Achtjährigen unwillig betrachtete. »Mit ihnen hat der Herrgott uns Jahr für Jahr beschenkt«, redete die Mutter weiter und schob Großmutter ein strampelndes, brüllendes Kind auf den Arm. Ein anderes wiegte sie in ihren Armen. »Das ist meine kleine Anna und der Bub bei Euch ist Balthasar, der Zwillingsbruder.«
   Wenn ich richtig gezählt hatte, bestand diese Familie aus zehn Personen. Manchmal reichte mir schon mein jüngerer Bruder Pieter. Was musste hier los sein, wenn alle tobten und zankten? Das war bestimmt nicht anders als in unserer Zeit. Im Moment merkte ich davon allerdings nichts.
   Aufgereiht wie die Orgelpfeifen standen sie vor uns, blickten ängstlich von einem zum anderen und sagten kein Wort. Erst als William de Mére, der Schmied, seinen riesigen Körper durch die niedrige Tür in die kleine Kate schob und in die Hände klatschte, stoben alle flüsternd auseinander.
   »Du bist bestimmt meiner Cousine Mutter, das zweite Weib meines Oheims. Wir haben ihn nicht wiedergesehen, seit wir aus dem Holländischen hierher… Entschuldige, Amelie, wir haben dich nicht gleich erkannt.« Der Riese mit dem sanften Gesicht und den freundlichen Augen ging auf Großmutter Amelie zu und schüttelte ungestüm ihre Hand.
   »Genau so ist es, genau so«, antwortete Großmutter herzlich und rieb sich verstohlen die gequetschten Finger. »Es ist mir eine ebensolche Freude, dich und deine liebe Familie kennenzulernen. Wir haben schon viel von euch gehört.«
   Ach nee, Großmutter, dachte ich belustigt. Für mich sind diese Leute vollkommen fremd und schon lange tot. Aber du hast hier den Hut auf. Im Übrigen machst du das prima.
   »Schon lange wünschte ich mir einen so stattlichen Sohn«, fuhr Großmutter fort und wischte sich über die Augen. »Es ist ein großes Unglück, so ganz allein.«
   Erstaunt sah ich sie an. Sie hatte doch noch mich, Simon, ihrer Tochter Sohn. Aber das hatte sie in diesem Familienwirrwarr wohl vergessen.
   In dieser Nacht konnte ich kaum einschlafen. Unruhig lauschte ich auf die ungewohnten Geräusche, das Husten der Kinder, das leise Pfeifen William de Méres, der mit seiner Frau auf dem Boden nächtigte und das Rascheln in der Dunkelheit, von dem ich nicht wusste, ob es von unserem Strohbett kam oder von den Mäusen, die im Dunkeln nach Futter suchten.
   »Großmutter«, flüsterte ich, »schläfst du schon?«
   »Hm.«
   »Sind die de Méres wirklich Ur-Ur-Ur-Vorfahren?«
   »Möglich«, antwortete Großmutter schläfrig. »Be-stimmt sind bei dem Kinderreichtum viele Familien miteinander verwandt und begegnen sich aufgrund der Entfernungen in ihrem ganzen Leben nie. Genauso, wie sie uns ebenfalls nicht kannten, Soraya.« Großmutter kicherte wie ein junges Mädchen, drehte sich auf dem nach Mäusen und Schafen stinkenden Lager herum und krachte gegen ein Brett unserer Kiste.
   Wir lagen vollständig bekleidet nebeneinander, zugedeckt mit Großmutters dickem Wollmantel und meinem schwarzen Anorak. Weitaus besser ausgestattet als die Familie des Schmieds, die in zwei Betten und unter drei Leinentüchern schlafen musste.
   Alle Schlafgestelle standen an der Wand zur Schmiede. Die Wärme des Schmiedefeuers milderte die Kälte der Nacht ein wenig. Das dritte Bett, in dem sonst der Schmied und seine Frau schliefen, belegten wir, die Gäste aus dem fernen Holländischen.
   Durch ein winziges Fenster blinzelte der Vollmond durch einen löchrigen Ledervorhang. Er fächelte frische, kühle Nachtluft in den Raum. Fröstelnd kuschelte ich mich an Großmutters warme Seite, tastete nach dem Amulett um meinen Hals, zog die Mütze fester über meine Haare und schlief endlich ein.

Kapitel 11
Strom sieht man nicht, er beißt

Die Nacht hob bereits ihre dunklen Schwingen und enthüllte das erste Licht des beginnenden Tages, als ich leises Wispern neben meinem Kopf vernahm.
   »He, Simon, steh auf«, flüsterte eine unbekannte Stimme und ich merkte, dass jemand an meinem Anorak zerrte. Blitzartig fuhr ich hoch und stieß mit dem Kopf an die niedrige Decke.
   »Au.« Schlaftrunken rieb ich meine schmerzende Stirn und blickte in vier Gesichter, von denen das Älteste einen Finger auf den Mund hielt. »Leise, Vetter, damit die Zwillinge nicht wach werden, wir wollen in den Wald und die Kaninchenfallen untersuchen, damit es zum Mittag Fleisch gibt. Du kannst uns helfen, wenn du satt werden willst. Mutter hat wieder nur Brot und Hafergrütze. Das Gesicht schüttelte sich und eine Hand winkte.
   Vorsichtig erhob ich mich, streifte den Anorak über meinen feuchten Pullover, zog die Taschenlampe aus Großmutters Tasche und lauschte auf ihre gleichmäßigen Atemzüge. Gut.
   Vorsichtig schlich ich mit den vier Jungen nach draußen. Der große Zeiger meiner Armbanduhr wies auf die Zwölf und der kleine auf die Vier, wie ich mit einem unauffälligen Blick auf mein Handgelenk feststellte. Vier Uhr. Mitten in der Nacht.
   Gähnend hielt ich mir die Hand vor den Mund und prallte gegen den Jungen vor mir, der plötzlich stehen blieb. Er drehte sich um und hielt mir die Hand hin.
   »Sei gegrüßt, Simon van Poh, ich bin William de Mére, der Jüngere. Eigentlich bin ich der Älteste von dem Haufen hier.« Er zeigte in die Runde. »Aber mein Vater trägt den gleichen Namen, verstehst du? Deshalb.«
   Ich nickte stumm und blickte auf die drei jüngeren Brüder, deren Silhouetten sich aus dem Schatten der Bäume in das fahle Morgenlicht kämpften und mich neugierig musterten.
   »Gestern haben wir die Fallen aufgestellt, heimlich«, erklärte William, der Jüngere. »Seit das Thüringische dem Kurfürsten Ernst von Sachsen versprochen wurde, ist man seines Lebens nicht mehr sicher. Mit dem neuen Vogt ist nicht zu spaßen.« William senkte die Stimme. »Wenn er uns erwischt, gibt es nicht Kaninchen, sondern Turm, wegen unerlaubter Wilderei.« Dabei fuhr er sich mit der Hand über den Hals und grinste.
   Angesichts dieser Aussichten wurde mir immer mulmiger. Doch William schnaubte verächtlich, grinste mich freundschaftlich an und schob mit einer wegwerfenden Handbewegung alle Hindernisse beiseite. »Keine Angst, Vetter Simon, die kriegen uns nicht. Die haben uns noch nie gekriegt.« Er formte seine Hände vor dem Bauch, blies Luft in seine Wangen und pustete sie lachend wieder aus. »Der Vogt Hilbrich ist fett und lahm und seine Schergen sind die dämlichsten Schergen überhaupt.«
   »Pst!«
   »Was gibt es, Thomas?« William flüsterte mit seinem jüngsten Bruder.
   »Pferde!«
   »Runter«, befahl William, nachdem er wie die anderen in die Dämmerung gelauscht hatte und mich plötzlich unter einen Baum zog.
   Die anderen de Mére Jungen waren bereits in einer wieselartigen Geschwindigkeit ins Laub gehuscht.
   Gerade noch rechtzeitig presste ich mich an den dicken Stamm der Eiche, bevor ein Reitertrupp unter Getöse und Gegröle an uns vorbeipreschte. Ihre Pferde wirbelten rechts und links das Laub auf und die Schwerter der Männer krachten gegen die Äste der Bäume. Mein Herz klopfte bis zum Hals.
   »Der Vogt«, flüsterte William kleinlaut und atmete tief ein. »So knapp war es noch nie.«
   »Das also war dein fetter, lahmer Vogt«, höhnte ich wütend, sprang auf und rannte mit schlotternden Beinen ziellos in den Wald.
   »He, Simon, hier geht’s lang.«
   William hatte sich wieder gefangen, wischte den Dreck aus seinem Gesicht und schlich in die andere Richtung. »Unser Mittagessen wartet«, sagte er grinsend.
   Was sollte ich machen? Mir war zum Heulen. Nur, allein hatte ich keine Chance, das wusste ich. Nie würde ich den Weg zurückfinden. Wir waren hier nicht bei Hänsel und Gretel. Und dunkel war es auch. Entschlossen knipste ich die Taschenlampe an. Sofort, nachdem der Lichtkegel die entsetzten Gesichter der Brüder erfasst hatte, sanken sie wimmernd und heulend auf die Knie. Entgeistert starrte ich sie an. Dann begriff ich. Himmel! Ich hatte mich dümmer als der dümmste Vogt verhalten.
   »Süßer Jesus, beschütze uns, jetzt, in der Stunde unserer größten Not. Wir werden nie mehr wildern, nie mehr der Katze vom Korbmacher Thorolf einen Holzblock an den Schwanz binden, nie mehr Äpfel auf dem Markt stehlen und …«
   Pieter hatte die Hände gefaltet, zitterte am ganzen Körper und seine Worte verschwanden unter dem Jammern seiner Brüder. Sie lagen ausgestreckt auf dem herbstlichen Waldboden und hielten die Augen fest geschlossen. Hastig schaltete ich die Lampe aus.
   Stille. Nur vereinzelnd zwitscherten Vögel in den beginnenden Tag. Vorsichtig ging ich auf die Jungen zu. Schritt für Schritt. Das feuchte Laub schmatzte unter meinen Fußsohlen. »Ihr braucht keine Angst zu haben«, sagte ich, »das ist nur eine Taschenlampe, seht her.« Zum Beweis schwenkte ich den kleinen Blechkörper hin und her und versuchte, die verstörten Jungen so gut es ging zu beruhigen. Dabei kam ich mir sehr erwachsen vor und fand es einfach nur lächerlich, vor einer harmlosen Taschenlampe derart zu erschrecken.
   »Seht doch, ich kann das Licht an – und ausschalten.«
   Ich knipste wiederholt – an, aus, an, aus, an, aus und blieb stehen.
   »Wer bist du?« William der Jüngere hatte seine Sprache wiedergefunden und kam mutig näher. »Bist du ein Magier oder ein Hexer?« Hastig zeichnete er ein Kreuz auf seine Stirn und murmelte etwas in sein Hemd.
   »Blödsinn«, fauchte ich und reichte ihm die Taschenlampe.
   Widerstrebend und mit spitzen Fingern nahm er sie entgegen. Er drehte und schüttelte sie, erst vorsichtig, dann stärker. Als nichts geschah, gab er sie mir zurück. »Pah, das ist Teufelszeug«, sagte er, verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Bei mir geht es nicht.« Er musterte mich überheblich. »Ich kann dir Feuer zeigen. Mit einer Fackel aus Vaters Schmiede. Es ist hell und mit Wasser oder Sand kann ich es löschen und mit einem Kienspan wieder entzünden. Aber niemand kann Licht in der Hand halten und es an- und ausmachen, wie es ihm gefällt.«
   »Ich schon«, erwiderte ich trotzig.
   »Nur Gott kann das, oder der Teufel«, erwiderte William hartnäckig. »Und Gott bist du nicht, also bist du …«
   »Quatsch«, knurrte ich genervt. »Ihr seid ängstliche, dämliche Bauerntölpel. Das ist eine Taschenlampe und da, wo ich herkomme, hat jeder eine.«
   »Aber du kommst doch aus dem Holländischen wie unsere Eltern?«, wunderte sich der neunjährige Pieter. Diesen klugen Hinweis ignorierte ich einfach. Womöglich lief ich Gefahr, mich um Kopf und Kragen zu schwatzen.
   Natürlich gab es vierzehnhundertfünfundachtzig nirgendwo Taschenlampen und alles war allein meine Schuld. Deshalb musste ich sehen, wie ich mich aus diesem Schlamassel befreien konnte.
   »Ich mache jetzt die Lampe an«, versuchte ich es erneut. »Wenn ich sie wieder ausschalte, dann zeige ich euch die Batterie. Da ist Strom drin und der macht das Licht so hell.«
   »Aha, also ist doch ein Geist in deiner Lampe. Wusst’ ich’s doch. Du sagst selbst, dass der Geist Strom heißt, der es hell und dunkel machen kann.«
   Ich stöhnte. Es war hoffnungslos. William war der Oberschlaue. Na gut, dachte ich, wenn ihr es so haben wollt, dann im Mittelalterdeutsch.
   »Passt auf, also der Geist in der Lampe heißt Strom. Er macht das Licht an und aus, wenn ich es ihm befehle. Nur – alt wird er auch«, fügte ich nach kurzem Zögern hinzu, weil ich daran dachte, dass sich bei dieser Knipserei die Batterie bald erledigt hätte. Hilfe! Wie sollte ich das erklären? Ich legte die Batterie auf meine flache Hand.
   »Darin ist Strom.«
   »Zeig uns Strom, wenn wir dir glauben sollen.« Der schlaue Pieter hatte seine Furcht besiegt.
   »Strom kann man nicht sehen, Pieter«, entgegnete ich herablassend. »Oder könnt ihr Geister sehen?«, wandte ich mich an alle. Dann wollte ich endgültig die Taschenlampe in meinen Anorak stecken, weil ich an die Kaninchen und die Zeit, die wir bereits vertrödelt hatten, dachte, als mir plötzlich etwas einfiel.
   »Sehen kann man Strom zwar nicht«, sagte ich und amüsierte mich königlich über Williams skeptische Miene. Jetzt sollte er seinen Teufel haben, den kleinen boshaften, der sehr wohl in mir steckte und der ihm eine unvergessliche Lektion erteilen würde. »Aber fühlen schon. Und manchmal ist er auch gefährlich«, setzte ich geheimnisvoll hinzu. »Die Prüfung ist hart, nichts für Feiglinge, nichts für euch.«
   »Ich bin kein Feigling. Strom kann mich prüfen!«
   Klappt prima, dachte ich, als William mit einem Sprung bei mir war, die Taschenlampe aus meiner Hand riss, die Arme vor der Brust kreuzte und mich herausfordernd ansah.
   Bedächtig nahm ich ihm die Lampe wieder ab und holte die Batterie heraus. Dann bog ich die beiden Metallkontakte zueinander und gab sie William zurück. »Strom will dich begrüßen, leg deine Zunge an beide Eisen, dann wirst du sehen, ob er dich mag.«
   Dann trat ich grinsend zurück, damit die neugierigen Jungen sehen konnten, ob ihr Bruder tat, was ich ihm gesagt hatte.
   Er tat. Jaulte auf und warf die Batterie in den Dreck. »Er hat mich gebissen«, brüllte er. »Strom hat mich gebissen, ein böser Geist, dein Strom!« Empört spuckte er auf die Batterie am Boden. »Ich mag dich auch nicht, Gottverdammich!« Erschrocken hielt er sich den Mund zu.
   »Pack deinen Strom wieder in sein Haus«, sagte er niedergeschlagen. »Er kann mehr als ich, er hat mich besiegt.«
   Fast tat mir William leid, aber nur fast.
   »Hat dein Strom auch einen Vornamen?«, wollte Thomas wissen, als wir still durch den Wald liefen, um endlich nach den Fallen zu sehen.
   Ich überlegte kurz und biss mir auf die Lippen. »Natürlich«, antwortete ich mit todernstem Gesicht.
   »Er heißt Batterie. Batterie Strom.«
   »Oh«, freute sich der Achtjährige. »Das ist großartig, weil Mutter im Frühjahr wieder ein Kind bekommt. Wir werden Vater sagen, dass wir einen Namen für den Bruder haben. Den Namen von einem mächtigen Geist.« Thomas strahlte mich an.
   »Und wenn eure Mutter ein Mädchen bekommt?« Mühsam unterdrückte ich das aufsteigende Prusten.
   »Dann nennen wir sie Batterine.«

Kapitel 12
Mein Geheimnis wird entdeckt

Schon von Weitem entdeckte ich das zappelnde Kaninchen und das kräftige Hanfseil, das sich immer enger um seine Gliedmaßen schnürte, je verzweifelter es versuchte, sich zu befreien.
   Die Brüder rannten mit einem begeisterten Schrei auf die Falle zu, überglücklich, etwas Fleisch nach Hause bringen zu können.
   Unlustig schlenderte ich hinterher und betrachtete mitleidig die Qual und Panik des Tieres, das uns mit schreckgeweiteten Augen, verschwitzt und blutend, ansah. Diese Fangmethode sei eher simpel, aber erfolgreich, erklärte mir William stolz, während er das erschöpfte Tier an den Ohren hinter sich herzog. Er deutete auf ein Seil, das unter Laub und Sand verborgen auf dem Boden gelegen hatte. Das eine Ende, das jetzt den Hals des Kaninchens zuschnürte, bestand aus einer einfachen Schlinge. Das andere Ende wurde an einem herabgebogenen Ast befestigt und mit einem Stein am Boden festgehalten.
   Geriet ein Tier in die Schlaufe, dann schnellte das Holz ruckartig in seine ursprüngliche Position zurück, schleuderte den Stein in die Luft und das Opfer wurde aufgehängt.
   »Hier, halt mal«, forderte William, drückte mir das Fellbündel gegen die Brust und begann die Seile erneut auszulegen. Vorsichtig streichelte ich das zitternde Haarkleid, spürte den jagenden Herzschlag dicht an meinem und beschloss abrupt, diese Tierquälerei zu beenden.
   Lächelnd blinzelte ich in den Wald. Ich spürte die Wärme der ersten Sonnenstrahlen auf dem Gesicht und genoss das Licht des beginnenden Tages, das sanft durch die Äste der Bäume schimmerte.
   »Lauf schnell«, murmelte ich und setzte den Hasen zu Boden.
   Bevor William und die anderen Jungen überhaupt mitbekamen, was los war, entschwand das Mittagessen wie der Blitz hinter Sträuchern und Bäumen. Erleichtert grinste ich vor mich hin und dachte noch, wie viel besser mir Brot und Suppe schmecken würden, als ich von einem gewaltigen Schlag getroffen rückwärts taumelte, über eine dicke Baumwurzel stolperte und zu Boden ging.
   Sofort war William über mir, setzte sich rittlings auf mich und hämmerte mit den Fäusten wie ein Verrückter auf meine Brust und mein Gesicht ein. »Was fällt dir ein, Vetter Simon?«, brüllte er außer sich vor Wut. »Bist du total übergeschnappt? Das sollst du büßen!«
   Abwehrend hielt ich die Hände vor den Kopf und versuchte verzweifelt, die aufsteigenden Tränen zurückzudrängen. Vielleicht hoffte ich, dass sich der Schmerz in meinem Körper und die Enttäuschung über Williams Verhalten in Kraft umwandeln würde. »Elende Tierschinder seid ihr alle miteinander, Tierfresser brutale, verlogene, abergläubische Rotzlöffel«, schrie ich zurück. Ich zitterte wie Espenlaub.
   William versetzte mir als Antwort eine Ohrfeige, hielt meine Hände umklammert und tastete nach dem Schlingenstein, der in seiner Reichweite auf der neu gebauten Falle lag. Die Jungen johlten vor Begeisterung und schlugen mit Ästen und Zweigen gegen die Bäume.
   Meine Wange brannte wie Feuer. Adrenalin strömte durch meinen Körper. Mit einem Schrei bäumte ich mich auf, schlug und kratzte auf William ein, und als das Beifallklatschen zunahm, erfasste ich wütend seine Nase mit den Zähnen und biss kräftig zu. Aufjaulend fuchtelte er mit den Händen in der Gegend herum, riss meine Mütze herunter und presste sie gegen seine blutende Nase.
   Befreit von der hässlichen, einengenden Kopfbedeckung bekamen meine Haare sofort ein Eigenleben. Wie ein munteres Bächlein flossen sie über meinen Körper und lösten Williams festgekrallte Hände. Mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen starrten mich die de Mère-Brüder an. Heute würde ich behaupten, dass sie zu Gold gesponnenes Stroh erblickten.
   »Ein Mädchen«, rief Pieter prustend, hielt sich die Hand vor den Mund und konnte sich vor lauter Lachen kaum beruhigen. »William hat sich mit einem Weib geprügelt«, gluckerte er ausgelassen. »Wenn das der Vater erfährt.«
   Nur Hannes, der Neunjährige, sagte nichts, sondern blickte mich bewundernd an.
   »Vetter Simon, du bist tatsächlich eine Weibsperson«, stellte Thomas verwundert fest, nachdem er seinen verdutzten Bruder von mir hinuntergezerrt und meine langen Haare fachmännisch begutachtet hatte. Rasch stand ich auf, nutzte den Moment der allgemeinen Überraschung, riss Vetter William meine blutgetränkte Mütze aus der Hand und stopfte hastig die verräterischen Locken darunter. Stumm sah ich William an. Seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und seine Lippen waren beleidigt und gekränkt zusammengepresst.
   »Sie trägt die Beinkleider eines Mannes«, sagte er frostig, blickte mich streng an und wies auf meine Lieblingsjeans. Missbilligend schüttelte er den Kopf.
   »Das ist nicht gottgefällig, vielleicht sollte ich Bruder Thomas, dem Dominikanermönch, erzählen, dass du gar nicht Simon bist, sondern … Äh, wie heißt …, ich meine, wo du jetzt eine Weibsperson geworden bist?« William geriet ins Stottern.
   »Was geht’s dich an«, gab ich spitz zurück und rieb meine Wange, die immer noch schmerzte. »Ich war schon immer ein Mädchen, damit du es weißt. Du hast auf mir rumgetrommelt wie auf einen Jungen, nun ist es egal, wie ich heiße, oder?«
   »Ja, aber das wusste ich doch nicht.« William war echt entrüstet. »Außerdem finde ich, dass du verdienst, was du bekommen hast. Bruder Thomas lässt dich bestimmt wegen Gotteslästerung in den Turm sperren. Sonntags in der Kirche erzählt er uns von Gottes Geboten, und wenn er aus dem Heiligen Buch vorliest, dann steht da, wer das geschriebene Wort nicht beachtet, der ist des Teufels. Und Bruder Thomas muss es wissen, er ist Gottes Diener und spricht mit dem Herrn und deshalb stimmt immer, was er sagt.«
   William stand mit erhobenem Zeigefinger vor mir und funkelte mich an. Die drei anderen Jungen nickten eifrig zu seinen Sätzen und ich bekam es mit der Angst zu tun. Wenn das hier wirklich so eng gesehen wurde, dann war ich in großer Gefahr.
   Für alle Mädchen in meiner Zeit war es selbstverständlich, in praktischen Beinkleidern herumzulaufen. Aber hier, fünfhundert Jahre zuvor, war es ein Verbrechen für ein Mädchen, sich als Junge zu verkleiden.
   »Ich bin Soraya«, sagte ich mit honigsüßer Stimme zu William, der immer noch stur an einem Baum gelehnt dastand und mich aufmerksam beobachtete. »Soraya van Poh, die Tochter Ruben van Pohs, des Kaufmanns aus dem Holländischen. Und ich kann lesen«, fügte ich stolz hinzu.
   William starrte mich nur an und zeigte keine freundliche Regung. Mir wurde klar, dass ich alles versuchen musste, um Großmutter und mich zu retten. Schweren Herzens reichte ich ihm unsere Taschenlampe und gab damit unsere einzige moderne Lichtquelle aus der Hand.
   »Wenn du mich nicht verrätst, William de Mére, dann schenke ich dir Strom.«
   »Er kann mich nicht leiden, ich will ihn nicht«, antwortete er unwirsch und winkte ab.
   »Aber du kannst ihn besiegen«, schmeichelte ich. »Wenn du ihn in seinem Haus lässt, dann gehorcht er dir. Du musst nur auf diesen Knopf drücken. Siehst du?« Erneut begann das Lampenspiel. Mit Erfolg.
   »Gib schon her.«
   Mit einer hochmütigen Geste nahm er den Behälter mit den Batterien, der nicht viel größer als eine Butterbrotdose war, an sich und stopfte ihn kommentarlos unter sein Hemd. Dann blickte er mich herausfordernd an und tippte seinen Brüdern nacheinander auf die Brust. »Und was krieg ich dafür, dass wir alle den Mund halten?«
   Überrascht sah ich ihn an. So ein Halunke!
   »Aber ich habe nichts mehr, William de Mére, was soll ich dir geben? Meine Großmutter und ich haben doch alles verloren.«
   »Gib mir deine Schuhe«, forderte er, strich seine komischen Sandalen von den Füssen und warf sie mir zu. »Wir tauschen.« Dann kreuzte er die Arme vor der Brust und grinste frech. »Und gib noch die Fußwickel dazu und dein schwarzes Gewand und …«
   »Was und, William, der Habgierige! Soll ich mich nackig machen? Du bist so was von unverschämt, so gemein, so … so …« Ich holte tief Luft und spuckte ihm meine ganze Empörung entgegen. »Du bist ekelhaft, brutal, und außerdem bist du der dümmste und uncoolste Junge, dem ich je begegnet bin.« Wütend beendete ich meine Aufzählungen, warf ihm meine Schuhe hin und die Socken hinterher, denn das waren ja wohl die Fußwickel, die er meinte, und zerrte den Anorak so fest um mich, wie es ging. »Die Jacke bleibt bei mir, die bekommst du nicht.«
   Egal Turm, egal Hochwürden, ja, egal Großmutter. Sie hatte mich in diese primitive Gegend gelockt, wo nur Besserwisser und Analphabeten hausten, wo es schmutzig und kalt war und wo es erbärmlich stank.
   Mit gerunzelter Stirn und fast am Ende meiner Kräfte blickte ich zu Boden und wartete. Und dann hörte ich die ulkigste Frage, die ich je beantworten sollte.
   »Was ist uncool, Soraya van Poh, Tochter des Kaufmanns aus dem Holländischen?« Überrascht sah ich auf. »Ist das auch Zauberzeug wie Strom oder so?«
   »Ach Unsinn, nee.« Ich lächelte und sah die Rettung aus meinem Dilemma. »Cool ist cool …, das ist«, sekundenlang versuchte ich, mich an meine dürftigen Englischkenntnisse zu erinnern. »Cool ist sehr klug, ist, wenn man sich nicht ärgern lässt und sozusagen über den Dingen steht, nur zuguckt, wie ein Engel eben, von oben, völlig unbeteiligt, kalt, das ist cool.«
   »Gut, Simon Soraya, dann bin ich cool. Ich stehe kalt über mir und wir versprechen dir, deine Beinkleider und was darunter steckt, nicht zu verraten.«
   Aber erst nachdem er die Hände zum Schwur erhoben hatte und auch seine Brüder bei Gott und allen Heiligen feierlich gelobten, mein Geheimnis für sich zu behalten, war ich zufrieden.
   »Zu Großmutter Amelie kein Wort«, flüsterte ich William zu, als wir zerzaust, schmutzig, ohne Schuhe und Strümpfe, und ohne Strom und Beute zum Frühstück bei der Schmiede eintrafen.
   Großmutter lächelte, als sie mich sah und ich dachte, wie gut ist es, dass du nicht alles weißt, Amelie de Mére.
   Es gab Milch, Brot und Ziegenkäse. Unvermittelt musste ich an das Kaninchen denken und nie zuvor schmeckte mir etwas vorzüglicher als das schlichte Frühstück an dem wackligen Holztisch meiner Urahnen.