Der 10-jährige Leon ist ein Außenseiter im Waisenheim. Als er vor einer Gruppe Jungen in den nahen Wald flüchten muss, versteckt er sich zitternd vor Angst in einem hohlen Baum und hofft, dass sie ihn nicht finden. Leon blickt seinen Widersachern fast ins Auge, da entpuppt sich der morsche Baumstumpf als Tor zu einem verwunschenen Königreich. Leon gerät in das Abenteuer seines Lebens. Noch ahnt er nicht, dass das Schicksal Rumìns von ihm abhängt. Als er erfährt, dass seine Eltern von dem dunklen Zauberer Obscurus gefangen gehalten werden, beginnt für ihn eine riskante Reise. Gemeinsam mit seinem Drachenfreund Feo will Leon den Bann des Bösen brechen, doch die Späher des dunklen Zauberers sind ihnen dicht auf den Fersen ...

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ISBN: 978-9963-724-23-9

Seiten: 112

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Patrick Grasser

Patrick Grasser
Patrick Grasser wurde 1981 in Nürnberg geboren und wuchs in der Nähe von Erlangen auf. Nach dem Zivildienst studierte er evangelische Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit. Seit 2007 arbeitet er als Religionslehrer an Haupt- und Förderschulen. Neben seinem Hauptberuf beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit dem Schreibhandwerk. Patrick Grasser schreibt und veröffentlicht Fachbücher für den Religionsunterricht und Geschichten für Kinder. Im bookshouse-Verlag erschien sein Debütroman für Kinder: „Prinz Leon und der Schwarze Magier“.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Eine fremde Welt


Leon wünschte, er wäre nicht hier.
   Sein Blick wanderte durch das Fenster im Speisesaal. Hinter dem Wäldchen neben dem Waisenhaus funkelte die Sonne, am Himmel standen schneeweiße Schäfchenwolken. Leons Gedanken flogen mit ihnen um die Wette.
   Wenn er nur mit ihnen davonwehen könnte. Weit weg. Ob der Wind ihn bis zu seinen Eltern tragen würde? Leon dachte oft an seinen Vater und seine Mutter und fragte sich, was mit ihnen geschehen war. Waren sie tot? Er wusste es nicht und es gab niemanden, der es ihm sagen konnte.
   Sein Blick verschwamm. Wenn er wenigstens eine kleine Erinnerung an sie hätte. Nur einen winzigen Fetzen. Doch den gab es nicht, so sehr er auch danach suchte.
   Leon zog das Amulett hervor, das er an einem Lederband um den Hals trug, und legte den Bronzeanhänger neben sich auf den Tisch. Der geflügelte Drache mit einer Öse am Kopf schimmerte im Sonnenlicht. Seit er denken konnte, besaß er diese Kette. Er trug sie bereits, als er ins Waisenhaus gekommen war.
   Wie so oft stellte er sich vor, dass seine Eltern ihm den Anhänger geschenkt hatten. Vielleicht war er eine Art Glücksbringer, der ihn beschützen sollte.
   Leon strich über die Flügel des winzigen Drachen. »Wärst du doch lebendig. Dann könntest du mit mir davonfliegen.«
   Ein Knall riss ihn aus seinen Gedanken. Er schreckte hoch. Im nächsten Augenblick dröhnte das Gelächter der anderen Kinder in seinen Ohren. Eine Meute, die sich über ihn lustig machte. Sein Magen drehte sich um. Sie hatten ihn beobachtet.
   »Seht euch den Schisser an.« Carsten prustete vor Lachen und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ein Knallfrosch … und der Knirps macht sich glatt in die Hose.«
   »Na, bist du mit deinem Minidrachen um die Welt geflogen?«, spottete Erik und baute sich neben Leon auf. Mit einem fiesen Grinsen sah er zu den anderen. »Wetten, dass er gleich wieder abhaut und heult?«
   Leon packte hastig sein Amulett und sprang auf. Tränen schossen ihm in die Augen. Er rannte aus dem Speisesaal, durch die Eingangshalle, und hinaus in den Garten. Sein Kopf war leer. Er wollte einfach nur weg. Aber wohin? Carsten und Erik kannten mittlerweile jedes seiner Verstecke.
   Hinter dem Haus blieb er stehen und sah sich um. Sein Blick fiel auf das Wäldchen hinter dem Zaun. Es war verboten, das Gelände des Waisenhauses zu verlassen, aber dort gab es sicher einen Unterschlupf. Einen Platz, an dem ihn die anderen nicht fanden und er endlich einmal allein sein konnte, ohne ständig aufgezogen zu werden.
   Leon sah über die Schulter zurück. Niemand zu sehen. Er schob vorsichtig eine Latte im Zaun beiseite, kroch hindurch und huschte in den dämmrigen Tannenwald.
   Hier war er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen. Ein Schauder lief ihm über den Rücken, als er sich an seinen letzten Besuch erinnerte. Vor einigen Jahren, als er gerade ins Heim gekommen war, hatte ihn der Nadelwald wie magisch angezogen. Es kam, wie es kommen musste. Er hatte sich zwischen den dicht gewachsenen Bäumen verirrt. Die Betreuer hatten ihn schließlich gefunden. Seitdem war er nicht mehr zurückgekehrt und widerstand der seltsamen Anziehungskraft.
   Carsten und Erik rannten über die Wiese des Waisenhauses. Noch würde Leons Vorsprung ausreichen, damit er sich verstecken konnte, bevor sie ihn einholten.
   »Pah«, sagte er und versuchte, sich Mut zu machen. Immerhin war er jetzt schon zehn. Da verlief er sich bestimmt nicht mehr.
   Er wagte sich tiefer in den immer düsterer werdenden Wald. Es roch nach Tannennadeln, satter Erde und morschem Holz. Äste knackten unter seinen Schuhen, während er sich zwischen den Büschen und Sträuchern hindurchschob und immer schneller lief, bis er auf eine Lichtung gelangte. Ein einsamer Baumstumpf ragte aus der Erde. Vögel zwitscherten aufgeregt.
   »Jetzt haben wir ihn gleich.«
   Das waren Carsten und Erik. Leon fluchte leise. Er hätte noch schneller laufen müssen, jetzt hatten die beiden ihn beinahe eingeholt.
   Wie ein Kreisel drehte er sich um die eigene Achse. Rannte er zurück, würde er den Fieslingen genau in die Arme laufen, flüchtete er weiter voran, würden sie ihn einholen, weil sie einfach schneller waren als er.

Leon schob sich hinter einen mächtigen Baumstumpf, legte die Hände auf die Rinde und spähte um den Stamm herum. Er hörte weitere Rufe und das Gelächter seiner Verfolger. Vor Wut kamen ihm erneut die Tränen. Seine Hände glitten an der Baumrinde entlang, bis sie plötzlich im Nichts landeten.
   Erschrocken sprang Leon einen Schritt zurück. In der Mitte des Stamms schälte sich ein breiter Spalt aus dem Schatten. Sein Herz hüpfte vor Freude. Der Stamm war hohl und vielleicht ein gutes Versteck – sofern Leon hineinpassen würde. Ohne zu zögern zwängte er sich seitlich in die Öffnung, schob sich tiefer und tiefer. Das Innere war eng und Leon musste sich zusammenkauern, um darin Platz zu finden, aber das Versteck war gut. Bestimmt würden Carsten und Erik ihn hier nicht suchen.
   Das Licht der untergehenden Sonne funkelte durch schmale Ritzen der morschen Rinde. Es roch nach schimmeliger Feuchtigkeit. Leon rümpfte die Nase und lauschte.
   Carsten und Erik streiften über die Lichtung, schlichen durchs Gras.
   »Komm her, du Feigling«, rief Carsten.
   Leon hielt den Atem an. Carsten musste direkt vor seinem Versteck stehen. Er tastete nach seinem Amulett und umklammerte es. Seine Hand erwärmte sich. Nein, sie glühte beinahe.
   Leon öffnete die Faust und blickte auf den Bronzedrachen. Das Metall funkelte, obwohl kein Lichtschein in das Schlupfloch fiel. Eine Gänsehaut kroch Leon von den Füßen immer höher, bis er sich vor Kälte schüttelte. Das Amulett schimmerte immer heller und tauchte den Hohlraum des Baumstammes in ein magisches, rotes Licht.
   Ein Windhauch streifte durch sein Haar, verstärkte sich und wehte wie ein Wirbelsturm im engen Inneren. Der Luftstrom rauschte in seinen Ohren, als würde eine Armee von Gespenstern an ihm vorbeifliegen. Lauter, schneller, wilder – und immer unheimlicher.
   Leon versuchte, sich aufzurichten und aus seinem Versteck zu fliehen, aber es gelang ihm nicht. Der kleine Tornado peitschte ihm ins Gesicht, wirbelte Moos und feuchte Erde auf. Schützend hielt er die Hände vor seine Augen und kauerte sich noch enger zusammen.
   Plötzlich herrschte Stille. Eine gespenstische Ruhe, die weder die Stimmen von Carsten und Erik durchbrachen noch die Geräusche der Waldbewohner. Leon traute sich nicht, die Augen zu öffnen, und erst nach einer geraumen Weile, in der nichts geschah, rieb er sich den Staub und den Dreck aus den Augen. Er blinzelte.
   Der Baumstumpf war verschwunden.
   Die Helligkeit des Spätnachmittags war verschwunden.
   Leon kauerte auf der Erde, mitten in einem dunklen Wald. Knorrige Bäume reckten ihre Äste in den Nachthimmel. Wie knochige Finger, die nach den funkelnden Sternen griffen. Efeuranken kletterten die Stämme hinauf bis in die kahlen Wipfel.
   Leon fröstelte. Dies war nicht der Wald hinter dem Waisenhaus, er sah es nicht nur, er fühlte es auch. Mit wackeligen Beinen stand er auf und trat behutsam einen Schritt nach vorn. Er musste die Augen zusammenkneifen, um überhaupt etwas im matten Mondschein zu erkennen, so dunkel war es zwischen den dichten Tannen. Leon tastete sich an Stämmen und Wurzeln entlang. Sein Atem dröhnte ihm in den Ohren, seine Finger zitterten. Das Holz schien bei jeder Berührung zu ächzen und zu stöhnen.
   Aus dem Unterholz heraus funkelte ihn etwas an.
   Leon wich zurück. Das Gestrüpp raschelte und die Umrisse einer Gestalt schälten sich aus den Schatten. Er erkannte zuerst nur zwei leuchtende Kugelaugen. Dann eine Kreatur, die kaum größer war als er. Eher noch ein wenig kleiner. Dafür umso kräftiger.
   Mit schweren Schritten stapfte das Schattenwesen auf ihn zu. Es fauchte und zischte.
   Leon wirbelte herum und rannte los, so schnell er konnte, aber schon nach wenigen Schritten stolperte er über eine Wurzel, die sich wie eine Schlinge aus dem Waldboden bohrte. Er stürzte. Die Halskette flog ihm in hohem Bogen aus der Hand. Leon schrammte sich die Knie wund und unterdrückte nur mit Mühe einen Schmerzenslaut.
   Das Amulett! Er musste es rasch wiederfinden, etwas in ihm schrie förmlich danach.
   Leons Blick glitt durch die Dunkelheit. Alles ging so blitzschnell, dass er das Rascheln hinter sich beinahe vergessen hätte ... wäre da nicht ... nicht ...
   Er schluckte. Das Amulett lag nur eine Armlänge entfernt. Er konnte es überhaupt nicht übersehen, denn zum zweiten Mal blitzte es auf und verbreitete seinen glutroten Schein. Im Licht des Amuletts erkannte Leon, wovor er davongelaufen war.
   Er versuchte zu schreien, doch sein Hals schien wie zugeschnürt.
   Über ihm ragte ein Drache empor.
   Seine Schuppenhaut funkelte im gleichen Rot wie der Anhänger.
   »Pack das weg«, zischte der Drache lispelnd. »Los, mach schon.«
   Leon griff hastig nach dem Bronzeanhänger und rutschte gleichzeitig auf dem Hosenboden rückwärts, ohne den Drachen aus den Augen zu lassen.
   »Woher hast du dieses Amulett?«
   Die lispelnde Piepsstimme passte nicht zu einem Drachen. Leon hielt langsam inne, doch er zog die Knie an, um jederzeit sprungbereit zu sein.
   »Hast du die Sprache verloren?«
   Etwas Freundliches lag in der Stimme, dennoch schob sich Leon langsam mit dem Rücken an einem Baumstamm hoch.
   »Meine Eltern haben es mir gegeben.«
   Die winzigen Flügel am Rücken des Drachen flatterten und mit einem Mal wirkte er überhaupt nicht mehr Angst einflößend. Leon traute sich sogar, seine angespannten Muskeln ein wenig zu lockern.
   »Dann bist du ... der Königssohn? Du bist zurück. O Mann, o Mann, o Mann.«
   »Königssohn? Quatsch! Ich bin Leon und kein Königssohn.«
   »Unsinn! Du bist der Prinz von Rumín. Und jetzt bist du endlich wieder da und kannst uns alle befreien.« Die roten Augen des Drachen leuchteten.
   »Wovon soll ich euch denn befreien? Und wie kommst du überhaupt darauf, dass ich ein Königssohn bin?«
   »Das ist doch ganz einfach. Dein Amulett. Nur der Königssohn darf dieses Wappen tragen.«
   »Aber das kann doch auch ein Zufall sein, dass ausgerechnet ich den Anhänger habe.«
   »Blödsinn! Das Amulett leuchtet nur bei einem Prinzen von Rumín.«
   Vorsichtig zog Leon das Amulett ein Stück aus der Hosentasche. Das Leuchten hatte nachgelassen, aber noch immer funkelte ein roter Lichtschleier um den Anhänger. Hatte der kleine Drache recht? Es wäre einfach irre, wenn Leon tatsächlich ein Königssohn wäre, der zurück in seine Heimat gekommen war. Oder träumte er vielleicht? Nein, ein Traum konnte es nicht sein. Dazu hatte der Sturz auf den harten Waldboden zu sehr wehgetan.
   »Wie heißt du denn?«
   »Ich bin Leon und du?«
   Eine Horde Schatten flatterte aus den Baumkronen auf. Vögel kreischten und stoben in den düsteren Himmel. Der Drache richtete sich auf und horchte in die Dunkelheit.
   »Sie sind hier«, flüsterte er halb erstickt, sodass es Leon eisig den Rücken hinunterlief.
   »Wer ist hier?«
   »Die Späher des bösen Zauberers. Komm. Wir müssen verschwinden. Keine Zeit für lange Erklärungen.«
   Der Drache duckte sich zwischen den Ästen hindurch. Als er sich umdrehte und bemerkte, dass Leon noch immer wie angewurzelt dastand, fuchtelte er wild mit den Armen.
   Das war doch alles zu verrückt.
   »Komm, schnell. Sie dürfen dich nicht finden. Hoffentlich ist es nicht schon zu spät.«