Im Hexenwald herrscht große Aufregung. Die Oberhexe ist spurlos verschwunden. Kikki und Florina wollen suchen helfen, doch die bösen Moorhexen nehmen Kikki ihren Zauberstab ab und verjagen sie samt ihrer Freundin aus dem Wald. Als die Waldhexen von ihrer Suche nach der Oberhexe zurückkehren, ist ihnen der Weg in ihren Hexenwald versperrt. Ein undurchdringbarer Zauber liegt über ihm, herbeigehext von der Hexe Tümpel und ihrem unbekannten Helfer. Tümpel hat nur ein Ziel, sie will den Hexenwald in den alleinigen Besitz der Moorhexen bringen und das Haus der Oberhexe übernehmen. Sollte es Kikki und ihren Freundinnen nicht gelingen, innerhalb von sieben Tagen in ihre Häuser zurückzukehren, werden sie alles verlieren, was ihnen lieb ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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ISBN: 978-9963-52-439-6

Seiten: 167

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Viel zu spät

Kikki lag im Bett und ließ den wunderbaren Traum von den fliegenden Rehen an sich vorbeiziehen. Genüsslich gähnte sie und zog eine ihrer langen roten Haarsträhnen vor das Gesicht. Zum Glück hatte sich die Farbe über Nacht nicht verändert.
   Sie reckte und streckte sich wie eine Katze. Langsam öffnete sie die Augen und erblickte ihren linken Fuß, der sich im Schlaf heimlich unter der Decke hervorgeschlichen hatte.
   Der große Zeh lugte vorwitzig aus seiner schwarz-weiß gekringelten Socke.
   »Guten Morgen«, begrüßte Kikki ihn, worauf der Zeh ihr freundlich zunickte. Ihr fiel ein, dass sie mit der Oberhexe verabredet war. Sie musste mehrmals blinzeln, bis sie die Zeit lesen konnte, die ihr der Drachenzeiger ihrer Armbanduhr anzeigte. »Krötenmist und Teufelsschlinge!« Es war zwölf Minuten vor zwölf. Sie musste sich beeilen. Zusehen, dass sie in Windeseile frühstückte und sich auf den Weg machte.
   Ihr junger Kater Lakritz schlief friedlich auf seinem Bauch. Er miaute unglücklich, als sie ihre Decke anhob, um aufzustehen. »Tut mir leid«, sagte sie. Kikki streichelte ihm mehrmals über das Fell. Als sie seinen verschlafenen Blick sah, küsste sie ihn auf die Stirn. Sorgfältig formte sie ihre Bettdecke zu einer weichen Mauer, die Lakritz schützend umgab. Nun sah es aus, als würde er in einem Vogelnest liegen.
   Vorsichtig stand sie auf und blickte noch einmal auf ihre Armbanduhr. Erschrocken riss sie ihre Augen auf. »Katzenjammer und Vogelmist, dass du jedes Mal die Zeit vergisst«, schimpfte sie.
   Schlaftrunken eilte sie in ihre winzige Stube und blickte aus dem Fenster. Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass es heute genauso kalt sein würde wie gestern. Wenigstens schmolz der Schnee langsam. Diese Kälte war zum Schleiereulenniesen. Kikki fror nicht gern. Das tat keine Hexe.
   Sie griff nach ihrem Zauberstab, der auf dem Holztisch lag, und zeigte damit auf die Feuerstelle. Leise murmelte sie einen Zauberspruch. Ein prasselndes Feuer entfachte sich, das bis zu dem schwarzen Hexenkessel reichte, der darüber hing.
   Zufrieden mit ihrem Erfolg holte sie eine Tasse hervor und wartete, bis sie ihren Froschaugentee trinken konnte. Froschaugentee schmeckte viel besser, wenn er selbst zubereitet wurde. Das wusste jede Hexe. Niemals wurde dieses köstliche Getränk herbeigezaubert. Sein außergewöhnlicher Duft ging sonst verloren. Wohin? Das wusste keine Hexe.
   Während Kikki wartete, bis das Wasser kochte, strich sie sich zwei dicke Marmeladenbrote und hexte für ihren Besen einen Kaffee herbei. Dabei blickte sie sehnsüchtig auf den bequemen Schaukelstuhl, der vor dem Stubenfenster stand. Viel lieber würde sie vor dem Fenster hin- und herschaukeln und dabei an den kommenden Frühling denken, mit all seinen bunten Blumen, Gerüchen und Farben. Vielleicht würde sie sich ein zweites Frühstück gönnen und danach Florina treffen.
   Doch Florina, ihre Menschenfreundin, die neuerdings auch eine Junghexe war, war heute den ganzen Tag mit ihren Eltern unterwegs. In die Berge, hatte sie erzählt und freudig gestrahlt. Kikki konnte sich nicht vorstellen, was an den Bergen so toll sein sollte.
   Das Wasser kochte. Kikki bereitete ihren Lieblingstee zu, indem sie einen Esslöffel Froschaugen und eineinhalb Teelöffel braunen Zucker in die Tasse gab. Ihr Blick fiel auf ihren Besen, der noch immer in der Ecke neben der Feuerstelle vor sich hin schlummerte. Sie schüttelte ihn leicht. »Los, wir müssen uns beeilen. Mach schon!«
   Der Besen murrte und schlurfte verschlafen zum Tisch, wo er seinen Kaffee trank.
   Kikki setzte sich zu ihm und frühstückte in Windeseile. Sie musste nicht vollkommen satt werden. Die Oberhexe würde ihr bestimmt von den Sahnetörtchen auftischen, die sie so mochte.
   Kikki blickte sich in ihrer gemütlichen Stube um. Noch immer hingen sicherlich einhundert Kräuterbündel an der Decke und verströmten ihren Duft. Sie musste sie endlich in Einmachgläser abfüllen, sonst würden sie ihre ganze Wirkung verlieren. Als sie mit Frühstücken fertig war, packte sie ihren Besen und eilte zur Tür. Beinahe stolperte sie über die bunte Teppichkante. Im letzen Moment konnte sie sich auffangen und eilte aus ihrem Hexenhäuschen. Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss.
   Eisige Kälte kroch von ihren Zehen die Beine herauf. Kikki blickte an sich hinunter. Sie trug doch tatsächlich noch ihr Nachthemd. Mit der flachen Hand schlug sie sich gegen die Stirn, drehte sich um, öffnete die Tür und rannte durch die Stube in ihre Schlafkammer. Ihre Füße waren durchnässt und kalt, aber sie hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern.
   Sie schlüpfte aus dem Nachthemd und warf es achtlos auf ihr Bett, wo es auf dem schlafenden Kater landete.
   »Miau«, machte Lakritz und klang kreuzunglücklich. Sie hob das Nachthemd von seinem Kopf und warf es auf das Kopfkissen.
   Hastig schlüpfte sie in fünf Röcke und genauso viele Strümpfe, denn sie konnte es nicht ausstehen, wenn sie fror. Mit flinken Fingern schnürte sie ihre schwarzen Stiefel und eilte erneut aus dem Hexenhaus, das gut versteckt mitten im Wald stand.
   Kikki stieg auf ihren Besen und befahl ihm, zum Haus der Oberhexe zu fliegen.

Kapitel 2
Feuer

Das braungraue Haus, das manchmal seine Größe veränderte und unzählige Fenster besaß, stand friedlich in seinem Garten. Heute war es nicht größer als das von Kikki.
   Das bedeutete, dass die Oberhexe nur sie erwartete.
   Kaum landete sie im Vorgarten der Oberhexe, ging die Tür auf. »Du bist schon da?«, fragte die Oberhexe. Erstaunt sah sie auf ihre Uhr, blinzelte ein paar Mal und blickte wieder auf die Zeiger. Sie riss ihre schwarzen Augen auf. »Du bist ja nur vier Minuten zu spät. Pünktlichkeit bin ich von dir gar nicht gewohnt.«
   Kikki begriff, weshalb die Oberhexe in ihrem geblümten Bademantel und den rosa Pantoffeln vor ihr stand. Ihre rundliche Form in dem bunten Bademantel erinnerte an einen Luftballon. Ein Luftballon mit schwarzen Haaren, die wie Borsten vom Kopf abstanden.
   »Sag, bist du etwa krank? Fehlt dir etwas?« Besorgt blickte die Oberhexe in Kikkis Gesicht.
   Sie kicherte. »Aber Oberhexe, ich war noch nie krank, das weißt du genau.« So pünktlich wie heute war sie tatsächlich in ihrem ganzen Leben noch nirgendwo aufgetaucht. Kein Wunder, dass die Oberhexe sich Gedanken machte.
   »Da du schon da bist, komm ruhig herein.«
   Kikki zwängte sich an ihrer Gastgeberin vorbei in die Stube hinein. Bevor sie die Tür schloss, betrachtete sie nochmals den Kräutergarten. Nicht mehr lange, und die vielen Kräuter und Büsche würden von der Frühlingssonne wach geküsst werden. Sie seufzte zufrieden.
   »Ich bin noch nicht ganz fertig«, riss die Oberhexe sie aus ihren Gedanken und blickte auf ihren Bademantel. »Geh du in die Küche und brühe für uns einen köstlichen Froschaugentee auf. Ich werde mich in der Zwischenzeit anziehen und im Dachstock das alte Zauberbuch holen, aus dem du heute lernen wirst.« Sie drehte sich um und watschelte in ihren Stinktierpantoffeln zur Treppe. Drei ihrer fünf Katzen folgten ihr, während sie leise stöhnend die Stufen erklomm.
   Kikki stellte ihren Besen und die Umhängetasche neben die Tür und blickte sich um. Während das Haus der Oberhexe von außen winzig erschien, war es innen riesig. Allein im Wohnzimmer hätten drei Hexenhäuser Platz gefunden. Außerdem gab es eine breite Treppe nach oben und ein riesiges Dachgeschoss, in dem man sich leicht verlaufen konnte.
   Den Dachboden hatte sie schon vielfach ausspioniert, wenn sie die Oberhexe besucht hatte und niemand auf sie achtete. Dort standen unzählige Truhen, in denen sich Hexenbücher, Kräuter, Einmachgläser und anderer Krimskrams stapelten. Am meisten beeindruckte sie ein uraltes Schwert, das sie hinter einer Truhe fand, auf der eine jahrhundertealte Staubschicht lag. Schwerer Stoff hüllte es ein und verbarg es vor neugierigen Blicken. Als Kikki die Oberhexe darauf ansprach, wollte diese nicht verraten, um was für ein Schwert es sich handelte. Stattdessen hatte sie es ihr aus der Hand genommen und an einem anderen Ort versteckt.
   Zu gern hätte Kikki gewusst, welcher Zauberspruch nötig war, um so viel Platz im Innern eines Hauses zu schaffen. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Die Oberhexe wollte Froschaugentee. Diesen Wunsch konnte sie ihr leicht erfüllen, denn Kikki war eine Meisterin im Froschaugentee aufbrühen. Sie betrat die Küche.
   Kupferne Pfannen hingen an den Wänden. Eiserne Töpfe standen in allen Größen auf dem dunklen Regal. Es gab ein großes Fenster, aus dem man in den Garten blicken konnte. Die Feuerstelle war einfach riesig. Einen solchen Kamin gab es sonst nirgends, davon war sie überzeugt.
   Staunend strich Kikki mit ihren Händen über die steinernen Drachen, die den Kamin zierten, und stellte sich vor, wie toll es wäre, ein solches Tier als Freund zu haben.
   »Tee, du musst Tee machen«, ermahnte sie sich und fuhr sich über die Stirn. Erst jetzt merkte sie, dass sie sich die Hände am Kamin versehentlich eingeschwärzt hatte. Hoffentlich gab das keinen Streifen im Gesicht.
   Sie drehte sich um und suchte nach dem Froschaugentee. Kein Einmachglas stand herum, kein einziges. Seltsam. Dabei war die Oberhexe normalerweise alles andere als ordentlich. So aufgeräumt wie heute hatte sie die Küche noch nie gesehen. Vermutlich lag es daran, dass bald der Frühling Einzug hielt. Auch Hexen machten alle sechsunddreißig Jahre einen Frühlingsputz.
   Kikki schob den schweren Vorhang zur Seite, der die Vorratskammer von der Küche trennte. Der Raum war beinahe so groß wie die Küche. Die Regale reichten bis zur Decke und waren vollgestopft mit Hunderten von Einmachgläsern. »Wie soll ich hier bloß Froschaugentee finden?«
   Langsam wanderte Kikki die Regale von links nach rechts ab. Sie entdeckte Salamanderpaste, Drachendorn und Sumpfgras. Die Nelken standen neben der Nieswurz und die rennenden Tomaten hüpften, eingesperrt durch das Glas, wild auf und ab. »Froschaugen, wo steckt ihr?«
   Kikki stieg auf die Leiter, die auf der linken Seite am Regal angelehnt stand. Sie erklomm die ersten Sprossen und ließ den Blick erneut über die Regale schweifen. Sie musste sich beeilen. Bestimmt würde die Oberhexe bald hier sein und ihren Tee erwarten. Kikki wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Sie suchte und suchte, bis sie den Tee schließlich entdeckte. Auf dem untersten Regal, da, wo sie zuerst nachgesehen hatte, stand das gesuchte Einmachglas.
   »Kröteneier und Nasenschleim. Meine Augen sind wohl noch daheim«, schimpfte sie. Nun hatte sie viel zu lange für die Suche nach dem Tee gebraucht.
   Als sie mit dem Froschaugentee in der Hand aus der Vorratskammer kam, fiel ihr Blick auf den Kamin. Kein Feuer. Nicht die allerkleinste Flamme brannte zwischen den Holzscheiten. Wie hatte sie das vergessen können? Bis das Teewasser kochte, würde eine Ewigkeit vergehen. Schlimmer konnte der Tag nicht beginnen.
   Sie wollte nach ihrem Zauberstab greifen, als ihr einfiel, dass er sich in ihrer Umhängetasche ausruhte, die neben der Eingangstür lag. Da fiel ihr Blick auf das Regal mit den eisernen Töpfen. Der Zauberstab der Oberhexe lag darauf und schien ihr zuzuzwinkern. Bestimmt hatte ihn die Oberhexe hier vergessen. Ob sie es wagen konnte, ihn zu benutzen? Nur das eine Mal?

Kapitel 3
Ein misslungener Zauber

Kikki überlegte nicht lange und nahm den Zauberstab in die Hand. Er war schwarz wie die Nacht. Sein Holz war vom vielen Zaubern glattpoliert und an seiner Spitze saß ein silberner Stein, der nicht größer war als ein Kiesel. Ehrfürchtig strich sie mit ihrer freien Hand über das Holz. Dann richtete sie den Zauberstab auf die Feuerstelle.

»Feuer, Feuer, komm her zu mir.
Wärme den Kessel, befehle ich dir.
Lodern sollen deine Flammen nun,
hoch sollt ihr klettern, eure Arbeit tun.«

Ein gewaltiger Blitzstrahl schoss aus dem Zauberstab der Oberhexe und warf Kikki mit Wucht auf den Boden. Während sie stürzte, hielt sie ihren Arm weiter ausgestreckt. Die Flammen trafen nicht nur den Kamin, sondern auch die hölzerne Wand, die Vorhänge und die Decke des Raums.
   Schneller, als Kikki dreimal blinzeln konnte, stand eine Wand in der Küche in Flammen. Es war zum Fürchten. Schwarzer Rauch erfüllte den ganzen Raum und nahm ihr beinahe die Luft zum Atmen.
   Sie musste hier raus. Sofort!
   Kikki wusste, dass es ihr nicht gelingen würde, den Flammen Einhalt zu gebieten. Sie stürzte aus der Küche und warf einen letzten Blick zurück. Sie musste die Oberhexe warnen.
   Kurz überlegte sie, ob sie hinauf in den Dachstock rennen sollte. Die Oberhexe würde wütend auf sie sein. Ihre geliebte Küche in Flammen und vielleicht bald ihr ganzes Haus. Ihre Knie schlotterten und ihr Herz raste, als wolle es zerspringen.
   Anstatt nach oben zu eilen, rannte sie zur Tür, packte ihre Umhängetasche und ihren Besen und verließ das Haus. So schnell sie konnte, flog sie nach oben zum Dachgeschoss.
   Durch das Dachfenster sah sie die Oberhexe, die vor einer Holztruhe kniete und darin herumwühlte.
   Sie wollte gerade mit dem Zauberstab der Oberhexe das Fensterglas verschwinden lassen, als ihr einfiel, dass er viel zu mächtig für sie war. Womöglich würde nicht nur das Fenster verschwinden, sondern gleich das ganze Dach. Kikki steckte den fremden Zauberstab in ihre Umhängetasche und kramte ihren eigenen hervor. Damit zielte sie auf das Glas.

»Verschwinde Glas, aus dem Rahmen.
Sei verschwiegen und nenn keine Namen.
Mach den Weg frei für eine Hex,
ich mach schnell, ganz fix.
Ich will nichts Böses, nur hinein,
liebes Glas, bitte lass mich ein.«

Das Fensterglas verschwand.
   »Oberhexe, schnell! Du musst dein Haus verlassen. Beeil dich! Die Küche brennt«, rief Kikki, so laut sie konnte.
   Die Oberhexe drehte sich zu ihr. »Was?«
   »Deine Küche brennt! Du musst verschwinden.«
   Die Oberhexe sprang auf ihre Füße, schnüffelte in der Luft und nahm endlich den Rauchgeruch wahr. »Was hast du getan?«
   »Es war ein Unfall. Tut mir leid!« Kikki blickte panisch nach rechts. Die Flammen, die in der Küche wüteten, fraßen sich bereits durch das Dach.
   »Bleib, wo du bist«, rief die Oberhexe und verschwand aus Kikkis Sicht.
   Kikki starrte nach unten zur Eingangstür. Ihre Röcke wimmerten verzweifelt, während ihr Besen bockig auf und ab flog. Was sollte sie bloß tun?
   Da kam ihr eine Idee.
   Schnell flog sie zur Küche. Ihr fiel der passende Zauberspruch ein, den sie erst vor wenigen Wochen gelernt hatte. Mit ihrem Zauberstab zeigte sie auf die lodernden Flammen.

»Wenn die Sonne sich verbirgt,
die Wolke Regen gebiert,
wenn der Blitz hernieder zückt,
dann werden Hexen, Menschen
und Tiere verrückt!«

Lautes Donnergrollen erscholl. Schwarze Wolken bauschten sich in Windeseile auf. Endlich begann es zu regnen. Riesige Tropfen fielen auf das Haus der Oberhexe, auf Kikki und den umliegenden Wald.
   Nach einer halben Ewigkeit rannte die Oberhexe aus ihrem Haus, gefolgt von ihren fünf Katzen. Sie blieb erst stehen, als sie sich in sicherer Entfernung zum Feuer befand. Entsetzt schlug sie sich die Hände vor das Gesicht und blickte dann lange und mit wütendem Blick zu Kikki, die über ihr auf ihrem Besen schwebte. »Kikki Krümel, wenn ich dich erwische! Dann nehme ich dir deinen Zauberstab weg. Für sehr, sehr lange Zeit.« Die Oberhexe stützte ihre Arme in die Seite und stampfte mit ihrem linken Hexenstiefel auf den Boden. »Komm hierher. Sofort!« Sie deutete mit ihrem Zeigefinger auf den Gartenweg, auf dem sie stand.
   Kikki verfiel in Panik. Eine Hexe konnte nicht ohne ihren Zauberstab überleben. Davon hatte sie noch nie gehört. Sollte sie verschwinden und warten, bis die Oberhexe wieder gut auf sie zu sprechen war? War es besser, ihr zu gehorchen und sich zu entschuldigen? Sie war hin- und hergerissen. Am liebsten hätte sie sich irgendwo versteckt. Sie zog am Besen und flog in einer Spirale in die Höhe.
   Während sie immer weiter aufwärts flog, blickte sie nach unten, um zu sehen, ob ihr die Oberhexe folgte. Doch sie blieb an Ort und Stelle und reckte ihr die geballte Faust entgegen.
   Aus den Augenwinkeln nahm Kikki einen hellblauen Fleck wahr, der sich zwischen den Bäumen bewegte, vielleicht eine Frau. Eine winzige Gestalt trat neben ihr zwischen den Tannen aus dem Schatten hervor. Kikki wusste nicht, wer diese Leute waren, aber eines war sicher. Sie gehörten nicht in diesen Wald.
   Die Gestalt im grünen Umhang schlich zur Oberhexe. In ihrer ausgestreckten Hand schien sie etwas zu halten.
   Hier lauerte Gefahr. Kikki befahl ihrem Besen, nach unten zu fliegen. »Oberhexe! Pass auf!« Im selben Moment blickte die kleine Gestalt im Kapuzenmantel nach oben. Sie streckte ihren Arm in Kikkis Richtung aus und sagte etwas.
   Kikki wurde von einer dunklen Welle erfasst. Auf ihrem Besen wurde sie höher und höher getrieben. Mit aller Kraft wehrte sie sich dagegen und steuerte den Besen zurück. Es gelang ihr nicht. Ihr Besen reagierte nicht mehr. »Hilfe! Besen, gehorche!«
   Statt zu tun, was Kikki von ihm verlangte, drang ein seltsamer Laut aus seinem Stiel. Er flog immer weiter nach oben. Hilflos musste Kikki zusehen, wie die Oberhexe und der Hexenwald immer kleiner wurden. Ihr Besen flog kreischend davon und nahm sie mit. Der von ihr herbeigezauberte Regen klatschte unaufhörlich auf ihren Kopf und Rücken. Es war zum Verzweifeln. Innerhalb kürzester Zeit war sie von Kopf bis Fuß durchnässt. Was war hier los?
   Erst, als sie weit weg von ihrem geliebten Hexenwald war, gelang es ihr, den Besen wieder zu steuern. Was war passiert? Und wer war diese Kapuzengestalt, die sie mit einem Zauber aus dem Wald verscheucht hatte? Sie beschloss, an einen sicheren Ort zu fliegen. Ihr Besen sollte sich von seinem Schrecken erholen und sie auch.

Kapitel 4
Waldheim

Kikki steuerte auf Waldheim zu. Auf halbem Weg fiel ihr ein, dass Florina heute Nachmittag nicht zu Hause sein würde.
   Wo sollte sie bloß hin? Sie musste sich verstecken, bis die Wut der Oberhexe verraucht war. Rauch, da war es wieder. Flammen. Die brennende Küche. Der wütende Blick der Oberhexe. Sie brauchte Zeit, um nachzudenken.
   In ihr Hexenhaus konnte sie in nächster Zeit auf keinen Fall zurückkehren. Dort würde die Oberhexe zuerst nach ihr suchen. Hier in Waldheim war sie vorerst sicher, denn Hexen mieden die Menschendörfer, soweit es ging.
   Es dauerte nicht lange und Kikki entdeckte den kleinen Park unter sich. Hier war sie schon einmal gewesen. Damals, als sie das erste Mal auf Florina gewartet hatte. Nun, da es dank ihrem Zauber wie verrückt regnete, war der Park menschenleer.
   Vorsichtig landete sie auf dem nassen Gras und blickte sich um. Links stand eine Parkbank. Daneben befand sich ein großer Sandhaufen, rechts davon eine lange grüne Rutsche. Außerdem entdeckte sie ein winziges Häuschen aus dunklem Holz unterhalb eines Kastanienbaums. Perfekt. Sie eilte darauf zu und hatte Mühe, sich durch den kleinen Eingang des Spielhauses zu quetschen. Aber sie brauchte ein Dach über dem Kopf, und dies hier war eines.
   Zwei Sitzbänke standen im winzigen Raum. Wegen ihrer langen Beine gelang es Kikki nicht, sich bequem hinzusetzen. Sie wusste einfach nicht, wo sie ihre Füße hinstellen sollte. Kurz entschlossen packte sie die kleinen Sitzbänke und stellte sie nach draußen. Dann setzte sie sich im Innern des Häuschens mit ausgestreckten Beinen auf den Boden. Ihren Kopf stützte sie mit den Händen ab und starrte durch die Türöffnung in den Regen hinaus.
   Der Besen lag neben ihr und knurrte. Er war zu lang für das Häuschen. Ein Teil seines Stiels wurde nass geregnet. Besen jammerte und maulte ununterbrochen. Ganze zwei Stunden und siebzehn Minuten lang, bis es Kikki zu viel wurde. »Gut. Dann gehen wir eben zurück.«
   Der Besen knurrte weiter.
   »Ich versuche, in den Hexenwald zu kommen. Wer weiß, ob der olle Zauber noch wirkt, den dieser Zwerg losgelassen hat. Ich werde mich bei der Oberhexe entschuldigen. Ich habe Mist gebaut, das sehe ich ein.«
   Ihr Besen gab einen zufriedenen Seufzer von sich.
   Kikki wusste, als gute Hexe hätte sie bei der Oberhexe bleiben sollen und ihr helfen, das Feuer zu besiegen. Stattdessen war sie unfreiwillig davon geflogen und verkroch sich nun in diesem kleinen Häuschen.
   »Genug ist genug«, schimpfte sie und quetschte sich durch die schmale Türöffnung. Draußen kramte sie in ihrer Tasche nach dem Zauberstab und hielt ihn in den Regen.

»Regen, Regen halt dich fern.
Ich hab dich nun nicht mehr gern.«

Der Regen ließ schnell nach. Ein wohliges, warmes Gefühl kribbelte in ihrem Bauch. Es passierte nicht jedes Mal, dass ihr Zauber so gut funktionierte. Es dauerte keine zwei Minuten, bis nur noch vereinzelte Tropfen vom Himmel fielen. Mit einem erneuten Schlenker ihres Zauberstabs hexte sie sich ihre Schuhe, den Mantel und die Haare trocken. »Schon viel besser«, sagte Kikki zufrieden. »Komm Besen, lass uns gutmachen, was ich angestellt habe.«
   Der Besen nickte eifrig. Er schwebte in die Höhe und flog nach draußen vor das Spielplatzhaus. Dort wartete er auf Kikki. Kaum hatte sie sich auf ihn gesetzt, flog er zum Hexenwald zurück.

Kapitel 5
Wo steckt sie bloß?

Kikki wollte sich bei der Oberhexe mindestens tausend Mal entschuldigen. Vielleicht ein paar Sahnetörtchen herbeihexen, verziert mit den Gummifröschen, die die Oberhexe so gern mochte. Bereuen würde sie ihre Tat natürlich auch. Das war der Oberhexe immer besonders wichtig.
   Je näher sie dem Hexenwald kam, desto nervöser wurde Kikki. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Ihre Nasenspitze kribbelte und ihr Rock wimmerte unaufhörlich. Würde sie zurückfliegen können? Oder würde ihr Besen wieder bocken? Sie wusste es nicht. Um sich abzulenken, begann sie leise, zu singen.

»Hexen hexen, so ist es immer gewesen.
Fliegen bei Tag und Nacht auf ihren Besen.
Der Zauberberg ist wie für sie gemacht.
Dort verbringen sie jede Walpurgisnacht.
Mit wallendem Rock und fliegenden Haaren
tanzen sie herum mit wildem Gebaren.
Feuer macht ihnen keine Angst,
denn Hexen werden niemals krank.
Sie fürchten die Gespenster nicht,
doch manche von ihnen scheuen das Tageslicht.
Gute und böse Hexen leben in dieser Welt,
davon wird nur selten erzählt.
Rumpeldipumpel, so ist es immer gewesen.
Hexen hexen und fliegen auf Besen.«

Der Duft nach feuchter Erde kitzelte in ihrer Nase, als Kikki den Wald erreichte. Vorsichtig beobachtete sie den Waldboden. Erst, als sie sicher war, dass dieses Kapuzenmännchen nicht zu sehen war, steuerte sie ihren Besen nach unten.
   Ach, wie sehr sie den Geruch der Erde liebte! Alte Blätter, junges Grün, das darauf wartete, alles zu überwuchern, Regen, der den alten Dreck davongewaschen hatte und nur saubere Luft zurückließ. Mehrmals zog Kikki diesen einzigartigen Duft tief in ihre Lungen und kostete ihn mit all ihren Sinnen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und flog zielstrebig zum Haus der Oberhexe.
   »Meiomei. Was für eine Schweinerei!« Es war zum Sumpfhühnerniesen. Das Feuer hatte die ganze rechte Hausseite verschlungen. Da, wo sich normalerweise die Küche befand, lagen verkohlte Holzplanken und versteckten sich unter einer dicken Schicht Asche. Einzig der steinerne Kamin mit den Drachen ragte einsam und verlassen in die Höhe. Ein Teil der Flammen musste auf den Rest des Hauses übergesprungen sein. Sie hatten sich durch das Dach gefressen und die Seitenwand der Stube verschlungen.
   Kikki blinzelte, atmete langsam und tief ein und öffnete ihre Augen, so weit es ging. Das Ergebnis blieb dasselbe. Mit zittrigen Beinen landete sie im Kräutergarten. »Oberhexe! Bist du da?«
   Keine Antwort.
   »Oberhexe! Ich bin es.« Sie drehte sich langsam im Kreis und blickte sich um. Wieder bekam sie keine Antwort. Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf. Wo konnte die Oberhexe bloß stecken?
   Sie vergewisserte sich, dass es ganz bestimmt nicht mehr brannte. Vorsichtig wagte sie sich zur Eingangstür hinein, die verkohlt in den Angeln hing. Im Haus stank es fürchterlich. Die Wände waren von Ruß geschwärzt, der Boden mit nasser Asche bedeckt. Sie formte ihre Hände zu einem Trichter. »Es tut mir leid«, rief sie. »Ehrlich. Ich gebe dir auch meinen Zauberstab, wenn du willst!« Darauf würde die Oberhexe reagieren. Ganz bestimmt.
   Die einzige Antwort war ihre eigene Stimme, die von den Wänden widerhallte. Betrübt schüttelte Kikki den Kopf und ging vorsichtig durch das ganze Haus. Sie durchsuchte es vom Keller bis in den Dachstock. Ohne Erfolg. Enttäuscht ging sie zurück in die Stube.
   Da, ein Schatten. Konnte das die Oberhexe sein?
   Kikki hielt den Atem an und horchte. Kein Geräusch. Plötzlich sah sie etwas. Der Lieblingskater der Oberhexe saß auf der Türschwelle und wurde vom Außenlicht beschienen. Sein lang gezogener Schatten hatte sie in die Irre geführt.
   Als Kasimir sie erkannte, gab er ein leises Mauzen von sich und verschwand.
   »Sauerteig und Teufelskraut, da wird mir doch der Tag versaut!« Kikki folgte ihm und stapfte durch den Kräutergarten. Er war vollkommen unversehrt. Selbst der frisch mit weißer Farbe gestrichene Gartenzaun erstrahlte im Licht der Sonne, als wäre alles in bester Ordnung.
   In ihrem Hals saß ein dicker Kloß. Sie schluckte schwer und kratzte sich am Kopf. »Besen, weißt du vielleicht, wo die Oberhexe stecken könnte?«
   Besen schüttelte seinen Stiel. Während er neben Kikki herging, stieß er immer wieder ein unglückliches Knurren aus.
   Sie umrundeten das Haus der Oberhexe. Kikki suchte am Boden jeden Winkel ab, während Besen in der Luft schwebte und von Baum zu Baum flog. Aus lauter Verzweiflung steckte Kikki ihren Kopf in ein stinkendes Erdloch. Keine Oberhexe. Sie durchkämmte die riesigen Brombeerhecken, ohne auf die Stacheln zu achten, die in ihren Kleidern stecken blieben. Nirgendwo war die rundliche Gestalt der Oberhexe zu entdecken.
   Dass ihr missglückter Zauber so viel Schaden anrichten würde, hätte sie niemals gedacht. Es war noch schlimmer als damals, als sie Isolde, eine der anderen Waldhexen, aus Versehen in eine Tanne verwandelt hatte und drei Tage lang nicht mehr zurückhexen konnte. Mochte Isolde sie deswegen womöglich nicht besonders?
   Sie ermahnte sich, nicht abzuschweifen. Sie musste handeln. Jetzt. Sofort. Zu wem würde die Oberhexe als Erstes gehen, wenn sie Hilfe brauchte?
   Fauna war die beste Freundin der Oberhexe. Kikki hegte schon lange den Verdacht, dass die beiden eines dieser Telefone besaßen und heimlich miteinander redeten. Wie sonst war zu erklären, dass sie alles gleichzeitig erfuhren?
   Ein winziger Hoffnungsschimmer machte sich in ihrem Herzen bemerkbar, nicht viel größer als ein Reiskorn. Ihre Haare verfärbten sich ins Hellgelbe. Die Schuhe krümmten sich vor Aufregung und der Rock wimmerte. »Komm, wir gehen«, sagte sie zu Besen.
   Keine drei Minuten später landete sie vor Faunas Hexenhütte. Diese war rundherum mit immergrünem Efeu bewachsen. Einzig die Tür und der Kamin waren ausgespart. Man musste genau hinsehen, sonst übersah man ihr Haus.
   »Hallo Fauna, ich bin es!« Kikki öffnete die Tür und trat ein, ohne anzuklopfen.
   Der Vorhang aus Kletterefeu, der gleich hinter dem Eingang wuchs, war nach vorn gezogen. Wie immer piepste, miaute, scharrte und krähte es im Innern des Hexenhäuschens. Fauna wohnte mit ihren Tieren zusammen. Zwar wechselten die Bewohner manchmal, doch die sieben Katzen, fünf Kröten, drei Krähen, die vielen Spinnen und das alte Eichhörnchen wohnten seit vielen Jahren bei ihr.
   Einmal hatte Fauna einen Wolf bei sich aufgenommen, aber das hatte nicht funktioniert. Das würde die dicke Maus jederzeit bezeugen, die von ihm verschlugen und schon lange verdaut worden war.
   Vorsichtig ging Kikki durch den Efeuvorhang und achtete darauf, auch wirklich keines der Blätter abzureißen. Fauna würde ihr das nie verzeihen. »Hallo! Ich bin es. Bist du schon wach?« Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war fünfzehn Uhr eins. Trotzdem bekam sie keine Antwort.
   Kikki ging in die Stube. Schmutziges Geschirr stapelte sich in der Spüle. Überall lag Tierfutter herum. Eine Dose mit Keksen lag offen auf dem Tisch und zwei der drei Krähen pickten genüsslich davon. Susi, das alte Eichhörnchen, das oben auf dem wackligen Regal saß, beobachtete die beiden und knabberte an einer Nuss, die sie in ihren winzigen Pfötchen hielt.
   Im Kamin brannte kein Feuer. Das war ein sicheres Zeichen dafür, dass Fauna noch nicht aufgestanden war. Auf Zehenspitzen ging Kikki in die Schlafkammer. Tatsächlich lag Fauna in ihrem Bett und schnarchte friedlich. Neben ihr auf dem Kopfkissen döste Lukas, die Kröte.
   »Hallo Fauna. Würdest du bitte aufwachen?«
   »Hä, wer da?«, fragte Fauna.
   »Ich bin es. Kikki.«
   Verschlafen setzte sich Fauna auf. Auf ihrem schmalen Gesicht waren die Abdrücke ihres Kissens zu sehen. »Was machst du so früh hier?«
   »Ich suche die Oberhexe. Ist sie da?«
   »Nicht, dass ich wüsste. Weshalb?«
   Jetzt war er da. Dieser Moment, den sie am liebsten übersprungen hätte. »Ich muss sie dringend sprechen. Wegen des Feuers.«
   »Feuer!« Fauna sprang behänd aus ihrem Bett. »Wo? Schnell, hol Wasser! Wir müssen es löschen, bevor es sich ausbreitet.« Sie blickte sich hektisch um, stolperte über ihr Nachthemd mit dem Elefantenmuster und fiel auf die Knie. »Krötenmist«, schimpfte sie und rappelte sich auf. Sie zog das halb gegessene Himbeerbonbon von ihrer rechten Hand, das bis eben auf dem Boden gelegen hatte, und schob es in den Mund.
   »Keine Angst, Fauna.« Kikki sprach extra langsam. »Nicht dein Haus brennt, sondern die Küche der Oberhexe hat gebrannt.«
   »Verschlungene Gedärme und Hundekot! Das Haus der Oberhexe brennt?«
   Kikki raufte sich die Haare. Redete sie so undeutlich? »Nein. Es brennt nicht mehr. Aber es hat gebrannt.«
   »Schnell, wir müssen was tun.« Fauna lief im Kreis und hielt ihr Nachthemd hoch, damit sie nicht wieder hinfiel. Nach der vierten Runde hielt sie vor dem Kleiderhaufen an, der am Boden lag. Eilig schlüpfte sie in einen braunen Rock und eine grüne Bluse und warf ihr Elefantennachthemd achtlos auf den Stuhl vor ihrem Esstisch. Die beiden Krähen flatterten erschrocken in die Höhe und verschwanden im Gebälk.
    »Wie geht es ihr? Ist sie unverletzt?«
   »Ich weiß nicht. Deshalb bin ich ja hier. Du hast sie wohl auch nicht gesehen?«, fragte Kikki erneut, obwohl sie die Antwort ahnte.
   »Nein. Ich hab die Oberhexe seit vorgestern nicht mehr gesehen. Ich war schließlich beschäftigt. Zwei Tage lang habe ich an der Hütte für die Rehe gebaut.« Als Beweis streckte Fauna Kikki ihre Hände entgegen, die voller Schwielen und Schnitte waren. Sie packte Kikki an der Hand und führte sie zum Tisch. Dort drückte sie Kikki auf einen der beiden Stühle und hexte einen Tee herbei. Keinen Froschaugentee, sondern einen mit Pfefferminze und Zitronenmelisse. »Nun erzähl schon, was passiert ist.«
   Kikki erzählte haargenau, wie es zum Küchenbrand im Haus der Oberhexe gekommen war.
   Faunas Gesichtsfarbe wechselte beim Zuhören von weiß zu beige und von da ins Tiefrote. Ihre Augen wurden immer größer. Besonders, als Kikki erzählte, dass sie zuerst fliehen wollte und dann von einem Zauber getroffen wurde. »Wieso bist du nicht gleich zurückgeflogen?«, fragte sie, nachdem Kikki geendet hatte.
   »Die Oberhexe hat damit gedroht, mir meinen Zauberstab wegzunehmen.«
   »Das würde sie niemals tun. Hast du wirklich keine Ahnung, wer diese Gestalt im Kapuzenmantel war?«
   »Ich hab sie noch nie gesehen. Sie war winzig mit faltigem Gesicht und unheimlichen schwarzen Augen. Ich weiß nicht einmal, ob die Oberhexe sie bemerkt hat.«
   Fauna stand von ihrem Stuhl auf und ging umher. »Das ist nicht gut. Gar nicht gut.«
   Kikki verkroch sich in ihrem Stuhl. »Habe ich falsch gehandelt?«
   »Nein, das glaube ich nicht.« Fauna umarmte sie. »Was hättest du tun können, wenn du aus dem Wald hinausgehext wurdest? Ach, Kikki, es wird alles wieder gut. Wirst schon sehen. Erst frühstücken wir, dann fragen wir bei den anderen Waldhexen nach, ob sie wissen, wo die Oberhexe steckt.«
   Kikki nickte erleichtert und hoffte, dass Fauna recht behielt.
   Das Frühstück dauerte ganze einhundertsiebzehn Minuten. Schließlich mussten Omelettes gebraten, Kuchen gebacken und Brote gestrichen werden. Kikki langte kräftig zu. Eine Hexe, die hungerte, war nicht zu gebrauchen.

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