Albträume werden nicht wahr … oder doch?
Dunkelheit. Ringsumher. Wände, die keinen Ausweg erkennen lassen. Die vierzehnjährige Anna träumt oft von einem finsteren Labyrinth, bis sie erkennt, dass ihre Träume sie in eine andere Realität gezogen haben. Sie findet sich im alten Ägypten wieder, 1335 Jahre vor Christus. Anna weiß, sie muss aufwachen, verschwinden, doch sie kann nicht. Eine viel zu starke, unheimliche Macht hält sie gefangen. Ihr Schicksal ist auf rätselhafte Weise mit der Vergangenheit verbunden. Warum setzt der mächtige Pharao Echnaton alles daran, sie in seine Hände zu bekommen? Wird Anna es mithilfe der Katzengöttin Bastet schaffen, nach Hause zurückzukehren? Und was macht ausgerechnet Daniel, ihre erste große Liebe, an diesem Ort, in dieser Zeit?

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ISBN: 978-9963-52-415-0

Seiten: 196

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Sandra Rehschuh

Sandra Rehschuh
Während eines Schneesturmes erblickte ich am 18. Dezember 1984 das Licht der Welt. Doch schon nach wenigen Stunden hatte ich das Stadtleben satt und kehrte Pirna, in der schönen Sächsischen Schweiz, den Rücken zu. Meine neue Heimat lag in einem kleinen Dörfchen namens Cunnersdorf. Drei Jahre blieb ich dort, doch dann trieb es mich weiter. Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich das kleine, aber berühmte, Städtchen Königstein, das nun zu meinem neuen Zuhause wurde. Die Festung Königstein nährte von diesem Moment an meine Fantasie und so begann ich, zuerst - zugegeben, undefinierbare und krakelige - Gestalten zu malen, die in den Wäldchen umherlebten und schrieb meine erste Geschichte über diese Gesellen. Leider holte mich bald das wahre Leben ein. Der Kindergarten beendete meine hoffnungsvolle Karriere als Schriftstellerin. Auch in der Schule kam ich nicht zum Schreiben. Daür hatte ich von da an ein neues Ziel: Lehrer ärgern! Leider sahen die das ganz anders ... Anfänglich rebellierte ich noch gegen die Lehrer, die ständig über zu lange Aufsätze schimpften. Doch wurde ich dieses Kampfes bald müde und ergab mich in mein Schicksal. Das Schreiben rückte immer weiter in den Hintergrund, andere Dinge wurden wichtiger. Eigentlich nur eine Sache: Die Feuerwehr. Regelmäßig brachte ich meine Eltern zur Weißglut, wenn ich während des Essens aufsprang, weil mein Pieper alarmierte, und zum Einsatz rannte. Oder weil ich erst spät von den Übungen heimkehrte. So vergingen die Jahre. Ich erhielt meinen Realschulabschluss und begann eine Lehre zur Gesundheits- und Krankenpflegerin (was nichts anderes als Krankenschwester bedeutet), die ich auch erfolgreich abschloss. Endlich von der Schule und dem ewigen Lernen befreit, erinnerte ich mich an meine früheren Schreibversuche und begann, einfach draufloszuschreiben. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein Fantasyroman, den aber niemals jemand anderes als meine Schublade sehen wird. Nach und nach setzte ich mich mit dem Handwerk „Schreiben“ auseinander, verbrachte unzählige Stunden vor dem Rechner und noch mehr mit dem Kopf unter einem Kissen, damit keiner meine Frustration sah. Aber aufgeben, das kam für mich nicht infrage. Ich schloss mich einem Autorenforum an und mithilfe der dortigen User schaffte ich meine erste Veröffentlichung. Ja, und heute verbringe ich jede freie Minute mit dem Schreiben - ob es nun das Tippen an sich ist, ich Recherchen durchführe oder nur das nächste Kapitel plane - ein Stift ist immer mit dabei. Hauptberuflich arbeite ich noch immer als Krankenschwester in der außerklinischen Intensivpflege.

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Die Ausstellung

Dunkelheit. Schwärze. Überall. Atemraubend. Anna sah keinen Meter weit. Abgestandene Luft legte sich wie nasser Sand über die Nase, den Mund, erschwerte ihr das Atmen. Rasch hob und senkte sich ihr Brustkorb, jede Faser des Körpers gierte nach Sauerstoff, schien vor Ungeduld zerreißen zu wollen.
   Sie spürte die Blicke wie Nadelspitzen auf ihrer Haut und dann … diese Schritte. Schritte, die von den Mauern herniederhallten, die sie umringten.
   Sie blieb einen Herzschlag lang stehen, lauschte in die Finsternis. Kamen die Tritte näher? Nahm das Stöhnen an Lautstärke zu?
   Gehetzt sah sie zurück und erkannte doch nichts.
   Weiter! Du musst weiterlaufen, klang es hinter ihrer Stirn. Er holt dich. Er fängt dich. Du wirst niemals dieses Labyrinth verlassen, wenn er dich erreicht.
   Sie drückte die Hände gegen die Schläfen, bis die Stimme in ihrem Kopf verstummte. »Ruhig, Anna«, murmelte sie, »irgendwo muss es einen Ausgang geben. Irgendwo vor dir. Oder hinter dir.« Ihr Herz trommelte wild. Die Erkenntnis, dass sie nicht den Hauch einer Ahnung besaß, wo sie sich überhaupt befand, jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
   Den Tränen nahe, streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus. Ihre Hände berührten staubigen Stein. »Es muss einen Ausgang geben. Es gibt immer einen.« Sie konzentrierte sich auf ihren Puls, befahl ihm, langsamer zu werden. Erst, als er einen normalen Rhythmus annahm, schloss sie die Augen, versuchte sich auf Gehör und Gefühl zu verlassen und trat zwei Schritte nach vorn.
   Keine Mauer. Aber auch kein Luftzug. Enttäuscht ließ sie die Schultern sinken.
   »Grrr …«
   Blindlings hastete sie durch die Gänge, eine gefühlte Ewigkeit, bog nach rechts ab, als sie auf dieser Seite keinen Widerstand spürte.
   Der Schmerz schoss wie ein Pfeil von der Stirn in die Füße. Einen Moment lang verspürte sie Übelkeit, als ob sie zu viele Süßigkeiten auf einmal gegessen hätte, und atmete tief durch.
   »Aua«, murmelte sie schluchzend, und tastete über eine Mauer. Sie war so oft den Weg entlanggelaufen, aber nie zuvor hatte er an dieser Stelle aufgehört. Es gab nur eine Sache, die sie wirklich wusste. Hinter ihr, irgendwo in den Tiefen der Schwärze, lauerte das Geschöpf, das nach ihr jagte.
   Von Neuem hallten seine Schreie durch das Labyrinth, als ob es ihre Gedanken las.
   »Grrr …« Dieses Mal schien es näher als zuvor.
   Zitternd fuhr sie mit den Fingern über den Felsen. Sie fanden keinen Ausweg, keine Lücke, durch die sie sich zwängen konnte.
   Außer Atem ließ sie sich gegen die Mauer sinken, starrte in die Dunkelheit. Sie presste die Zähne aufeinander, damit ihr Klappern sie nicht verriet. Ihre Haare stellten sich zu Berge.
   Sie lauschte. Schlürfende Schritte, unheilvolles Knurren. Lauter. Näher.
   Sie drückte sich gegen Stein und verbarg den Kopf zwischen ihren Knien. Ich seh dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ich seh dich nicht, also siehst …
   Eine Hand, wie von Elfenbein, blitzte in der Schwärze auf.
   Anna schrie.

Anna brüllte noch immer. Ihre Kehle fühlte sich wie Sandpapier an, ihre Stimme wurde schwächer, doch sie konnte nicht aufhören.
   Ein lautes Knarzen übertönte sie.
   »Anna? Was ist los?«, rief jemand.
   Ohne Vorwarnung kam die Hand aus der Finsternis, bleich wie eine Totenhand. Sie keuchte. Das Ding kannte ihren Namen.
   Sie fuhr auf, hörte ihr Herz dumpf in ihren Ohren pochen, sah einen Schatten, der ihr seltsam vertraut war und verstummte. Zischend sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. »Mama? Was …? Wo bin ich?«
   Mama nahm sie in die Arme und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Anna, du hast schlecht geträumt. Ein Alb, mehr nicht.«
   Annas Augen füllten sich mit Tränen. Sie schniefte. »Es war kein Traum. Ich war dort. In dem dunklen Labyrinth. Die Mauern … die Sackgasse.« Ihre Stimme schwoll an, bis sie in Mamas Augen blickte. Darin erkannte sie ein Funkeln, das ihr nicht geheuer vorkam. Schmerz? Begründet in einer Ahnung, dass sie den Verstand verlor? Doch sie konnte nicht länger schweigen. »Es ging nicht mehr weiter. Dieses Mal jedoch …« Sie vergrub das Gesicht in der Ellenbeuge ihrer Mutter wie in Kindertagen, wenn sie sich gruselte. »Ich habe etwas erkannt.«
   Mama nahm die Hand von ihrem Rücken. Augenblicklich vermisste sie die tröstende Wärme und bereute, überhaupt den Mund geöffnet zu haben.
   »Was war das?« In Mamas Stimme schwang ein sorgenvoller Unterton.
   Sie sah auf. Hörte sie ein Vibrieren, ein Zittern? Wieder und wieder hallte der Satz wie ein Echo in ihrem Kopf nach, bis sie glaubte, zurück in dem Labyrinth zu sein. Gehörte das, was sie vernahm, an diesen schrecklichen Ort? Stellte Mama einen Teil dieses ewig wiederkehrenden Albtraumes dar?
   Anna schüttelte den Gedanken ab. Unsinn. Mama macht sich wirklich Sorgen um mich.
   »Anna?«
   Sie versuchte, zu lächeln. »Bitte entschuldige. Ich probiere, mich an die Einzelheiten zu erinnern. Vielleicht eine Klaue, Pranke … nein. Eine Hand, ja, eine Hand griff nach mir.«
   »Erzähl weiter.«
   In Mamas Gesicht regte sich nichts.
   »Bevor sie mich packte, bin ich aufgewacht.« Sie schluckte das Gefühl der Erleichterung hinunter. »O Mama, was bedeutet das alles? Wann hört es endlich auf?« Die Tränen rannen herab, trockneten und nur salzige Kristalle blieben auf ihrer Haut zurück.
   »Ich weiß es nicht, meine Süße. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, Hilfe zu holen. Auf Dauer geht es so nicht wei…«
   »Hilfe? Willst du etwa sagen, dass ich verrückt bin?« Sie warf die Bettdecke zu Boden und sprang auf.
   »Beruhige dich, mein Liebes. Wenn du nicht willst …«
   »Ich will nicht. Ich bin nicht verrückt.«

»Du warst wieder dort?« Claudia rollte den Lutscher zwischen ihren Hamsterbacken umher und ähnelte damit verblüffend einem Kleinkind.
   Ein schreiend komischer Anblick, doch Anna war nicht zum Lachen zumute. »Ja. Es ist unheimlich dort. Dunkel. Weißt du, dass ich, seitdem sich dieser Traum ständig wiederholt, Angst im Dunkeln habe?«
   »Nein. Aber verdenken kann man es dir nicht.«
   »Übrigens …« Sie zeigte auf den Lolli. »… bekommst du von dem da Karies.«
   »Egal.« Claudia schob die Nascherei weiter in den Mund hinein.
   Ein scheußliches Knacken wie von berstenden Knochen war zu hören, als Claudia ein Stück abbiss.
   Ein Schauder durchlief Annas Körper. Sie schmeckte bittere Galle und schluckte heftig. »Bitte hör damit auf«, flüsterte sie.
   »Ah, jetzt weiß ich es.« Claudias Miene verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ich weiß, wo du Nacht für Nacht umherwanderst.«
   »So? Wo denn?« Gespannt wartete sie auf die Antwort. Claudia besaß seit eh und je die verrücktesten Ideen, und wenn die Geschichte nicht dermaßen gruslig wäre, hätte sie sich auf ihre Erklärungen mit Sicherheit gefreut.
   »Na, du triffst dich heimlich mit Daniel. Wenn auch nur in deinen Träumen, aber du triffst dich mit ihm.« Die Freundin, deren Haare jedem Feuerlöscher Konkurrenz machen konnten, versetzte ihr einen Stups in die Rippen und lachte.
   »Nicht so laut«, zischte Anna und sah unter den Wimpern zu dem blonden Jungen hinüber. Daniel war zwei Klassenstufen über ihnen. Sämtliche Mädchen der Schule begehrten ihn. Sie war ebenfalls heimlich in ihn verliebt. »Er steht doch da drüben.« Hitze stieg ihr in die Wangen. Rasch sah sie weg. Niemand sollte über ihre Gefühle im Bilde sein. Vor allem nicht Claudia.
   »Na und?« Claudia neigte den Kopf und setzte ihren berühmten Hundeblick auf, der bei ihr immer zog.
   Heute nicht. Heute wollte sie nicht lachen oder scherzen. Der Tag sollte nur rasch vergehen.
   »Er soll ruhig wissen, dass du ihn magst. Allein kommt er nie darauf. Wenn er es nicht erfährt, werdet ihr nie ein Paar. Also? Welche Rückschlüsse ziehen wir daraus?«
   »Dass du spinnst, meine liebe Claudia. Dass du spinnst.« In Gedanken lächelte sie zu ihm hinüber. Eigentlich stimmte es. Doch wenn sie nur daran dachte, zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen, klebten ihre Füße am Boden und ihre Zunge nahm ein taubes Gefühl an. Blöderweise würde Daniel wohl nie von allein zu ihr kommen, geschweige denn, sie ansprechen. Sie seufzte.
   »Liebeskummer, oder was?«, neckte die Freundin weiter.
   »Ach, was.« Jetzt kam der Zeitpunkt, an dem sie sich den klebrigen Boden zum ersten Mal herbeisehnte; sie könnte damit Claudia den Mund verschließen.
   »Sehnsüchte und seltsame, nächtliche Reisen. Ja, ja … Das muss Liebeskummer sein, meine Beste. Hihi.«
   »Wenn du das sagst?« Sie ließ resigniert die Schultern sinken. Claudia würde sie sicherlich bis zum Ende ihrer Tage mit ihren Sprüchen nerven. »Woher willst du eigentlich wissen, dass ich in ihn verschossen bin? Vielleicht bist du es ja selbst, und weil du dich nicht traust, Daniel anzusprechen, hackst du auf mir rum.«
   »Ach, Annalein.« Sie lachte. »Ich kenne dich. Deine Augen kleben ja förmlich an ihm.«
   »Das geht nicht«, brummte sie. »Dann müsste ich mir nämlich die Augäpfel herausreißen und sie mit Kleber an ihm festmachen.«
   Claudia klopfte ihr auf die Schulter. »Nur nicht den Mut verlieren. Jeder Topf findet seine Bratpfanne, sagt man doch so schön, oder?«
   »Jeder Topf findet seinen Deckel. Ein toller Spruch, nicht wahr? Irgendwie stimmt der bloß nicht. Zumindest trifft er bei mir überhaupt nicht zu. Ich bin schon immer ein deckelloser Topf und weit davon entfernt, dass sich daran etwas ändert. Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich mein ganzes Leben allein bleiben. Da gibt es noch ein geniales Zitat. Genieß die Einsamkeit. O Mann, wer denkt sich diese tollen Lebensweisheiten eigentlich aus?« Sie kickte einen Kieselstein davon und sah ihm nach.
   »Anna, sei doch nicht frustriert. Du bist gerade vierzehn. Du hast genug Zeit, jemanden kennenzulernen.« Das Spöttische wich aus Claudias Stimme, sie blickte ungewohnt ernst.
   »Vielleicht stimmt das ja.« Aber das tröstet nicht darüber hinweg, dass ich Daniel möchte, und ihn wohl niemals bekommen werde.
   »He, ich habe eine Idee, Annalein«, Claudia warf den Rest ihres Lutschers fort. »Das bringt dich sicher auf andere Gedanken. Heute eröffnet die Ägyptenausstellung. Also die über den Kinderpharao. Tutancha … irgendwas. Was meinst du? Wollen wir uns die zusammen ansehen?« Sie sprang auf und wäre beinahe über die eigenen Füße gestolpert, hätte Anna sie nicht aufgefangen.
   »Ich weiß nicht. Meine Nacht war kurz, Claudia und überhaupt …«
   »Ach, komm schon«, sie zerrte an ihrem Ärmel, »es klingelt gleich. Also, du und ich auf Ägyptentour, meine verehrte Pharaonin.« Claudia kicherte und strich über Annas Haare. »Eigentlich könntest du wirklich als eine Pharaonin durchgehen«, bemerkte sie nachdenklich, »dein Haar ist in der richtigen Länge, das Schwarz stimmt. Dein Pony ist genauso gerade geschnitten wie der der Majestäten aus längst vergangenen Tagen. Und wenn ich dich richtig ansehe«, sie trat einen Schritt vor Anna und zwang sie zum Stehenbleiben, »erkenne ich sogar diese feinen mandelförmigen Augen an dir.«
   »Claudia?«, sie zog die Freundin weiter, »es gibt keine Pharaoninnen. Wenn, dann Königinnen. Davon abgesehen glaube ich, dass du jetzt völlig durchdrehst.«

»Das macht vierzehn Euro.« Der Kartenverkäufer, dessen Gesicht sich unter einer Schicht Akne versteckte, beugte sich über die Theke und gab ihnen ihre Tickets.
   »Vierzehn Euro? Da geht ja mein ganzes Taschengeld flöten«, klagte Claudia empört.
   Am liebsten wäre Anna vor Scham im Boden versunken. Was der Typ jetzt wohl von ihnen denken mochte? Eigentlich konnte es ihr ja egal sein, aber peinlich war ihr die Sache schon. Was, wenn sie sich irgendwann einmal auf der Straße sahen? Erinnerte er sich an sie als die Freundin einer Unruhestifterin?
   Das Pickelgesicht lächelte.
   »Gehst du nicht auch bei uns in die Schule?« Claudia klimperte mit den Wimpern.
   »Kann sein«, murmelte er und widmete sich wieder einem Prospekt über die Ausstellung.
   »Ich glaube, ich habe dich bestimmt schon gesehen«, Claudia beugte sich zu ihm, »arbeitest du hier freiwillig?«
   Er zuckte die Schultern, sah nicht einmal auf.
   »Komm endlich. Lass ihn zufrieden«, sie zog an Claudias Shirt, »schließlich wolltest du mit mir in diese Ausstellung und nicht mit irgendwelchen Jungs flirten.«
   »Flirten?« Claudia erschrak, sah zum Ticketverkäufer, der sie jedoch keines Blickes würdigte. »Flirten? Bist du wahnsinnig? Sieh ihn dir mal richtig an. Rothaarig und mehr Pickel im Gesicht, als andere auf ihrem Hint… ähm … Na, du weißt schon.«
   Sie wandte sich von der Freundin ab und schüttelte den Kopf. Manchmal benahm sich Claudia wie ein Kindergartenkind. Niemand, der sie reden hörte, würde glauben, dass sie fünfzehn war.
   »Ich wollte doch nur, dass er uns die Preise niedriger macht«, rechtfertigte diese sich weiter.
   »Hat nicht geklappt.« Anna zerrte sie mit sich.
   »Danke, das merke ich.«
   »Denkst du mal daran, ob er das morgen in der Schule rumerzählt? Wenn er damit hausieren geht, dass du ihn bezirzen wolltest? Glaub mir, danach bist du das Gespött des Pausenhofes, nein, der ganzen Stadt.« Sie kicherte.
   »Erinner mich nicht daran.« Claudia schob einen samtenen Vorhang zur Seite, der wohl das Tor in die längst vergessene Welt darstellen sollte, und schlüpfte hindurch.
   »Kommst du?«, klang es gedämpft von der anderen Seite, »Anna?«
   Sie wollte nicht weitergehen. Etwas lauerte in den Räumen, das sie von ihrem Standpunkt aus nicht sah. Sie starrte den Vorhang an. Waren da nicht eben Stimmen gewesen? Leise, flüsternd wie von weit her. »Unsinn«, schalt sie sich. Sie befand sich in einer Ausstellung. Natürlich gab es hier Menschen, die miteinander sprachen. Besucher und keine Gespenster. Dennoch bemerkte sie einen Druck auf der Brust, der abklang und zunahm, als werfe jemand einen Volleyball immer und immer wieder dagegen.
   »Wo bleibst du denn? Anna?«
   Der Vorhang warf Wellen und schien einen Moment lang durchsichtig zu werden. Sie hielt den Atem an, betrachtete den Stoff, aber nichts geschah. Alles war, wie es sein sollte. Nur ein roter samtener Vorhang, der zwei Räume voneinander trennte. Ihre Fantasie ging mit ihr durch. Mehr nicht. Sie schüttelte den Kopf über diese absurde Vorstellung, etwas anderes gesehen zu haben und wollte gerade der Freundin folgen, als sie jemanden hörte. Ja, komm, meine Königin. Komm zu mir.
   Sie blieb stehen. Der Stoff in ihrer Hand fühlte sich heiß und trocken an. Wie hypnotisiert starrte sie auf den Vorhang, der nun flatterte, als tobe dahinter ein Sturm. Hitze stieg in ihr auf, verbrannte ihre Wangen, versengte die Augenbrauen. Die Luft wandelte sich zu Feuer. Sie konnte nicht mehr atmen.
   Diese Stimme gehörte nicht Claudia. Nein, sie klang wie die eines Mannes. Brummend und irgendwie geschmeidig zugleich. Eine Stimme, die dem Knurren aus ihren Träumen ähnlich schien.
   »Anna?«
   Wie ein Mantel fiel die Wärme von ihr, kroch am Boden davon und zog sich in die Finsternis hinter dem Vorhang zurück. Einen Wimpernschlag lang hielt sie noch den Atem an, dann wirkte alles wie bei ihrem Eintritt in das Museum.
   Claudia rief nach ihr. Ohne Zweifel. Wer sonst sollte wissen, dass sie im Vorraum stand?
   Tagträume, es müssen Tagträume sein. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. »Doch, die gibt es«, korrigierte sie sich, aber wollte nicht daran denken.
   »Willkommen, sehr verehrte Besucher«, drang es aus einem Lautsprecher über ihnen, »tauchen Sie ein, in eine der faszinierendsten Epochen der ägyptischen Geschichte. Ein Pharao wird mit neun Jahren auf den Thron gehoben. Seine Regentschaft dauert von 1332 bis 1323 vor Christus. Gelenkt durch seinen Gottesvater Eje, beginnt Tutanchamun die Abwendung vom Atonkult. Zerstörte Tempel der alten Götter werden wieder aufgebaut und er heiratet seine Schwester Anchesenpaaton.«
   Anchesenpaaton? Anna horchte auf. Sie kannte diesen Namen, wusste aber nicht woher. »Anchesenpaaton.« Der Name umhüllte ihre Zunge mit einem Gefühl, als hätte sie eben gerade am Fell des Nachbarhundes geleckt.
   »Tutanchamun, ein Pharao, der jung starb. Das Geheimnis um sein Ableben bleibt ungelöst. Was ist Wahres an dem Fluch des Pharaos? Warum starben die Expeditionsmitglieder, die das Grab am 4. November 1922 entdeckten, frühzeitig? Tauchen Sie ein und wandeln Sie auf den Pfaden längst vergangener Zeiten.«
   Tränen füllten ihre Augen, schwer wie Blei waren ihre Beine. Etwas schien sie in die Knie zwingen zu wollen. Dieselbe Macht, die sie vor dem Vorhang erlebt hatte? Sie kämpfte gegen den Drang, sich auf den Boden zu werfen und wie ein Embryo zusammenzurollen. Sie musste hier raus. Schnellstmöglich. Wie sollte sie das ihrer Freundin beibringen? Sie erklärte sie mit Sicherheit für verrückt.
   »Brrr …«, Claudia schüttelte sich, »verstehst du auch nur ein Wort von dem, was der da erzählt?«
   »Ich glaube schon«, gab sie nach kurzem Zögern zu und schwor, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.
   »Geht es dir nicht gut?«
   »Ja, nein. Ach, ich weiß nicht. Eigentlich will ich nur nach Hause.« Sie versuchte zu lächeln und hoffte, dass es gelang.
   »Nö, nichts da. Wir haben unser ganzes Taschengeld ausgegeben, um hier reinzukommen. Da gehen wir doch nicht, ohne uns die Ausstellung anzusehen. So, so. Du verstehst also, was der Typ da quasselt?«, wechselte sie das Thema. »Bist du etwa eine kleine Streberin?«
   Sie brachte gute Noten nach Hause, ja, allerdings war sie alles andere als eine Streberin. Ihr fiel es leicht, zu lernen, und das wusste Claudia. Aber das Alte Ägypten? Nein, diese Epoche der Geschichte hatte sie bis heute für uninteressant gehalten und nie wirklich etwas darüber gelesen. Aus welchem Grund also kamen ihr diese Worte bekannt vor?
   »Anna? Träumst du?«
   Sie sah auf und lachte, obwohl ihr zum Heulen zumute war. »Keine Ahnung. Alles an diesem Ort kommt mir seltsam vertraut vor, als ob ich schon einmal hier gewesen wäre.«
   Etwas blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Gleißend hell, strahlender als die Sonne, zogen Bilder durch ihre Gedanken. Bilder, die sie nicht erkannte und die ihr dennoch einen Schauder über den Rücken jagten. Anna ahnte, dass das Gezeigte mit ihr im Zusammenhang stand, aber die Bilder nicht ihre Erinnerungen waren. Bevor sie erfasste, was sie sah, verschwand das Dargestellte und hinterließ nur Dunkelheit in ihrem Gedächtnis. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und fröstelnd verschränkte sie die Arme, dabei schien nur ein Augenblick vergangen zu sein.
   »Unsinn. Die Ausstellung ist doch heute erst eröffnet worden. Oder warst du etwa mit Daniel auf der Pressekonferenz?«
   Pressekonferenz? Wovon sprach Claudia? Dies musste ein Traum sein, oder sie wurde langsam verrückt. Du musst ruhig bleiben. Du wirst weder irre, noch bist du krank oder sonst was. Du bist nur übermüdet. Das ist alles. Zu viel gelernt. Das muss es sein, rief sie sich zur Ordnung, während sich ihre Knie in eine weiche Puddingmasse verwandelten. »Was sollte ich auf einer Pressekonferenz?«
   Claudia seufzte. »Du besitzt auch keine Fantasie, oder?«
   »Jedenfalls keine nur annähernd so lebhafte wie du.« Mit jedem Herzschlag zog sich die Erinnerung an diesen verfluchten Tagtraum weiter zurück. Sie sog die muffige Luft tief ein, überzeugt davon, dass alles nur in ihrer Vorstellung geschah. Wenn überhaupt.
   »Mensch, Anna. Daniel schreibt für die Schülerzeitung einen Artikel über diese Ausstellung.«
   Sie hob die Schultern etwas an, ließ sie aber sogleich wieder fallen. »Ja und?«
   Claudia gab ihr einen Klaps gegen die Stirn.
   Erschrocken trat sie einen Schritt zurück. »Spinnst du?«
   »Erde an Anna. Hallo? Ist da oben noch jemand? Denk doch mal nach. Er hält sich hier bestimmt öfter auf. Und daraus schließen wir?«
   »Wir? Nicht viel, denke ich. Eher du.« Es interessierte sie nicht, was Claudia dachte oder zu denken glaubte. Diese Bilder, diese Erinnerungen, entstammten sie der Wirklichkeit? Das war die einzige Frage, auf die sie eine Antwort wollte.
   »Dass wir ihn hier natürlich antreffen werden«, riss Claudia sie aus ihren Überlegungen.
   »He? Wen?«
   »Ach Anna, hörst du mir überhaupt zu? Ich male dir gerade ein romantisches Date aus und du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.«
   »Ich höre.« Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal. Claudia würde nicht eher aufhören, zu reden, bis sie ihre Vorstellungen in allen Einzelheiten zu Ende erklärt hatte. »Also …«
   »Ist ein Bindewort.«
   »Nun lass mich doch mal. Diese Dunkelheit, die vielen Kostbarkeiten. Gibt es einen romantischeren Platz? Sei doch mal ehrlich.«
   »Mit Sicherheit. Neben einer Mumie möchte ich nämlich nicht das erste Mal geküsst werden.«
   Sie brachen in schallendes Gelächter aus.
   »Lass uns jetzt Ägypten erkunden«, sagte Claudia feierlich und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Und? War doch eine klasse Idee, herzukommen, oder?«
   »Die beste seit langer Zeit.« Anna blieb auf den Stufen vor dem Museum stehen, um Claudia zu umarmen.
   »He! Nicht so fest«, protestierte diese und befreite sich kichernd aus ihren Armen, »es war wirklich ein sehr schöner Nachmittag.«
   »Aber irgendwie auch traurig«, sie dachte an Tutanchamun, »ich meine, er starb dermaßen jung. Könntest du dir vorstellen, dass du in drei Jahren ermordet wirst? Zu deinem achtzehnten Geburtstag?«
   »Da geht doch das Leben erst los.« Claudia sah in den Himmel.
   »Viel von seinem Leben hatte Tutanchamun nicht. Nur regieren und sich mit den Problemen anderer herumschlagen.« Sie sah ebenfalls nach oben und entdeckte dort eine einsame Wolke.
   »Er wollte es so.«
   »Er hatte nicht einmal Kinder«, warf sie ein.
   »Daher weht also der Wind?« Claudia sah sie an und stupste ihr in die Rippen. »Du bist schon bei der Kinderplanung mit Daniel? Vielleicht solltest du es ruhiger angehen lassen und ihn erst einmal heiraten?«
   »Du bist blöd.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Zu gern wollte sie ihr die Zunge rausstrecken, hielt sich aber zurück. Auf das Kindergartenniveau der Freundin wollte sie sich nicht herablassen.
   »Ich mache nur Spaß.« Claudia kauerte sich lachend vor sie. »Ich hab dich trotzdem auf dem richtigen Fuß erwischt.«
   Anna streckte ihr nun doch die Zunge heraus. Sollte sie von ihr halten, was sie wollte. Zu sticheln, grenzte an absolute Boshaftigkeit. Das begriff Claudia noch nicht.
   »Um auf die Kinder zurückzukommen …«, sagte diese und stand wieder auf.
   Ein Schatten legte sich über deren Gesicht. Vielleicht auch nur ein Lichtreflex, Anna wusste es nicht. Sie durfte sich nicht immer Sachen einreden, die nicht existierten.
   »… Die fanden doch zwei Babymumien bei ihm … Ja, ja, das ist wirklich nicht besser.«
   »Hm.«
   »He, Mädels.«
   Anna sah auf, um den Blick eine Sekunde später zu senken. Die Traurigkeit, die sie für den jungen Pharao empfand, wich. Ein Glühen auf ihren Wangen entfachte. Er muss jemand anderen meinen, überlegte sie und schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Wenn du dich umdrehst, steht bestimmt eine Gruppe Mädchen hinter dir. Die meint er. Wieso auch sollte er uns ansprechen?
   »He, Daniel.« Claudias Stimme klang fröhlich und unschuldig zugleich. »Was suchst du denn hier?«
   Was für eine Frage. Claudia hatte sie doch genau deswegen hierher geführt, damit sie ihn trafen. Aber etwas anderes irritierte sie viel mehr. »Du kennst ihn?« Sie rang nach Atem. Ein Band schnürte sich um ihren Hals, zog zu. Woher kennt sie Daniel? Sind sie am Ende … vielleicht … Sterne tanzten vor ihren Augen. Wenn Claudia jetzt sagte … Sie beide … ein Liebespaar? Beabsichtigte die Freundin es ihr auf diese Art und Weise unter die Nase reiben? Das ist nicht fair. Nein, das darf nicht geschehen. Lieber sollte sich an dieser Stelle der Erdboden auftun und sie verschlingen. Sie wollte nicht hinhören, doch Claudias Worte drangen in ihr Bewusstsein und sie benötigte einige Momente, um den Sinn zu verstehen.
   »Durch meinen Cousin. Er war auf einer Party bei ihm. Ich zufällig auch. Du konntest da ja nicht. Erinnerst du dich? Vergangenen Freitag, wo du bei deiner Oma zu Besuch warst.«
   Sie erinnerte sich, auch daran, welche Streitereien sie deshalb mit ihrer Mutter gehabt hatte. Jetzt ärgerte es sie noch mehr, dass sie ihren Willen nicht hatte durchsetzen können.
   »Anna, alles ist in Ordnung. Wir haben nur geredet.«
   »Das sagen sie alle.«
   »Ich bin nicht alle«, Claudia verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund, »da ist nichts. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich nehme ihn dir nicht weg, auch wenn ich ihn …«
   Einen Moment lang dachte sie daran, dass Claudia sie belog, aber da stand Daniel schon vor ihr.
   »Ich wollte mich erkundigen, ob euch die Ausstellung gefällt?« Er lachte und deutete eine Verbeugung an.
   »Sehr gut. Einfach spitze«, entgegnete Claudia hastig.
   »Das freut mich. Und was ist mit dir?«
   Anna spürte seine Blicke wie Nadelspitzen auf sich ruhen. Sie sah weg, ertrug seine blauen Augen nicht, ohne ihm im nächsten Moment um den Hals zu fallen und betrachtete stattdessen ihre Schuhspitzen.
   »Hat es dir etwa nicht gefallen?«
   Daniel sprach leise, fast bekümmert, wie sie fand.
   »Do… doch.« Sie verfluchte sich für ihr Stottern und sah weiterhin auf den Erdboden. Hoffentlich merkte er nicht, wie aufgeregt sie war. »Sehr, sehr gut sogar.« Durchatmen. Tief Luft holen. »Ein wenig traurig.« Langsam hob sie den Kopf, sah ihn an.
   Ihre Blicke trafen sich.
   Ihr Herz vollzog einen Sprung und polterte in aller Unruhe weiter.
   »Find ich ebenso. Gerade wenn man bedenkt, wie jung dieser Pharao starb.«
   »Genau dasselbe sagte Anna vorhin auch«, mischte sich Claudia ein und grinste.
   »Wirklich?« Er strich ihr über die Schulter.
   Ihre Knie zitterten. Er berührt mich. Er, kreischte es hinter ihrer Stirn, während die Stimme sich im Magen wiederfand. Verschluckt und verloren. Wahrscheinlich für immer.
   Im nächsten Moment erhob sich ein Wind, in den sich ein säuselnder Gesang mischte. Schön erscheinst du im Horizonte des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt! Du bist aufgegangen im Osthorizont und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. Schön bist du, groß und strahlend, hoch über allem Land. Deine Strahlen umfassen die Länder bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast. Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn. Fern bist du, doch deine Strahlen sind auf Erden; du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf.
   Eine andere Stimme drang an ihr Ohr. »Was denkt ihr?«
   Der Gesang verstummte, verwehte aber nicht mit dem Klang der Melodie. Der Text brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Anna wog den Kopf, spannte die Nackenmuskeln, bis sich ein Knoten darin zu bilden schien.
   »Werdet ihr die Ausstellung noch einmal ansehen?«
   »Bestimmt«, sagte Claudia.
   Anna schwieg, bekam nur am Rande das Gespräch zwischen ihrem Traumprinzen und ihrer Freundin mit.
   »Was ist mit dir, Daniel? Willst du sie dir auch ansehen?«, hakte Claudia nach.
   »Mit Sicherheit. Es ist zwar schon das … hm … lass mich überlegen. Das sechste oder siebte Mal?« Er lachte.
   »Wir drei könnten doch mal zusammen losziehen. Dein Wissen und das von Anna, ihr könntet großartig philosophieren«, Claudia sah zu ihr, »ja, auch wenn sie heute nicht wirklich intelligent erscheint, eher wie ein stummer Frosch, aber euer beider Wissen beisammen, lehrt sogar mich Nullcheckerin mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas.«
   »Das können wir gern machen. Ich bin jeden Tag in der Ausstellung. Ihr müsst mir nur sagen, wann ihr vorbeikommen wollt.« Daniel zwinkerte Anna zu, die nicht wagte, zu atmen. »Mit mir kommt ihr kostenlos da rein«, flüsterte er hinter vorgehaltener Hand.
   Claudia strahlte und konnte damit glatt der Sonne Konkurrenz machen. »Das nenne ich großartig.«
   »Und ich fände es großartig …« Er trat auf Anna zu, strich über ihr Haar.
   Unfähig, sich zu bewegen, starrte sie ihn an.
   »… wenn es dir bis dahin wieder besser ginge, liebe Anna.« Er winkte ihnen zu und verschwand durch die Tür ins Innere des Museums.
   »Was war denn das?« Claudia schmiegte sich an sie. »Spür ich da ein Kribbeln in der Luft? Einen Funkenregen? Ein Seil, zum Zerreißen gespannt?«
   »Hör auf.« Anna winkte ab. Wie gern wollte sie sich über die Berührung, ja, allein schon über das Bemerktwerden freuen. Ihr Herz sollte an dieser Stelle Purzelbäume schlagen. Aber da spielte dieses Lied, diese Melodie, die sich nicht aus ihrem Kopf vertreiben ließ.

»Erzähl. Was gab es dort zu entdecken? Ich bin gespannt.« Ihre Mutter folgte ihr auf dem Fuß quer durch die Wohnung, sodass sie befürchtete, früher oder später über den Haufen gerannt zu werden. Wie konnten Mütter nur dermaßen aufdringlich sein und warum wollten sie immer alles genau wissen? Sie mochte sie, ohne Frage. Auf eine seltsame, verquere Art waren sie sogar befreundet, wenn man das so nennen durfte.
   Aber es gab Dinge, die erzählte man einer besten Freundin nicht und erst recht nicht der eigenen Mutter.
   Anna seufzte und gab ihre Überlegungen an Widerstand auf. Ihre Mutter ließ sie nicht eher in Ruhe, bis sie nicht auch die kleinste Kleinigkeit wusste. »Ach, eigentlich ganz interessant. Sie stellen dort Totenmasken aus«, berichtete sie stockend, »ebenso wie Särge, äh Sarkophage nennt man die im Alten Ägypten, Geschmeide und die Mumie des Tutanchamuns.«
   »Tutanchamuns Mumie?« Mutter schlug die Hände vor der Brust zusammen, bekreuzigte sich rasch.
   Anna lächelte. Mama war alles andere als kirchlich. Sie glaubte einzig und allein an Märchen und Legenden.
   »Tutanchamuns Mumie, das ist doch die, auf der dieser Fluch liegt, oder?«
   »Genau.« Anna spitze die Lippen und versuchte, böse zu schauen. Sie streckte die Arme aus, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und torkelte einige Schritte den Flur entlang. »Mich – hat – dieser – Fluch – erwischt – ich – bin – eine – lebende – Tote – bin – wiedergekommen – um – Rache – an den Entweihern – meines – Grabes – zu – nehmen – und – an – all – deren – Nachkommen – weil – die – Entweiher – bestimmt – schon – selbst – in – der – Hölle – schmoren.« Nach Luft ringend brach sie in Gelächter aus und ließ die Arme sinken. Die Anspannung der vergangenen Tage war vergessen.
   »Na dann hopp, meine kleine Mumie.« Ihre Mutter stimmte in das Lachen ein. »Geh dich pudern und deine Bandagen ordnen. In einer halben Stunde gibt es Abendessen.«

Ein Schulvortrag

Luft, die durch Abertausende Lungen geflossen sein musste, wehte ihr entgegen. Ein Gestank, wie sie ihn aus dem Keller ihrer Wohnung kannte, schwängerte die Luft und bereitete ihr Übelkeit. Sie riss die Augen auf, so weit sie konnte und bis Tränen darin brannten. Sie sah nichts. Dies allein beunruhigte sie genug. Mehr noch aber, dass ihr Körper scheinbar nicht länger existierte. Sie spürte weder Arme noch Beine oder das Schlagen ihres Herzens. Nur das Schmerzen der Augen verriet ihr, dass sie lebte. Nicht, dass sie sagen konnte, wie es sich anfühlte, tot zu sein. Doch genau so stellte sie es sich vor.
   Am schlimmsten jedoch empfand sie diese vertraute Dunkelheit. Sie wusste, wo sie sich befand. Sie kannte diesen Ort, den sie schon oft besucht hatte. Woche für Woche. Nacht für Nacht. Sie blickte sich um und sah doch nichts. Sind es tatsächlich nur Wochen? Nicht Monate oder Jahre? Sie horchte in sich hinein, fand aber keine Antwort auf die Frage. Ein Mantel des Vergessens lag über ihren Gedanken. Ein Mantel, der jede Logik, jede Erinnerung aus dem wirklichen Leben, der Realität, verbannte.
   Sie lehnte sich an eine der Mauern, die allgegenwärtig zu sein schienen. Der erste Stein, den sie berührte, strahlte eine Wärme aus, als läge er seit Stunden in der Sonne. Der Nächste dafür Kälte, wie jene Steine, die im Erdboden eines Waldes ruhten.
   Sie tastete an der Wand entlang, entdeckte das Phänomen erneut, erkannte darin allerdings kein Muster. Aber wenn es eines gab, was änderte das? Man hielt sie in diesem Traum gefangen, von dem sie wusste, dass es einer war, und erwachte doch nicht daraus.
   Bald würden die Schritte zu hören sein, dann das Knurren. Sie würde fliehen. Immer weiter; blind in diesem Labyrinth; ohne Aussicht auf Rettung.
   Sie tastete sich voran, spürte, wie die Wände auseinanderdrifteten, folgte ihnen noch wenige Meter und blieb stehen.
   Die Laute ihrer Schritte veränderten sich. Einige klangen nah, andere leiser, entfernter. Zugleich schienen sie aus allen Richtungen zu kommen. Sie musste sich in einem Raum befinden. Doch was nutzte ihr diese Erkenntnis, wenn sie sich nicht einmal wusste, ob sie sich dem Ausgang näherte, oder sich tiefer in das Labyrinth verirrte?
   Ihre Wut, ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung, brachten ihr Blut zum Brodeln, das nun immer schneller durch ihre Adern rauschte. Sie stampfte mit einem Fuß auf und fühlte, wie die Vibration ihr Knochenmark erreichte. »So ein verfluchter Mist.« Sie blieb an diesem Ort gefangen, der schier endlos schien und seine Geheimnisse gut versteckte. »Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr«, jammerte sie, als sie sich ihre ausweglose Situation in Erinnerung rief. »Warum wache ich nicht einfach auf?«
   Ein Knurren antwortete ihr. Noch leise, aber sie wusste, es nahm weiter an Lautstärke zu. Der Verursacher näherte sich.
   »Jetzt geht es wieder los«, flüsterte sie und versuchte, gegen die Tränen anzukämpfen. Sie wollte nicht länger davonlaufen. Doch welche Chance blieb ihr? Zu warten, bis sie diesem Ding gegenüberstand? Und dann?
   Lauf, Königin, lauf, rief eine Stimme in ihrem Kopf. Sie klang wie die, die auch das Lied gesungen hatte.
   Eine unbedeutende Nebensächlichkeit, denn der Startschuss war damit gefallen. Das Rennen um ihr Leben ging in die nächste Runde.
   Wie oft? Wie lang soll das weitergehen?
   Schweißperlen rannen über ihre Stirn. Sie schlug einen Haken, ohne erkennen zu können, wohin sie lief.
   Die Stimme verstummte, das Knurren ebenfalls. Einen Moment hielt sie inne, atmete durch und setzte sich wieder in Bewegung. Diese Stimme sprach von einer Königin. Sollte das bedeuten, dass sich noch jemand in diesem Gemäuer befand? Bevor sie weitergrübeln konnte, erklangen Laute, die sie ihrem Verfolger zuordnete. Wer vermochte zu knurren wie ein von Tollwut befallener Dobermann?
   Sie lief weiter, blickte sich um, doch es herrschte absolute Dunkelheit. Sie musste sich allein auf ihr Gehör verlassen. Das grauenerregende Knurren wurde leiser, erstarb gänzlich. Endlich eine Verschnaufpause, neue Kräfte schöpfen! Doch sie blieb nicht stehen, ging immer weiter. Sie musste die Distanz zwischen sich und ihrem Verfolger vergrößern. Sie wähnte sich in Sicherheit, doch in jenem Moment erklang abermals dieses markerschütternde »Grrr …«
   Näher, als je zuvor.
   Sie rannte weiter. Stieß zu beiden Seiten mit den Schultern gegen harten Stein. Befand sie sich in einem Gang? Unwichtig! Es war nur eine Frage der Zeit, wann das Ungeheuer sie einholte.
   Mit der Gewandtheit, die manchen Traumwandler beschützte, bewegte sie sich durch das Labyrinth. So oft war sie an diesem Ort gewesen, dass sie sich selbst in dieser absoluten Finsternis zurecht fand. Nur der Ausgang, der blieb ihr vom ersten Tag an verborgen. Sie wusste, dass er auch dieses Mal nicht zum Vorschein kommen würde. Aber alles schien besser, als hier herumzustehen und darauf zu warten, wer oder was sich da näherte.
   Intuitiv bog sie nach links ab, erwartete einen Herzschlag lang den Zusammenprall mit einer Mauer. Dieser blieb jedoch aus. Das Atmen fiel ihr mit jedem Schritt schwerer. Ihre Lungen gierten nach frischer Luft und erhielten doch nur den Gestank, in dem sich winzige Reste an Sauerstoff hielten. Ihre Füße schienen Wurzeln zu entwickeln, die sich mit dem Boden verbanden. Sie hetzte vorwärts, ignorierte die stechenden Schmerzen in ihren Waden. Mit den Zehen stieß sie gegen etwas Hartes, vermutlich eine durch die Jahre angehobene Bodenplatte, und fluchte lauthals. Wie hatte sie diese verfluchte Stolperfalle vergessen können? Sie biss die Zähne zusammen und stolperte weiter. »Marsch! Komm schon!«, feuerte sie sich an und bog nach rechts ab.
   Ein gleißender Schmerz schoss über ihre Stirn, bahnte sich einen Weg durch den Kopf und trieb unbarmherzig die Wirbelsäule hinab. Sie sank wimmernd auf die Knie. Sekunden verstrichen, in denen gelbe Funken vor ihren Augen aufflammten und noch länger, bis sie wieder abklangen. Verwirrt und entsetzt streckte sie die Hände aus, tastete über die Mauer vor sich und versuchte Einzelheiten in der Dunkelheit zu erkennen. Langsam stand sie auf, schüttelte den Schmerz von sich. Einen Schritt trat sie zurück, griff erneut nach vorn und schüttelte den Kopf. Sie hatte das Labyrinth nie bei Licht gesehen, doch ein Gefühl, eine innere Stimme, hatte sie bisher immer wohlbehalten hindurchgeführt. Zuerst hatte sie die Gänge langsam, Zentimeter um Zentimeter erkundet, irgendwann war sie so sicher geworden, dass sie sich trotz der Finsternis zurecht fand und schneller voran kam. Deswegen war sie sich auch so sicher, dass es hier früher keine Wand gab. Vielleicht hatte sie die falsche Abbiegung erwischt? Wäre sie dann aber nicht eher gegen ein Hindernis gerannt? Etwas stimmte nicht. Davon abgesehen, dass dieser Traum in seiner Gesamtheit nicht stimmte. Er erschien ihr anders, als jene zuvor. Sie fand keine Erklärung, die ihr Gefühl begründete. Es gab keine greifbaren Veränderungen, bis auf diese Wand. Nur eine warme Regung in ihrem Bauch, ein Wissen, nach Hause gekommen zu sein. Sie irrte nicht nur durch ein Labyrinth. Es stellte vielmehr eine Heimat dar, die sie in einem verborgenen Winkel ihres Herzens vermisst hatte.
   Zitternd horchte sie in sich hinein, suchte nach Antworten. Lauschte, ob die Stimme des Unbekannten sich meldete.
   Sie schwieg. Möglicherweise gab es sie nicht? Hatte sie nie gegeben und glich einem Traum im Traum?
   Eine wohlbekannte Melodie erhob sich und mit ihr ein Windhauch, der über ihre Arme strich und sie frösteln ließ. Der Ausgang! Schon wollte sie aufspringen, dem Luftzug entgegenlaufen, als sie spürte, dass sich etwas veränderte. Sie sah es nicht, fühlte aber, dass die Mauern näher kamen, sie von allen Seiten bedrängten.
   Gehst du unter im Westhorizont, so ist die Welt in Finsternis, in der Verfassung des Todes. Die Schläfer sind in der Kammer, verhüllten Hauptes, kein Auge sieht das andere. Raubt man all ihre Habe, die unter ihren Köpfen ist, sie merken es nicht. Jedes Raubtier ist aus seiner Höhle gekommen, und alle Schlangen beißen. Die Finsternis ist ein Grab, die Erde liegt erstarrt, ist doch ihr Schöpfer untergegangen in seinem Horizont. Am Morgen aber bist du aufgegangen im Horizont und leuchtest als Sonne am Tage; du vertreibst die Finsternis und schenkst deine Strahlen. Die beiden Länder sind täglich im Fest, die Menschen sind erwacht und stehen auf den Füßen, du hast sie aufgerichtet. Rein ist ihr Leib, sie haben Kleider angelegt, und ihre Arme sind in Anbetung bei deinem Erscheinen, das ganze Land tut seine Arbeit. Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraut, Bäume und Kräuter grünen. Die Vögel sind aus ihren Nestern aufgeflogen, ihre Schwingen preisen deinen Ka. Alles Wild hüpft auf den Füßen, alles, was fliegt und flattert, lebt, wenn du für sie aufgegangen bist. Die Lastschiffe fahren stromab und wieder stromauf, jeder Weg ist offen durch dein Erscheinen. Die Fische im Strom springen vor deinem Angesicht, deine Strahlen sind im Inneren des Meeres.
   »Was soll das heißen? Was soll das bedeuten?« Sie hielt sich die Ohren zu, sperrte den Gesang aus ihrem Kopf und sank auf die Knie.
   »Anna? Anna, wach auf!« Jemand rüttelte mit festem Griff an ihrer Schulter. Schließlich bohrten sich Fingernägel in ihr Fleisch, hinterließen einen Schmerz, der Traum und Wirklichkeit trennte wie ein Schwert.
   »Was soll das bedeuten?«, wiederholte sie ihre Frage und setzte sich auf. Instinktiv hielt sie sich die Ohren zu. Erst, als die Zweifel verflogen, und weder Gesang noch Gebrüll ertönten, nahm sie ihre Hände herunter.
   »Was soll was bedeuten?« Die Mutter strich ihr über das Haar. »Wieder das Labyrinth?«
   »Mama?« Verwirrt blickte sie auf, brauchte einen Au-genblick, um sich zurecht zu finden und nickte dann zögernd. »Ja. Aber es ist anders, es verändert sich.« Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Die Angst, alles zu vergessen, was vielleicht wichtig sein konnte, war zu groß.
   Sie musste es aussprechen, um selbst daran festhalten zu können. Ihr Herz vollzog einen Trommelwirbel, der sie keuchen ließ.
   »Was meinst du damit?«
   »Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Die Mauern, sie standen nicht mehr dort, wo sie hingehörten. Sie befanden sich an anderen Stellen. Versetzt oder so. Als hätte jemand die Wände abgerissen und an einem neuen Platz wieder aufgebaut.«
   Ihre Mutter faltete die Hände im Schoß und wich ihrem Blick aus. »Ich denke, es ist ein Labyrinth? Wie kannst du dir da sicher sein, dass die Wände falsch standen? Vielleicht bist du nur verkehrt abgebogen, hast dich verlaufen und deswegen erschien es dir anders. Es gibt gewiss eine Erklärung dafür.«
   »Das ist es nicht. Ich kenne diesen Irrgarten schon länger als …« Sie verstummte. Die Worte, die vor wenigen Momenten noch wie von selbst aus ihrem Mund gesprudelt waren, waren versiegt.
   »Länger als was?«
   Mutlos ließ sie die Schultern sinken. Das Gefühl, die andere Wirklichkeit verteidigen zu müssen, verschwand. »Ich weiß es nicht.« Sie wusste nicht mehr, was sie sagen wollte. Seltsam.
   »Gibt es irgendetwas, das uns weiterhilft? Das dir weiterhilft, dieses Rätsel zu lösen? Ich meine, es muss ja einen Grund geben, warum du immer wieder von diesem Ort träumst.«
   »Nein. Doch.« Sie zögerte. Ihre Mutter erklärte sie nun sicher endgültig für verrückt. Aber machte das noch einen Unterschied? »Da gab es ein Lied, eine Melodie.« Leise summte sie die Töne und bemerkte mit Schrecken, dass sie sich an jede einzelne Note erinnerte. Dennoch gelang es ihr nicht, aufzuhören. Sie vergaß ihre Mutter, das Zimmer, alles, schwebte zwischen den Welten, weder wach noch schlafend. Es endete erst, als ihr die Luft ausblieb und der letzte Ton über die Lippen kam.
   »Das klingt schön. Irgendwie einschläfernd. Wo hast du es gehört?«
   »Ich habe es schon zwei Mal gehört. In meinem Kopf, glaube ich. Die Melodie ist gleich, aber der Text jedes Mal anders.«
   »Vielleicht hörst du jeweils eine Strophe eines bestimmten Liedes? Wann hast du es denn das erste Mal gehört?«
   Glaubte sie ihr etwa? »Das war, als wir Dan…, ähm, aus dem Museum herauskamen.«
   Ihre Mutter lächelte.
   »Seither höre ich die Melodie in meinem Kopf«, setzte sie unbeirrt fort. Hoffentlich hat sie den Versprecher nicht gehört. Aber das ist wohl mein geringstes Problem …
   »Eine wirklich seltsame Geschichte. Ich schwöre dir, wir finden heraus, was sie bedeutet.« Ihre Mutter stand auf, wandte ihr den Rücken zu und ging zur Tür. Bevor sie hinausging, sah sie noch einmal zurück. »Ach ja, wenn du magst, bring diesen Daniel ruhig irgendwann mit.«

»Na? Heute Nacht was Schönes geträumt?« Claudia wartete vor dem Hauseingang auf sie.
   Wie jeden Morgen, seit Anna denken konnte. Sie waren die einzigen Mädchen in der Wohnanlage, sodass sie irgendwann miteinander hatten Freundschaft schließen müssen. Aus dem spielerischen Zwang wuchs eine Vertrautheit, die sie sich aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken traute.
   Jetzt, wo sie das erste Mal ein Geheimnis Claudia gegenüber bewahren musste, fühlte sie sich, als hätte sie sich eben gerade übergeben. Der Gestank der Lüge haftete an ihr. Sie rümpfte die Nase.
   »Also wieder schlecht geträumt«, stellte Claudia fest.
   Sie schwieg.
   Was sollte sie dazu auch sagen? Natürlich schlief sie schlecht. Die dunklen Schatten unter ihren Augen, die sie im Spiegel entdeckt hatte, sprachen Bände.
   Claudia verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lief los. »Ich hatte gehofft, dass du von Daniel träumst und deswegen in der vergangenen Zeit wenig Schlaf findest. Ich meine, er ist ein wirklich hübscher Kerl. Schade eigentlich, dass er schon für dich reserviert ist. Solltest du irgendwann mal kein Interesse mehr an ihm haben, sag mir bitte Bescheid, ja?« Als erzählte sie etwas Belangloses, blickte sie in den Himmel und pfiff ein Liedchen.
   In Annas Ohren hörte es sich eher wie das Zutschen an einem Strohhalm in einem leeren Glas an, aber sie wollte die Freundin nicht kränken und nickte nur.
   »Ob es heute wirklich schön wird? Ich meine, die melden das zwar andauernd im Wetterbericht, doch die Wolken verheißen was anderes. Meinst du nicht auch?«
   Anna schwieg und folgte ihrem Blick. Sich über das Wetter Gedanken zu machen, bedeutete nur vergeudete Energie. Aber das konnte sie Claudia unmöglich sagen. Überhaupt, wen interessierte dieses dämliche Wetter, wenn sieben Stunden Unterricht vor ihnen lagen und sie nicht umhinkamen, bis zum Nachmittag in dieser noch dämlicheren Schule zu hocken?
   »Mensch, jetzt rede doch mal. Oder hat dir jemand in der Nacht die Zunge rausgeschnitten?«
   »Mpf.« Musste Claudia dermaßen geschwätzig sein? Normalerweise machte es ihr nichts aus. Im Gegenteil. Aber heute wollte sie nur ihre Ruhe.
   »Ah, ein Lebenszeichen. Na wenigstens kannst du noch Laute von dir geben. Die wirst du heute bestimmt auch brauchen. Na ja, besser wäre natürlich, wenn du wieder richtig sprechen würdest«
   »Wieso?«, murmelte sie und beteiligte sich damit so weit wie nötig an der Unterhaltung. Das musste reichen, um nicht unhöflich oder eingebildet zu wirken.
   »Anna, durch deinen Liebeskummer vergisst du neuerdings alles«, Claudia tippte ihr mit dem Zeigefinger gegen die Schläfen, »heute ist der Geschichtstest. Vorträge und mündliches Abfragen. Sag nicht, du hast das vergessen.«
   »Nein«, log Anna und beschleunigte die Schritte. Verflucht, daran hatte sie mit keiner Silbe gedacht.
   »He, was ist denn los? Ich komme ja kaum hinterher.«
   Wieder eine Lüge. Anna, was ist nur los mit dir? So kenne ich dich nicht. Du vergisst den Test und schwindelst, bis sich die Balken biegen.

»… Grabkammern wurden in den Pyramiden angelegt, um dort die Toten zu bestatten. Erstaunlicherweise gab es in einigen Bauwerken sogar mehrere davon.« Die Worte sprudelten ihr aus dem Munde, wie kristallklares Wasser aus einer Quelle. Einen Moment lang drohte die Stimme zu kippen und in ein Kreischen überzugehen. Anna atmete durch, roch die abgestandene Luft des Klassenzimmers, bevor das Wissen weiter aus ihr drang. Ein Wissen, von dem sie bis jetzt nicht einmal ahnte, dass es in ihr verborgen lag. Aufmerksam lauschte sie den eigenen Worten, überrascht von den Details, die scheinbar irgendwo tief in ihr schlummerten. Ohne ihr Zutun bewegten sich die Zunge und ihr Kiefer; ganze Sätze kamen aus ihrer Kehle, während sie sich zu einer Statue erstarrt fühlte. Keine Bewegung schien ihr möglich. Nur lauschen und aufnehmen. Jemand Fremdes sprach durch ihren Körper. Trotz alldem besaß diese Gewissheit erstaunlicherweise kein Fünkchen Erschreckendes. »Manchmal bis zu drei Grabkammern für einen Pharao. Jede davon baute man in eine andere Himmelsrichtung. In steilen Winkeln nach oben und unten verlaufen die Gänge, die zum Sarkophag führen. Oftmals errichtete man auch Fallen, um Grabräuber abzuschrecken. Außerdem legten die Baumeister diese Korridore labyrinthar…« Das Klassenzimmer verschwand hinter einem Nebel; die Mitschüler waren nur noch gesichtslose Wesen, die nicht an diesen Ort gehörten. Anna schluckte. Ein Labyrinth. Ein ägyptisches Labyrinth. Ein Labyrinth, das in eine Grabkammer führt. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Die Dunkelheit, die modrige Luft. Das muss es sein. Das ist es.
   Ein eisiger Wind zerrte an ihr, der ihr das Blut gefrieren ließ.
   »Grrr …«
   Sie fuhr zusammen, blickte sich um. Doch da hing nur die Wandtafel, die seltsam verzerrt und unscharf wirkte.
   »Grrr …«
   Anna ballte die Hände zu Fäusten. Hier habe ich Heimspiel, du schreckliches Monster. Hier kannst du mir nichts antun. Wir sind in meiner Welt, nicht in deiner. Sie hielt Ausschau nach dem Wesen, das sie in ihren Träumen bedrängte, und wartete darauf, dass es sich zeigte. Jede Faser ihres Leibes gespannt, die Muskeln zitterten.
   »Alles in Ordnung mit dir?« Wie durch eine Telefonleitung klang die Stimme.
   Jemand rüttelte an ihr.
   Mama? Bitte geh. Verschwinde! Ich fürchte um dich. Es will auch dich holen. Bitte geh!
   »Sie sieht blass aus, Frau Kleist. Darf ich sie zur Schulkrankenschwester bringen?«
   Claudia. Eindeutig Claudias Stimme. Doch was tat sie an diesem Ort? In ihrem Traum?
   »Ich glaube, das wird das Beste sein«, sagte ihre Lehrerin.
   Von einem Moment auf den anderen erkannte Anna das Zimmer wieder. Der Nebel zog sich zurück. Wie dürre Finger ragten seine Rückstände in den Raum. Er blieb da, aber war zu schwach, um Schaden anzurichten. Doch er lauerte, wartete eine Gelegenheit ab, um zuzuschlagen.
   Anna zwang sich zu einem Lächeln und streifte Claudias Hand ab. »Es geht mir gut.« Eine Lüge. »Ich habe heute Nacht schlecht geschlafen, das ist alles.« Die Wahrheit. Wie lang sollte dieses Katz-und-Maus-Spiel weitergehen? Es zerrte schon jetzt an ihren Nerven.
   »Bist du dir sicher?« Ihre Lehrerin hob die Augenbraue, die sie stets mit zu viel Farbe nachzog.
   »Ja.«
   »Na gut.« Das Lächeln der Lehrerin brachte ihrem Gesicht keinen freundlichen Ausdruck. »Setz dich zurück an deinen Platz. Ich werde dir für den Vortrag eine Eins geben. Einfach, weil er alle wichtigen Punkte enthielt. Trotzdem bin ich ein klein wenig enttäuscht. Von dir hatte ich mehr erwartet.« Frau Kleist schrieb die Note in das Klassenbuch und sah Anna nicht noch einmal an.
   »Wie meinte sie das?«, erkundigte sie sich bei Claudia.
   »Gute Frage, Anna. Ich finde es schon erstaunlich, dass du in Geschichte eine Eins bekommst.«
   »Als beste Note gab es bisher eine Drei für mich«, flüsterte sie, um nicht die Aufmerksamkeit der Lehrerin zu wecken. Frau Kleist, die junge Sadistin, erst seit Kurzem fertig mit dem Studium. Dennoch benahm sie sich wie eine alte Schabracke, die vor ihrer Pensionierung stand und am liebsten den Rohrstock wieder einführen wollte. Sie war die einzige Pädagogin, mit der Anna nicht zurechtkam, und das spiegelte sich seit diesem Schuljahr auch in ihren Noten wider.
   »Komisch«, murmelte Claudia.
   »Wirklich.«
   »Aber woher kanntest du diese Details? Mit den drei Grabkammern und Ähnlichem?«
   »Wahrscheinlich las ich gestern im Museum etwas darüber.« Sie wusste, dass sie nichts darüber gelesen hatte. Weder im Museum noch in einem Buch. An eine Dokumentation im Fernsehen erinnerte sie sich auch nicht. Nein, das Wissen steckte einfach in ihr. Das Alte Ägypten. Es schien, als packte es von allein nach ihr und offenbarte seine Geheimnisse.

»Wollen wir noch rüber zur Ausstellung? Da kannst du ein paar weitere Informationen aufschnappen«, erklärte Claudia in beleidigtem Ton. Sie hatte für den Vortrag gelernt und trotzdem eine Fünf erhalten.
   Thema verfehlt, hatte Frau Kleist knapp zu dem zehnminütigen Referat gesagt.
   Claudia tat ihr leid. Ihr fiel das Lernen schon immer schwer. »Ich weiß nicht. Eigentlich habe ich heute keine Lust. Ich bin müde und wollte noch eine Mütze Schlaf nehmen, bevor …«
   »Bevor was?« Claudia starrte sie durch zu einem Spalt verengte Augenlider an.
   »Ach, keine Ahnung. Vielleicht schlafe ich kommende Nacht wieder nicht richtig.«
   »Du solltest mal zum Psychiater gehen.« Claudia verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Vielen Dank.« Diese Antwort versetzte ihr einen Stich in die Magengegend. Sie wusste, dass die Freundin es nicht auf diese Weise meinte und nur ihre Kränkung unterstreichen wollte. Aber das machte es nicht besser. »Schlug Mama auch schon vor«, murmelte sie.
   »Hallo.« Ein blonder Schopf schob sich durch die Schülermassen auf dem Pausenhof und steuerte auf sie zu.
   »He, Daniel«, Claudia trat ihm entgegen, »hast du schon von der tollen Leistung unseres Mauerblümchens gehört?«
   Anna ignorierte den beleidigenden Ton und setzte sich auf die Lehne einer Holzbank. Bequem war etwas anderes, aber die coolen Mädchen der Schule taten dies ebenfalls. Vielleicht konnte sie damit ja bei Daniel Eindruck schinden?
   »Sie mausert sich zu einer Ägyptenexpertin. Jedes Staubkorn aus der Wüste kann sie dir beschreiben. So eine Streberin.«
   »Das reicht jetzt!« Sie ärgerte sich über Claudias Verhalten. Spielten heute alle verrückt?
   »Wieso?«, Daniel legte den Kopf schief, »was ist denn los?«
   »Anna holt sich eine Eins in Geschichte. Obwohl sie kein Fünkchen Ahnung davon besitzt«, erklärte Claudia in herablassendem Ton.
   »Das ist ja prima! Herzlichen Glückwunsch.« Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. Warm fühlte sich seine Hand an. So warm und zart.
   Mit pulsierenden Wangen wandte sie den Blick von ihm ab. »Nicht der Rede wert.« Ihr Herz raste.
   »Wie lautete denn das Thema?«
   »Grabkammern in den Pyramiden«, antwortete Claudia wie aus der Pistole geschossen, »ein Thema, von dem sie angeblich keinen Schimmer haben will.« Sie legte die Stirn in Falten und stützte die Arme in die Seiten. »Habt ihr zwei Hübschen vielleicht zusammen gelernt? Ich meine, nachdem ich gestern Abend gegangen bin?«
   Daniel ließ ihre Hand abrupt los, dass sie glaubte, er hätte sich die Finger an ihr verbrannt. Sie warf Claudia einen hoffentlich tödlich wirkenden Blick zu. Ihre Freundin machte alles kaputt. Merkte sie das denn nicht?
   »Nein. Zumindest nicht, dass ich es offiziell wüsste.« Er zwinkerte ihr zu. »Ich muss jetzt los, ja? Wisst ihr, wann ihr wieder vorbeikommt?«
   »Noch nicht. Unsere Miss Allwissend ist heute zu müde.«
   »Kann ich verstehen«, er nickte, »schlechte Träume sind grauenvoll. Ich kenne das sehr gut. Solltet ihr mich also suchen, ihr wisst, wo ich bin. Dann macht´s mal gut.«
   Sie sah ihm hinterher. Hatte ihm Claudia etwas gesagt? Woher sonst wusste dieser Junge von ihren Träumen?

Eine Katze namens Bastet

»Ich bin zu Hause.« Die Tür fiel hinter Anna krachend ins Schloss. Die Vase auf dem Schuhschrank wackelte einen Moment lang verdächtig. Im Stillen
   betete sie, dass sie nicht herunterfiel. »Bitte entschuldige«, fügte sie flüsternd hinzu, griff nach der Vase und hielt sie fest. Die Gefahr war gebannt. Vor Erleichterung seufzend, ließ sie wieder los und zog die Sandalen aus.
   »Jetzt schon?«, Ihre Mutter sah aus der Küche, »ich dachte, du wolltest noch etwas mit Claudia unternehmen?«
   »Dachte ich auch.«
   »Aber?«
   »Ach, Claudia ist heute seltsam. Wahrscheinlich mit dem falschen Bein aufgestanden«, sie ließ ihren Rucksack von der Schulter gleiten, »was tust du da?«
   »Ich?«, mit beiden Händen winkte ihre Mutter ab und versperrte ihr die Sicht in die Küche, »nichts. Alles in Ordnung.«
   »Mama, du konntest noch nie gut lügen.« Sie grinste und schob sich an ihrer Mutter vorbei in den Raum, der nicht einmal Platz für einen Tisch bot. Suchend glitt ihr Blick umher, entdeckte aber nichts Außergewöhnliches. Mit gespielter Theatralik legte sie den Zeigefinger an die Lippen und wippte auf beiden Füßen. »Irgendwas ist hier doch faul. Wenn ich nur wüsste, was.«
   »Miau.«
   »Miau?«, wiederholte sie und nahm die Hand herunter.
   »Miau«, äffte Mutter nach.
   »Du willst mir nicht etwa erzählen, dass du gerade miau gesagt hast?« Sie drehte sich um die eigene Achse. Hörte sie jetzt schon Tierstimmen? Wohin sollte diese Geschichte noch führen? Dennoch … etwas stimmte nicht.
   »Klar habe ich das. Theaterprobe.«
   »Du spielst in keinem Theater, Mama.«
   »Doch, das Alltägliche, hier zu Hause.« Ihre Mutter lachte verhalten.
   Anna setzte ihr Du-ich-wünsche-mir-Lächeln auf. »Warum klang das zweite Miau erbärmlicher, als das erste?«
   »Erbärmlich? Junges Fräulein«, ihre Mutter hob den Zeigefinger, »ich will dir gleich mal sagen, was erbärmlich klingt. Du, wenn ich dich übers Knie lege.«
   Anna lachte und verstummte im nächsten Moment. Der Einkaufskorb auf der Anrichte schien sich von allein in Bewegung zu setzen. Sie hielt den Atem an und winkte ihre Mutter zu sich.
   Er neigte sich einige Zentimeter nach links, dann nach rechts. Links, wieder rechts. Stand einen Herzschlag still und bewegte sich von Neuem. Noch immer wagte sie nicht, zu atmen.
   »Erbärmlich?«, jetzt lachte ihre Mutter lauthals auf, »na gut, ich gebe es zu.«
   In diesem Moment stürzte der Korb um und blieb reglos liegen.
   »Ich könnte keine Katze nachahmen, auch wenn mein Leben davon abhinge.«
   »Nein, sicher nicht.« Anna kicherte, als eine schwarze Pfote unter dem karierten Tuch, das die Einkäufe abdecken sollte, zum Vorschein kam.
   »Sie ist mir einfach gefolgt, hat mich nicht mehr aus den Augen gelassen. Zuerst dachte ich, dass sie hungrig ist. Doch nachdem ich ihr etwas zu fressen gab, verschwand sie nicht. Im Gegenteil. Sie rannte durch die Wohnung und blieb vor deiner Tür sitzen. Ich bekam sie nicht mehr aus dem Haus.«
   Eine rosafarbene Nase folgte der Pfote, dann lugten zwei grüne Augen hervor.
   »Ist die niedlich!« Anna vergaß sogar, zu fragen, wieso die Katze in dem Korb saß. Es war egal. Völlig egal.
   Das Kätzchen sah sie an, schoss unter dem Tuch hervor, stieß sich auf der Kante der Arbeitsplatte ab und sprang ihr geradewegs in die Arme.
   Erstaunt betrachtete sie das Fellbündel, hob es bis über den Kopf, ließ es fast bis zum Boden gleiten und wiederholte das Spiel noch einige Male. Seltsam. Diese Katze schien ausgewachsen und wog doch federleicht. Das arme Geschöpf musste völlig ausgehungert sein.
   »Ich sehe, ihr mögt euch.«
   »Mama, darf ich sie behalten? Bitte, bitte? Sag doch ja.«
   »Warum wusste ich, dass diese Frage kommt? Du weißt, dass ich keine Haustiere will. Dann muss ich das Klo sauber machen, das Fressen kaufen, sie füttern, mit ihr zum Tierarzt, Gassi gehen. Aber gut, du darfst sie behalten«, setzte ihre Mutter im Plauderton fort und hoffte vermutlich, dass Anna den letzten Satz überhörte.
   Wie sehr sie sich da irrte.
   »Wahrscheinlich hat sie beschlossen, unser Haustier zu sein. Du weißt ja, wie Katzen sind. Wenn sie wollen, sind sie störrischer als ein Esel.«
   »Ehrlich?«
   »Ja. Der Dickschädel der Kat…«
   »Das meinte ich nicht.« Einen Moment befürchtete Anna, ihre Mutter würde ihre Meinung ändern, und wagte nicht, das Tier anzusehen. Sie mochte die Kleine bereits und bekam schon Herzschmerzen bei dem Gedanken, sie wieder abgeben zu müssen.
   »Das weiß ich.« Ein lautes Stöhnen, das doch irgendwie nach Erleichterung klang, folgte.
   »Mama?«
   »Warum kann ich nicht nein zu dir sagen?«
   »Mama, du bist die Beste.« Sie umarmte mit dem freien Arm ihre Mutter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dieser Tag musste doch nicht ganz in die Mülltonne. »Und übrigens, mit Katzen muss man nicht Gassi gehen.«
   Das Telefon klingelte. Bevor sie ihr Zimmer verließ, stellte sich das Läuten ein. Ihre Mutter musste den Anruf entgegengenommen haben.
   »Ja, schön, dass du dich meldest«, hörte Anna sie Sekunden später sprechen. »Die Katze? Na klar ging das gut. Ich hoffe so sehr, dass dieses Tierchen ihr guttut.«
   Normalerweise hasste sie es, wenn jemand hinter ihrem Rücken über sie sprach. Doch heute konnte sie es ihrer Mutter ausnahmsweise einmal verzeihen. Sie blickte auf das Kätzchen, das auf ihrem Bett, zusammengerollt, selig schnurrte.
   »Seitdem ihr Vater uns verlassen …« Ein kaum vernehmbares Schnäuzen folgte.
   Jetzt ging diese Leier wieder los. Es war schon schwer genug, zu wissen, dass er nicht wiederkam. Warum musste sie ständig daran erinnert werden? Dennoch kam sie nicht umhin, das Gespräch zu belauschen. Zu dünn waren die Wände und vielleicht … Nein, sie wagte es nicht, zu hoffen. Mutter hätte ihr doch mit Sicherheit gesagt, wenn sie etwas von ihm gehört hätte. Oder etwa nicht?
   »Er ist weiterhin verschwunden. Ja. Ich bin mir fast sicher, dass kein Unfall im Spiel ist. Warum sollte dann sein halber Kleiderschrank ausgeräumt sein?«
   Eine kurze Pause.
   Anna wollte schreien, dass er sie nicht verlassen hatte. Sie wusste es. Niemals wäre er freiwillig gegangen, niemals. Sie ballte die Hand zur Faust und wischte sich mit dem Unterarm die Tränen weg. Alle taten ihrem Vater unrecht. Vorweg diese dämliche Freundin ihrer Mutter, mit der sie seit seinem Verschwinden ständig telefonierte.
   »Ach, es ist doch egal. Wir werden es wohl nie herausfinden«, sprach ihre Mutter weiter, »wichtiger ist, dass Anna endlich wieder lacht. Hoffentlich muntert die Katze sie ein wenig auf und bringt sie auf andere Gedanken.«
   Sanft strich Anna dem Tier über den Pelz. »Ich möchte gern wissen, wohin mein Papa gegangen ist. Ob er mit einer neuen Frau zusammen ist?« Daran mochte sie nicht denken. Allein die Vorstellung trieb ihr bittere Galle in den Hals.
   Die Schwarze schnurrte noch immer, sah sie jetzt aber mit einem Auge an.
   »Wenn er sich wenigstens melden würde, dass es ihm gut geht. Ich mache mir ja auch Sorgen um ihn. Ob er das nicht weiß?« Die Katze schleckte mit ihrer rauen Zunge über ihren Arm. Sie konnte nicht anders und musste kichern. Es kitzelte.
   »Du verstehst mich, nicht wahr?« Fest drückte sie das Tier an sich. »Dabei fällt mir ein, dass du ja noch keinen Namen hast.«
   »Miau.«
   »Hm … wollen wir mal sehen, wie wir dich nennen. Du bist also ein Mädchen, ja?« Sie hatte nicht nachgesehen, doch die Kopfform und der schlanke Körperbau deuteten darauf hin. Wenn die Kleine das nächste Mal aufstand, musste sie einen Blick riskieren.
   »Miau.«
   »He, soll das eine Antwort sein?« Sie sah ihr in die Augen und meinte darin etwas wie Zustimmung zu erkennen. »Okay, junges Fräulein. Wie wäre es mit Minka? Mausi? Miezie? Susi?«
   Bastet.
   »Passt es?«, wiederholte Anna die Worte, die ihr eben in den Sinn gekommen waren.
   Bastet.
   Woher kam dieser Gedanke? Er klang, als stamme er von ihr, und dennoch erschien er ihr fremd.
   »Bastet«, sprach sie ihn langsam nach, unsicher, ob sie es richtig verstanden hatte. Bastet. Welch seltsamer Name. Sie vermochte sich nicht daran zu erinnern, ihn irgendwo aufgeschnappt zu haben. Sie hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Bastet, das klang nicht schlecht. Außergewöhnlich, irgendwie. »Ja, manchmal ist der erste Gedanke wohl der Beste«, sagte sie, bevor die Unsicherheit in ihr keimen konnte.
   Ein lautes Schnurren folgte.
   »Du möchtest also Bastet heißen? Ein seltsamer Name. Aber auch schön. Er klingt alt. Na gut. Dann bist du ab heute Bastet.« Sie deutete eine Verbeugung an. »Und mein Name ist Anna.«

Anna schlug die Augen auf und erkannte nichts. Nichts, außer der Dunkelheit.
   »Warum bin ich schon wieder an diesem Ort?«, flüsterte sie in die Schwärze. »Ich erinnere mich nicht daran, eingeschlafen zu sein.«
   Meine. Du bist meine.
   »Ich gehöre niemandem«, schimpfte sie und erschrak. Woher nahm sie den Mut, dieser drohenden Stimme zu widersprechen?
   Lachen hallte durch die schier endlosen Gänge. Zunehmend lauter. Verebbte. Kehrte zurück wie eine Sturmflut.
   Mutig, Anchesamun.
   »Mein Name ist Anna. Nicht Anchesamun.«
   Erneutes Lachen.
   Du besitzt nicht den Hauch einer Ahnung, Menschenkind.
   Die weiße Hand, die Anna schon einmal gesehen hatte, schwebte aus der Dunkelheit auf sie zu. Doch dieses Mal rannte sie nicht davon, sondern blieb stehen. Ihr Herz raste, schien sich aus dem Brustkorb befreien zu wollen. Sie sog die abgestandene Luft wie eine Ertrinkende ein, zwang sich, ruhig zu bleiben.
   Mutig, kleines Mädchen, erklang es und die Hand verschwand wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht.
   »Ich will nicht mehr vor dir davonlaufen. Nie wieder. Hör auf, mich zu verfolgen. Verschwinde aus meinem Leben«, rief sie.
   Oh, es tut mir leid, aber das ist nicht möglich.
   Die Stimme schmeichelte ihr, doch sie wusste, dass sie ihr nicht trauen durfte. Du bist meine Königin. Ich kann dich nicht einfach gehen lassen.
   »Natürlich, das kannst und wirst du.«
   Nein, knallte es wie ein Peitschenschlag durch die Stille.
   Kaum dass die Stimme verhallte, setzte die Melodie ein. Gefolgt von dem betörenden Gesang.
   Der du den Samen sich entwickeln lässt in den Frauen, der du ›Wasser‹ zu Menschen machst, der du den Sohn am Leben erhältst im Leib seiner Mutter, und ihn beruhigst, sodass seine Tränen versiegen, du Amme im Mutterleib, der du Atem spendest, um alle Geschöpfe am Leben zu erhalten. Kommt aus dem Mutterleib heraus, um zu atmen am Tag seiner Geburt, dann öffnest du seinen Mund vollkommen und sorgst für seine Bedürfnisse. Du Küken im Ei, das schon in der Schale redet, du gibst ihm Luft darinnen, um es zu beleben. Du hast ihm seine Frist gesetzt, zu zerbrechen im Ei; es geht hervor aus dem Ei, um zu sprechen zu seiner Frist, es läuft schon auf den Füßen, wenn es herauskommt aus ihm.
   »Verschwinde«, brüllte sie und hielt sich die Ohren zu.

»Anchesamun? Nie gehört«, Claudia schlug die Beine übereinander und lehnte sich auf Annas Bett zurück, »außerdem bin ich die Falsche, die du da fragst.«
   Nach dem Traum war Anna zu ihrer Freundin gelaufen, während Bastet mit ihrer Mutter dem Tierarzt einen Besuch abstattete. Zumindest besagte das ein Notizzettel, den sie in der Küche auf dem Tisch gefunden hatte. Impfungen geben lassen und Ausweis ausstellen.
   Gern wäre sie mitgefahren, doch bei dem Anblick von Blut stieg seit jeher Übelkeit in ihr auf.
   »Ich wüsste allerdings, wen wir fragen könnten«, riss Claudia sie aus ihren Gedanken.
   »Meinst du vielleicht …« Wohl fühlte sie sich bei der Vorstellung nicht. Sie freute sich, ihn wiederzusehen. Aber noch mehr wog in ihr die Angst, dass er sie für durchgedreht hielt.
   »Daniel, na klar. Wir gehen gleich los. Die Ausstellung hat noch …« Claudia sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk, »fünfzehn Minuten offen. Das schaffen wir.« Sie sprang auf, schnappte sich ihre Strickjacke und griff nach Annas Hand. »Nun komm schon!«

Je näher sie dem Gebäude kamen, desto mehr raste ihr Puls. Ob Daniel heute wieder Recherchen im Museum durchführte, und ob er sich an sein Angebot erinnerte, sie kostenlos in die Vorstellung zu lassen? Letztendlich mussten sie in seinen Augen nur zwei kleine Mädchen sein. Zwei Jahre Altersunterschied erschienen nicht viel und doch unüberwindbar in ihrem Alter.
   Ohne Zweifel hatte er Besseres zu tun, als sich mit ihnen abzugeben, redete sie sich ein. Er würde sie auslachen und für eine dumme Närrin halten.
   Haha, alles nur ein Scherz und ihr seid wunderbar drauf reingefallen, hörte Anna ihn schon sagen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Reg dich ab. Du kannst noch heulen, wenn er die Tür vor deiner Nase zuschlägt und feixt wie ein bösartiger Troll. Ach, wäre ich nur eher auf die Welt gekommen. Sie schüttelte sogleich den Kopf.
   Absoluter Unsinn.
   Vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit, diesen Altersunterschied auszugleichen? Bei ihren Eltern hatte es ja auch geklappt. Dabei trennten sie sogar acht Jahre.
   Mama. Papa. Tränen füllten ihre Augen und sie wischte sie fort, bevor sie herablaufen konnten. Es war unfair, über eine eigene Liebe nachzudenken, solang die ihrer Eltern nicht funktionierte. Sie wusste, dass auch das absolutem Unsinn glich, aber sie schuldete es ihnen, wenigstens so zu denken.
   »Ich glaube, da vorn steht er.« Claudia lief schneller, sodass sie hinter ihr herrennen musste. »Setz eine fröhlichere Miene auf«, rief ihre Freundin über die Schulter, »oder willst du, dass dein Traumprinz einen schlechten Eindruck von dir bekommt?«
   »Hallo Anna, hallo Claudia.«
   Er nennt mich zuerst. Ja, mich. Sie glaubte es nicht. Wahrscheinlich tat er es nur des Alphabetes wegen. A kommt nun mal vor C. Egal, wie man es dreht und wendet. Aber vielleicht mag er mich ja doch ein klein wenig? Anna, mach dir keine falschen Hoffnungen, tadelte sie sich und blieb stehen.
   »Was führt euch denn hierher? Ihr wisst, dass die Ausstellung gleich schließt, oder? In fünf Minuten ist man leider nicht durch, auch wenn man alles in und auswendig zu kennen meint.«
   Sein Lächeln verwandelte ihre Knie in Götterspeise. In grüne, die mochte sie am liebsten. »Wissen wir.« Sie rang nach Luft.
   Ein breites Grinsen zog über seine Lippen.
   »Wir wollten dich etwas fragen«, wandte ihre Freundin ein.
   »Und das wäre?«
   Sie spürte weiterhin sein Lächeln auf sich ruhen und hätte in diesem Moment alles dafür gegeben, ihm zu sagen, was sie für ihn empfand. Doch da waren die geschwätzige Claudia und der fehlende Mut. Zwei Gründe, für sie unüberwindbar wie der Mount Everest.
   Claudia schien solche Probleme nicht zu besitzen. »Anchesamun. Sagt dir der Name was?«
   »Anchesamun? Warte, lass mich kurz nachdenken« er kauerte sich vor Anna nieder, »Anchesamun. Klar, die Frau von Tutanchamun. Dass ich nicht gleich draufgekommen bin. Tut mir leid, doch bei dem Chaos an Namen kommt man schon ab und an durcheinander.«
   »Ich denke, die hieß Anchespatron?«, erkundigte sich Claudia.
   »Anchesenpaaton«, er lachte, »nach Tutanchamuns Krönung benannte man sie um. So wie ihn«, erklärte er ernst und ließ die Schultern sinken, »schade, dass man nicht einfach in der Zeit zurückgehen kann. Dann würden wir vielleicht verstehen, wieso man auf diese Art vorgegangen ist. Interessant wäre es allemal.«
   Einen Moment lang wollte Anna ihm jede Kleinigkeit über ihre Ausflüge im Schlaf erzählen. Seit sie der weißen Hand begegnete, hegte sie die Vermutung, dass sie ihre Reisen irgendwo nach Ägypten führten. Sicher konnte sie sich aber nicht sein. Wie auch? Bisher hatte sie den Ausgang aus diesem fürchterlichen Labyrinth nicht gefunden, um sich zu vergewissern.
   »Komische Leute, damals«, sagte Claudia.
   »Warum wollt ihr etwas über diese Dame wissen?«
   »Anna …«
   »Ein böser Traum.« Endlich fand sie ihre Stimme wieder. Sie sah in seine Augen, die tiefer als das Meer zu sein schienen, und genoss das Gefühl, auf einer Wolke davonzuschweben. Claudia blieb am Boden zurück. Aber Daniel stand an ihrer Seite und hing an ihren Lippen, lauschte jedem Wort, vielleicht sogar auf jeden Atemzug? Sie schloss die Lider, als ein Schauder über ihren Rücken jagte. »In diesem Traum lief ich allein durch die Dunkelheit. Wobei allein nicht ganz stimmt. Dort war jemand. Ein Mann. Ich habe ihn nicht gesehen, hörte aber seine Stimme …«
   »Er sprach dich mit Anchesamun an«, vervollständigte Daniel.
   Sie schlug die Augen auf, wankte den Bruchteil einer Sekunde und bekam dann ihren Körper wieder in den Griff. »Woher weißt du das?«
   Sein Lächeln wandelte sich. Er zog die Augenbrauen zusammen, presste die Lippen aufeinander, sodass nur ein schmaler Strich übrig blieb.
   »Nun sag schon«, drängte sie.
   »Du bist nicht die Erste.«
   »Die Erste, was?« Claudia existierte plötzlich wieder. Ihre Stimme klang sachlich, beinahe kühl.
   Anna sah sie an, erkannte keine Regung im Gesicht der Freundin. Der Zauber, der sie und Daniel gefangen gehalten hatte, verschwand endgültig.
   Ich will es nicht hören. Schweig bitte. Ich will es nicht hören.
   »In den Fachzeitschriften für Geschichte und Völkerkunde steht, dass viele Frauen, nachdem sie diese Ausstellung besucht haben, in ihren Träumen heimgesucht wurden. Sie konnten sich an keine Einzelheiten erinnern. Nur, dass es ein Mann gewesen war, der sie rief. Anchesamun. Alle betitelte man mit Anchesamun. Langsam glaube ich, dass auf der Ausstellung wirklich ein Fluch liegt.« Er nahm einen Kieselstein auf und warf ihn davon.
   »Was ist mit den Frauen geschehen?« Ihre Stimme zitterte wie eine Pappel im Wind.
   »Viele taten es als Träume ab. Vielleicht war es auch tatsächlich nicht mehr. Es ist allerdings sehr merkwürdig, dass einige der Frauen, die diese Träume hatten, verschwunden sind. Bis heute. Spurlos.«
   »Das klingt gruslig«, murmelte Claudia und rieb sich über die Oberarme.
   Auch Anna fror bei dieser Geschichte. Was, wenn sie das gleiche Schicksal ereilte? Sie einfach verschwand? Daran durfte sie nicht einmal denken.
   »Das ist es. Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen das Rätsel lösen?« Er stand auf und sah zwischen ihr und Claudia hin und her.
   Es schmerzte sie, wie er Claudia ansah. Wie eine Verbündete, mit der er alle Schwierigkeiten des Lebens meistern konnte. Und welche Rolle trug man ihr dabei zu? Die der Närrin? »Ich glaube, das wäre keine gute Idee.« Sie wandte ihren Blick der untergehenden Sonne zu. Blutrot schien der Himmel. Eine Warnung, wie sie zu verstehen glaubte. »Wir sollten das Ganze auf sich beruhen lassen. Ich werde die Ausstellung keinesfalls mehr besuchen und nachts versuchen, nicht mehr zu träumen. Punkt.«

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