Stell dir vor, du triffst in der Vergangenheit auf deinen bösartigen Vater in jungen Jahren und er ist noch abscheulicher und widerwärtiger, als du dir jemals vorgestellt hast.
Marka und Claudio haben das geheimnisumwobene Witara vor dem Untergang gerettet, doch das Böse hat sich ein neues Domizil gesucht. In den Wirren des 2. Weltkrieges wurde die Insel Cyana mit einem energetischen Schutzschild von der Menschenwelt abgeschirmt und wird nun von knallenden Geräuschen heimgesucht. Marka und Claudio gehen auf Zeitreise in das Jahr 1945 und setzen mit ihrer Suche bei ihrem Urgroßvater an, der ein gut gehütetes Geheimnis bewahrt. Mit seiner Hilfe und einem Navajo-Code, hoffen sie, Licht ins Dunkel zu bringen. Eine mysteriöse Bestimmung und eine furchtbare Überraschung erwarten sie. Bevor sie die Zusammenhänge verstehen, geraten sie in höchste Gefahr. Können sie die Bewohner Cyanas dennoch retten?

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ISBN: 978-9963-52-476-1

Seiten: 396

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Dagmar Helene Schlanstedt

Dagmar Helene Schlanstedt
Dagmar Helene Schlanstedt, geboren 1956, ist in Sachsen Anhalt zu Hause. Ihr ursprünglicher Beruf als Kommunikationstechnikerin machte ihr lange Zeit Freude, bis die Liebe zur Natur siegte und sie mit einem Kräuterlädchen einen Neuanfang wagte. Endlich angekommen, unterstützt sie seitdem Ratsuchende mit ihren Kräuter-und-Energie-Heilungen. Nebenher ist das Schreiben von Geschichten in Versform, aber auch Fantasy um irgendwelche kleine Wesen, ihre große Leidenschaft.

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Prolog

Russland 1953 nach Stalins Tod
   Spektakulärer historischer Fund im russischen Staatsarchiv bahnt sich an.

Bis dato völlig unbekannte Akten wurden gefunden. Sie beziehen sich auf das Jalta-Treffen der Siegermächte im Jahre 1945, unterschrieben von Roosevelt, Stalin und Churchill. Das Dokument besagt, dass die deutsche Wehrmacht zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Versuchsgelände einer Ostseeinsel fragwürdige Kernwaffentests mit einer brandneuen Wunderwaffe durchführen wollte, der sogenannten Vergeltungswaffe V3. Die Spionageabwehr der Westalliierten entdeckte die neu gebaute, gut getarnte Abschussrampe und die Angelegenheit drohte zu eskalieren. Stalin forderte die totale Zerstörung der Insel, es sei denn, sie würde fortan zum sowjetischen Staatsterritorium gehören. Churchill und Roosevelt zeigten sich überraschenderweise kompromissbereit.



Kapitel 1
Brücke ins Unbekannte
Witara, im Mai 2012

Über zwei Monate waren seit unserem Abenteuer vergangen und wie an jedem Tag spazierten Claudio und ich in Witaras malerischer Umgebung umher, um unser neues Zuhause besser kennenzulernen. Weitab unserer Behausung folgten wir einem glucksenden Bachlauf, der sich durch meterhohes Gras schlängelte und sich silbern schillernd davon abhob. Den Abstecher mussten wir einfach machen, weil wir diesen Platz als einen der schönsten in Witara auserkoren hatten.
   Claudio war vorangegangen. Er hatte den imaginären Geruch von Omas bunten Gemüsebackfladen schon in der Nase. Ich dagegen bummelte noch ein bisschen herum. Dieser Ort hielt mich wegen seiner einzigartigen Schönheit jedes Mal wie magisch gefangen. Zwei schlauchähnliche, in tiefes Rot getauchte Hügelketten streckten ihre wilden Felszacken rechts und links unweit des Bachlaufs empor. Die rechte lag im Schatten und stieg höher an, die linke war von einem einsamen Waldstück umgeben.
   Ich stand schwitzend unter einer tiefgrünen Baumgruppe, deren kräftig schwingende Wipfel mich vor den erbarmungslos herunterknallenden Sonnenstrahlen schützten, und genoss den Anblick des herabperlenden Wassers. Das wenige Licht, das zwischen den einzelnen Lücken hervorschoss, hüpfte darüber hinweg wie glitzernde Diamanten. Spritzten die bunt reflektierenden Leuchttropfen über die riesigen Steinkolosse hinweg, stoben sie in einer schier unglaublichen Explosion auseinander, um sich anschließend als Licht sprühende Strudel wieder in den Bach zu ergießen. Genauso eindrucksvoll, wie ich es vor Kurzem bei einem Wasserfall gesehen hatte. Emotionen kochten hoch, überwältigten mich und ließen meine Seele vor Glücksgefühlen überschäumen. Es war einfach nur – wow. Während Worte des Entzückens meine Kehle verließen, rief ich Claudio zurück.
   Wie der Teufel kam er angerannt. »Um Himmels willen, was ist passiert? Hast du dich verletzt?« Sein besorgtes Gesicht war in Erwartung verzogen. Ich deutete auf das Farbenspiel aus Wasser und Licht, schüttelte den Kopf und sah, wie auch durch ihn ein Ruck ging. »Als hätte jemand buntes Brausepulver reingeschüttet«, flüsterte er mit stockendem Atem. »Am liebsten würde ich kosten, so lecker sieht es aus.«
   Völlig gefangen von dem Wasserschauspiel blieben wir noch eine Zeit lang sitzen. Ich pflückte ein kleines, gewelltes Blütenblatt und rieb es zwischen den Fingern. »Riech mal«, sagte ich. »Wie wunderbar es duftet.«
   »Ja, ein bisschen nach Grapefruit«, entgegnete Claudio. »Aber lass uns jetzt gehen. Ich fall gleich um vor Hunger.« Er erhob sich und wischte sich über die Stirn. »Puh! Diese Hitze.«
   Bevor ich aufstand, steckte ich mir eine Blüte ins Haar. Ihr Duft sollte mich bis nach Hause begleiten. »Jetzt sind wir über zwei Monate hier und es kommt mir vor wie zwei Wochen.«
   »Geht mir auch so.« Er rollte mit den Augen. »Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie die Zeit hier sieben Mal schneller vergehen kann als auf der Erde. Sie verrinnt unendlich langsam, obwohl sie im Affentempo rasen müsste.« Er seufzte. »Wenn du bloß nicht in einer Woche fünfzehn werden würdest.«
   »Stimmt. Wir sollten uns langsam Gedanken machen, wie es danach mit dir weitergehen soll. Ich meine, wenn dein Doppelstatus flöten geht.«
   »Erinnere mich nicht daran.« Gedankenverloren kaute er auf einem überlangen Grashalm herum und machte einen auf miese Laune. »Dann bin ich wieder ein Zweiter, und das beschissene neun Monate lang. Nichts verbindet uns mehr, außer unser Nachname und die Adresse.«
   Ich betrachtete ihn unbeeindruckt, nahm es mit Fassung. »Wir können es nicht ändern.«
   »Schön für dich. Ich bin wieder als Einziger am Arsch. Mutsch ist eine Erste, genau wie du und Oma.« Voller Missmut blinzelte er gegen das Sonnenlicht an. »Ach verflucht, auf der Erde ging es mir besser. Dort war ich wenigstens wer.«
   »Dann leben wir halt wieder wie normale Geschwister«, sagte ich. »Andere tun das schließlich auch. Und außerdem haben wir noch sieben wundervolle Tage vor uns. Lass uns die einfach genießen.«
   Er warf mir einen weniger giftigen Blick zu. »Mensch Marka, das ist alles bescheuert. Am liebsten würde ich ’ne Fliege machen und zurück zur Erde gehen.«
   Ich blieb schlagartig stehen und quiekte beinahe. »Was? Weg von hier? Das ist nicht dein Ernst. Ne, ohne mich.«
   Er schwieg, wahrscheinlich wohl wissend, dass er meine schwächste Stelle getroffen hatte. Seitdem wir die Erde verlassen hatten und in Witaras Wunderwelt lebten, verstanden wir uns prächtig und vertrauten uns bis aufs Letzte. Wir hatten eine traumhafte Zeit hier verbracht, inmitten immer fröhlicher Leute. Das konnte er nicht gegen das aufgesetzte, hochmütige Leben auf der Erde eintauschen wollen. Wie konnte das besser für ihn sein? Die Erde war kälter, viel schlimmer als tausend Dunkelheiten hier. Die kam wenigstens nur alle dreißig Tage und war zeitlich auf neun Stunden begrenzt. Alle vergruben sich dann in ihren warmen, gemütlichen Glashäusern, weil das Land in dieser Zeit in beißende, arktische Kälte getaucht wurde. Bäume, Pflanzen und kleinste, zerbrechliche Blumen verschwanden unter einer durchsichtigen Frostdecke. Nach dem Auftauen lebten sie unbeirrt weiter, ohne den geringsten Schaden genommen zu haben. Vollblütigen Lebewesen gelang dies allerdings nicht ohne hinreichenden Wärmeschutz. Sie würden unweigerlich sterben. Doch die Entdecker Witaras hatten sich etwas einfallen lassen und für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt. Die Erstgeborenen unter ihnen konnten nämlich eine aufgeheizte Energiehülle um sich aufbauen, unter der auch die Zweitgeborenen, die das nicht vermochten, die Dunkelheit unbeschadet überstanden. Nein, ich wollte hier nicht weg und es ärgerte mich kolossal, dass Claudio es anders sah. Nur weil er sich von einigen Vorlieben verabschieden musste, wenn sein Status als Zweitgeborener begann.
   In schwermütigen Gedanken versunken, schlenderte ich hinter ihm her, bis er stehen blieb. Rustos gläsernes Haus blinkte uns entgegen und bei seinem Anblick schlug mein Herz höher. Claudio hingegen warf mir einen zerknirschten Blick zu. Es schien, als litte er wie ein Hund bei den Gedanken an das, was ihn in den nächsten neun Monaten erwartete. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Jemand kam uns entgegengerannt. Wir erkannten Daanjo. Seine Mutter Sinja, die Schwester unserer Oma, wurde vor Kurzem ermordet und Rusto, sein Vater, war in einer dringenden Mission unterwegs. Von ihm sollte Daanjo in nächster Zeit den Vorsitz Witaras übernehmen. Rustos Abwesenheit diente sozusagen als Probedurchlauf dafür. Daanjo war in heller Aufregung. Schweiß stand ihm auf der Stirn und die langen, dunklen Haare klebten in feuchten Strähnen an seinem Kopf. Rusto habe ihn angejollt, erzählte er gehetzt. Claudio und ich sollten unsere Gedanken auf ihn ausrichten. Er brauchte dringend unsere Hilfe.
   Rusto war bereits vor einiger Zeit verschwunden. Unaufschiebbare Angelegenheiten, hatte er gesagt, bevor er ging. Es klang sehr geheimnisvoll.
   »Wo ist er überhaupt abgeblieben?« Claudio sah Daanjo fragend an. »Nicht einmal Oma weiß Bescheid, wo er hin ist.«
   Claudio und ich lebten mit Oma und Mutsch zusammen in Rustos herrlichem Haus, mit weiten Flächen und einer total praktischen, perfekt durchgestylten Einrichtung. Wir bewohnten die obere, bislang ungenutzte Etage, die gleichzeitig die hellste war. Ihre vorteilhafte Aufgliederung bot viel Freiraum für jeden und genügend Platz, um sich eigenständig aufzuhalten.
   Je nach Sonneneintritt schraubte sich das Haus mal mehr und mal weniger aus dem Boden, reckte sich quasi der Sonne entgegen. Die Aussicht über die dschungelartige und doch harmonisch angelegte, friedliche Natur, war dann sensationell.
   Daanjo sah uns an. »Bitte. Mein Vater lässt euch ausrichten, er hat ein schreckliches Problem. Ihr dürft ihn nicht länger warten lassen.«
   Claudio drückte freundschaftlich seinen Arm. »Weißt du denn, worum es geht?«
   In beinahe hilfloser Geste hob Daanjo die Hände. »Er hat mir nur aufgetragen, dass ich euch suchen soll. Beeilt euch, es scheint zweifelsohne dringend zu sein.«
   »Na, dann wollen wir ihn nicht länger warten lassen. Komm Marka, schießen wir uns auf ihn ein.« Claudio schloss die Augen.
   Ich folgte seinem Beispiel, um ebenfalls einen gedanklichen Kontakt zu Rusto zu bekommen. Ein irrationales Summen jagte augenblicklich durch meine Stirn und schon rauschte Rustos hektische Stimme in meinem Kopf.
   »Es ist etwas Dramatisches geschehen«, rief er angespannt. »Ich bin auf der Erde, genauer gesagt auf Cyana, einer verschollenen Insel in einem Meer namens Ostsee.«
   »Du bist auf der Erde?« Ich riss die Augen auf.
   »Was ist los?« Daanjo hing an meinen Lippen.
   »Er ist auf der Erde, irgendwo an der Ostsee.«
   »Bestimmt auf Cyana«, warf Daanjo unerwartet ein. »Das war fast zu erwarten. Mein Vater wirkte ziemlich bedrückt, als er aufbrach, aber er wollte nicht mit der Sprache herausrücken, bevor er Genaueres wusste.«
   »Hä?« Claudio rümpfte die Nase. »Was soll das für eine Insel sein und wieso ist sie verschollen?«
   Daanjo unterrichtete uns, dass Cyana ursprünglich mal eine Ostseeinsel war, die im Jahre 1945 zur Kolonie Witaras wurde, weil Forschungen mit gefährlichen Nuklearraketen ihren Zugang bedrohten. Die Erde hätte damals kurz vor der Wende zu einem Atomkrieg gestanden. Um Cyana vor dem drohenden Untergang zu retten, wäre es den Witariern in letzter Sekunde gelungen, einen energetischen Schutzschild darüber hinwegzuspannen, um sie von der irdischen Außenwelt abzuschirmen. Die Menschheit glaubte fortan an ihren Untergang. Die Insel selbst sei eine in sich geschlossene Masse aus mehreren gebirgigen Felshügeln, alle umgeben von breiten, weißen Sandstränden. Aus Platzgründen wohnten ihre Bewohner in gläsernen Behausungen, die sich tief bis ins Meeresinnere zogen.
   Claudio kniff die Brauen zusammen. »Das ist ja krass.«
   Gerade als Daanjo wieder zum Reden ansetzen wollte, nahm ich erneut ein Rucken im Kopf wahr. »Wartet mal!« Ich hob die Hand. »Rusto spricht wieder.«
   »Es scheint sich eine Katastrophe anzubahnen«, jollte Rusto. »Die Cyanaer hören seit Tagen knallende Geräusche. Anfangs waren sie schwach, dann wurden sie stetig lauter. Die Richtung, aus der sie kommen, ist immer dieselbe. Es wurden Taucher losgeschickt, um die Unterwasserklippen zu überprüfen. Dort fand man aber nichts. Sie ziehen deshalb ein Meeresbeben in Erwägung. Wenn zusätzlich ein Sturm aufzieht, ist zu befürchten, dass die Energiehülle reißt.«
   Wort für Wort wiederholte ich Rustos Ängste.
   »Dann würde die Insel also wieder zu sehen sein, wenn das geschieht?«, fragte Claudio. »Was macht die Hülle von außen unsichtbar?«
   »Eine ganz simple Luftspiegelung«, erwiderte Daanjo. »Steht ein äußerer Betrachter davor, sieht er nur das Meer dahinter.«
   Ich legte den Kopf schief. »Und wie ist das von drinnen?«
   »Da wird alles wahrgenommen, was außerhalb passiert.«
   »Kann man denn auch mal raus?«
   Ungläubig starrte Daanjo mich einen Moment lang an. »Du meinst die Insel verlassen? Wieso?«
   Ernüchternd rieb ich mir die Nase. »Weil die Cyanaer bestimmt auch mal raus wollen, um mehr zu sehen. An der Ostseeküste ist es supertoll. Der Krieg ist schließlich lange vorbei.«
   »So friedvoll, wie es auf Cyana ist, hat da anscheinend niemand Interesse dran«, sagte Daanjo. »Es ist alles da. Ein wunderbarer Sandstrand, Wasser, Sonnenschein. Was sollten sie vermissen?«
   »Hallo?« Claudio baute sich vor ihm auf. »Vielleicht das Leben auf der anderen Seite, die unbegrenzte Freiheit? Wie Marka schon sagte, es ist wunderschön an der Ostsee.«
   »Das ist es auf Cyana auch. Und mal ehrlich, Claudio, glaubst du etwa, dass es angenehm ist, was die Cyanaer da draußen sehen?«
   »Was soll dort Schlimmes sein?«
   »Na, die Menschen. Sie brüllen zu kreischender Musik und sausen bis in die Nacht mit ihren heulenden Vierrädern am Strand herum. Nerviger sind nur ihre röhrenden Zweiräder, mal abgesehen von dem stinkenden Müll und den Plastikresten, die zur Genüge im Meer treiben.«
   Rustos Stimme war plötzlich wieder in mir. »Marka! Cyana braucht eure Hilfe. Als Halbwitarier dürftet ihr einen Wissenszugang zu euren menschlichen Vorfahren haben. Ihr könntet erkunden, was 1945 auf der Insel passiert ist. Dazu müsstet ihr aber sofort herkommen. Nutzt die Woche, nutzt Claudios Doppelstatus und nehmt Kujo mit. Eure Dreierkonstellation hat sich schon einmal bewährt. Ihr seid Cyanas einzige Chance.«
   Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, Witara verlassen zu müssen. Eigentlich wollte ich für immer bleiben.
   »Wenn er uns braucht«, beschwor Claudio mich, »dann müssen wir wohl. Wir können nicht erwarten, nur auf der faulen Haut zu liegen. Wir beordern Kujo und brechen schnellstmöglich auf.«
   »Aber die Dunkelheit setzt bald ein«, begehrte ich auf, »daher lass uns noch etwas warten.«
   »Nichts da«, dementierte Claudio, »gerade deswegen nicht. Ach, da ist Kujo ja schon.« Er schwenkte den Arm in Richtung einer schwach leuchtenden Gestalt, auf der ein schmales Flämmchen auf und ab hüpfte – Kujos leuchtend roter Pferdeschwanz. Jeder Erstgeborene in Witara leuchtete ab seinem vierzehnten Lebensjahr. Dann stoppte sein Wachstum und die dadurch frei gewordene Energie floss in sein Wissen ein. Ein von außen sichtbares Leuchten war die Folge. Im Erwachsenenalter verlor es sich wieder. Auch Claudio und mich erkannte man schon von Weitem. Für Claudio fiel das allerdings wieder flach, sobald ich fünfzehn wurde.
   »Du kommst wie gerufen, Alter«, krähte Claudio. »Neuer Marschbefehl, Rusto braucht mal wieder unsere vereinten Kräfte.«
   Claudios Spruch ignorierend, hatte Kujo nur Augen für mich. Seit wir ein Paar waren, wuselten Ströme von bislang unbekannten Blubberblasen durch meinen Bauch, sobald ich ihn sah, ja, wenn ich nur an ihn dachte. Durch ihn fühlte ich mich endgültig angekommen. Er war mein Gegenpol, mein seelisches Gleichgewicht, mein Witara.
   Claudio nahm ihn sogleich in Beschlag. »Behalt deine Augen gefälligst bei dir, Alter. Hier spielt die Musik. Ach und vergiss nicht, Luft zu holen.«
   Kujo fuhr zu ihm herum. »Tut dir was weh? Nein halt, ich hab’s, du warst eindeutig zu lange in der Sonne.«
   »Jaja.« Grinsend stupste Claudio mit dem Knie nach ihm. »Nur zu deiner Beruhigung, Marka ist auch mit von der Partie. Rusto will, dass wir drei zu ihm kommen. Er weilt in irdischen Gefilden, irgendwo an der Ostsee.«
   »Bestimmt auf Cyana.« Kujos Blick glitt zu Daanjo. »Weshalb?«
   »Die Bewohner dort fühlen sich von merkwürdigen Geräuschen bedroht«, entgegnete Daanjo. »Mein Vater glaubt, dass Claudio und Marka herausbekommen könnten, worum es sich dabei handelt. Er will, dass sie unverzüglich zu ihm kommen, zusammen mit dir, weil du schon mal dort warst und den Weg kennst.«
   »Ja, das stimmt«, sagte Kujo und ein kleines Lächeln stahl sich auf seine Lippen. »Cyana ist ein kleines Paradies. Es ist einfach fantastisch. Ich war einmal sehr glücklich dort.«
   Aha! Mein Hochgefühl rutschte augenblicklich in meine Knie, die nun mehr einem Pudding ähnelten als einer Ansammlung von spitzen Knochen.
   Kujo fokussierte eine Mulde, aus der nebliger Dampf aufstieg. Ein Wasserrinnsal verlor sich dazwischen. »In diesem Talkessel, seht ihr?« Er zeigte auf einen steil ansteigenden Felsgrat, der sich wie ein drohender, versteinerter Finger aus einer tief gelegenen Wiese erhob. »Da liegt der verschüttete Krater eines verloschenen Vulkans. Er verbirgt den Zugang nach Cyana.«
   Ach du heiliger Strohsack. Ich heftete den Blick auf den hohen Steinzahn. Er sah gruslig aus. »Müssen wir etwa da reinsteigen?« Mein Schiss vor der Finsternis kam gleich nach meiner Phobie vor Spinnen.
   Kujo lächelte mich an. Es sah zum Dahinschmelzen schön aus. »Angst? Die musst du nicht haben. Der Kraterschlund ist von den Gesteinsmassen der Jahrhunderte längst verschüttet worden. Zum Zugang führt eine schmale Gesteinsrinne, gleich hinter dem Felsgrat. Sie ist gut zugänglich und bequem begehbar.«
   Claudio zog zwei längliche Metallschienen unter seiner Kutte hervor, die wie abgeschnittene Eisenbahnschienen aussahen. Man musste sich nur draufstellen, die Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken und schon sauste man davon. In Witara ist es die verrückteste Möglichkeit überhaupt, um Strecken zu überwinden.
   »Nehmen wir die mit?«
   »Die Treter lasst ihr besser hier«, riet Daanjo. »Ihr Gewicht belastet euch nur. Cyana ist in sich geschlossen, sie wären ohnehin nutzlos.«
   »Wartet kurz.« Kujo nickte uns zu. »Ich bin sofort wieder zurück. Ich muss nur schnell meinen Eltern Bescheid geben.« Er schwang sich auf seine Gleiter und stand binnen Minuten wieder vor uns. »Habt ihr mit eurer Mutsch und der Oma schon gesprochen?«
   »Ich war gerade auf dem Sprung zu ihnen«, erwiderte Claudio. »Ach, gebt mir eine Minute mehr, oder besser zwei. Ich muss anschließend noch zu Lusa.« Genau wie Kujo vorher sauste er davon. Bepackt mit seinem roten Rucksack, tauchte er kurz darauf wieder auf. »Mutsch war nicht gerade begeistert«, sagte er auf meinen fragenden Blick hin. »Sie wäre am liebsten mitgekommen.«
   »Und?«
   Er warf mir einen schnellen Blick zu. »Oma konnte es ihr gerade noch ausreden. Ach, ja. Mutsch hat mir noch ein paar Kleinigkeiten für dich mitgegeben.« Er holte tief Luft, wie um Ruhe zu bewahren. »Wie du vermuten wirst, hat es mir Lusa nicht gerade leicht gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Mädchen mal so lieben würde.«
   Es schnürte mir fast die Kehle zu, ihn so leiden zu sehen. Ohne Kujo hätte ich es auch keinen Tag ausgehalten.
   »Dann könnten wir theoretisch aufbrechen«, schlug Kujo vor. Er löste den Blick von mir und sah Claudio an.
   »Von mir aus.« Claudio klopfte auf den Rucksack. »Es ist alles drin.«
   Voller Erwartung blickte ich zu dem Felsfinger.
   Bestimmt trog die Idylle, es konnte nicht anders sein.

*

Daanjo begleitete uns bis zum Kratereingang. Nacheinander nahm er uns in den Arm und wünschte uns viel Glück. Bepackt mit unseren Tretern, machte er sich anschließend wieder auf den Heimweg.
   Kujo wies auf zwei Holzpfähle. Sie waren von blättriger Baumrinde umgeben und hielten eine darüber liegende, längliche Steinplatte, die Geröll und Erde abstützte. Knapp dahinter war eine in Lehm gehauene Treppe zu sehen, die in die Tiefe führte.
   »Kommt, lasst uns runtergehen«, schlug er vor. »Es ist sicherer, als es aussieht.«
   Ängstlich beäugte ich die rissige Steinoberfläche. Sie bröckelte und wies bei näherer Betrachtung etliche tiefe Furchen auf. Claudio schob sich an mir vorbei und trat unter dem Steinrahmen hindurch. »Na komm schon, du Schisshose!« Er nahm meine Hand. »Sonst stehst du noch in hundert Jahren hier.«
   Es war herrlich. Behagliche Kühle empfing uns nach der Hitze von draußen. Wir standen inmitten wunderschöner, bemalter Wände und betrachteten sie, staunend wie die ersten Menschen. Die atmosphärische Stille erinnerte mich an eine Kirche und die kunstvollen Bilder an einen alten Tempel, wie ich ihn aus dem Fernsehen kannte. Eine Herde von hirschähnlichen Tieren übersprang saftige, grüne Wiesen mit bunten Riesenblumen. Dicke Sonnenstrahlbündel durchbrachen lang gezogene, aufgemalte Wolkenschatten. Sie erleuchteten alles, obwohl es dunkel war. Ein Wasserrinnsal wand sich schlangengleich am Boden entlang, blinkend und glitzernd, wie echtes Wasser. Claudio stieß begeisterte Rufe aus. Er scharrte mit den Schuhen über die Farbe, um zu analysieren, ob es wirklich welche war. »Nun seht euch das an. Sieht aus wie Wasser und ist doch keins. Wie kann es derart dreidimensional und echt aussehen?«
   Wir blickten ins Innere, zuckten aber instinktiv zurück, weil eine gespenstische Dampffontäne vor uns auftauchte und die Sicht verdeckte. Kujo kicherte leise. »Lasst euch nicht täuschen von dem, was ihr vor euch habt. Ihr glaubt es zu sehen, tut es aber nicht.« Er streckte die Hand aus. »Rechts herum!«
   Claudio machte eine scharfe Kehrtwendung und zog mich mit sich. »Für mich steht außer Frage, dass hier ein wahnsinnig guter Maler zugange gewesen sein muss. Kennst du ihn vielleicht, Kujo?«
    »Ich nicht, aber vielleicht du. Geh mal zurück in die Vergangenheit. Zu deinen Ahnen. Es war ein Vorfahre von dir.«
   Lachend rempelte ich meinen Bruder an. »Hey! Hätte ich mir denken können, dass es schon mal einen Verrückten gab wie dich.« Claudio rieb sich den Unterkiefer. Seine Brust schwoll vor Stolz. Schnell klopfte ich ihm auf den Rücken, damit er wieder runterkam. »Brich dir bloß keinen ab, es war auch mein Vorfahre.«
   »Hast du seine Gene oder ich?« Er grinste, als ich schwieg. »Na bitte, dumm gelaufen für dich.«
   Wir gingen weiter. Der Dampf trat nur noch vereinzelt aus den schmalen Felsritzen. Es knackte mal leise, mal kräftiger, aber immer nur kurz. Jedes Mal schreckten wir zusammen. Claudio begutachtete die Risse in den Wänden. »Nicht, dass hier gleich heißes Wasser rausbricht. Der Dampf hat sicherlich etwas zu bedeuten.«
   Kujo beschrieb mit der Hand einen Bogen über sich, in Richtung Decke. »Das Sickerwasser aus dem kalten Felsgestein trifft auf die Erdwärme, deshalb der Dampf. Er ist ungefährlich.«
   »Es lässt die Bilder plastischer aussehen«, wisperte ich ehrfurchtsvoll. »Sie bewegen sich dadurch erst, findet ihr nicht auch?«
   Kujo strahlte mich an. »Gut erkannt. Das ist auch Sinn und Zweck. Die Angst vor der Tiefe und der Dunkelheit soll dadurch gemildert werden.« Er zeigte nach oben in eine Ecke. Dort hing eine Schnur an einem Haken, natürlich auch nur aufgemalt. Ein Dampfstoß quoll unmittelbar daneben hervor und ließ sie es aussehen, als flattere sie.
   »Die Farben verbinden sich mit der Feuchtigkeit des Dampfes«, erklärte er. »Das bringt die Helligkeit. Der wabernde Dunst gaukelt die Bewegung vor.«
   Claudio blieb stehen. »Eigentlich ziemlich banal.«
   »Und trotzdem effektiv«, fügte ich hinzu. »Wäre das nicht was für dich? Du kannst das sicherlich genauso gut. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Das berühmte Künstlergenie Claudio Wirtsler mit seiner dreidimensionalen Malerei.«
   Rums. Etwas schlug krachend irgendwo auf. Gleißendes Licht drang aus dem Schatten vor uns. Es wuchs sich zu einem Feuerball aus. Ich erschrak und sprang geblendet zur Seite.
   Kujo nahm meine Hand. »Es ist dasselbe Spiel. Der Dampf lässt das aufgemalte Feuer brennend aussehen.«
   »Und der Aufprall?« Blindlings starrte ich ihn an. »Das war bestimmt ein Felsbrocken.«
   Er nickte. »Aber nur eine kleine Gesteinsverschiebung.« Seine Fingerkuppen streichelten beruhigend über meinen Handrücken. »In diesen Tiefen muss man auf derartige Geräusche gefasst sein. Bei jedem Geräusch entsteht ein Schall. Der von eben hat den Dampf kurzzeitig aus der Bahn gebracht. Deshalb hat das Feuer scheinbar lichterloh gebrannt.«
   Claudio fasste sich an die Brust. »Oh Mann, ich bekomme noch einen Herzinfarkt, wenn das so weitergeht.«
   »Dann warte erst mal die Stelle ab, wenn uns die Quantenblase durch die Gesteinsmassen nach oben trägt.«
   Mir blieb das Herz stehen. »Was für eine Bla… Blase?«, brachte ich mit Mühe hervor.
   »Keine Angst.« Kujo zog mich an sich. »So schlimm wie im Beschleunigungstunnel wird es nicht werden. Es geht schließlich aufwärts.«
   Nicht gerade überzeugt hob ich stöhnend die Schultern. Unbändige Angst vor der Ungewissheit kroch in mir hoch. Vorsichtig trabten wir weiter, einem nicht allzu fernen Rumoren entgegen.
   Zehn Minuten später endete es mit einem scharfen Knall. Ein schriller Aufschrei entrang sich meiner Kehle. Ich erschrak selbst davor. »War das wieder eine unterirdische Verschiebung?« Gelähmt sah ich Kujo an.
   Claudio verzog den Mund. »Hat sich wie ein Schuss angehört, oder eine Sprengung.«
   Kujo legte ein Ohr an die Felswand. Seine Augen starrten ins Leere. »Es war nichts von alledem. Wir sind gleich bei der Blase.«
   Noch vor Ablauf der nächsten halben Stunde stießen wir auf eine dicke Staubwolke. »Dahinter ist sie«, würgte Kujo hustend hervor. Er griff nach unseren Händen und zog uns mit sich. Als wir aus der Staubschicht traten, machte sich treibhausartige Schwüle breit. Von oben herab traf uns ein runder Lichtschein. Er befand sich am Ende eines ewig langen Schachtes, in dem etwa in der Mitte ein eigenartig schillerndes Gebilde hing – die Blase. Kujo betrat eine Stelle, zwei Schritte von uns entfernt, und hob den Kopf zum Licht empor. Claudio versetzte mir einen leichten Rippenstoß. Kujo sah aus, als schliefe er. Plötzlich setzte ein leises Prasseln ein, ähnlich einem Nieselregen, woraufhin Kujo die Augen wieder aufschlug. Genugtuung stand darin. Bewegung kam in die Blase. Sie wogte kurz hin und her und schwebte nach unten. Ich sah zu Claudio. Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ihm schien die Sache genauso wenig geheuer zu sein wie mir.
   »Ihr müsst nicht so verschreckt gucken«, sagte Kujo sanft. »Wie ihr an dem Lichteintritt da oben sehen könnt, herrscht dem Anschein nach auf Cyana gutes Wetter. Es wird ein sehr ruhiger Aufstieg.« Mit einem leisen Rauschen näherte sich die Blase. Sie füllte den Platz in der Öffnung komplett aus. Kujo streckte die Hand nach ihr aus und kniff in die Blasenoberfläche, kaum dass sie stillstand. Von innen heraus war ein Summen zu hören. Es erstarb, als ein keilartiger Zickzackspalt schwarz gähnend aufklaffte. »Kommt!« Kujos Lippen formten das Wort, ohne es auszusprechen. »Bewegt euch so ruhig ihr könnt. Der Untergrund reagiert auf jede Schwankung.« Nacheinander betraten wir die Innenfläche, die unvermutet federnd nachgab. Das Innere sah größer aus, als von außen erwartet. Kujo machte Anstalten, sich zu setzten. Ein gummiartiger Vorsprung schob sich unter seinen Allerwertesten, dasselbe Phänomen wie in Witaras Glashäusern. Ich sah mich um. Die transparente Rundung der Blase fungierte als Vergrößerungsglas. Jede kleine Gesteinsader draußen war übergroß zu erkennen. Ein unheilvolles Ratschen ertönte und der Spalt schloss sich. »Setzt euch, schnell.« Kujos Stimme klang angespannt. Ein Stoß ließ mich aufschreien. Kujo sprang auf und ließ sich neben mir nieder. Der Sitz unter ihm bewegte sich tempogleich mit. Als er sich enger an mich heranschob, verschmolzen unsere Sitze zu einem großen. Wahnsinn!
   Das Felsgestein außerhalb senkte sich langsam in die Tiefe, während wir im Schneckentempo aufwärts rauschten und wie Schiffbrüchige einer Ungewissheit entgegentrieben. Die Helligkeit von oberhalb flutete mit jeder Sekunde, die verstrich, heller herab. Wir nahmen stetig Fahrt auf. Als ich dachte, es überstanden zu haben, ging es erst richtig los. Die Blase machte einen kraftvollen Satz und zischte mit einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit in einem Wirrwarr aus bunt brodelnden Lichtkreisen durch grell funkelnde Lichtpunkte hindurch. Mit schwindenden Sinnen versuchte ich meinen Mageninhalt bei mir zu behalten, indem ich immer wieder schluckte, auch um das Dröhnen in den Ohren auszugleichen. Der krönende Abschluss war ein Aufprall, dann war die Odyssee vorbei.

»Sind wir oben?« Ich richtete mich auf und bemerkte, dass ich in Kujos Armen hing, kraftlos an seine Schulter gelehnt.
   »Alles in Ordnung mit dir, Marka?« Mit besorgtem Blick hielt er meinen Kopf fest. Als ich erschöpft nickte, streichelte er lächelnd über meine Wange.
   Die Blase kühlte in null Komma nichts aus. Unser Atem rauchte plötzlich und die Schwaden schlugen sich an der Blaseninnenhaut nieder, sodass uns die Aussicht nach draußen verwehrt blieb. Stürmischer Wind und das Tosen von Wasser waren zu hören. Kujo wischte etwas von dem Kondenswasser ab und wir ließen unsere Blicke durch das Loch schweifen. Trübes Tageslicht zerfloss vor unseren Augen zu einer grauen Masse. Dazwischen, mit klumpigem Sand bedeckt, erhob sich kahles Felsgestein. Die dunstige Luft klarte auf und ließ zart schimmernde Sonnenstrahlen hindurch, die über die Blasenhaut sprangen. Endlich konnten wir mehr erkennen.
   Claudio fuhr zusammen. »O Gott. Da ist ein Abhang.«
   In Panik versetzt, reckte ich den Hals, um seinem Blick zu folgen. Und tatsächlich, unmittelbar vor uns, fiel eine Steilwand in schwindelerregende Tiefe ab. Erneute Übelkeit rumpelte durch meinen Magen und ließ meine Schläfen pulsieren. Die Blase bewegte sich im aufkommenden Wind.
   O nein, sie schwankte direkt darauf zu.

Kapitel 2
Cyana, Ort zwischen zwei Welten

Der Himmel versteckte sich hinter einer grauen Wolkendecke, als wir die Blase verließen. Obwohl wir Mai hatten, herrschten noch Kälte und Wind.
   Claudio, einen Arm um meine Schulter gelegt, wies atemlos in Richtung einer tiefen Schlucht. Dort klatschten Wellen gegen schwarzes Ufergestein. »Ich dachte schon, das war’s«, raunte ich, während ich zögerlich an seiner Hand entlang sah. Ein gigantischer Blick erwartete mich. Die vielen, spitzen Felszacken, die aus bizarren Gesteinsschichten herausragten, machten mir Angst. »Die hätten uns unter Garantie aufgespießt«, ergänzte Claudio angespannt. »Mensch Kujo! Hättest du uns das nicht vorher sagen können?«
   Im höchsten Maße erstaunt, sah uns Kujo an. »Die Blase ist im Boden verankert«, murmelte er kleinlaut. »Sie fungiert wie ein Aufzug. Ich dachte, ihr konntet euch denken, dass sie nicht ausbrechen kann.« Bedrückt schluckend schwieg er. »Es tut mir leid, dass ihr in Panik wart. Ich gehe zu oft von mir aus.«
   Immer noch uneinsichtig verzog ich das Gesicht. »Aber sie hat sich bewegt, als wenn sie abstürzen wollte. Ich wäre fast gestorben vor Angst, Kujo!«
   Claudio wirbelte mir durchs Haar. »Ist ja nichts passiert. Seht, da kommt Rusto. Lasst uns zu ihm gehen.«
   Rusto winkte uns. Hinter ihm marschierte ein Zug bunt angezogener, leise plappernder Menschen. Sie hielten lange, glänzende Stäbe in den Händen, vielleicht Spazierstöcke.
   »Ich freue mich ja so«, rief er uns freudestrahlend entgegen. Bei uns angelangt, nahm er mich in die Arme und wiegte mich. Im selben Takt strich er über meinen Rücken. »Marka, endlich.« Er sah mich skeptisch an. »Alles gut überstanden?«
   »Mhm!« Ich nickte.
   »Und du?« Rusto begrüßte Claudio mit einem Schulterklopfen.
   »Geht so.« Claudio wiegte nachdenklich den Kopf. «Wenn ich bloß begreifen würde, was da jedes Mal zwischen Raum und Zeit passiert. Erde – Witara und jetzt wieder Erde. Das ist der blanke Wahnsinn.«
   Rusto sah ihn an. »In der Blase reist es sich aber erheblich bequemer als im Beschleunigungstunnel. Oder seid ihr sehr erschöpft?«
   »Sie waren nur ein bisschen nervös, als sich die Blase auf den Abgrund zubewegte«, erwiderte Kujo. »Es war mein Fehler. Ich hätte sie darauf hinweisen müssen.«
   Claudio brachte ihn mit einer wedelnden Handbewegung zum Schweigen. »Jaja, Kujo! Du vergisst so manches. Das kennen wir von dir.«
   Rusto wies auf seine Begleiter, die einen Meter entfernt stehen geblieben waren. Auf ihre Stäbe gestützt, beobachteten sie uns. »Ich habe den Leitclan samt ihren Familien gleich mitgebracht. Kommt, ich stelle euch vor.« Indem er grob unsere Geschichte umriss, versetzte er sie in größtes Erstaunen.
   Wie es auf der Erde üblich war, traten anschließend die wichtigsten Bewohner vor und nannten in perfektem Hochdeutsch ihre Namen. Rusto beschrieb ihre Aufgaben und wie sich die einzelnen Clans zusammensetzten. Alle halfen sich untereinander, wie in einer großen Familie.
   Ich zählte an die zwanzig Leute, darunter auch Kinder. Stolz berichteten sie, wie sie ihr Leben meisterten, ihre Tage vor allem mit der Gewinnung einer dickflüssigen, grünen Masse verbrachten. Sie gewannen den klebrigen Stoff aus den zahlreichen, unterirdischen Quellen der Insel und isolierten chemische Verbindungen daraus. Die irdische Bezeichnung, Cyana-Crylat, hatte der kleinen Insel ihren Namen gegeben. Einmal die Woche transportierten sie ihn per Tunnelexpress nach Witara. Im Ausgleich bekamen sie Versorgungsgüter zurück. Der solide Handel funktionierte nunmehr seit Anbeginn an.
   »Ein Superkleber also«, sagte Claudio. »Ich glaube, ich habe sogar davon gelesen.«
   Ich musste schmunzeln. »Du und gelesen? Das glaube ich jetzt nicht.«
   Ein bärtiger Mann ging auf Claudio zu. Er war untersetzt, aber drahtig, besaß tief liegende blaue Augen und ein rundes Gesicht. Sein Alter schätzte ich auf Mitte fünfzig.
   »Mein Name ist Anton«, brummte er in tiefem Bass. »Ich gehöre der dritten Generation an und bin der Erste des Rates von Cyana. Es stimmt. Cyana-Crylat wird auf der Erde zu Sekundenkleber verarbeitet. Kommt es mit Luft in Berührung, erfolgt eine schnelle Verklebung, sogar bei sehr niedrigen Temperaturen. Aber es kann noch mehr. Schaut euch um, im Großen und Ganzen ist der Stoff allem beigemengt, was stabil sein muss.«
   »Er ist zudem unverzichtbar für den Häuserbau«, warf Rusto ein. »Ohne seine hohe Haftfähigkeit wären wir in Witara aufgeschmissen.«
   »Ah, eure gläsernen Häuser.« Ich blickte ihn an. »Stimmt! Die soll es hier ja auch geben. Daanjo hat davon gesprochen.«

*

Inzwischen war eine Stunde vergangen und langsam kam die Sprache auf die knallenden Geräusche.
   Anton sah erst in meine Augen, dann in Claudios. »Ihr wollt also erkunden, welchen Grund das Ganze hat? Entschuldigt bitte, aber ihr seid noch Kinder, wenn ich das so sagen darf. Oder habt ihr archäologische Erfahrungen?«
   Hinter ihm erklang das verhaltene Kichern seiner Leute. Genau wie Anton nahmen sie uns nicht für voll.
   »Nun …« Rusto straffte sich. Mit angehobenen Händen trat er auf Anton zu. »Du verkennst das Potenzial, das in den beiden steckt. Ihre Ahnen mütterlicherseits waren die Mitbegründer Witaras. In der Linie väterlicherseits gab es einen Vorfahren namens Wilhelm, der im Krieg auf dieser Insel stationiert war. Er bekleidete das wichtige Amt des Funkers.«
   »Was?« Claudio und ich sprachen wie aus einem Mund.
   »Ja!« Rusto nickte. »Eure Oma hat mir davon erzählt. Sie vermutet, dass Wilhelm im Sommer 1945 während seiner Gefangenschaft ums Leben gekommen ist. Wilhelms Sohn Ernst wurde ihr irdischer Ehemann, also euer Großvater. Er hat widersprüchliche Angaben darüber gemacht.«
   Claudio verschränkte die Arme. »Du glaubst wirklich, dass dieser Wilhelm über Kenntnisse der Insel verfügte, nur weil er Funker war?«
   »Funker erfahren viel«, stimmte ich Rusto zu. »Warum also nicht? Wenigstens lernen wir endlich jemanden aus der anderen Richtung kennen. Mal sehen, wie unser Uropa so drauf war. Ist zumindest eine vielversprechende Idee. Er war ja anscheinend der Opa von unserer Mutsch.«
   »Na, Dankeschön auch!« Claudio klang belustigt. »Dieser Wilhelm war garantiert genauso eine Hohlfritte wie Omas Mann Ernst. Sie hat, glaub ich, mal erwähnt, dass alle Männer aus der Familie ziemlich durchgeknallt waren.«
   Erdstöße grollten überraschend aus dem Erdinneren zu uns empor. Sie ließen den Felsuntergrund vibrieren und die Sandbrösel darauf um die Wette hüpfen.
   »Sind das die Geräusche?«, fragte ich. Anton nickte. »Die hören sich ja furchterregend an.«
   Claudio legte sich flach hin, das Ohr gegen den Felsboden gedrückt. »Wie lange geht das schon?«, fragte er. »Betrifft es nur die Felsen, oder auch die unterirdische Stadt?«
   »Wir hören es überall.« Anton deutete auf die Umgebung. »Aber am heftigsten betrifft es die Schutzhülle. Hier, am Mittelpunkt der Insel, kommt es leicht abgeschwächt an. Das Interessante dabei ist, dass es des Nachts immer ruhig bleibt. Jetzt um die Mittagszeit ist der Höhepunkt.« Mit sorgenvoller Miene lauschte er einen Augenblick. »Kommt, ich zeige euch die ungefähre Stelle, wo es am lautesten ist. Irgendwas ist da im Gange. Wenn ich nur wüsste, was.«
   Claudio hob den Rucksack hoch und schnallte ihn sich um. »Kann ich den irgendwo abstellen?«
   »Wisst ihr was?« Rusto zwinkerte ihm zu. »Was haltet ihr davon, wenn ich euch erst einmal in eure Unterkunft bringe. Ihr drei wohnt natürlich zusammen.«
   Das Gemurmel setzte erneut ein. Anton ging auf seine Leute zu, flüsterte kurz mit ihnen. Neugierige Blicke streiften uns, bevor sie sich umdrehten und den Weg zurückgingen, den sie gekommen waren.
   »Hier entlang.« Anton zeigte lächelnd in die entgegengesetzte Richtung. »Wir müssen ohnehin an einer Stelle vorbei, von der die Schutzhülle gut zu sehen ist.«
   Kujo nahm mich bei der Hand und wir folgten Anton in Richtung einer breiten, grasbewachsenen Mulde, aus der ein einzelner dicker Felsklotz aufragte. Bei ihm angekommen, verharrten wir jäh, denn die befremdlichen Schläge setzten erneut ein. Ich schluckte und verkniff mir ein Aufstöhnen. Schon wieder verkrampfte sich mein Magen. Das Dröhnen kam aus dem Boden und knallte dermaßen hart gegen unsere Fußsohlen, dass jeder einzelne Grashalm erzitterte.
   »Als wäre eine unterirdische Schmiede zugange«, murmelte Claudio. »Das hört sich grauenvoll an.«
   »Bis vor Kurzem war das Gelände hier noch eben«, sagte Anton. »Jetzt ist der Felsen wieder ein ganzes Stück weggesackt. Das harte Kreidegestein verschiebt sich anscheinend durch das Grollen tiefer in den lehmigen Boden.«
   Ach du lieber Gott. Verstohlen betrachtete ich den Untergrund. »Wäre es dann nicht ratsamer, wenn wir möglichst schnell von hier verschwinden? Ich meine, wenn doch alles abgeht.«
   Anton deutete nickend zu einem steilen Felsen im Hintergrund »Dort hinten ist schon die Steilwand. Auf dem Plateau daneben geht es zur Blase.«
   »Wieso?« Claudio stutzte. »Da kommen wir doch gerade her.«
   »Ach ja!« Anton schlug sich vor den Kopf. »Es existieren mehrere davon. Die, die du meinst, verbindet uns mit Witara. Mittels der anderen, sehr viel kleineren, überbrückt man den Höhenunterschied zwischen Steilküste und Strand. Es gibt drei Stück davon. Von der da hinten ist die Energiehülle am besten zu sehen. Kommt mit, ich zeige euch, was ich meine. Auf dem Felsgestein ist es ohnehin sicherer.«
   Ich drückte meine Tasche an mich und stieg hinter Anton her, aus dem Erdwall hinaus. In der schräg ansteigenden Felsrinne, die im Halbkreis drum herum führte, fühlte ich mich gleich bedeutend sicherer. Wir folgten ihr, vorbei an flachen, zerklüfteten Hügeln und massig aufgetürmten Steinkolossen, bis hin zu einigen Stufen, die zu dem Hochplateau führten. Rusto stapfte als Erster hinauf. Oben angekommen vollführte er eine Drehung und zeigte aufs Meer.
   »Na kommt. Ihr werdet erstaunt sein. Es ist sehr beeindruckend.«
   Wie versteinert blieb ich stehen. Meine Beine fühlten sich wie mit Wackelpudding gefüllt an, und in meinem Magen breitete sich ein glühendes Feuer aus. Claudio sah mich an. »Ne Marka, nicht schon wieder. Du und dein blöder Höhenkoller.« Er stieß mich an. »Jetzt komm schon. Ich rette dich auch, wenn es sein muss.« Zwischen ihm und Kujo eingehakt, taumelte ich die Treppe hinauf. Ohne die Sicherheit ihrer Hände hätte ich sie niemals betreten. Zu meiner Furcht vor Tiefen kam die Gewalt des Sturms, der an mir zerrte wie das Böse. Doch ich wurde entschädigt, und zwar auf das Feinste. Obwohl mir die Windböen ins Gesicht peitschten, mich mit Sand piesackten und mir beinahe die Kleider vom Leib rissen, war es Faszination pur, was sich mir beim Hinunterspähen offenbarte. Für einen Moment musste ich die Augen schließen und erneut hinsehen, um zu begreifen, dass es keine Halluzination war. Es passte überhaupt nicht in das ursprüngliche Bild, das ich von der Ostsee hatte. Ich hielt den Atem an und bestaunte diese Schönheit. Eine schwungvolle, verschiedenfarbig geschichtete Fläche führte in drei symmetrischen Wellen sanft nach unten. Dazwischen, meist in den untersten Ebenen, dehnten sich zauberhaft anmutende Gewächse. Am Fuße dieses gigantischen Wechselspiels aus Stein und Vegetation schmiegte sich ein leise schwingender Schilfgürtel an die bunte Vielfalt, eingerahmt von hellen Sandbuchten. Die Meeresflut dahinter beschrieb einen großflächigen Bogen aus glitzrigem, sich auftürmendem Wasser. Etwas Helles blinkte darin. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte in der Tiefe zu erkennen, was es war. Umrisse gewaltiger Bauwerke schwangen, gefangen in dem Auf und Ab der Wellen, weithin über die funkelnde Wasseroberfläche. Der Wind flaute etwas ab und ich erkannte in den gebrochenen Strukturen noch andere, tiefer liegende Linien, die wie stockwerkartige Formationen anmuteten. Bizarr ineinandergreifend schienen sie verschieden große Bauten zu verkörpern. O mein Gott! Bei diesem kolossalen Areal, das da unten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, musste es sich um die gigantische Unterwasserglasstadt handeln, von der Rusto vorhin geredet hatte.
   »Boah!« Claudios Rucksack krachte zu Boden. Er drehte sich um. »Sind das die Glashäuser aus dem Sekundenkleber?«, rief er gegen den Wind an.
   Anton trat heran. »Eindrucksvoll, oder?«
   Claudio spähte über die wild flackernden Linien. »Was für eine Schufterei das gewesen sein muss. Eine größere Armee hätte darin Platz.«
   Antons glänzender Stab zeichnete den groben Umriss des Unterwasserterrains nach. »Einige Quadratkilometer sind damit bebaut. Seht ihr, wie weit sie ins Meer hineinragen? Das Cyana-Crylat ist ein Segen für uns. Wir brauchen nicht daran zu sparen. Die Quellen der Substanz sprudeln im Überfluss.«
   »Müsst ihr denn jedes Mal tauchen, wenn ihr in eure Häuser wollt?«, fragte ich.
   Claudio fiel mir ins Wort. »Doch wohl nicht, oder? Ich meine, das wäre viel zu umständlich.«
   Anton schwenkte seinen Stab. »Seht ihr die Erhebungen, die das Ufer begrenzen? Sie sind durch Seile miteinander verbunden. Durch kräftiges Ziehen befördert man durchsichtige Brückenschläuche empor. Sie verbinden auch die Häuser untereinander, transportieren alles rein und raus, sogar Personen. Mithilfe der Sonnenkraft können die Häuser zudem herausgeschraubt werden.«
   Was hatte er da gesagt? Personen in einem Schlauch? Die nackte Angst nagte an mir, denn mir wurde bewusst, dass ich als solche auch da rein musste. Ich beugte mich vor, suchte fieberhaft nach einem Weg, der hinunter zum Strand führte. »Keine Sorge!« Kujo schmiegte sich an mich. Aufmerksam, wie er war, hatte er natürlich mitbekommen, wie es um mich bestellt war. »Um runter zu kommen, müssen wir nicht riskieren, uns den Hals zu brechen«, beeilte er sich zu sagen. »Schau mal, da drüben ist eine Beförderungsblase.«
   Claudio hob einen Finger. »Könnte man nicht auch runterklettern? Sieht doch ganz bequem aus.«
   Kujo nickte mit einem spöttischen Lächeln in Richtung Abgrund. »Tollkühn, wie du bist, kannst du es gern versuchen. Bei den vielen Farben und Gerüchen dürfte das sogar das reinste Vergnügen sein.«
   Anton drückte Claudio seinen Stab in die Hand. »Wenn, dann aber bitte hiermit.«
   »Ist das eine Gehhilfe?«
   »Nicht ganz.« Ein verständnisvolles Schmunzeln legte sich auf Antons Lippen. »Es ist ein Klippengänger. Jeder hier braucht ihn und alle besitzen einen.«
   »Ach!« Claudio klopfte damit auf den Felsen. Funken stoben. »Ups! Fest und hart, aber trotzdem schön leicht.«
   »Er besteht natürlich ebenfalls aus Cyana-Crylat.«
   »Das Zeug ist wohl überall drin?« Claudio strich mit seinen Fingerspitzen über die hellen Kerben. »Bedeuten die was?«
   »Die hier«, Anton berührte die oberste Rille, »steht für das Geschlecht des Besitzers und die hier«, damit war die nächste gemeint, »für seinen Geburtstag. Zur vollständigen Identifikation kommen später noch die Zugehörigkeit der Sippe und die Tätigkeit hinzu. Die Daten werden schichtweise aufgetragen, wenn die alte Oberfläche ausgehärtet ist.«
   »Wow!« Claudio holte tief Luft. »Das alles ist darauf verewigt? Erinnert mich an einen Personalausweis.«
   Anton lachte. »Und dazu noch ein unzerbrechlicher.«
   »Das heißt, er geht niemals kaputt?«
   Anton schüttelte den ergrauten Kopf. »Eher gefriert die Hölle.«
   Ein verhaltenes Donnern aus der Tiefe ließ den Boden leicht erzittern. Wie ein erschrockenes Tier sprang ich zur Treppe und setzte mich. Anton kam hinterher und wollte mich zurückzuholen. Mein Herz hämmerte. »Nur keine Umstände«, wehrte ich ab, aber er ließ nicht locker. »Um zu verstehen, was vor sich geht, musst du es dir ansehen.« Unter Aufbietung sämtlicher Kräfte ließ ich mich von ihm hochziehen und folgte ihm. Er zeigte zum Himmel, wo sich das fein geschwungene Energiezelt über alles hinwegwölbte, wie eine luftdurchflutete Himmelsbrücke, ehe es am Horizont im Meer verschwand. »Seht selbst, was passiert.«
   Die Halbkugel kam ins Schlingern, nachdem ein erneutes Knallen einsetzte. Aus ihrer Peripherie stoben gleißende Blitze hervor, die das Meer mit prachtvoll zuckenden Farben schmückten. Je intensiver die Dissonanzen grollten, desto heftiger funkelten die Glanzpunkte, ließen das Wasser wie in bunte Flammen getaucht erscheinen, gespenstisch brennend.
   Mit namenlosem Entsetzen sah ich Rusto an. Besorgnis stand in seinen Augen.
   »Lasst uns die Blase aufsuchen«, sagte er. »Wir haben genug gesehen.«
   »Wollte ich auch gerade vorschlagen«, pflichtete ihm Anton bei. «Noch bringt sie uns sicher zum Abgrund. Wer weiß, wie lange sie noch intakt bleibt.«
   Bereits die erste Fahrt in solch einer Blase war seltsam kurz gewesen. Doch diese dauerte nur den Bruchteil eines Atemzugs. Kaum standen wir in dem Wabbelglaskasten, ertönte ein Summen, einen Wimpernschlag später stiegen wir schon wieder aus. Anton erzählte uns, dass es nur winzige Energiemengen brauchte, um sie zu betreiben. Und überhaupt wäre die Energie auf Cyana kein Problem. Einmal gewonnen wuchs sie zum Selbstläufer aus. Sie regeneriere sich immer wieder.
   »Aber Energie muss doch irgendwoher kommen«, grummelte Claudio. »Man bezieht sie, verbraucht sie und bezieht sie erneut, immer in der Reihenfolge.«
   Anton nickte. »Im Normalfall stimmt das, nicht aber wenn du innerhalb eines Schutzschildes lebst.«
   »Und was soll daran anders sein?«
   Rusto trat heran und erklärte es mit erhobener Hand. »Es ist ein wenig komplizierter, aber ich versuche, es dir mit einfachen Worten zu erläutern. Auf Cyana gibt es keinen Wind, wie ihr ihn kennt, sondern Verwirbelungen, die im Luftraum schnell rotierende Energien mit sich bringen. Die zapfen wir ganz einfach an und setzen sie je nach Dichte des Schwingungspegels fest. Bei richtiger Auslotung verselbstständigen sie sich unendlich oft.«
   »Also eine Art Batterie? Mehr nicht?« Claudio staunte.
   Anton strich sich über die Bartstoppeln. »Könnte man sagen, ja. Erwähnenswert wäre noch, dass sie ewig halten und nahezu wartungsfrei sind. Wichtig ist, dass sie optimal platziert werden.«
   »Und wieso macht das auf der Erde keiner?«
   »Weil die Gegebenheit dort eine völlig andere ist. Es gibt keine räumliche Begrenzung wie hier, und kein reines Energiefeld, das über allem schwingt. Das müsstest du doch langsam wissen.«
   Mein Blick wurde abgelenkt. Anton schritt auf die Stäbe zu, die wir von oben gesichtet hatten. In Abständen von zwei Metern umgaben sie den Ufersaum wie ein Geländer. Locker hängende Strippen pendelten dazwischen. Eine hob er hoch, um mit Wucht daran zu ziehen. An einer entfernten Stelle im Meer sprudelte das blauschwarze Wasser auseinander. Ein silbrig blitzendes Rohr bohrte sich wie durch Zauberhand durch den Schaum und näherte sich uns mit schlangenhaft grusliger Langsamkeit. Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen, denn es schwebte unaufhaltsam auf uns zu, als würde es von einem unheimlichen Sog gezogen. Seine abgerundete, verschlossene Öffnung war schnell zu sehen. Sie erinnerte an einen glänzenden Augapfel. Braune Algenfetzen hingen daran und fremdartige Gebilde, vielleicht Muscheln oder Schnecken. Es sah furchterregend aus.
   Claudio stieß mich an. »Sieh mal, es hat uns im Visier. Ob es ferngesteuert ist?«
   »Weiß nicht«, krächzte ich. Mein hart erkämpfter Mut verließ mich. Stattdessen schnürte die klamme Hand der Angst meine Kehle zu. Bloß gut, dass der Boden in dem Moment nicht bebte. Ich wäre vor Furcht gestorben, wenn die komische Erscheinung aus dem Wasser katapultiert worden wäre.
   Anton positionierte sich einige Schritte seitlich von uns und hob verschwörerisch die Hände. Das Ding verharrte regungslos in seiner Bewegung, dann folgte es ihm. Schauder jagten über meinen Rücken, denn anscheinend hatte er es unter Kontrolle. Es bewegte sich zum Rhythmus seiner Handbewegungen.
   Während es immer näher rückte, fasste Rusto meine Schulter. »Wir werden jetzt einer nach dem anderen einsteigen, schön langsam.«
   Ich stöhnte. Meine alte Platzangst regte sich. Es war nur eine Frage von Sekunden, bis ich einen Kollaps bekam.
   »Nur die Ruhe«, sagte er arglos. »Ich behalte dich im Auge.«
   »Ich auch.« Kujos griff behutsam in meine Taille. »Es ist wunderbar schwerelos darin, musst du wissen. Du wirst es genießen.«
   »Woher weißt du das?« Meine Stimme war kraftlos vor Entsetzen.
   »Weil ich vor einiger Zeit schon mal durchgeschlickert bin.« Er schenkte mir einen vielsagenden Blick. »Es war fantastisch. Du darfst nur nicht die Augen zumachen, sonst verpasst du was.«
   Ich saugte die Wangen ein, so tief holte ich Luft. »Das kann ich dir nicht versprechen, fürchte ich.« Ich warf Rusto einen zerknautschten Blick zu. »Kann ich nicht hier auf euch warten, bitte?«
   Anton verzog skeptisch das Gesicht. »Wir können dich nicht zurücklassen. Es wäre zu gefährlich. Außerdem hat Kujo recht. Es wird das schönste Erlebnis sein, das dir jemals widerfahren ist.« Sein Lächeln wirkte beruhigend, doch mein Instinkt glaubte ihm nicht. Zu tief saß die alte Angst vor geschlossenen Räumen.
   Claudio zog meine Hände an sich. »Stell dir einfach vor, du bist in einem Unterwasseraquarium, wie damals im Erlebnispark in Zella-Mehlis.«
   »Da waren auch Stahlbetonwände drum«, erwiderte ich trotzig.
   »Aber auch Glasflächen«, fügte er schmunzelnd hinzu.
   »Ja, aber nicht so dünne. Guck doch selbst, Claudio, ich weiß ja nicht, wenn da ein Hai gegendonnert.«
   »Quatsch. In der Ostsee schwimmen keine Haie. Oder Anton? Hast du schon mal einen gesehen?« Er schaute Anton scharf an.
   »Haie nicht, nein.« Anton schüttelte den Kopf. »Aber andere, große Fische. Sie haben hier keine natürlichen Feinde und nehmen deshalb ein ziemliches Ausmaß an.« Er zwinkerte mir zu. »Lass dich einfach überraschen.«
   Der dicke Schlauch ragte mittlerweile zwei Meter entfernt aus dem seichten Wasser. Anton zog Schuhe und Strümpfe aus und rollte die Hosenbeine hoch. »Gar nicht mehr kalt«, war das Einzige, was er herausbrachte, während er den Schlauch zum Strand zog. »Kujo willst du als Erster? Deine kleine Freundin ist die Nächste.«
   Scheiße! Ich presste die Lippen fest zusammen.
   »Anschließend komm ich!« Claudio funkelte mich unternehmungslustig an. »Wir kesseln dich liebevoll ein.«
   Nacheinander gingen wir auf den Schlauch zu. Die Öffnung tat sich mit einem Plopp auf. Sie war glücklicherweise größer, als ich gedacht hatte. Anton griff hinein und zog vier längliche Matten heraus. Vorn und hinten besaßen sie riefenartige Vertiefungen. Jeweils eine drückte er uns in die Hände. Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Muss ich wirklich …« Meine Stimme schwächelte.
   Kujo zog mich zu sich heran. Seine Augen leuchteten. »Pass auf! Ich fahre mit den Beinen voran und du mit dem Kopf. Dann können wir uns aneinander festhalten.«
   Claudio bedachte mich mit rührendem Blick. »Ich kann dich auch an die Füße fassen, wenn du willst. Soll ich?«
   »Ja, okay!« Ich nickte knapp, spürte ich doch, dass ich nicht drum herum kam. Schweigend trat ich zu dem Schlauch. Jeder Muskel in mir zitterte, als sich Kujo hineinlegte und ich dran war. Anton half mir in die richtige Position. Überraschenderweise war das total unkompliziert und, dank der Einbuchtungen in der Unterlage, sogar recht bequem.

Kapitel 3
Im Aqua-Paradies

Kaum hatte Rusto als Letzter die Öffnung verschlossen, machte sich eine unheimliche Stille breit. Tanzende Schatten flimmerten hindurch, wie blinkende Weihnachtslichter. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Es klopfte bis in die Fingerspitzen.
   »Du musst schlucken, Marka«, sprach Kujo, der es garantiert spürte, »einfach nur schlucken.«
   »Das kommt vom Überdruck«, rief Claudio von der anderen Seite her. »Es ist gleich vorbei.«
   Tatsächlich knackte es in den Ohren. Etwas unter mir ruckte, eine Bewegung, die mir durch Mark und Bein ging. Ich neigte den Kopf zur Seite und beobachtete, wie das Rohr über knirschenden Sand in brodelndes Wasser schlingerte. Panisch kniff ich die Lider zusammen, nachdem die gelbliche Gischt über uns zusammenschlug und in unergründliche Tiefen tauchte.
   »Klasse, wie im Fernsehen.« Claudios Stimme bebte vor Aufregung.
   Ich konnte nur einen Moment widerstehen, dann öffnete ich die Augen. Das dunkle Nichts machte mir mehr Angst, als zu sehen, was um mich herum geschah. Mit einem Mal wurde das Wasser glasklar, und während es im Zeitlupentempo an uns vorbei floss, wedelten Fische in den unglaublichsten Farben darin herum. Manche hielten sich an grotesk verdrehten Riffen fest, aus denen bizarr geformte Pflanzen heraushingen. Sie schillerten in Farben von Grellgrün bis Purpurrot. Immer tiefer glitten wir ins Meer hinein, was mir komischerweise nichts ausmachte. Wahrscheinlich, weil viel zu sehen war und ich abgelenkt wurde. Fasziniert drehte ich den Kopf in alle Richtungen. Mal beobachtete ich kleine, kuglige Lebewesen, die über zart gefärbte Korallen spazierten, mal öffnete sich direkt vor meinen Augen eine bunt schillernde Riesenqualle. Ich sah kakteenartige Gebilde mit langen, biegsamen Stacheln, die nach blinkenden Pünktchen schnappten. Drollige, bunte Fische stoben aus lebenden Höhlen, vorbei an fedrigen Farnausläufern, an deren Widerhaken hungrige Schwärme von spiralförmigen Fischen hingen. Aus ihren langen Schnabelschnauzen sickerte giftgrüne Flüssigkeit. Plötzlich hefteten sich winzige Tentakel an das Rohr. Ein roter, stachliger Seestern hatte sich darauf niedergelassen. Etwas aus seiner Körpermitte stülpte sich nach außen. War das sein Mund? Als ein Tierchen darin verschwand, war das ebenso schmerzlich wie ergreifend für mich. Ich wusste nicht, dass Seesterne derart große Münder besaßen.
   »Schön, nicht?« Kujo drückte meine Hände. Ich genoss seine Nähe und die herrlichen Bilder, die an mir vorbeizogen. Seine Stimme gab mir Sicherheit. Dicht an dicht lagen wir, wie zwei siamesische Zwillinge, die an den Köpfen zusammengewachsen waren, und staunten über die gigantische Tiefseenatur.
   Ich fühlte mich wie ein Unterwasserroboter, der immer weiter in eine fremde Welt eintauchte, die nichts mit der Ostsee gemein hatte.
   Oh, was war das? Ich umklammerte Kujos Hand, denn unser Schlauch hatte sich aufgebäumt.
   »Nur eine kleine Unterströmung«, flüsterte er fürsorglich. »Von Zeit zu Zeit steigen Dämpfe auf, die an der Oberfläche verpuffen. Schau mal, wir sind gleich da.«
   Brennende Helligkeit, wie von einem gespenstischen, unterirdischen Lagerfeuer, bahnte sich durch das schimmernde Wasser. Dünne Dampfschwaden ringelten sich darüber hinweg wie die Abgase aus Schornsteinen.
   »Boah«, rief Claudio. Ich wandte den Kopf. Ein Riesengebirge aus bunten Türmen tauchte auf und ich betrachtete das unwirkliche Bild.
   »Die Cyanaer nennen es Aqua-Paradies«, sagte Kujo. »Ich finde, der Name passt gut.«
   Rauchende Spitzen, mal klein und gewölbt, oder hoch und von größerem Durchmesser, abgedeckt mit einem weißlichen Belag, säumten mein Blickfeld.
   »Salzkristalle«, erklärte Kujo. »Sie haben sich im Laufe der Zeit dort abgelagert.«
    Schwach wiegende, bläulich zuckende Flämmchen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie leuchteten hinter durchsichtigen Fassaden und schienen für die Helligkeit in den Häusern verantwortlich zu sein.
   »Wie eine wieder auferstandene Stadt«, raunte ich. »Die grünen Riesenwedel sehen wie Bäume aus, die im Wind wehen.«
   »Siehst du die grau schimmernde Silhouette im Hintergrund?«, presste er ehrfürchtig hervor.
   »Ja, was ist das?«
   »Die Haut des Energiefeldes. Sie hört genau dort auf.«
   »Was, sie zieht sich bis hier herunter?«
   »Warum, denkst du, gibt es solch eine Artenvielfalt? Sie schützt das Wasser vor Eindringlingen und macht es wärmer.«
   Zu meiner Rechten bewegte sich etwas. In fast zwei Metern Breite stoben goldene Staubpartikel auseinander und machten den Weg frei für unser Rohr. Es flog hindurch, bis ein leichtes Beben die Schwerelosigkeit unterbrach und es zum Stillstand kam. Gleichzeitig ertönte ein Summton, angenehm harmonisch.
   »Perfekt«, sagte Kujo. »Wir haben die Barriere reibungslos durchbrochen. Wir sind da.«
   Mein Blick wechselte von rechts nach links. Ein lückenloser Lichtkreis ließ mich für den Moment nichts erkennen. Oberhalb meines Kopfes zerrte ein Sog an mir. Ich flutschte aus dem Rohr hinaus und merkte, wie mich im nächsten Moment jemand auffing und auf die Beine stellte. Intuitiv hielt ich mich an ihm fest. Behagliche Wärme und ein leuchtender Kreisel empfingen mich – Kujos Feuerhaar. Der zischende Sog hatte es zu Berge stehen lassen. Jetzt wuselte es wie ein rotes, zerzaustes Wollknäuel um seinen Kopf.
   »Du hast dich richtig gut gehalten«, sicherte er mir zu.
   »Aber auch nur dank deiner Hilfe«, entgegnete ich freudestrahlend.
   Claudio stürzte leicht wankend auf mich zu. In seinen Augen blitzte der Schalk. »Jaja! Ohne Dich, Brüderchen, hätte ich es natürlich nicht überstanden.«
   Ein knirschendes Geräusch ließ mich aufhorchen und plötzlich rief jemand aus einer nicht einsehbaren Ecke.
   »Kujo? Nein, das glaube ich jetzt nicht.«
   Ein junges Mädchen rannte barfuß auf uns zu und flog Kujo ungehemmt um den Hals. Hätte Claudio ihn nicht gestützt, wäre er nach hinten weggeknallt.
   »Wie lange ist das jetzt her?«, sagte die Schönheit. Tränen standen in ihren Augen.
   »Greta!«, würgte Kujo sichtlich aufgebracht hervor. »Dich hätte ich beinahe nicht wieder erkannt. Ich dachte, du wohnst nicht mehr zu Hause.« Er befreite sich aus ihrer Umarmung.
    »Doch, jetzt wieder.« Sie senkte den Kopf. »Ich habe gehofft, dich noch einmal wiederzusehen.«
   Ich schnappte nach Luft. Als Kujo sich umwandte und meinen Blick suchte, lief ich rot an. Greta drehte sich ebenfalls herum. Sie besaß wundervolle, blonde Haare, die als wallender Seitenzopf eine ihrer gut proportionierten Brüste bedeckten. Ein paar gelöste Löckchen ringelten sich frech und in harmonischer Unordnung um das unbedeckte Schlüsselbein. Sie zwirbelte an den Enden ihrer Lockenpracht herum. Ihr extrem blasses, dennoch hübsches Gesicht verriet Entschlossenheit. Ob die je die Sonne gesehen hatte? Ich beäugte sie mit lebhaftem Interesse. Greta war schlank, wie gesagt gut gebaut und sah irgendwie edel aus mit ihrem schmalen Gesicht und der langen, geraden Nase. Eine eigenartige Tätowierung verzierte die Stelle über ihrer Brust. Das Muster, eine mit Ranken umwölkte Mondsichel, zog sich bis unter das fast unverschämt transparente, knallenge Oberteil. Nach oben, in Richtung Hals, lief es in einer Wellenlinie aus, die hinter der Rückenpartie verschwand.
   »Fremdlinge! Hast du sie mitgebracht?« Keck nahm sie Claudio und mich ins Visier. »Woher kommt ihr? Doch wohl nicht aus Witara?«
   »Ach.« Claudio warf ihr einen äußerst belustigten Blick zu, musterte sie mit förmlich angespitzten Augen. »Und warum sollten wir das nicht?«
   Mal wieder typisch. Kaum trat ihm ein halbwegs ansehnliches Mädchen unter die Augen, schon war er in Flirtlaune.
   Mit gekonntem Augenaufschlag fuhr sich Greta über die Mähne. Klar, dass die darauf ansprang. Trulla. Na wenigstens wurde sie von Kujo abgelenkt.
   »Ihr leuchtet beide«, bemerkte sie kess. »Seid ihr ein Liebespaar?«
   Ich hauchte Claudio einen Kuss auf die Wange. Er spielte mit, schmachtete mich scherzhaft an. »Nein, Spaß«, gab er sanft zurück. »Wir sind leider nur Geschwister. Aber wir sind um drei Ecken mit einem Witarier verwandt.« Er legte den Arm um Rusto und grinste. »Unter anderem mit ihm.«
   »Ja, das stimmt.« Rusto ergriff meine Hand. »Das hier ist Marka, die Nichte meiner verstorbenen Frau und der freche Bengel ist ihr jüngerer Bruder Claudio.«
   Greta warf anmutig den Kopf zurück und blitzte Claudio an. »Aha! Und wieso leuchtest du als Zweiter?«
   »Das zu erklären, ist etwas kompliziert.« Claudio zuckte mit den Schultern. »Ist im Moment auch nicht wichtig.« Gretas Augen wanderten zu Kujo. »Sagenhaft, wie du dich verändert hast«, zwitscherte sie zuckersüß. »Du bist richtig männlich geworden.«
   Über Kujos Mundwinkel huschte ein kleines, nicht aufdringliches Lächeln. Es reichte, um mir einen Stich zu versetzen. Greta zauberte es ein Strahlen auf das Gesicht. Rusto trat auf Greta zu, zog sie an sich und strich ihr sachte über den Rücken. Er musste die Situation durchschaut haben. »Na, geht es euch mittlerweile wieder etwas besser? Haben du und Ronka den Verlust schon verwunden?«
   Greta nickte langsam, verfiel dann in leises Schluchzen. »Ich schon. Aber Mutter wird noch eine Weile brauchen. Sie tut zwar immer stark, aber ich glaube ihr nicht. Ach, Rusto, er fehlt uns so.«
   Mit Greta im Arm schwenkte Rusto herum zu uns. »Wenk, Gretas Vater, ist ums Leben gekommen, müsst ihr wissen. Er war bei der Expedition dabei, die nach der Ursache für die unheimlichen Geräusche suchte.«
   Kujo sah Greta mitfühlend an. »O nein, das wusste ich nicht. Was ist denn geschehen?«
   Tränen glitzerten in Gretas entzückenden, blauen Augen. »Er ist einfach verschwunden. Wahrscheinlich wurde er von einer Erdspalte verschluckt. Zunächst dachten sie an ein Unterwasserbeben und gingen auf Tauchstreifzug. Dabei entdeckten sie schwarze herumliegende Gesteinsbruchstücke und kleineres Geröll. Kurz vor der Energiehülle stießen sie auf eine Öffnung, vermutlich eine Austrittsstelle. Da muss es passiert sein.« Greta schluckte. »Außer Vater hat es zwei weitere erwischt. Nur einer konnte sich mit Müh und Not retten.«
   Rusto schnaufte. »Es war Anton. Glücklicherweise. Er hat von viel schlimmeren Dingen berichtet, im Vertrauen, wenn ihr wisst, was ich meine.«
   »Anton?« Claudio stutzte. »Der Anton? Worum ging es dabei?«
   Rusto schluckte und fuhr zögerlich fort. »Die periodischen Ausbrüche sind es nicht allein, die ihn beunruhigen. Es sind die Pflanzen unmittelbar an der Schutzhülle, die ihm Sorgen bereiten. Sie verkümmern langsam und sterben schließlich vollständig ab. Auch tote Fische sind gefunden worden. Er hat mir berichtet, wie es ihm ergangen war, als er von seiner Mission zurückgekehrt war. Trotz intakter Atemmaske und genügend Sauerstoff bekam er kaum Luft. Es war, sagte er, als ziehe ihm jemand die Kraft aus dem Körper. Er war froh, halbwegs unbeschadet herausgekommen zu sein. Seitdem ist er gesundheitlich angeschlagen. Mittlerweile ergeht es allen, die mit dem Meereswasser in Berührung gekommen sind, wie ihm.«
   Ein starker Erdstoß erschütterte das Glasgebäude und warf uns zu Boden. Das Grollen entfernte sich jedoch schnell wieder und machte einer gespenstischen Stille Platz. Nichts bewegte sich mehr. Keine Pflanze schwankte, kein Fisch schwamm, es herrschte nur angespannte, unheimliche Ruhe. Wir blickten nach draußen.
   Plötzlich machte Claudio eine unglaubliche Entdeckung. In der schwarzen Wasserfläche, neben Gretas Haus, trieb ein dunkelgrauer Schleier.
   »Wie schmutzige Schneeflocken«, flüsterte ich und erstarrte.
   Rustos Gesichtszüge verdunkelten sich schlagartig. »Könnte das Asche sein?«
   Claudio schüttelte den Kopf. »Asche schwimmt nicht im Wasser. Sie löst sich höchstens darin auf. Das da sind kleine, verkohlte Krümel von etwas. Seht doch, wie sie zu Boden sinken.«
   Besorgt behielt ich sie im Auge. »Hoffentlich enthalten sie keine Schadstoffe.«
   Claudio rieb sich über die Stirn. »Wenn ich an die toten Fische denke, schreit es geradezu danach. Es könnte auch gut möglich sein, dass es die Rückstände einer gezielten Sprengung sind. Von etwas, das keinen natürlichen Ursprung hat.«
   Mein Blick klebte an dem Ascheflug, der kontinuierlich zu Boden schwebte. Kaum, dass er aufgeschlagen war, breitete er sich aus und legte sich als erstarrter Film über alles, was sich darunter befand. Die kleinen Erhebungen sahen aus wie der Auszug einer Minigletscherlandschaft.
   »Die Aschekörner können sich nur allmählich abgekühlt haben«, überlegte Claudio. »Sie wären sonst nicht derart langsam erstarrt.«
   Ich sah ihn an. »Könnte es sein, dass außerhalb des Energiefeldes alte Granaten oder Bomben unschädlich gemacht werden?«
   »Hm, den Geräuschen nach vielleicht. Schall breitet sich im Wasser ohnehin schneller aus als in der Luft.«
   Claudio blickte von mir zu Kujo, dann zu Rusto. »Aber weshalb rieselt das Zeug innerhalb der Hülle runter? Außerdem lässt sie bestimmt keinen Schall durch.«
   »Das ist richtig.« Verbissen betrachtete Rusto die neu entstandene, leicht geriffelte Fläche. »Ich sehe es auch zum ersten Mal. Weder kann ich mir erklären, was es ist, noch woher es kommt. Aber es hat den Anschein, dass es tatsächlich nicht von hier stammt, also auch nicht aufgewirbelt wurde. Demnach kann es nur bedeuten, dass es durch eine defekte Stelle in der Hülle kommt. Komisch ist nur, dass nirgendwo etwas zu erkennen ist.«
   Ein erneuter Erdstoß warf uns gegeneinander. Ich schrie auf, starrte nach draußen. Luftblasen traten aus und schwebten schräg nach oben. Der Meeresboden klaffte in kurzen Abständen auf, schloss sich aber jedes Mal wieder.
   Greta blickte zu Rusto und atmete schwer. »So heftig war es noch nie.«
   »Wo ist Ronka?«, fragte er. Sein erstarrter Blick schwenkte hoch zum Tageslicht. Die Sonne ging gerade unter. Ihr Licht drang seitlich durch einen keilartigen Abschnitt hinab.
   »Mutter ist oben und arbeitet. Ich habe sie seit gestern nicht gesehen.«
   Rusto vergrub seinen Kopf in den Händen. »Sie hat mir ein Nachtlager für die Drei zugesagt. Weißt du wenigstens Bescheid darüber?«
   Greta zuckte verdutzt mit den Schultern. »Von Gästen war die Rede, ja.« Sie warf einen längeren Blick auf Kujo. »Wenn ich gewusst hätte, dass du dabei bist …«
   Ich hielt den Atem an. Wie würde Kujo reagieren? Natürlich schwieg er, was mich enttäuschte.
   »Sag mal, Greta«, meinte Claudio, um die Lage zu entspannen. »Was ist, wenn es zu richtig schweren Steinschlägen kommt? Sind wir hier unten sicher?«
   Greta fuhr leicht zusammen. Hatte sie an Kujo gedacht? »Jedenfalls sicherer als oben«, flüsterte sie. Ihre Lippen bewegten sich kaum.
   »Das kann ich bestätigen«, fügte Rusto hinzu. »Selbst wenn die Unterwasserstadt verschüttet werden sollte, könnten wir problemlos mehrere Monate hier überleben. Aber so weit wird es nicht kommen.« Er wies auf einen runden dunklen Fleck, der draußen in der Luft schwebte. »Das Verbindungsrohr rettet uns in solch einem Fall. Es gräbt sich überall hindurch, egal wo es benötigt wird. Ich hoffe nur, wir werden es nicht so bald in Anspruch nehmen müssen. Greta, sei doch bitte so nett und zeige ihnen, wo sie schlafen können.«
   Greta nickte und drehte sich um. »Na dann kommt mal mit. Ich bin gespannt, ob es euch gefällt. Platz haben wir jedenfalls genug.«
   Claudio raffte den Rucksack auf und setzte sich in Bewegung. Kujo und ich folgten ihm. Mit zwei Fingern tippte Greta gegen einen Vorsprung. Ein gedehntes Zischen ertönte, dann sprang eine Glaswand auseinander.
   Claudio drehte sich um und grinste. »Ha! Raumschiff Enterprise lässt grüßen. Fehlt nur noch, dass uns lange, spitze Ohren wachsen.«
   Wir traten in einen mit Dämmerlicht gehüllten, sehr großen Raum. Ein breiter Gang führte mitten hindurch. Die Flächen rechts und links teilten sich in jeweils drei Abschnitte auf; die Schlafstätten. Jede hatte eine andere Farbe und alle dieselbe Größe. Längliche Silhouetten zeichneten sich hinter gläsernen Vorderfronten ab; die Betten.
   »Da kann man ja alles erkennen«, murmelte ich, schwieg aber schnell, weil ich aus den Augenwinkeln sah, wie Claudio mich beobachtete. Grinsend puffte er mir in die Seite. »Hast wohl Angst, dass man dir was wegguckt?« Den Blick provokant auf mich gerichtet, wartete er auf eine Antwort.
   Ich sprang voll darauf an. »Meine Privatsphäre vielleicht? Aber auf die Idee würdest du ja niemals kommen.«
   Greta sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Man sieht nichts, glaube mir. Man hört auch nichts von dem, was drin geschieht. Ach ja, die zwei Kammern hier vorn sind besetzt. Von den anderen könnt ihr euch eine aussuchen.«
   »Entspann dich, Marka.« Kujo sah mich merkwürdig an. »Es ist wie in Witaras Glashäusern. Von drinnen ist alles klar und von draußen verzerrt.«
   »Ha!« Claudio gluckste auf. »Vielleicht solltet ihr gleich ein gemeinsames Zimmer nehmen.«
   »Claudio!« Ich bekam ein heißes Gesicht.
   »Was denn? Ich petze es auch nicht an Mutsch weiter.«
   Angespanntes Schweigen folgte.
   »Moment mal.« Greta schaute Kujo unsicher an. »Ihr zwei seid ein Paar!«
   Kujo senkte den Blick, schwieg und augenblicklich war ich erfüllt von einer irrationalen Angst, ihn zu verlieren. Warum bestätigte er es nicht?
   »Tut mir leid.« Greta lächelte gezwungen. »Ich wollte nicht unhöflich sein. Ach, ich wollte euch doch die restlichen Zimmer zeigen. Es gibt auch was zu trinken. Darf ich dir etwas anbieten? Äh … wie heißt du noch mal? Ach ja, Claudio, oder? Lass den Rucksack einfach hier stehen.« Rasch quetschte sie sich an Kujo vorbei, hieb mit dem Ellenbogen gegen den nächsten Vorsprung und verschwand mit Claudio in einem der Zimmer. Rusto huschte schnell hinter ihnen her, bevor sich die Öffnung mit einem Rauschen wieder verschloss. Die Situation war ihm wohl peinlich.
   Gebannt sah ich in Kujos Augen. Betroffenheit stand darin. »Warum hast du es ihr nicht bestätigt?«, fragte ich mit einer Spur Vorwurf in der Stimme.
   Er verzog das Gesicht. »Wenn du es genau wissen willst, ich habe Rücksicht auf sie genommen. Ich hätte es ihr später sicherlich gebeichtet.«
   »Gebeichtet?« Mein Körper straffte sich und mein Herz raste. »Die ist doch immer noch verschossen in dich.«
   Kujos Ohren erröteten.
   Na bitte, ich wusste es doch.
   »Ich wollte sie nicht vorführen, ihr nur den Schock ersparen und es langsam angehen.« Er versuchte eine Mimik aufzusetzen, wie jemand, der Reue zeigen wollte.
   »Ihr? Den Schock?«, brach es unkontrolliert aus mir heraus. »Ich glaube, ich hab grad selbst einen. Ich ersticke gleich daran.«
   »Es tut mir leid, Marka.« Er berührte meine Wange. »Aber das mit Greta ist ewig her.«
   Ewig? Ich dachte, Claudio wäre frühreif, ging es mir durch den Kopf.
   Halb zerknirscht, halb amüsiert lächelte Kujo mich an. Er hatte natürlich meine Gedanken mitgelesen. »Jetzt weiß ich es.« Er legte den Arm um mich und musterte mich mit seltsamem Blick. »Du bist eifersüchtig.«
   »Ich? Nee … überhaupt nicht.« Warum stammelte ich nur so blöd?
   »Na, dann ist ja gut. Lass uns zu den anderen gehen. Ich habe Durst.« Er klatschte auf den Vorsprung, und schon schwoll Claudios Stimme an. »Cool, ein Wasserbett.« Er bemerkte uns und nahm uns gleich in Beschlag. «Wusstet ihr eigentlich, dass es schon im Mittelalter wassergefüllte Ziegenhäute gab? Am Tag wurden sie zum Aufwärmen in die Sonne gelegt, damit man es des Nachts schön warm hatte.« Er ließ sich auf eine Unterlage plumpsen. Sie passte sich wankend seiner Körperform an.
   Misstrauisch schielte ich zu Greta. Sie sah verdammt schön aus, wie sie an ihrem hippiemäßigen Outfit herumzupfte und sich dauernd über den Seitenzopf fuhr. Fehlten nur noch die Blumen darin. Sofort flammte ein Film in mir auf, von tanzenden, halb bekleideten Schönheiten, mit gebundenen Margeriten am Dekolleté und in den Haaren. Gretas unkontrolliertes Lachen riss mich aus meinen Gedanken. Es galt Claudio, nicht Kujo. Ich verknotete meine Hände und entspannte mich.
   »Das ist Schönheit in ihrer extremsten Form«, hörte ich Claudio sagen. Wie immer gab er sich witzig und leicht ironisch. Sein Blick war auf Gretas prall gefülltes Oberteil gerichtet. »Wenn bei uns auf der Erde die Mädels so aussähen wie du, würden die Schönheitschirurgen arbeitslos werden.«
   »Oh! Wie schmeichelhaft«, schnurrte sie kokett.
   »Jaja, das Leben ist manchmal hart«, entgegnete er mit ergebener Miene. »Nur gut, dass ich flexibel bin!«
   Ich stieß einen Seufzer aus. Oje Bruderherz, wie peinlich. Was würde wohl deine Lusa dazu sagen, wenn du so herumbaggerst. Lusa, das wunderhübsche Mädchen mit den kupferroten Locken und makelloser Haut, heulte sich in Witara vor Sehnsucht die Augen aus. Als sich die beiden kennenlernten, hatte Claudio um sie gekämpft wie um kein anderes Mädchen. Das war eher untypisch für ihn, denn die brave Lusa passte so gar nicht in sein Beuteschema. Alle seine bisherigen Eroberungen waren entweder grell geschminkt, wie Leuchtreklamen, oder gebaut wie Greta. Lusa war von jeder das Gegenteil. Nie hätte ich gedacht, dass es mein superschöner Bruder länger als eine Woche bei einer aushielt. Dass er mit Lusa schon mehr als zwei Monate zusammen war, war mehr als erstaunlich. Es war die reinste Affenliebe zwischen ihnen. Ich hoffte, Greta würde sich die Zähne an ihm ausbeißen.
   Gretas Augen huschten von Claudio zu Kujo. Dort blieben sie übertrieben lange hängen. Das war ja bombenklar. Mich dagegen würdigte sie keines Blickes. Sie schien mich nicht einmal zu bemerken. Nie zuvor kam ich mir so gedemütigt vor. Plötzlich, als würde mir jemand die Beine wegtreten und erst in meinen Magen und dann in mein Herz boxen, wusste ich, wieso sie Kujo so anglotzte. Die Sache mit ihm war für sie noch nicht vorbei. Sie wollte es nicht akzeptieren, dass er jetzt mit mir zusammen war. Und verdammt – das, was da in ihren Augen loderte, waren flammende Herzchen. Hitze schoss mir ins Gesicht. Mit einer bösen Vorahnung schaute ich Kujo an. Glücklicherweise erwiderte er ihre glühenden Blicke nicht – immerhin. Er hatte gesagt, das mit Greta war vorbei. Okay, dann war es das auch. Im Grunde genommen vertraute ich ihm. Vielleicht nahm ich mich auch zu wichtig. Aber warum tat dann jeder Blick so verflucht weh, den er ihr schenkte?
   »So Kinder, sucht euch ein Zimmer aus.« Rusto schob uns zurück in den langen Vorraum. »Ihr solltet allmählich mit den Recherchen beginnen. Wir wollen endlich erfahren, was 1945 auf der Insel geschehen ist.«
   Claudio drehte sich zu ihm um. »Wie funktioniert eigentlich eine Zeitreise?«
   Rusto schmunzelte. »Das ist nicht ganz einfach zu erklären. Vom Prinzip her werden scheinbare Grenzen in Raum und Zeit mit einer unglaublichen, lichtschnellen Geschwindigkeit überwunden, ähnlich wie in unserem Beschleunigungstunnel. Die Bewegungsrichtung gleicht einer Krümmung. Die unsichtbare Schnur darauf basiert auf dem Kriterium der Konzentration. Anders als bei normalen Menschen vereinfacht sie uns Witariern das Hindurchkommen. In eurem Fall entsteht sie, wenn ihr eure Aufmerksamkeit auf das Jahr 1945 ausrichtet, punktgenau auf diesen Ort hier. Nur Erstgeborenen wie euch gelingt das in vollem Umfang. Vergesst das nicht.«
   »Und wieso können nur wir rausfinden, was damals geschehen ist? Gibt es denn niemanden auf der Insel, der damals hier gelebt hat?«
   Rusto runzelte die Stirn. »Wenn du die Alten meinst, die waren nur gewöhnliche Bewohner der Insel. Von militärischen Angelegenheiten wussten sie nichts. Aber Wilhelm, euer Vorfahre, könnte Kenntnis darüber besitzen. Wäre schön, wenn ihr anfangt, ihn zu erreichen. Er ist unsere einzige Spur.«
   Claudio wandte sich mir zu. »Na dann müssen wir das wohl abchecken. Kujo, lass meine Schwester mal langsam in Ruhe. Sie wird anderweitig gebraucht.«
   Ich sah Kujo an. Er lächelte wehmütig und plötzlich tat er etwas, was ich nicht erwartet hätte. Er zog mich ungestüm an sich, drückte meinen Kopf nach hinten und küsste mich innig. »Ich liebe dich!«, raunte er, als wir voneinander abließen.
   Verlegen schaute ich auf, allerdings nicht, ohne innerlich zu jubeln. Amüsiert registrierte ich, dass Greta fast die Augen rausfielen und ihr Mund sogar offen stand. Sie sah richtig entsetzt aus. Okay, das war jetzt meine Chance, ihr zu zeigen, dass sie genau die bei Kujo nicht hatte. »Ich liebe dich auch«, säuselte ich, aber so, dass sie es hören konnte. Dabei sah ich sie von oben bis unten an. Dann löste ich mich von Kujo und marschierte lässig, nein stolz, an ihr vorbei. Dass mein Herz wie verrückt pochte und ihre Blicke wie Stacheln in meinen Rücken piksten, machte mich nur noch froher. Die Erkenntnis, es ihr so richtig gezeigt zu haben, fühlte sich verdammt großartig an. Benommen vor Glück nahm ich neben Claudio Platz. Es fiel mir schwer, mich ernsthaft zu konzentrieren.
   Rusto sah uns nacheinander an. »Ich möchte, dass ihr die Rückführung gemeinsam macht.«
   »Geht das überhaupt?«, fragte Claudio unschlüssig.
   »Tcha!« Rusto schien einen Moment zu überlegen. »Ich gebe zu, dass es in der Konstellation das erste Mal wäre. Aber da es Erstgeborenen grundsätzlich gelingt und ihr zwei erstgeborene Geschwister seid, dürfte es keine Schwierigkeiten geben. Jedenfalls hoffe ich das.« Sein Blick fiel auf mich. »Ach, bevor ich es vergesse, Marka. Ihr solltet während einer Rückführung euer Leuchten vermeiden. Euer Urgroßvater wäre bestimmt geschockt, wenn ihr glitzert wie zwei aufgehende Sonnen. Ist noch etwas von der Paste übrig?«
   »Aber klar doch!« Ich holte die Tube Make-up heraus. Claudio verdrehte die Augen, ließ sich aber von mir einschmieren.
   »Gut«, sagte Rusto zufrieden, als auch ich fertig war. »Dort liegen noch ein paar nützliche Dinge für euch bereit. Ihr werdet sie sicherlich gut gebrauchen können. Packt sie bitte in den Rucksack.«
   Claudio ließ zwei kuschlig dicke Kapuzenshirts darin verschwinden, zwei Paar seltsam aussehende Pads, die, wie Rusto behauptete, die Ohren perfekt umschlossen und sie vor allem bei rauem Wetter und extrem starken Windgeräuschen wärmten. Ich registrierte noch zwei Paar flexible, einseitig geschlossene Schläuche, mit einem Profil darunter. Eine Art Gamasche mit fester Sohle. »Füßlinge zum Überziehen«, erklärte Rusto. »Ein wirkungsvoller Regen- und Kälteabweiser. Ach und hier habe ich etwas Unentbehrliches, falls ihr vor Hunger keinen klaren Gedanken mehr fassen könnt.« Er übergab uns zwei dünne Packungen, die jeweils zehn kleine Plättchen enthielten. »Bei Bedarf klebt ihr euch eins hinter die oberste Zahnreihe. Es sind Substanzen drin, die so konzipiert sind, dass sie nach und nach Energie abgeben und das Hungergefühl unterdrücken. Ein Plättchen reicht für mehrere Stunden.«
   Das schienen die totalen Schlankmacher zu sein.
   Als alles verstaut war, legte uns Rusto ausdrücklich noch einmal etwas ans Herz. »Ich hoffe, es ist euch klar, dass, wenn ihr zusammen zurückgeht, ihr auch nur gemeinsam wieder herkommen könnt. Und bitte, wenn ihr unbedingt mit einem von uns jollen wollt, dann nur in der allergrößten Not. Eure Energiereserven sind nicht unendlich. Vergesst nicht, am vierzehnten Mai, also in spätestens sechs Tagen, vor Ablauf der letzten Stunde von Markas Geburtstag, wieder hier zu sein. Als ein Zweitgeborener, Claudio, ist es dir nämlich nicht mehr vergönnt, auf Zeitreise zu gehen.«
   »Keine Sorge.« Claudio schmunzelte. »Marka wird mich schon daran erinnern. Wie funktioniert das eigentlich, wenn wir zurückkommen? Ist es zwingend notwendig, nebeneinanderzustehen, so wie jetzt?«
   »Wenn ihr aus irgendeinem Grund getrennt werdet, sorgt dafür, dass ihr nicht mehr als vierhundert Meter entfernt steht. Selbst wenn ihr gedanklich beieinander seid, wird euch die Rückkehr sonst nicht gelingen. Ansonsten jollt miteinander. Und ganz wichtig, eure Rückkehr muss unbedingt zeitgleich vonstattengehen.« Rusto blinzelte Claudio zu, mir strich er über die Wange. »Lass deine Schwester nicht zu lange allein. Jetzt fasst euch bei den Händen und schließt die Augen. Lasst den Atem sanft und gleichmäßig in den Bauch strömen, entspannt euch. Ja, so ist es gut. Begebt euch in den Raum, der euch gezeigt wird. Lasst das goldene Licht auf euch wirken. Öffnet die Augen wieder und seht hinein. Achtet darauf, dass ihr Sichtkontakt zueinander habt. Richtet eure Gedanken auf den Ort aus, an dem ihr seid, und auf euren Urgroßvater, Wilhelm Wirtsler. Es ist der dreiundzwanzigste Februar des Jahres 1945 und Wilhelm ist der Einzige aus dieser Zeit, der euch wahrnehmen kann. Spürt ihr das Kribbeln unter den Fußsohlen?«
   Wir nickten.
   »Alles Gute, ihr zwei. Gleich hört ihr mich nicht mehr.«

Kapitel 4
Eröffnung neuer Horizonte

Vor meinem inneren Auge rotierten wunderschöne, schwingende Farbbalken. Es war, als zögen sie mich an wie die Motten das Licht. Ein seitlich einschießender Strahl funkelte darin auf. Er raste durch die Farben hindurch und vereinte sich mit ihnen zu einem hellen Muster. Ein harmonisch wohlklingender Ton ertönte. Er klang derart vollkommen in meinen Ohren, dass sich alle Härchen auf meinem Körper aufrichteten und ein wohltuendes Gefühl durch meine Herzgegend strömte. Während ich spürte, wie sich meine Lunge mit einem neblig-goldenen Licht füllte, nahm ich ein Zucken an meiner linken Hand wahr. Ich ruckte herum und erblickte Claudio. Wie ich, schwebte er mit einem verträumten Lächeln in dem Lichtkanal. Gierig und voller Inbrunst sog er den goldenen Atemschweif ein. Ich drückte seine Hand und spürte in dem Moment, wie das Energiefeld um uns reagierte und wir blitzschnell in einen Kurvenflug gedrückt wurden. Wir kamen einer weißen Kugel entgegen – das Tor zu einer anderen Welt. Wir trieben fest aneinander gekrallt darauf zu und schwebten hindurch. Mit einem Mal löste sie sich auf und offenbarte uns eine vernebelte und freie Natur. Als wir auf unseren Beinen standen, ließen wir die eisige Luft durch unsere Lungen strömen. Wir befanden uns in einer völlig anderen Zeit, mitten im Winter. Zutiefst ergriffen von unserer wunderschönen Zeitreise, sahen wir uns um. Dann der Schock, als ich bemerkte, dass wir knöcheltief im Schlamm steckten. Wenn wir uns nicht gegenseitig festgehalten hätten, wären wir wahrscheinlich aus den Latschen gekippt. Aber es kam noch schlimmer – es fing an, zu regnen. Meine Wildlederstiefel nützten nichts mehr. Mit Müh und Not retteten wir uns auf den halbwegs befestigten Schotterstreifen, der die Dreckpiste rechts und links von der Straße begrenzte.
   Ein uniformierter, in Zigarettenqualm gehüllter Mann trat hinter einem Lichtmast hervor und kam auf uns zugerannt. Er trug eine Wehrmachtsuniform und dreckverschmierte Stiefel. Mehr erschüttert, weil wir unverhofft aufgetaucht waren, als böse, richtete er den Lauf seine Maschinenpistole auf uns. So sah also eine echte MP aus. Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter und jede Faser meines Körpers rief Haut ab! Rennt um euer Leben. Doch weder Claudio noch ich taten es. Stocksteif vor Schreck blieben wir stehen. Der Soldat machte in fünf Metern Abstand Halt. Er war sehr schlank und, trotz der Kippe im Mundwinkel, umwerfend gut aussehend. Er ruckte mit der Waffe, doch Claudio und ich bewegten uns nicht. Abwartend hielten wir uns an den Händen. Er sah uns an. Mit jeder Sekunde, die verstrich, verfinsterte sich sein Blick. Ich hielt den Atem an, fürchtete fast, dass er gleich ausrasten würde.
   »Hast du ihn dir mal angeschaut?«, flüsterte Claudio, ohne die Lippen zu bewegen. »Ich meine sein Gesicht.«
   Prüfender als vorher, nahm ich ihn ins Visier. »Mensch ja!« Ich schlug die Hand vor den Mund. Mein Herz setzte beinahe aus. »Er besitzt dieselben schwarzen Augen wie Mutsch, und wenn ich mich nicht irre, blinzelt er sogar in derselben Art wie sie.«
   »Wo kommt ihr so plötzlich her?« Mit langen Schritten kam er heran und baute sich vor uns auf. Mit Argusaugen betrachtete er uns. »Wieso seht ihr so komisch aus? Was sind das für Kleider? Ihr habt sie doch wohl nicht geklaut?« Wir schwiegen. »Na? Hat es euch die Sprache verschlagen?« Nach einem weiteren Schritt fragte er, ob wir Hunger hätten und wir deswegen hier wären.
   Eingeschüchtert schüttelten wir die Köpfe.
   »Ah, ihr versteht mich nicht. Polski?« Er klang etwas betreten. »Seid ihr ausgebüxt?”
   Ich schätzte sein Alter auf Mitte, Ende zwanzig. Unter dem Käppi lugten dicke, schwarze Haarsträhnen hervor. Sie hingen ihm teilweise bis in die Augen.
   »Wilhelm«, grölte jemand. Sein Kopf schwenkte in die Richtung des Rufs.
   »Bingo!«, flüsterte Claudio. »Er ist es.« Ich nickte.
   »Was hast du gesagt, du Lausejunge?«
   »Entschuldigung, sind Sie Funker?«, fragte Claudio.
   Der Mann nickte grimmig. »Wer will das wissen?«
   »Wenn Sie Wilhelm heißen und Funker sind«, ergriff ich behutsam das Wort, »dann sind wir mit Ihnen verwandt. Übrigens bin ich Marka und das ist Claudio, mein Bruder. Wir brauchen Ihre Hilfe.«
   »Da kann ja jeder kommen. Ich kenne euch nicht.«
   »Wir Sie aber umso besser.« Claudio versuchte ein versöhnliches Lächeln. »Wir kommen aus der Zukunft, um Sie zu befragen.«
   »Das ist …« Sein Atem ging in Stößen. »Das ist unerhört. Ja, das ist eine … eine Frechheit. Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Komm mal her, du Bürschchen.« Er packte Claudio mit beiden Händen. »So jetzt ist Schluss mit dem Theater. Wir gehen zum Oberscharführer.«
   Ohne Anstrengung riss Claudio sich los. »Dort machen Sie sich aber richtig lächerlich. Der kann uns nämlich nicht sehen.«
   »Das können nur Sie«, fiel ich ihm ins Wort, »weil Sie unser Urgroßvater sind.«
   Wilhelm tippte zwei Finger gegen die Stirn. »Ihr seid ja krank im Kopf. Solch einen Blödsinn hab ich noch nie gehört. Ich habe nicht einmal Kinder.«
   »Aber bald«, sagte ich. »Ihre Frau ist schwanger und in vier Monaten wird das Kind geboren. Ein Junge übrigens. Er wird Ernst heißen.«
   Wilhelm wurde blass, trat wie in Zeitlupe einen Schritt zurück. »Keiner hier weiß davon, verdammt noch mal.« Mit einem Ruck blieb er stehen.
   »Ich hab es selbst erst gestern erfahren«, presste er stutzig hervor.
   »Mit wem redest du da, Wilhelm? Führst wohl vor lauter Angst schon Selbstgespräche?«
   Wilhelms Miene verschloss sich. Ein rotgesichtiger, stark gebauter Mann, genauso angezogen wie er, trat mit lässig übergehängter Maschinenpistole heran. »Hast du was an den Ohren?«, schimpfte er. »Du sollst rüberkommen. Dein Typ wird verlangt.« Er sah in den Regen. »Scheiß Wetter! Ich habe die Schnauze gestrichen voll von dem mistigen Dreck hier.«
   Wilhelm nickte. »Ja doch, Mann!« Er zögerte. Seine Hand zeigte auf uns. »Was machen wir damit? Mitnehmen?«
   Der Mann blickte an Wilhelms Handgelenk entlang, zu der Armbanduhr. »Mach dich nicht lächerlich. Kannst sie ja auch mir schenken, wenn du willst. Ich könnte eine gebrauchen.«
   Wilhelm glotzte ihn an. »Hä? Was meinst du?«
   »Na, deine Uhr natürlich. Was denkst du denn?« Kopfschüttelnd setzte sich der Mann in Bewegung. Dabei murmelte er vor sich her. »Jetzt will er auch noch seine Uhr verschenken. So fängt es an. Verdammter Krieg.«
   Wilhelm starrte uns mit entsetztem Blick an. »Himmel, noch mal, Scheiße! Ihr habt ja recht.« Er schlug sich die Hand vor den Mund, japste und war total von der Rolle.
   Hektisch brüllend drehte sich der Soldat um. »Nun mach schon, Wilhelm. Komm endlich. Sie warten auf dich. Es ist ziemlich was im Busch.«
   Wilhelm zuckte entschuldigend mit einer Schulter.
   Ob er richtig geschnallt hatte, dass wir für seinen Kameraden unsichtbar waren?

Kapitel 5
Die geheime Nachricht

Es fing an, wie aus Kannen zu schütten. Der Regen trieb uns schnellen Fußes hinter Wilhelm her. Ich wollte nur endlich ins Trockene kommen. Ein Gebäude, umsäumt von zwei wehenden, roten Fahnen, kam in Sicht. Schwarze Hakenkreuzsymbole auf weißem Grund flatterten darauf. Die Tür war angelehnt. Die Bezeichnung »SS-Oberscharführer Funk-, Sprech- und Horchtrupp« sprang mir sofort ins Auge. Dementsprechend zögerlich traten wir ein. Die Einrichtung sah aus, als wäre die Zeit vor hundert Jahren stehen geblieben. Ups, das war sie ja irgendwie auch. Stramm wie ein Zinnsoldat salutierte Wilhelm vor einem herrisch dreinblickenden Mann mit rotem aufgedunsenem Gesicht und einer Uniform, die ziemlich über seinem dicken Bauch spannte. Der Typ straffte die Schultern, ohne aufzustehen. Die goldenen Zeichen auf seinen zitronengelb umrandeten Schulterstücken glänzten im matten Schein einer hängenden Schreibtischlampe. Das übergroße Hitlerbild hinter ihm an der Wand verlieh ihm die nötige Autorität. Wilhelm riss die Augen auf, als er uns bemerkte.
   »Sehen Sie mich gefälligst an, Wirtsler, wenn ich mit Ihnen rede«, keifte sein Vorgesetzter. Das SS-Abzeichen an seinem Revers funkelte bei der schroffen Bewegung. Wilhelm knallte die Hacken zusammen.
   »Jawoll, Herr Oberscharführer! Es ist nur … ich habe ein Sandkorn im Auge. Der Sturm draußen … Tschuldigung!«
   »Schnauze, Wirtsler! Reißen Sie sich gefälligst zusammen. Der Russe steht vor der Tür und Sie spazieren selbstgefällig durch die Gegend. Ja, sind Sie denn verrückt geworden?«
   Wilhelm zuckte zusammen. Auf seinen Wangen glühten rote Flecken. Wie bei mir, wenn ich aufgeregt war.
   »Was für ein Arsch«, raunte Claudio und sofort ruckte Wilhelms Kopf herum. Mir stockte das Herz, denn die Faust des Oberscharführers kam angeschossen. Er nahm Wilhelm am Schlafittchen. Der Griff sprengte zwei Uniformknöpfe von seiner Jacke.
   »Zollen Sie mir gefälligst Respekt, Wirtsler.«
   Wilhelm torkelte rückwärts. Am liebsten hätte ich ihn festgehalten. Doch der Oberscharführer kam hinterher gesprungen, die Miene verhärtet. Ohne zu zögern, streckte Claudio einen Fuß aus, in seine Richtung. Natürlich stürzte er. Ich kicherte. Wilhelm wollte ihm aufhelfen, doch Claudio hob die Hand. Beide wechselten vielsagende Blicke. Stöhnend hievte sich der Oberscharführer auf ein Bein, und noch während er das andere nachzog, trat Claudio ihm von hinten in die Kniekehle. Er knickte ein und schlug erneut hin. Panik flackerte in seinen Augen. »Fassen Sie gefälligst mit an, Wirtsler«, brüllte er, »oder ich lasse Sie wegen Befehlsverweigerung erschießen!«
   Wilhelm zögerte.
   »Nun machen Sie schon!«
   Wilhelm kaute auf der Unterlippe. Man sah ihm an, wie er sich ein Lächeln verkniff. »Sie sollten sich etwas stärken«, sagte er, während er dem aufgebrachten Oberscharführer aufhalf. »Im Kampf müssen Sie bei Kräften sein. Äh … ich meine … in Ihrer Posit…«
   »Was Sie meinen, oder nicht, interessiert mich nicht! Scheren Sie sich raus an die Arbeit. Sie sind der oberste Funker. Man wartet auf Sie.«
   »Super, jetzt wird’s spannend.« Claudio setzte ein wissendes Lächeln auf. »Gleich werden wir hoffentlich mehr wissen.«
   Wilhelm sah ihn stirnrunzelnd an. Die roten Stressflecken auf seinen Wangen glühten mit meinen um die Wette.
   »Abtreten, Wirtsler, aber dalli!« Wilhelm flitzte zur Tür. Der Oberscharführer stieß plötzlich einen verwirrten Schrei aus.
   »Aua! Verflucht!«
   Ich griente. Claudio hatte geistesgegenwärtig der gelenkigen Lampe über dem Schreibtisch einen Schubs verpasst und den Oberscharführer damit am Hinterkopf getroffen.
   Wilhelm wandte sich um. Die Lampe pendelte noch leicht. »Stimmt etwas nicht?«
   »Raus!«
   Wilhelm wartete grimmig vor der Tür auf uns.
    »Na, ihr seid mir ja ein paar Früchtchen. Los, jetzt erst einmal rasch weg von hier.« Er flitzte schnell auf zwei Kiefern zu und wartete dort, an einen der Bäume gelehnt, auf uns. »Und nun raus mit der Sprache.« Er suchte Augenkontakt zu mir. »Was ist das für ein verflixtes Problem, was euch zu mir führt?«
   »Na ja …« Ich biss mir auf die Unterlippe, »das ist nicht ganz einfach.«
   Wir erzählten ihm, dass unsere Oma in einem fremden Land namens Witara geboren wurde, das sich in einer anderen Dimension befand. Beeinflusst vom verführerischen Glanz der Erde, hatte sie sich in jungen Jahren durch einen Beschleunigungstunnel zur Erde begeben, um dort ein neues Leben zu wagen. Dort trat Ernst, Wilhelms Sohn, der unser Urgroßvater war, in ihr Leben. Dann kam Cyana zur Sprache und wieso die Insel damals verschwunden war. Wilhelm kratzte sich am Kinn. »Unglaublich, aber was genau hat das alles mit mir zu tun?«
   »Wir kommen aus dem Jahr 2012«, entgegnete Claudio, »wir sind geschickt worden, weil Cyana von knallenden Geräuschen heimgesucht wird. Der Ursprung ist nicht bekannt.«
   Wilhelm musterte ihn. »Was sagst du da? Aus welchem Jahr? Du machst Spaß!« Eine Pause entstand. »Aber das wäre ja in siebenundsechzig Jahren«, fuhr er mit überdrehter Stimme fort. »Ihr nehmt mich auf den Arm.«
   »Nein. Wir meinen es sehr ernst, wirklich.«
   Wilhelm warf mir einen Blick zu, der sein Entsetzen deutlich machte. Seine Mundwinkel zuckten. »Tja, wenn das so ist, dann wisst ihr bestimmt auch, was mit mir geschieht. Werde ich diesen verdammten Krieg überleben?«
   Claudios Stimme sauste durch meine Gehörgänge.
   »Wir müssen ihn anschwindeln, Marka. Er muss nicht erfahren, dass er in Kriegsgefangenschaft gerät und dort stirbt.«
   »Ich mach das schon«, jollte ich zurück. »Mädchen glaubt man eher als Jungen.« Zögerlich ließ ich den Henkel meiner ledernen Umhängetasche durch die Finger gleiten. »Viele werden sterben.« Ich schluckte. »Aber Sie nicht.« Ich hoffte, Wilhelm sah mir mein schlechtes Gewissen nicht an. Dass er seinen Sohn nie zu Gesicht bekommen würde, tat mir unendlich leid.
   In Wilhelms Augen bildeten sich Tränen. »Ihr müsst mich nicht schonen. Sagt mir wenigstens die Wahrheit über meinen Sohn. Was für ein Mensch ist er geworden?«
   Schweren Herzens erzählten wir ihm, was wir von Oma wussten. Wir sagten ihm auch, dass Ernst, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade der Bringer war. Er hatte sie ausgenutzt, schlecht behandelt, belogen und betrogen.
   »Nein, bitte nicht!« Wilhelm gab sich sichtlich Mühe ruhig zu bleiben. »Dann ist aus ihm ein komplett anderer Mensch geworden, als ich es mir für ihn gewünscht habe.« Überwältigt von seinen Gefühlen, schwieg er einige Zeit, bevor er weitersprach.
   »Na ja …« Es klang etwas verlegen, »ich kann ihm trotzdem unendlich dankbar sein, denn durch ihn gibt es euch. Und jetzt kommt mit. Vielleicht kann ich etwas für euch tun.«

Kapitel 6
Der Navajo-Code

Eine furchtbar hektische Stimme unterbrach uns.
   »Mensch Wilhelm, da bist du ja.«
   Ein hochgewachsener Soldat kam im federnden Laufschritt angerannt. Er besaß ein auffallend kindliches Gesicht voller pubertärer Pickel. Hinter verschmierten, runden Brillengläsern lagen helle, unsicher blickende Augen. Er klopfte Wilhelm auf die Schulter. »Irgendwo brennt die Luft ganz gewaltig«, sagte er erschöpft, während er seine schiefsitzende Brille zurechtrückte. »Ich glaube, die Niederlage ist unabwendbar.«
   Wilhelm musterte ihn verstohlen. Uns schenkte er keine Beachtung mehr.
   »Woher weißt du das, Kalle?«
   »Ein Sonderfunkspruch ist eingegangen. Genaugenommen waren es zwei, beide mit hoher Dringlichkeitsstufe. Sie wurden abgefangen und sollen von uns dringend dechiffriert werden. Hier, trink erst mal einen Schluck auf den Schreck.«
   Der nette Kamerad hielt Wilhelm eine Flasche hin.
   Wilhelm wehrte sie ab. »Weißt du, wie lange das her ist? Wann kamen die Funksprüche denn?«
   »Vielleicht vor einer halben Stunde.«
   »Mensch Kalle!« Wilhelm rieb sich entsetzt übers Gesicht. »Du hättest mich sofort holen müssen. Stattdessen hat mich dein Spannemann zum Oberscharführer geschickt. Wenn der das spitzbekommt, vierteilt der uns.«
   Kalle senkte sichtlich zerknirscht den Blick. »Ich muss dir noch was sagen.«
   »Ja?«
   »In der Hektik habe ich blöderweise das Tintenfass umgekippt, genau auf die Originale.« Kalle holte tief Luft. »Es war ein Versehen, wirklich.«
   »Kalle, du hast was?«
   »Das eine Blatt blieb völlig unversehrt, das andere hat es leider erwischt. Die Nachricht ist fast vollständig hin.«
   »Das kann doch nicht wahr sein. Gibt es wenigstens Abschriften?«
   »Nein!«, wimmerte Kalle. Tränen traten in seine Augen.
   »Verdammt!« Wilhelm packte ihn am Kragen. Er war richtig wütend. »Ich habe dir doch genau erklärt, wo die Tinte zu stehen hat. Warum hast du nicht einfach auf mich gewartet?«
   »Ja, das weiß ich, aber …« Kalle schluchzte auf, wie ein kleines Kind.
   »Konntest du trotzdem was erkennen?«
   Kalle sah der Nase lang nach unten.
   »Los Kalle, ein bisschen schneller.«
   »Bedauerlicherweise nicht mehr viel.« Kalle japste und verhaspelte sich. »Nur … na ja! Den letzten Satz kann man noch halbwegs lesen. Er gehört ausgerechnet zu dem Funkspruch, der einigermaßen Sinn macht. Der andere, unversehrte, beinhaltet den größten Blödsinn.«
   »Habt ihr versucht, das, was ihr habt, zu entschlüsseln?«
   »Na, das ist doch die Scheiße.« Kalle riss sein Käppi vom Kopf und raufte sich die Haare. »Der Code ist einfach nicht zu brechen. Ich verstehe das auch nicht. Da muss uns wer verarscht haben.«
   »Kalle, jetzt mal langsam und von vorn. Woher kamen die Nachrichten?«
   Kalle zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Von irgendeinem Geheimdienst.«
   »Welcher? Russen oder Amis?«
   Kalle schüttelte den Kopf. Sein Blick sagte alles. »Ich habe sie mitgebracht. Hier, guck selbst.« Kalle gab Wilhelm zwei bedruckte Blätter. »Auf dem ist alles drauf, aber hier …« Er rieb sich über die Stirn, schluckte und wirkte angespannt. »Na ja, sieh selbst. Ich jedenfalls werde nicht schlau daraus. Der Inhalt ist vollkommener Quatsch. Das musst du doch auch so sehen.«
   »O Mensch, Kalle! Du bringst uns in Teufels Küche.«
   »Hast du den Funkspruch bestätigt?«
   Kalle wurde blass. »Scheiße, ja!«
   »Himmel, Arsch und Zwirn, wieso?« Wilhelm starrte ihn an. »Wenn du weißt, dass es Blödsinn ist, warum hast du das getan? Wir müssen sofort den Oberscharführer informieren. Kalle, du musst die Schnauze halten, hast du verstanden? Los, schnell, hol mir was zum Schreiben.«
   Kalle nickte emsig und machte den Abflug.
   Wir beugten uns gemeinsam über den unverschlüsselten Text, ohne etwas damit anfangen zu können. Er lautete:

»DIBEH BA-GOSHI CHA GLOE-IH WOL-LA-CHEE A-CHIN AH-TAD AH-JAH DAH-NES-TSA AH-NAH AH-LOSZ BE-TKAH A-KEH-DI-GLINI TLO-CHIN KLIZZIE AH-JAH NASH-DOIE-TSO«

Bei dem anderen war tatsächlich nur der letzte Satz zu lesen, wenn er auch nicht schlüssig war.

»SCHWANGERER VOGEL JAGT FISCHE IM RAUCH«

Wilhelm kratzte sich am Kopf. »Das ist wirklich ein ausgemachter Blödsinn. Da muss ich Kalle ausnahmsweise recht geben.«
   »Würde ich nicht sagen«, setzte Claudio zum Widerspruch an. »Mich erinnert das an eine Fernsehsendung. Weißt du noch Marka, du hast mir daraufhin die Hölle heißgemacht, dass ich im Internet recherchieren soll. Es ging um eine Gruppe Indianer, die einen verrückten Geheimcode erfunden haben, der einfach nicht zu knacken war. Sie haben vor einigen Jahren dafür sogar die goldene Ehrenmedaille von Amerika abgestaubt.«
   »Ja, Indianer!« Ich runzelte die Stirn.
   »Ich glaube, es waren Komantschen«, fuhr Claudio fort.
   »Stimmt, Komantschen. Jetzt fällt es mir wieder ein, und die meisten waren vom Stamm der Navajo. Genau, die Kryptologie der Navajo-Indianer. Die Amis haben sich ihrer merkwürdigen Sprache bedient. Sie brauchten einen sicheren Code, um geheime Botschaften untereinander auszutauschen, damit sie die Japaner besiegen konnten. Wann war das noch gleich?«
   Statt mir zu antworten, richtete Claudio den Blick auf Wilhelm. Er rang um Worte. »Im Zweiten Weltkrieg, also jetzt.«
   Wilhelm wurde blass und stammelte. »Die Japaner sind unsere Verbündeten. O mein Gott!« Mit offenem Mund stand er da, starrte uns zutiefst niedergeschmettert an. Dann jedoch straffte sich sein Körper. »Für gewöhnlich gehen uns die Japsen nichts an. Ihre Kampfhandlungen beziehen sich ausschließlich auf den pazifischen Raum.«
   Ich fischte nach dem Blatt mit der Übersetzung. Mehr für mich las ich laut vor. »Schwangerer Vogel! Eindeutig ein Vogel, der ein Ei in seinem Bauch trägt.«
   »Ne, Marka!« Claudio leckte sich über die Lippen. »Damit ist ein Flugzeug gemeint, das Bomben in sich trägt. Das liegt doch klar auf der Hand. Im Internet stand, dass die Navajos ihre eigene Sprache extra mit Geheimausdrücken verschlüsselt haben, deren Bedeutung nur sie kennen. Aber mittlerweile ist uns die Indianersprache allgemein bekannt. Also: Schwangerer Vogel – Bomber; Fische – Unterseeboot oder Schiff; Rauch – Nebel. Zumindest passt der zum jetzigen Wetter.« Seine Augen richteten sich gen Himmel. »O Mann, die dunstige Suppe da oben schluckt alles, was bei über fünf Metern durch die Luft fliegt.«
   Wilhelm folgte Claudios Blick. Etwas in seiner Mimik veränderte sich. Für einen kurzen Moment sah ich Tränen in seinen Augen glitzern. »Ihr verdammten, scheiß Amis«, rief er, sich hilflos gebärdend. Seine rechte Faust schlug blindlings nach oben. »Ihr wollt uns bombardieren. Ja, genau das habt ihr vor. Aber ich durchschaue euer beschissenes Spiel. Jawohl, kommt nur! Uns lockt ihr nicht so einfach aus unserer Stellung.«
   Claudio legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es sind nicht die Amis, Wilhelm. Auf dieser Insel haben das, soviel ich weiß, die Engländer getan.«
   »Das ist doch völlig egal«, schnaubte er. »Für mich ist das alles ein und dasselbe Gesocks, genau wie die scheiß Bolschewisten.«
   »Aber die wollen auch nur überleben«, sagte Claudio, sanft meine Schulter streichelnd. »Es bringt nichts, wenn du jetzt überreagierst. Du setzt dich nur noch mehr einer Gefahr aus. Der Krieg ist bald vorbei und dann sind die Nazis fällig. Bist du eigentlich auch einer?«
   »Ein Nazi?« Wilhelm äffte Claudio fassungslos nach. »Gott bewahre! Mit diesen brutalen Schlägern habe ich nichts am Hut. Um euch mache ich mir Sorgen. Wie es aussieht, seid ihr zum ausgesprochen ungünstigsten Zeitpunkt herbeordert worden.«
   »Aber genau das ist doch unsere Absicht«, entfuhr es mir. »Wir können nicht tatenlos zusehen, wie in Cyana alles zusammenbricht. Deinetwegen sind wir auch hergekommen.«
   Wilhelm fuhr sich über die Augen. Sein Gesicht wirkte plötzlich sehr hager. »Aber hier könnte es sehr bald heiß hergehen. Hinzu kommt die Kälte.«
   Claudio versuchte ein Lächeln. »Wir frieren uns gern den Hintern mit dir zusammen ab. Und abwimmeln lassen wir uns auch nicht so schnell.«
   Wilhelm versuchte, krampfhaft ruhig zu bleiben. »Erst einmal muss ich mir wegen des Funkspruchs etwas ausdenken. So kann ich diese zwei Exemplare jedenfalls nicht abgeben. Der Oberscharführer denkt sonst, ich will ihn endgültig verarschen.«
   »Dann lass uns einen neuen Spruch aufsetzen«, entgegnete ich. »Einen, der für uns passt.«
   »Genial!« Claudio nickte. »Dann können wir uns ja sonst was ausdenken. Wichtig ist, dass die Insel nicht mit Radioaktivität verseucht wird.«
   Wilhelm schaute uns mit beeindruckter Mine an. »Ihr seid unglaublich. Ich wundere mich inzwischen über nichts mehr. Aber na gut!« Er griff uns rechts und links bei den Schultern. »Dann lasst uns mal überlegen, was ich schreiben könnte.« Er stutzte. »Sagt mal, ist euch überhaupt bekannt, ob auf diesem Gelände radioaktive Sprengsätze hochgegangen sind? Wir forschen an einem neuartigen Raketentyp und im Kriegszustand kann schnell etwas aus dem Ruder laufen.«
   »Es war die Rede davon, ja«, gab Claudio unumwunden zu. »Deshalb wurde auch der Teil, in dem sich der Tunnel befand, von den Witariern abgeschottet. Im Falle einer Kontaminierung wäre Witara sonst verstrahlt worden. Gott sei Dank ist es nicht dazu gekommen.«
   »Also nein«, Wilhelm stieß scharf die Luft aus. »Dann dürfte auch kein Plutonium freigesetzt worden sein.« Er dachte offensichtlich nach, bevor er sprach. »Ich gehe mal davon aus, dass die Alliierten sehr wohl Bescheid wissen über unser Tun in der Heeresversuchsanstalt. Wie wäre es, wenn wir ihre Bomber austricksen und lediglich vorgeben, unsere Raketenabschussrampen in die Luft zu jagen? Dann gehen wir dem Risiko aus dem Weg, dass der Oberscharführer durchdreht und auf sie schießen lässt. Nach der Sprengung lassen wir alle Truppen abrücken, damit es echt aussieht. So können wir zumindest die Verluste auf beiden Seiten minimieren.«
   Ein eisiger Hauch glitt meinen Rücken hinunter. Jetzt würde es ernst werden. Ich sah Wilhelm an. Seine Augen waren glasig. »Weshalb warst du vorhin skeptisch, als wir aufgetaucht sind?«, fragte ich ihn, »und wieso dachtest du, dass wir ausgebüxt wären? Gibt es hier außer den Soldaten noch andere Menschen?«
   Mit fahrigem Blick bestätigte Wilhelm. »Ja, die Zwangsarbeiter im KZ-Außenlager. Da sind auch Halbwüchsige dabei. Aber die sind ein ganzes Stück weiter weg untergebracht. Seit einem von den russischen Kriegsgefangenen vor Kurzem die Flucht mit einem unserer Flugzeuge gelungen ist, ist das Vorschrift. Uns wurde zwar erzählt, dass man ihn abgeschossen hat, aber das glauben wir nicht. Um unseren Kampfgeist aufrechtzuerhalten, lügen die uns doch die Hucke voll. Wenn der Kerl durchgekommen ist, hat er auch Geheimnisse verraten. O Gott! Vielleicht war das der Grund für den Funkspruch.«
   »Soweit ich das beurteilen kann, können Kriegsgefangene gar nichts wissen«, sagte Claudio.
   Wilhelm richtete den Blick geradeaus auf ein Gebäude mit Schornstein. Ich betrachtete sein Profil. Sogar das sah aus wie das unserer Mutsch. Am meisten erinnerte mich der entschlossene Zug um seinen Mund an sie.
   »Das hier ist eine Raketenversuchsanstalt, mein Junge. Wir betreiben aufwendige Forschungen zur Herstellung von neuartigen Triebwerken. Was meinst du, wer die Startbahnen und die Rampen dafür gebaut hat? Für solche schweren Arbeiten werden ausschließlich Zwangsarbeiter eingesetzt. Sind schon arme Hunde, vor allem die Russen. Haben das Konzentrationslager überstanden und müssen sich unter diesen miserablen Bedingungen zu Tode schuften.«
   »Und wie sehen diese Forschungen aus?«, fragte Claudio. Wilhelm kniff den Mund zusammen. »Wollt ihr das wirklich wissen?«
   »Keine Angst.« Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wir können es ohnehin niemandem sagen. Du weißt doch, wir sind unsichtbar.«
   »Nun ja!« Wilhelm druckste herum. Seine Mine verriet tiefe, innere Erregung. »Alles hier geschieht unter strengster Geheimhaltung, denn es ist illegal. Habt ihr schon einmal etwas vom Versailler Vertrag gehört?«
   »War das nicht ein Friedensabkommen?«, mutmaßte Claudio.
   »Ja«, antwortete Wilhelm in anerkennendem Tonfall. »Er wurde 1919 geschlossen und Deutschland hat dabei unter anderem einem Rüstungsabbau zugestimmt. Das Problem ist nur, dass sich unser Führer nicht daran halten will. Im Gegenteil, er forscht seit Kriegsbeginn mit aller Macht an einer serienreifen Wunderwaffe. Und da er die nicht bauen darf, ist absolutes Stillschweigen angesagt. Nun wird aber seit geraumer Zeit über eine Kriegsniederlage gemunkelt, was die Situation erneut angeheizt hat. Und siehe da, unser gewiefter Herr Hitler hat plötzlich eine Lücke in dem Vertrag gefunden. Diese besagt, dass das Rüstungsverbot nur für schwere Geschütze gilt, wie für Panzer oder U-Boote, nicht aber für solche Fernraketen, wie er sie haben will. Die gab es damals nämlich noch nicht. Darauf beruft sich der Führer. Er hat für sich festgestellt, legal und ungehindert daran forschen zu können. Unsere V1- und V2-Raketen konnten allerdings nicht die gewünschten Erfolge erzielen, obwohl sie vor einem halben Jahr erst siegreich gegen London eingesetzt wurden. Deshalb lechzt er nach einem neuen Raketentyp. Er will noch weitere Entfernungen überwinden und eine präzisere Zielgenauigkeit erreichen, um mit leichteren Flugbomben mehr zu zerstören. Das soll unser neuestes Baby, die V3, bewirken. Mit radioaktiven Sprengsätzen bestückt, wird ihr eine noch größere Reichweite und eine noch präzisere Zielgenauigkeit nachgesagt als ihren Vorgängerinnen, den V1 und V2. Die deutsche Raketentechnik erwartet einschlagende Ergebnisse, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen würden. Hitler will damit die sich abzeichnende Niederlage abwenden. Wenn er damit mal nicht auf die Schnauze fällt. Meines Erachtens ist es zu spät dafür. Der Zeitpunkt des ersten Probedurchlaufs ist nämlich noch strittig. Seht ihr die Erhebungen dort hinten?« Er deutete auf Erdwälle. »Dort werden die Abgase unterirdisch abgeleitet. Aus der Luft sind sie auffälliger als Maulwurfshügel. Sie könnten ganz fix bombardiert werden.«
   »Wie weit seid ihr mit euren Forschungen?«, wollte Claudio wissen. »Ist der neue Raketentyp bereits einsatzfähig?«
   »Wir sind nah dran«, gab Wilhelm bereitwillig Auskunft. »Der endgültige Durchbruch steht kurz bevor. Wir haben bereits mehrfach Versuche mit Flüssigkeitstriebwerken unternommen, die weit über vierhundert Kilometer erreichen können. Die wichtigsten Arbeitsvorgänge sind mir natürlich fremd, obwohl ich mehr erfahre als manch anderer.« Er knüllte sein Käppi zusammen und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Wie konnte er bei dieser Arschkälte nur schwitzen?
   »In dem Zusammenhang fällt mir noch etwas anderes ein.« Er rieb sich nachdenklich übers Gesicht. »Mist, ich könnte mich in den Arsch beißen, weil ich dem zu wenig Bedeutung beigemessen habe.«
   Claudio sah ihn interessiert an. »Warum denn?«
   »Ach, ich habe gestern nach unbekannten Fernsprechsignalen gesucht und bin dabei auf eine Frequenz gestoßen, auf der eine Funkdepesche von unseren eigenen Leuten abgesetzt worden ist. Mir ist immer noch schleierhaft, wieso sie überhaupt auf dieser unsicheren Wellenlänge durchgekommen ist. Zumal die Information als hochbedeutsam eingestuft wurde. Es scheint mir fast, dass es Absicht war.«
   »Konntest du sie denn verstehen?«
   »Ja, ohne Probleme. Das ist ja das Rätselhafte. Allerdings war ich mir unschlüssig, was ich davon halten sollte. Es ging dabei um schweres Wasser. Genaugenommen um fünfzig Fässer davon, die auf dem Seeweg von Norwegen nach Deutschland verschifft worden waren. Bevor ich erfahren konnte, ob sie angekommen sind oder nicht, war die Verbindung hinüber. Ich habe dann heimlich Erkundigungen eingezogen. Wie es scheint, sind sie verschollen. Also habe ich besser geschwiegen.« Seine Augen verengten sich einen kurzen Moment. »Halt!«, setzte er hinzu. »Einem Menschen habe ich es gesagt. Es war ein blutjunger Soldat, der zufällig hereingeplatzt war. Ich glaube nicht, dass er wusste, worum es dabei ging. Außerdem hat er mir Stillschweigen geschworen.«
   »Und was hat es damit auf sich?«, fragte Claudio. »Ich meine, mit dem schweren Wasser.«
   Wilhelm seufzte. »Nun gut, ich will es euch erzählen. Also, unsere Streitkräfte haben das schwere Wasser während der Besetzung Norwegens in einem Wasserwerk entdeckt. Wie der Name vermuten lässt, ist es schwerer als herkömmliches Wasser, weil es mit Substanzen angereichert wurde, die sehr reaktionsfreudig sind. Gerät das Zeug mit der Atmosphäre in Kontakt, neigt es zur spontanen Explosion.«
   Claudio wurde hellhörig. »Explosion?« Er wechselte einen Blick mit mir. »Stimmt das wirklich?«
   »Ja.« Wilhelm nickte. »Das hat ein Chemiker aus unserer Truppe ausgeplaudert. Ich habe ihn aus Neugier um Rat gefragt. Er sagte, das Zeug wäre extrem heimtückisch, schlimmer als die Pest, wie ein lautloses Sterben gewissermaßen.«
   »Yep.« Ich klopfte mir auf die Schenkel. »Das könnte die Ursache für die knallenden Geräusche auf Cyana sein.«
   Claudios Augen weiteten sich vor Überraschung. »Aber wieso heimtückisch?«
   Schuldbewusst senkte Wilhelm den Kopf. »Weil dieses verfluchte Wasser weder zu riechen, noch zu schmecken oder zu sehen ist. Es ist quasi wie reines Wasser. Der Chemiker sagt, dass die, die davon trinken, daran sterben, ohne mitzubekommen, warum.«
   »Sterben an Wasser? Ist es denn verschmutzt?«
   »Nicht im Sinne von verdreckt, wenn du das meinst. Man hat den herkömmlichen Zustand verändert, indem man die normalen Wasserstoffatome durch Deuterium, das ist ein schweres Wasserstoffatom, ersetzt hat. Aus H2O wurde chemisch gesehen D2O, eine völlig neue Verbindung mit einer höheren Dichte, die träge und schwer ist. Wird es geschluckt, unterbindet es die Zellteilung. Es saugt sämtliche Energie aus den Zellen, sodass ein Fortleben auf lange Sicht unmöglich ist. Ein qualvoller Tod ist die Folge.«
   »Mein Gott, Antons Abgeschlagenheit«, rief ich. »Er ist an dem Hüllenriss vorbeigeschwommen.«
    »Mensch klar.« Claudio blähte die Wangen. »Die Stelle an dem Riss wird sich mit dem schweren Wasser vermischt haben und allen, die damit in Berührung gekommen sind, erging es wie Anton.«
   »Das passt auch zu den beschädigten Meerespflanzen und den toten Fischen«, fügte ich hinzu. »Was meinst du, Wilhelm, sind die Fässer sicher? Ich meine, könnte das Wasser ausgetreten sein, weil sie wegen des Meerwassers rosteten?«
    Wilhelm war während unserer Überlegungen blass geworden. »Das sind doch alles nur Mutmaßungen, Kinder. Es wurde nicht gesagt, dass die Behälter noch existieren. Soviel ich weiß, haben die Alliierten einen großen Teil davon gesprengt. Es könnten genauso gut alle zerstört worden sein.«
   »Und wieso denkst du, wurde die Nachricht absichtlich gesendet? Doch bestimmt, weil sie unvollständig oder falsch war.« Claudio starrte ihn von der Seite aus an.
   Kalle kam wieder in Sicht. Schnellen Schrittes trabte er heran. »Wie es aussieht, stecken wir ganz schön in der Scheiße.« Er reichte Wilhelm einen A5-Block mit aufgedruckten Kästchen am obersten Drittel. Ich erhaschte einen Blick darauf. Die markierten Linien darunter waren anscheinend für die Funksprüche gedacht.
   »Hier die Feder. Die Tinte darin müsste ausreichen.« Er sah Wilhelm unsicher an. »Was willst du überhaupt schreiben?«
   Wilhelms Gesichtsmuskeln strafften sich. Man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. »So genau weiß ich das auch nicht. Ich weiß nur, dass ich etwas erfinden muss.«
   Kalle grunzte. »Mannoman …« Die Stimme versagte ihm. »Was für ein elendes Schlamassel. Ich wünschte, ich könnte von hier abhauen. Vorher würde ich den scheiß Laden in die Luft sprengen«, krächzte er.
   Wilhelm sah ihn aufrichtig bekümmert an. »Lass mich mal besser allein, Kalle. Bei deinem Geschwafel kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Denk daran, Kalle. Kein Wort. Zu niemandem. Wir bekommen sonst größte Schwierigkeiten.«
   »Jawohl, Herr Unteroffizier! Werde schweigen wie ein Grab!«
   »Jaja, nun mach dich dünne.«
   Kalle blickte drein wie die Kuh, wenn‘s donnert. »Soll ich nicht doch …«
   »Nein.«
   Mit beleidigter Miene rauschte Kalle ab. Als er außer Hörweite war, nahm Wilhelm den Faden wieder auf. »Und? Was schreib ich nun?« Sein Blick richtete sich auf uns. »Jemand eine Idee? Na?«
   Claudio nickte. »Auf jeden Fall müssen wir verhindern, dass die neuen Raketen über die Abschussrampen laufen. Das würde den Krieg nur unnötig verlängern und weitere Opfer kosten.«
   »Gut.« Wilhelm war einverstanden. »Dann gebe ich was vor.« Er riss ein Blatt vom Block, nahm die Feder zur Hand und vermerkte nach kurzer Überlegung mit akkurater Blockschrift.

Kameraden,

getreu dem Fahneneid werden wir niemals kapitulieren. Noch ist die Lage nicht hoffnungslos. Heute Nacht erfolgt die Sprengung der neuen Abschussrampe. Dem Sprengmaterial ist eine große Menge Holzmehl beizumischen. Die Rauchsäule soll die totale Zerstörung vortäuschen. Anschließend unverzüglich mit dem Abmarsch der Truppen beginnen.

Heil Hitler

»Wenn das klappt«, sagte Wilhelm nach einer kurzen Wartepause, »könnten wir die englischen Bomber vertreiben, ohne dass wir auf sie schießen müssen. Das wird eine Riesensache.« Gut gelaunt sah er uns an. »Noch Einwände?«
   »Nein!« Claudio warf mir einen schrägen Blick zu.
   Ich schüttelte den Kopf.
   Wilhelm faltete das Papier zusammen und steckte es ein. Dann drückte er mit schelmisch funkelnden Augen die Zigarette an der Schuhsohle aus und marschierte auf das Quartier des Oberscharführers zu. »Mal sehen, was Kickel dazu sagt, ich hoffe, er bemerkt nichts.«
   »Was?« Claudio stieß mich prustend in die Seite. »Wie heißt der? Kickel? Das ist ja lustig.«
   »Ich könnte auch jedes Mal wiehern, wenn ich ihn ansprechen muss«, sagte Wilhelm. Er warf die Schnipsel der zwei zerrissenen Blätter in die Gosse. Der Regen hatte zugenommen und schwemmte sie schnell mit sich fort.

Wilhelm klopfte an Kickels Tür.
   »Ja, verdammt!«
   Wilhelm trat ein. Kickel schien geschlafen zu haben. Seine Augen waren halb zu und verquollen.
   »Sie schon wieder«, keifte er mit herrischer Miene. »Wehe Ihnen, Wirtsler, wenn es nicht wichtig ist.« Er nahm das Schreiben zur Kenntnis. »Oh, höchste Dringlichkeitsstufe«, verkündete er in seiner großspurigen Art, nachdem er es wohl mehrmals gelesen hatte. »Na also, machen wir es.« Er schwieg kurz, schien zu überlegen. »Ach ja, Wirtsler, Sie trommeln schnellstmöglich unseren Führungsstab zusammen. Ich will ihnen die neue Vorgehensweise höchstpersönlich erklären. Treffpunkt in einer Stunde im Kameradschaftsheim. Schaffen sie das?«
   Wilhelm zuckte mit keiner Wimper. Er salutierte höflich und rauschte ab.
   Draußen machte er sich Luft. Aufgebracht öffnete er das zusammengefaltete Blatt – Kickels Liste. Zehn hingekritzelte Namen standen darauf. Alles Männer, die die Sprengung organisieren sollten.
   »Wisst ihr, wie weit die voneinander entfernt wohnen?«, wetterte er. »Die Versuchsanstalt zieht sich kilometerweit auseinander, wie eine einzige, große Stadt.« Seufzend verzog er das Gesicht. »Das ist eine richtig lange Strecke.«
   Wir hasteten von einem Wohntrakt zum anderen. Unterwegs erzählte uns Wilhelm, dass die Wohnsiedlungen zur Unterbringung der angeworbenen Wissenschaftler und Techniker vor einigen Jahren aus dem Boden gestampft wurden. Es gab Sporthallen, mehrere Restaurants und sogar Kinos. Nach gefühlten fünf Stunden, die Dämmerung setzte bereits ein, folgten wir Wilhelm in einen kargen, ungemütlichen und hell erleuchteten Raum, dessen Fenster mit dunklem Stoff abgedichtet waren. Immer wenn sich die Tür öffnete und ein weiterer Mann mit einem zackigen »Heil Hitler« eintrat, änderte sich der Geräuschpegel im Raum, denn er war schalldicht isoliert. Jeder der Ankömmlinge hatte entweder eine Zigarette im Mund und verpestete die Luft oder paffte Pfeife. Kickel war der Schlimmste von allen, denn er rauchte Kette. Er setzte sich erst, nachdem alle anderen an dem langen Tisch Platz genommen hatten. Wilhelms Schreiben machte die Runde.
   Kickel gebärdete sich, als wäre er höchstpersönlich der Verfasser und verantwortlich dafür. Er räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen.
   »Der Führer hat recht. Wir müssen in den sauren Apfel beißen und wenigstens so tun, als würden wir das Herzstück unserer Heeresversuchsanstalt vernichten, bevor es dem Feind in irgendeiner Weise anheimfällt.« Er hielt kurz inne, wohl um seine Worte wirken zu lassen. Niemand äußerte sich. »Mal angenommen«, sagte er mit ausladender Handbewegung, »wir lassen zu Beginn nur ein paar kleine Sprengungen hochgehen, um auf uns aufmerksam zu machen.« Er sah einen stämmigen, bebrillten Mann an, der ihm gegenübersaß. Zwei derbe Handschuhe lagen vor ihm auf dem Tisch. »Wäre das sinnvoll, Meyer?«
   »Der Sprengexperte«, säuselte Wilhelm hinter vorgehaltener Hand. »Hat richtig was auf dem Kasten, der Mann.«
   Meyer erhob sich zögerlich. »Entschuldigen Sie, Herr Oberscharführer, aber das würde nur eine mäßige Rauchentwicklung nach sich ziehen. Von Weitem wäre sie kaum zu erkennen.«
   »Aber das weiß ich doch selbst«, polterte Kickel heroisch. »Die eigentliche Explosion müsste deshalb in der nächsten halben Stunde erfolgen. Der Feind soll nur denken, dass wir mit der Vernichtung unserer Forschungsergebnisse beginnen. Obwohl, da fällt mir gerade ein, man könnte ruhig ein bisschen radioaktives Material beimischen, für den Fall, dass die Flugzeuge Geigerzähler einsetzen. Dann sieht es glaubhafter aus.«
   Meyers Blick erstarrte. Schweißtropfen glitzerten auf seiner Stirn. »Radioaktive Isotope beizumischen, äh«, stotterte er kleinlaut, »halte ich für zu gefährlich. Die momentan ungünstige Windströmung aus Meeresrichtung könnte unseren Stützpunkt gefährden. Wir werden auch ohne diese Maßnahme genügend Aufsehen erregen. Wer glaubt schon, dass wir nur zum Schein sprengen?«
   Mit schnellen Strichen brachte er seine Vorstellungen auf eine Tafel, die ich gut einsehen konnte. Er skizzierte Fragmente eines ungenutzten Gebäudeareals nahe der Rampe, das kontrolliert in die Luft fliegen sollte. Um alles echt erscheinen zu lassen, sollten gleich mehrere Ladungen angebracht werden, die im selben Zeitabschnitt detonieren müssten. Er schlug vor, zu dem Schwarzpulver und dem Holzmehl noch herkömmliches Mehl hinzuzufügen, damit richtig viel Staub verbrannte. Ein randvoll mit Treibstoff gefüllter Lastkraftwagen könnte auch nicht schaden. Wegen des enormen Arbeitsaufwands und der Kürze der Zeit müsste natürlich viel improvisiert werden. Auch auf zusätzliche Kontrollen würde verzichtet werden müssen. Es musste alles auf Anhieb klappen.
   Kickel hob in gezierter Manier den Zeigefinger. »Ich liebe Kettenreaktionen«, gab er theatralisch von sich, »und deshalb bestehe ich auch auf meine zeitlich versetzten Sprengungen. Und wo Sie gerade die Windströmung erwähnt haben, Meyer. Dazu hätte ich eine geradezu famose Idee. Stehen da nicht die Baracken der Fremdvölkischen in der Nähe?«
   »Hä?« Claudio zog die Brauen hoch. »Wen meint er damit?«
   »Das glaube ich jetzt nicht«, murmelte Wilhelm. »Er meint die Kriegsgefangenen.«
   Meyer erhob sich. Er war blass und schwitzte. »Jawohl! Die befinden sich dort.«
   Kickel stieß ein heiseres Lachen aus. Es glich einem gekünstelten Bellen. »Was meinen Sie, Meyer? Könnten wir die windschiefen Baracken nicht gleich mit hochgehen lassen? Wir rücken ohnehin morgen ab.«
   Meyers Hände krallten sich an der Tischkante fest. Sein Beben war dennoch nicht zu übersehen. »Tut mir leid, wenn ich widersprechen muss. Aber des Nachts ruht die Produktion.«
   »Das sollte weiß Gott keine Frage sein, Meyer.« Kickel haute auf den Tisch. »Deshalb erlaube ich auch nicht, dass Sie widersprechen. Ich wollte mir lediglich Gewissheit verschaffen. Alles andere ist ein Befehl.«
   »O Gott, Wilhelm.« Ich stupste ihn an. »Die sind imstande, Menschen in die Luft zu jagen. Das dürfen wir nicht zulassen.«
   Wilhelm deutete ein Achselzucken an. »Was soll ich denn machen?«, fragte er gequält.
   »Versuch, es zu verhindern«, flehte ich. »Was denn sonst?«
   »Das kann ich nicht«, wisperte er hinter vorgehaltener Hand. »Denen ist der Verlust von Menschen genauso unwichtig wie das Schlachtvieh, das sie massenweise vertilgen. Zwangsarbeiter sind in ihren Augen nur totes Material zur Erreichung ihrer Ziele.«
   Ich hatte das Gefühl, durch meine Adern pumpte heiße Lava. »Dann tu erst recht was, bitte.«
   Wilhelm sprang auf. »Wie wäre es mit einer großflächigen Evakuierung?«, schlug er mit schüchterner Ernsthaftigkeit vor. »Personal ist genügend vorhanden.«
   Der rauchende Typ zu seiner Linken warf ihm einen überraschten Blick zu. Rauchwölkchen stoben durch seine wulstigen Lippen, direkt in Wilhelms Gesicht. »Für solche Mätzchen fehlt uns die Zeit«, schnauzte er mit breitem Froschmaul. Seine zusammengewachsenen Brauen wackelten beim Sprechen, wie festgeklebte, haarige Raupen. »Es müssen Opfer gebracht werden, Wirtsler. So verlangt es der Führer. Also reden Sie keinen Unsinn. Befehl ist Befehl, verstanden?«
   »Na warte, du aufgeblasener Mistkäfer!« Claudio machte einen langen Arm und schwups hatte er Froschmaul eine Ladung Haare aus dem fettigen Pony gerissen.
   »Autsch!«, krähte der und schnellte in die Höhe. Sein vor Schreck hochrotes Gesicht war schmerzhaft verzogen. Die Kippe fiel ihm aus dem Mund.
   Geistesgegenwärtig knallte ihm Wilhelm die Hand gegen die Stirn. Extra derb, wie ich an dem belustigten Funkeln seiner Augen erkennen konnte. »Da bist du ja, du Mistvieh«, schnaubte er. »Herrgott, diese verdammten Wespen!«
   Ich verkniff mir das Lachen. Wespen im Februar …
   Wie vom Donner gerührt starrte Froschmaul Wilhelm an, als er das imaginäre Insekt auf den Boden klatschte und zertrat. Ich befürchtete, dass der Typ ausrasten könnte. Doch Froschmauls Mundwinkel verzogen sich zu einem gezwungenen Lächeln. Mit sichtlich verwirrtem Kopfschütteln legte er seinem Retter versöhnlich die Hand auf die Schulter. »Gute Reaktion, Wirtsler. Ich bin Ihnen sehr verbunden.«
   »Gern geschehen«, imitierte Wilhelm dessen Höflichkeit. »Für gewöhnlich kommen die Biester erst sehr viel später aus ihren Löchern. Ich weiß auch nicht, was sie dieses Jahr gestochen hat.«
   »Ihr seid unmöglich«, sagte ich. »Alle beide.«

Glücklicherweise hatte niemand Verdacht geschöpft.

Kapitel 7
In Schutt und Asche

Noch in derselben Nacht explodierten mehrere Sprengladungen mit grellen Detonationsblitzen und ohrenbetäubendem Lärm. Die erste glich einem gefühlten, mittelschweren Erdbeben. Als es vorbei schien, gab es einen letzten, fürchterlichen Schlag und eine gewaltige Feuersäule, die gelb glühend durch die Finsternis schoss, wie hundert Blitze zusammengenommen. Tonnen von Holz und Steinen flogen durch die taghell gewordene Nacht. Wo die Teile aufschlugen, hinterließen sie lodernde Brandherde, die je nach Windrichtung alles mit ihrem dicken, beißenden Rauch einnebelten. In kürzester Zeit war nichts mehr wie zuvor.
   Das erschreckende Ausmaß der Sprengungen offenbarte sich erst im Morgengrauen. Im Umkreis von mehreren Hundert Metern stand kein Baum mehr. Die Druckwelle hatte sogar Schornsteine gefällt, die weiter entfernt standen. Überall ragten abgebrochene Steinsockel ruinengleich aus den Trümmern. Es war die totale Zerstörung.
   Atemschutzmasken wurden verteilt und es lag nahe, dass Kickel seine Drohung wahr gemacht hatte, bezüglich des Einsatzes von radioaktiven Stoffen. Wie alle Männer vor Ort hatte auch Wilhelm rot geäderte Augen und sein Atem ging schwer. In Panik zog er sich eine Maske übers Gesicht. Er sah furchterregend aus.
   »Wollt ihr zur Vorsicht auch eine?«, fragte er mit hilfloser Geste, bevor er versuchte, das Gummi seinem Gesicht anzupassen.
   Claudio schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Als Gäste in dieser Zeitepoche bleiben wir von den Konsequenzen verschont, auch wenn es für dich aussieht, als würden wir sie miterleben.«
   »Bist du dir sicher?«, blubberte Wilhelm durch den Filter der Maske. »Ich würde nicht darauf vertrauen. Besser, ihr schützt euch.«
   »Glaub es mir ruhig«, fuhr Claudio ungerührt fort. »Wir fungieren lediglich als beratende Beobachter.«
   Verblüffung zeichnete sich hinter Wilhelms leicht beschlagenen Augengläsern ab. »Bewiesenermaßen könnt ihr mehr als sehen, mir zum Beispiel die Hand drücken, oder die Sache mit den rausgerissenen Haaren.«
   »Das stimmt«, erwiderte ich anstelle von Claudio. »Wir können auch Gerüche wahrnehmen und Gefühle empfinden.«
   »Ihr meint also«, Wilhelm ruckte an seiner Maske herum, »dass ihr hier seid, aber nichts gemein habt mit dem, was sich hier abspielt? Die Schutzmasken wären also völlig überflüssig? Ihr würdet ohnehin niemals zu Schaden kommen, egal was geschieht?«
   »Jetzt hast du es erfasst. So gesehen sind wir nur passiv gegenwärtig.«
   Wilhelms ungläubige Blicke rissen nicht ab. »Nun gut, ich verstehe es zwar nicht, aber ich muss es wohl glauben.«
   Er zeigte zum Explosionsort. »Da haben die Baracken gestanden. Ich schätze, ihr wollt mitkommen.«
   Von Weitem erkannte ich, dass es katastrophale Verwüstungen gegeben hatte. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. Alles lag in Schutt und Asche versunken. Hinter Wilhelm her überquerten wir den vom Ruß und Regen glitschig gewordenen Boden. Schmierseife war nichts dagegen. Je mehr wir uns der Explosionsstelle näherten, desto mehr verstärkte sich der Brandgeruch. Am Bestimmungsort bot sich uns ein verheerender Anblick. Anstelle der einstigen Gebäudeformation klaffte ein staubgeschwängerter, tiefer Krater. Drumherum und so weit das Auge reichte, ragten schaurig schwarze Holzstämme aus verkohltem Untergrund. Die Feuersbrunst hatte alles niedergewalzt. Trotz Maske klagte Wilhelm über Kopfschmerzen und brennende Augen. Kein Wunder, es stank erbärmlich nach etwas undefinierbar Verbranntem.
   Eingezwängt zwischen ihm und Claudio blieb ich vor einem gewaltigen Loch stehen. »Wie viele Menschen haben hier wohl gelebt?«
   Wilhelms Maskenkopf ruckte herum. »Ich weiß es nicht«, erwiderte er stockend. »Ich fürchte, es interessiert auch niemanden.«
   »Vielleicht haben sie noch rechtzeitig das Weite suchen können«, setzte Claudio hinzu. »Ich meine, sie müssen doch mitbekommen haben, dass was im Gange war. Was stinkt hier bloß so nach …?«
   »Nach verbranntem Fleisch?« Durch Wilhelms Atemfilter klangen die Worte wie ein Schrei. »Ich hoffe, es waren Tiere«, fügte er leiser hinzu.
   Mir wurde übel bei dem Gedanken, dass es keine gewesen sein könnten.
   Der Ostseewind frischte auf. Mit schneidender Kälte pfiff er uns um die Ohren, zerrte an den Klamotten und peitschte uns Staubkörnchen ins Gesicht. Wir kämpften uns bis fast zur Steilküste vor, steuerten einen grauen Felsklotz an, der übersät war mit zerklüfteten, spröden Rissen. Als einzige Erhebung bot er wenigstens etwas Schutz. Abgewandt vom Meer hockten wir uns dahinter und zwangen uns zur Ruhe. Die Luft war hier erheblich sauberer und Wilhelm riskierte es, die Maske abzunehmen. Ein paar Sonnenstrahlen kämpften sich zu uns herab. Ich streckte ihnen mein Gesicht entgegen und nahm plötzlich ein Geräusch wahr. Schwach, wie ein leises Grummeln im Stein, bebte es in meinen Knochen wieder. Da weder Claudio noch Wilhelm reagierten, verdrängte ich es und sagte nichts. Wahrscheinlich hallten die Explosionsgeräusche von vorhin in meinem Inneren nach. Doch die Erschütterung verstärkte sich, also fasste ich misstrauisch nach hinten und legte die Hände gegen den Felsen. Das erspürte Geräusch war nun eindeutig zu fühlen.
   »Was ist?« Claudio sah mich schief an. »Du guckst so seltsam.«
   Bevor ich etwas erwidern konnte, zerriss ein gewaltiger Knall die staubgeschwängerte Luft und brachte den Klotz ins Wanken.
   »Weg hier«, kreischte Wilhelm, »die Steilküste bricht ab!« Er sprang auf, griff nach meinem Arm und zerrte mich mit.
   »Nein!« Ich versuchte ihn abzuwehren, weil Claudio in der Dreckwolke verschwunden war, die der auseinanderbrechende Felsklotz hinterlassen hatte. Wilhelm schnappte mich, ohne auf meinen Einspruch zu achten, und warf mich wie einen Kartoffelsack über die Schulter. Ich riss den Kopf hoch und sah Bäume in den neu entstandenen Schlund krachen, gefolgt von Geröll.
   Plötzlich sah ich eine Bewegung. Claudio. Er machte Anstalten, auf den größten, übrig gebliebenen Teil des Felsens zu klettern, was garantiert bedeutete, dass er mit ihm abstürzen würde.
   »Nein, nicht! Das ist Wahnsinn.« Ich schrie mir die Lunge aus dem Hals. Dann drehte sich alles in meinem Kopf. Mir wurde schlecht und ich musste würgen. Wilhelm rannte wie ein angestochener Esel zurück ins Landesinnere, ohne auf das Trommeln meiner Fäuste zu reagieren. Dass mein Kopf gegen seinen Rücken knallte, machte alles nur schlimmer. Endlich stellte er mich auf die Beine. Ich brüllte nach meinem Bruder, immer und immer wieder – doch umsonst. Claudio hatte es nicht geschafft. Die herabstürzenden Erdmassen mussten ihn mit sich gerissen haben. Panische Angst umklammerte mich. Ich verfiel in einen Heulkrampf und ignorierte, dass Wilhelm mir über den Rücken streichelte.
   »Vielleicht hat er einen Ausweg gefunden. Möglich wäre es immerhin. Ich traue dem Jungen allerhand zu.«
   »Wie denn?« Meine Stimme schoss nur so hinaus. »Er kann schlecht geflogen sein.«
   »Wenn die Erschütterungen vorbei sind, durchsuchen wir alles gründlich. Kopf hoch, Marka. Noch ist nichts verloren.«
   Wilhelm hatte recht. Claudio war schon öfter am Arsch gewesen. Bei ihm konnte man nie wissen.

*

Unwillkürlich rutschte mir ein Schluchzen heraus. Ich war gescheitert, und zwar auf gesamter Linie. Dabei hatte sich Wilhelms Information von dem schweren Wasser so hoffnungsvoll angehört. Gemeinsam hätten wir es schaffen können – er, Claudio und ich. Und nun? Jeder einzelne Knochen in meinem Körper tat weh. Mein Kopf platzte beinahe vor Sorge um meinen Bruder und verdammt, ich wusste nicht einmal, wie es jetzt weitergehen sollte. Würde ich ohne ihn zurückgehen können oder für immer hier bleiben müssen? Am Ende würde ich ebenfalls zugrunde gehen.
   Von Wilhelm abgewandt, überlegte ich; von entscheidender Bedeutung war doch, ob er den Sturz überlebt hatte. Unsere Energiereserven wären nicht unendlich, hatte Rusto gesagt. Zu meinem Geburtstag müssten wir wieder in Cyana sein. Heute war der zweite Tag. Nur vier blieben uns noch.
   Voller Anspannung rieb ich mir die Nase. Mein Gehirn war wie leergepustet, meine Zuversicht in Luft aufgelöst. Da pikste mich was in den Rücken.
   »Au!«, kreischte ich. »Wilhelm, was soll das …« Mein Satz erstarb, weil er mit kratziger Stimme etwas verkündete.
   »Siehst ganz schön ramponiert aus.« Dann prustete er los.
   Was sollte das? Warum lachte er?
   Aus reiner Nervosität fuhr ich herum. Nicht Wilhelm, sondern eine Gestalt, staubig wie ein Zementsack, erhob sich in voller Größe. Sie presste ein Taschentuch auf ihr Gesicht. Für einen Moment blieb mir die Luft weg. Sprachlos wich ich zurück, drohte zu stolpern und wurde aufgefangen. Ich befreite mich abrupt. Die Gestalt schwenkte nach hinten weg. Jetzt konnte ich sie besser sehen. Sekunde mal. Ich gaffte sie leicht benommen an.
   Mit hängendem Kopf nuschelte sie. »Es tut mir leid!« Das Tuch fiel hinab. Ein altvertrautes Lachen erklang. »Ich dachte eigentlich, mein liebes Schwesterlein erkennt mich schneller.«
   »O mein Gott, Claudio!« Ich flog in seine Arme und vergrub das Gesicht in seinem Hals. »Ich dachte schon …«
   »Nicht denken, erst gucken!« Sein Krächzen war verflogen. Er schmatzte mir einen dicken Kuss ins Haar und drückte mich an sich.
   »Junge, Junge«, sagte Wilhelm mit schockiertem Gesicht. »Du hast vielleicht eine Sprungtechnik drauf. Wie zum Teufel hast du es geschafft, da rauszukommen? Ich habe mir fast in die Hose geschissen, als ich dich auf dem abgesprengten Stein gesehen habe.«
   Claudio streckte sich. »Ich bin halt ein guter Sportler, weiter nichts.«
   »Moment«, unterbrach ich ihn. »Nicht nur.«
   »Aha!« Wilhelm blickte uns total begriffsstutzig an. »Was kommt denn noch?«
   »Mein Brüderchen ist etwas ganz Besonderes.« Ich klopfte auf Claudios Jacke. Staub stob hervor. »Er und ich unterliegen einer unumstößlichen Bestimmung, die es nur in Witara gibt. Dort sind Erstgeborene mit Wissen ausgestattet und Zweitgeborene mit Geschicklichkeit und Kraft.«
   Beeindruckt schnellte Wilhelm rum zu Claudio. »Hm! Abgesehen davon, dass du Letzteres zwar vorhin bewiesen hast, bist du entschieden größer als deine Schwester. Deshalb nehme ich an, dass du der Ältere bist.«
   »Ha!« Claudio griente. »Da liegst du so was von falsch. Marka ist die Erstgeborene.«
   Wilhelm wischte sich hilflos übers Gesicht. Sein Blick suggerierte Fassungslosigkeit. »Jetzt hört aber auf!«
   »Doch!« Ich schenkte ihm ein besonnenes Lächeln. »Von der Größe her könnte man das tatsächlich denken, aber es ist komplizierter, als es aussieht.«
   Wilhelm riss die Augen noch weiter auf. »Erst- und Zweitgeborene? Was ist da der Unterschied? Redet ihr wirklich von der Zukunft Deutschlands? Ich meine, was geschehen denn da für merkwürdige Dinge?«
   »Wieso Deutschland?« Claudio schob die Unterlippe vor. »Wir sprechen die ganze Zeit von Witara, der Heimat unserer Oma. Von Deutschland aus sind wir ihren Spuren gefolgt und in einer alten Mine gelandet. Dort sind wir durch einen grauenvollen Beschleunigungstunnel nach Witara gerast. Das war wahrlich kein Vergnügen. Aber es hat sich gelohnt.«
   Wilhelm schwieg einen Moment. Wahrscheinlich versuchte er, sich bildhaft vorzustellen, was wir ihn glauben machen wollten. »Jetzt verstehe ich. Ich fürchtete schon, dass diese komischen Gesetzmäßigkeiten auch in Deutschland gelten.«
   Ich räusperte mich. »Jetzt noch mal zurück zu Claudios reaktionsschnellem Sprung«, sagte ich. »Der ist in der Tat nicht von ungefähr gekommen. In Witara bezeichnet man Claudio als eine Art Wunderkind. Zumindest zeitlich begrenzt, denn er ist neun Monate später geboren als ich. In den übrigen drei Monaten vereinen sich in ihm das Wissen eines Ersten und die Kraft eines Zweiten. Er ist in dieser Zeit beides, gleichermaßen klug und geschickt. Ein Sonderrecht, das er übrigens als einziges Individuum genießt. Es gibt auch kein weiteres Geschwisterpaar in dieser Welt, das gedankliche Fusionen miteinander austauschen kann. Das ist beispielsweise im Moment der Fall. In vier Tagen habe ich Geburtstag und werde fünfzehn, dann sind Claudios Allroundfähigkeiten wieder vorbei und er ist ein ganz normaler Zweitgeborener …«
   »… bis ich Geburtstag habe und auch fünfzehn werde und endlich wieder beides bin«, vollendete Claudio den Satz. Ein ergriffenes Lächeln umspielte seine Lippen. »Ja, wir sind schon ein einzigartiges Gespann, die absolute Ausnahme unter Geschwistern.«
   »Du meine Güte!« Wilhelm fasste sich an die Herzgegend. »So was Abenteuerliches gibt es in eurem Witara?«
   »Abenteuerlich? Das ist gar kein Ausdruck, Wilhelm.« Ich musste schmunzeln, wegen seiner euphorisch gehobenen Stimme. »Witara ist das absolute Sinnbild für etwas nie Dagewesenes. Dort gibt es Vögel, groß wie Flugzeuge und Fische wie Unterseeboote. Es ist verrückt und ausgefallen da, aber auch gleichzeitig irrsinnig schön.«
   »Jesses Maria. Du machst Witze.«
   »Nein, Wilhelm, es ist die reine Wahrheit.« Eine Flutwelle von Erinnerungen flutschte in mir hoch. Ich dachte an Mutsch, Oma und Kujo und konnte die Tränen nur mühsam verhindern. »Ich hoffe, wir können bald dorthin zurückkehren«, schniefte ich mit verschwommenem Blick.
   »Das werden wir.« Claudio sah mich an. »Ganz bestimmt sogar.«
   Wilhelm betrachtete die abgebröckelten Zerklüftungen, an denen der Felsbrocken einst gelegen hatte. »Seht ihr das auch?« Er ging einen Schritt darauf zu. »Was für eine ordentlich gemauerte Rundung.«
   Wir folgten ihm. Ich erkannte, dass exakt an der Stelle, an der die Steilwand abgebrochen war, eine saubere Wand eine halbseitige Kurve im Erdreich beschrieb – ein Anblick, der mir seltsam bekannt vorkam. »Claudio, sieh nur«, rief ich. »Das sind dieselben braunen Steine wie vorhin. Da geht es zur Blase runter. Erinnere dich, als wir ausgestiegen sind, waren wir auch fast am Abgrund.«
   Claudio ging zu Wilhelm. Einige Meter dahinter, genau wie bei unserer Ankunft, fiel die Steilwand ab.
   »Stimmt«, stieß er aus. »Bloß gut, dass der Eingang verschüttet ist. Stell dir vor, ein dämlicher Nazi würde ihn finden.«
   »Na, na.« Wilhelm boxte ihm gegen die Brust. »Du meinst doch wohl nicht mich damit?«
   »Ne, Wilhelm. Du hast schon bewiesen, dass du es wert bist, gerettet zu werden. Oder, Marka?«
   »Ja, na klar. Dann wäre dir wenigstens nichts pa…«
   Eine entfernte Stimme unterbrach mich. »Wirtsler, herkommen! Abmarschbefehl.« Ein Typ mit schiefergrauem Haar winkte mit der Mütze. Zu Wilhelms Leidwesen war es Kickel.
   »O Mist!« Seine bestürzte Miene zeigte Angst.
   Claudio hob die Brauen. »Noch ist Zeit. Wir könnten uns bis zur Blase durchbuddeln, ohne dass er es sieht. Dort wärst du in Sicherheit.«
   Wilhelm sah ihn an, schien zu überlegen, schüttelte dann jedoch den Kopf. »Vorhin hast du gesagt, ihr könnt die Vergangenheit nicht ändern. Dann versucht es auch nicht. Lasst mich meinen Weg gehen. Er ist mir vorherbestimmt.«
   »Wirtsler. Das ist ein verdammter Befehl!«
   »Tut mir leid, Kickel ruft.« Wilhelm setzte zum Gehen an und drehte sich zu uns um. »Ich bin so verdammt stolz auf euch«, sagte er mit hilflosem Blick. Seine Augen glänzten. »Ganz schön beeindruckend, was ihr leistet. Meinen Sohn Ernst streiche ich einfach aus meinem Gedächtnis. Wenn ich sterbe, werden meine Gedanken bei euch sein. Ihr besitzt meine Gene. Ihr seid echte Wirtsler. Ich danke Gott, euch kennengelernt zu haben. Lebt wohl, ihr zwei, und grüßt meine Enkelin, eure Mutter.«

Mir zog sich der Magen zusammen. Die Worte fehlten mir.

Kapitel 8
Die gerechte Strafe

»Komm, lass uns aus dieser Pampa verschwinden.« Claudio rempelte mich an. »Das mit dem schweren Wasser ist ein richtig guter Hinweis.«
   Ich spähte hinter Wilhelm her. Mir war flau zumute. »Aber wir wissen nicht, wo wir es finden können. Es ist irgendwo in der Ostsee verschollen, du hast es selbst gehört. No way, Claudio. Die Information reicht nicht aus. Wir müssen weitersuchen, und dafür brauchen wir Wilhelm.«
   »Oder denjenigen finden, dem er es erzählt hat.«
   »Du meinst den Mitwisser?« Ich fixierte ihn mit kritischem Blick. »Da können wir auch gleich bei Wilhelm bleiben. Das wäre viel einfacher.«
   »Du willst ihn bloß nicht allein lassen. Hab ich recht?«
   »Das auch.« Ich sah weg. »Ich käme mir irgendwie schoflig vor.«
   »Ist schon okay.« Er strich mir über die Schulter. »Dann gehen wir halt ein Stückchen mit ihm mit. Wilhelm, warte mal«, rief er mit bestmöglicher Überzeugungskraft. »Ich glaube, so einfach kommst du uns nicht davon. Ab jetzt hast du Begleitschutz.«
   Als wäre er gegen eine Wand gerannt, blieb Wilhelm stehen.
   Kickel drohte jetzt mit Nachdruck. »Wollen sie sich etwa drücken, Wirtsler? Hierher, aber dalli. Sonst hänge ich Sie eigenhändig am nächsten Baum auf.«
   Claudio sah sich um. »An welchem Baum denn? Hat der Hirni was an den Glotzern?«
   Wilhelm musterte uns, als wir ihn erreichten. Sein Vorgesetzter fuchtelte mit den Armen. Das rot angelaufene Gesicht glänzte schweißnass. Wilhelm riss sich die Mütze vom Kopf und drehte sie sichtlich nervös in den Händen umher. »Entschuldigung, Herr Oberscharführer, aber ich hatte ein dringendes Bedürfnis.«
   »Wann hier gepinkelt wird, bestimme ich. Verstanden? Also, wer zum Teufel hat Ihnen erlaubt, in der Weltgeschichte herumzurennen?«
   Wilhelm schluckte, ließ sich aber nicht aus der Reserve locken. Er tat, als starre er Löcher in die Luft, dabei warf er uns halbherzige Blicke zu. Wir konnten Wilhelm gut sehen. »Jetzt wird’s eng«, nuschelte er.
   »Was faseln Sie da, Wirtsler?« Der Oberscharführer stülpte sich die Mütze auf den Kopf. »Sie haben wohl nicht nur einen Gehörschaden, es juckt Ihnen wohl auch das Kinn, was? Und wagen Sie nicht, zu widersprechen. Es würde Ihnen nicht gut bekommen.«
   Wilhelms Gestalt verkrampfte sich.
   Sonnenlicht quälte sich durch die Wolken, und ausgerechnet jetzt, da ihn sein Vorgesetzter runtermachte, blinzelte er dagegen an.
   »Auch noch frech werden, was? Tun Sie nicht, als würde ich Witze machen.« Der Oberscharführer legte die Hände auf den Rücken. Sein dicker Bauch drückte sich unästhetisch heraus.
   »Guck doch nur mal, was für ein erbärmlicher Fettwanst.« Aus Claudios Worten sprach maßlose Wut. »Am liebsten würde ich ihm eins reindonnern. Mal sehen, ob er dann immer noch ‚ne Lippe riskiert.«
   Wilhelm schoss ihm funkelnde Blicke zu. »Na dann mach doch«, sagte er mitten in das Feuerwerk seiner Verzweiflung.
   »Ah, der Herr kann sprechen. Schade nur, dass ich nichts verstanden habe.«
   »Zahnschmerzen, Herr Oberscharführer«, sagte Wilhelm mit wackliger Stimme. »Ein verdammter, vereiterter Backenzahn.«
   »Kameraden gehen vor die Hunde und Sie kommen mir mit solch einer Lappalie? Jetzt hören Sie mir mal ganz genau zu, Wirtsler. Wir beide, Sie und ich, sind noch lange nicht fertig miteinander, verstanden?«
   »Wir auch nicht«, rief Claudio ihm nach. »Sieht aus, als ob er eine zweite Lektion braucht.« Mit prüfendem Blick starrte er dem Major auf die Schuhe. »Sieh nur, Marka, findest du nicht auch, dass er ziemliche Plattfüße hat?«
   »Hä? Wo denn? Das finde ich nicht.«
   »Noch nicht.« Er kicherte. »Aber gleich.«
   Ich verstand nicht recht.
   Er baute sich vor Kickel auf. Sein Rücken berührte beinahe den dicken Bauch. Sofort spulte sich vor meinem inneren Auge ab, was gleich geschehen würde. Und tatsächlich. Mit einem riesigen Satz schnellte Claudio in die Höhe. Als er wieder aufkam, stanzten sich seine Hacken in die Schuhspitzen des Oberscharführers. Der heulte auf wie eine Sirene und sprang von einem Bein auf das andere.
   »Autsch.« Mit diebischer Freude zog ich die Unterlippe zwischen die Zähne.
   »Danke«, knurrte Wilhelm und verkniff sich ein Grinsen.
   »Gern geschehen, Uropa. War mir ein Vergnügen.«
   Einen kurzen Moment herrschte Ruhe. Dann schmetterte Kickel mit gellender Stimme los. »Ein Angriff! Alarm!« Er schnappte aufgeregt nach Luft, schrie dann den wie erstarrt dastehenden Wilhelm an. »Haben sie es auch erkennen können, Wirtsler? Genau hier, direkt vor meinen Augen ist ein Sprengsatz explodiert.«
   Wilhelm schlug die Hände vor den Mund, um sein Lachen zu verstecken. »Jawohl Herr Oberscharführer. Äh, ich meine, nein.« Seine Stimme überschlug sich fast.
   »Sind sie blind? Sie hätten etwas sehen müssen. Das war eindeutig ein Einschlag. Sind Sie auch getroffen worden?«
   »Negativ, Herr Oberscharführer. Habe wohl mehr Glück gehabt als Sie.«
   »Helfen Sie mir schnell. Wir müssen hier weg.« Mit schmerzverzerrtem Gesicht stützte sich der Humpelnde auf Wilhelms Rücken. Wilhelm konnte kaum laufen unter seinem Gewicht. Claudio und ich folgten ihnen. Im Gehen hieb Claudio dem verdutzten Kickel gelegentlich noch mal eins zwischen die Schulterblätter.
   »Eine meiner Spezialbehandlungen«, entschlüpfte es ihm als Antwort auf Wilhelms Grinsen.
   Ein Schlag traf besonders derb. »Aua, mein Kreuz.« Kickel ging keuchend in die Knie. »Helfen Sie mir auf, Sie Idiot.« Er riss ungeduldig an Wilhelms Arm. »Wenn das nicht die Russen sind …«
   Verschwörerisch grienend drehte sich Wilhelm zu uns um. Sein Blick sagte alles. Kickel hatte mal wieder seine gerechte Strafe bekommen.

*
Um Wilhelm nicht weiter in Schwierigkeiten zu bringen, hielten wir uns mehr als zehn Meter abseits von ihm auf. Kickel und er waren inzwischen bei einer Gruppe Soldaten angekommen. Sofort versammelten sie sich um die zwei und löcherten sie mit Fragen. Damit niemand argwöhnisch wurde, bestätigte Wilhelm Kickels Schauermärchen von den Russen, die er mit einer gewissen Dramatik zum Besten gab. Wilhelms Gesten, seine Mimik und die Blicke, die er uns demonstrativ zuwarf, erheiterten uns natürlich.
   Der anhaltende Eisregen hatte alle mittlerweile völlig durchnässt. Die Soldaten zogen die Köpfe ein, denn der schneidende Wind tat zudem sein Übriges. Zum Glück schützten uns die Kapuzen unserer wasserdichten Jacken und die Schuhüberzieher, die wunderbar wärmten. Rusto hatte uns hervorragend ausgerüstet. Nach zehn Minuten entfernte sich Wilhelm langsam von seiner Truppe. Anfangs stellte er sich etwas abseits, um nicht aufzufallen, dann bewegte er sich allmählich weiter in unsere Richtung. Niemand, selbst Kickel nicht, nahm Notiz davon. Um sich unbemerkt mit uns unterhalten zu können, antwortete er nur leise, zumeist hinter vorgehaltener Hand.
   »Möchtest du nicht mehr von deiner Enkelin wissen?«, fragte Claudio ihn. »Wer sie ist, was sie macht?«
   Mit gewecktem Interesse senkte Wilhelm die Lider. Dass er vor Nässe triefte, schien ihn nicht im Geringsten zu stören.
   »Sie besitzt schwarze Haare wie Marka und ist genauso hübsch«, fügte Claudio hinzu. »Nur nicht ganz so …« Er schaute mir auf den Busen, »na ja, ähm, zart.«
   Ich blitzte unter dem Rand meiner Kapuze hervor. »Haha, saukomisch. Und du meinst, dass Wilhelm das wissen will.«
   »Wilhelm ist ein Mann. Die gucken immer zuerst auf das Äußere, oder nicht?«
   Wilhelm verzog die Lippen. Leuchteten seine Augen etwa, oder lag es am Regen? Wahrscheinlich beherrschte er sich, um nicht zu lachen.
   Claudio schob ein paar lästige Haarsträhnen zurück. »Ich weiß, dass dich das wurmt, Marka.« Sein neckischer Ton ging mir dermaßen auf den Keks und sein unbekümmerter Blick, der ein weiteres Mal meine mickrige Oberweite streifte, natürlich ebenso. Ich errötete, woraufhin er beschwichtigend die Arme hob und salopp fortfuhr. »Na, so dramatisch, wie du tust, ist es überhaupt nicht. Schau dir Mutsch an. Aus ihr ist schließlich auch noch eine klasse Frau geworden.«
   Ich setzte einen entrüsteten Blick auf. Sicherlich war ich etwas zu mager, fast sogar knochig und anders als die Busenbomber-Greta, die bestimmt gerade mit ihrem Small-Talk-Getue Kujo bezirzte, besaß ich keine erwähnenswert großen Brüste. Aber war das wichtig? Jetzt? Hier? Um von mir abzulenken, wandte ich mich hastig an Wilhelm. »Unsere Mutsch, also deine Enkelin, heißt Juna. Sie hat bis vor Kurzem in Sachsen-Anhalt gewohnt und in der Pflanzenforschung gearbeitet. Sie hat ein gutes Abitur hingelegt und anschließend Pharmazie studiert. Deinen Sohn Ernst, also ihren Vater, hat sie nie kennengelernt. Oma hat ihn vor ihrer Geburt rausgeschmissen. Wir wissen fast nichts über ihn. Oma weigert sich mit aller Macht, über ihn zu reden. Jetzt ist Mutsch übrigens mit ihr in Witara, wo sie bestimmt für immer bleiben will. Ach ja, Claudio und ich besitzen verschiedene Väter. Deshalb auch unser unterschiedliches Aussehen. Mutsch ist wirklich eine klasse Frau. Da hat er ausnahmsweise mal recht.«
   Wilhelm nickte zaghaft. Freude leuchtete aus seinen Augen.
   Claudio hingegen schwieg. Ein schmerzlicher Ausdruck huschte über sein Gesicht. Mit der Erwähnung seines Vaters, oder besser gesagt seines Erzeugers, hatte ich ihn an seinem wundesten Punkt getroffen. Am liebsten würde er die Sache um ihn ein für alle Mal totschweigen. Doch das ging nicht mehr. Wilhelm war sofort darauf angesprungen.
   »Kennt ihr denn wenigstens eure Väter?«, wollte er wissen. Während ich verneinte, grummelte Claudio vor sich hin.
   »Ja, leider!«
   »Er ist nicht gut auf ihn zu sprechen«, merkte ich schnell an. »Er hieß Harkas und war ein Gewalttäter, Mörder und Betrüger. Jetzt ist er tot.«
   »Ach du meine Güte.« Wilhelm begutachtete Claudio mit einem mitleidigen Blick. »Wenn du nicht darüber sprechen willst, ist das nicht schlimm.«
   Claudios Blick zuckte kurz zu mir, und ich begriff. Er wollte, dass Wilhelm es erfuhr.
   »Er hat unsere Mutsch hypnotisiert, als ich gezeugt wurde, und sie sozusagen …« Er schluckte schwer, bevor er es aussprach, »vergewaltigt.«
   »Was?« Wilhelm rang nach Luft. Seine Fäuste ballten sich und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Was für ein furchtbares Schicksal hat meine Juna nur ereilt?« Er schüttelte den Kopf und sah Claudio fassungslos an. »Und Juna hat wirklich nichts davon …?« Die Stimme versagte ihm.
   Claudio umfasste beidhändig seinen Hals. Dabei sah er Wilhelm fest ins Gesicht. »Nein, sie hat nichts bemerkt und auch keine Schmerzen verspürt, falls du das denkst. Harkas hat zuerst ihre Gedanken ausspioniert. Danach hat er ihre Fruchtbarkeit dahin gehend manipuliert, dass sie ein Kind empfangen kann, und sie dann, ohne dass sie es bemerkte, in Bedrängnis gebracht, um seine Stammesfolge zu sichern.«
   »Verdammt«, fluchte Wilhelm. »So ein Verbrecher.«
   »Sie dachte sogar lange Zeit«, fuhr Claudio fort, »dass ich von dem Mann abstamme, der auch Markas Vater ist. Als sie es erfuhr, hat sie die Hölle durchgemacht. Aber Harkas hat letztendlich seine Strafe bekommen. Sein Vorhaben, Witaras Macht an sich zu reißen, ist gründlich in die Hose gegangen. Der feige Hund hat sich umgebracht, als er aufgeflogen ist.« Claudio lachte bitter auf. »Als er sich aus großer Höhe auf einen meterdick zugefrorenen See gestürzt hat, herrschte in Witara eine ominöse Dunkelheit. Sie kommt alle dreißig Tage und ist zeitlich auf neun Stunden begrenzt. Wir gehen fest davon aus, dass er das nicht überlebt hat. Obwohl, wissen kann man es nicht. Seine Leiche wurde nie gefunden. Wahrscheinlich haben ihn die weißen Nudelfische gefressen, die den See bevölkern.«
   »Ein See mit Nudelfischen?« Wilhelm sah mich an, als glaubte er, sich verhört zu haben.
   »Ja«, bestätigte ich. »In Witara gibt es echt seltsame Lebewesen. Und Harkas wollte diese wunderschöne Welt, mit all ihren Errungenschaften, aus den Angeln heben, um die alleinige Herrschaft zu erlangen. Der Typ war des Wahnsinns, ein Scheusal und Peiniger, der zerstört, geplündert und viele getötet hat. Unsere Tante Sinja, Omas Schwester, hat es auch nicht überlebt. Er hat sie in eine tiefe Schlucht gestoßen und die Familie damit beinahe um den Verstand gebracht.«
   »Lass gut sein, Marka.« Claudio machte einen Schritt auf mich zu. »Wir konnten das Schlimmste rechtzeitig verhindern. Außerdem ist er jetzt tot.«
   »Was? Es gab Schlimmeres?«, fragte Wilhelm.
   Claudios verhärtete Mine löste sich, wich einem kleinen Schmunzeln. »Lasst uns von etwas anderem sprechen. Harkas ist ein für alle Mal Geschichte.«
   Derlei Stimmungsumschwünge gelangen nur Claudio. Während ich mit meiner maßlosen Wut gegen Harkas kämpfte, legte er seinen Emotionsschalter in Sekundenschnelle um, als hätte es Harkas nie gegeben. Er war schnell wieder ganz der Alte, vollkommen angepasst an eine neue Situation.

Einfach phänomenal.

Kapitel 9
Der Angriff

Wie aus heiterem Himmel schwoll ein lautes Heulen an. Die Soldaten flitzten wie aufgescheuchte Hühner durcheinander. »Alle Mann angetreten und stillgestanden. Los, los, das muss schneller gehen«, brüllte jemand mit gellender Stimme.
   Besorgt sah Wilhelm uns an. Er hatte sich auf eine Steinformation gerettet und hielt Ausschau nach seiner Truppe. Als er sie gesichtet hatte, nahm er einen letzten, tiefen Zug von seiner Zigarette und löste sich mit hängenden Schultern. »Ich muss helfen, unsere mobile Funkstelle auf einen Lkw zu verladen. Na dann«, er hob unweigerlich die Hand, »ich komme schon zurecht.«
   Kickel tauchte auf. Er nahm Wilhelm ins Visier und schritt mit geschwellter Brust auf ihn zu. Der Kerl musste Argusaugen haben. »Wirtsler, Sie elender Feigling«, spie er ihm barsch entgegen. »Wollen Sie hier Wurzeln schlagen. Ich warne Sie.« Er zerrte Wilhelm mit Gewalt an sich ran. Wilhelm strauchelte, versuchte verzweifelt, sich irgendwo festzuhalten und fiel hin. »Wir sehen uns wieder. Ganz bestimmt.« Sein Mund war vor Schmerz verzogen.
   Kickel beäugte ihn kritisch. Er fühlte sich wohl angesprochen. »Was reden Sie da für einen Unfug? Machen Sie lieber, dass Sie vorwärtskommen, und halten Sie die Truppe nicht ständig auf. Jetzt hoch mit Ihnen, Sie Depp!« Mit einem Rempler in Wilhelms Hüfte, schnauzte er haltlos umher.
   Wilhelm hob ruckartig den Kopf. Sein Gesicht war furchtsam verzerrt. Kickel wurde von einer Traube Soldaten abgedrängt. Einer von ihnen hielt Wilhelm die Hand hin und riss ihn schwungvoll hoch. Er wurde vom Strudel der Menge mitgerissen, bis er mit ihnen verschmolzen war. Zwei Männer in weißen Kitteln, die Krankenpfleger, bildeten die Nachhut. Der Erste, ein recht Stämmiger, schleppte eine Tasche mit einem roten Kreuz darauf mit. Der Zweite, er sah viel jünger aus, schulterte eine Bahre, die ihm beim Gehen gegen einen viereckigen Tornister auf seinem Rücken knallte. Ich wollte hinterher, doch Claudio packte mich am Arm. »Nicht«, brachte er heiser hervor. »Lass ihn gehen.«
   Voller Wehmut und mit offenen Fragen sah ich Wilhelm hinterher. Sein unbedeckter, regennasser Kopf tauchte noch einmal kurz auf, ehe er endgültig in der Masse verschwand. Ich war gerührt von seinen Worten, seinem letzten verzweifelten Blick, der mir gleichzeitig die Kraft gab, ihn nicht aufzugeben.
   Claudio blickte zum Himmel. »Ich fürchte, es wird gleich eine Luftoffensive geben. Kickel hat nicht umsonst zum Abmarsch geblasen. Was für ein Datum ist heute?«
   »Sechsundzwanzigster Februar 1945«, antwortete ich.
   »Sicher?«
   »Ja, wir sind gestern, am Fünfundzwanzigsten, aufgebrochen. Außerdem habe ich es auf Kickels Kalender gesehen.«
   Claudios Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Vermutlich haben sie es auf die Soldaten abgesehen. O Gott, wenn das schiefgeht …«
   »Wir müssen ihn warnen«, beschwor ich meinen Bruder.
   »Wie denn? Er ist weg.«
   »Wenn du mir nicht hilfst, ihn da rauszuhauen, mach ich es allein.«
   »Das geht nicht.« Er starrte mich traurig an.
   »Mensch Claudio! Er hat verdammt noch mal ein Recht darauf, dass wir ihn retten. Er ist doch Mutschs Opa.«
   Claudio fuhr mit beiden Händen unter seine Kapuze und raufte sich die Haare. »Aber wir können die Geschichte nicht einfach neu erfinden, Marka.« Er unterdrückte auffällig ein Stöhnen. «Mir gefällt das genauso wenig wie dir. Das weißt du.«
   Ich sah ihm direkt in die Augen. »Wieso die Geschichte? Mir geht es allein um Wilhelms Person. Bitte Claudio, lass es uns wenigstens versuchen.« Ich legte einen flehenden Beiklang in meine Stimme und Claudio gelang es nicht, meinem Blick standzuhalten. Schließlich neigte er den Kopf auf eine Art, die mich Hoffnung schöpfen ließ. »Wir könnten einen Vorwand finden«, nahm ich ihn ins Gebet.
   »Welchen?«, fragte er. »Wie stellst du dir das vor? Es herrscht Krieg, verdammt.«
   »Weißt du, wann genau er sterben wird? Ich meine, hat Rusto es erwähnt?«
   »Warte kurz.« Claudio zog ein zerknülltes Stück Papier aus der Hosentasche. »Ich hab’s mir aufgeschrieben. Ah, hier. Frühsommer 1945 in der Verbannung, irgendwo in Russland.«
   »So bald schon?« Mir lief ein Schauder über den Rücken. Frühsommer konnte im Juni, aber vielleicht auch im Mai sein. Ihm blieb wahrlich nicht mehr viel Zeit.
   Über uns pfiff es. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
   Es knallte mehrmals laut. Ich duckte mich und legte die Hände über den Kopf. Eine seltsame Stille setzte ein. »Waren das Detonationen?«
   »Keine Bange.« Claudio zog mich zu sich heran. »Bomben, die man pfeifen hört, schlagen woanders ein. Komm lass uns etwas abseits laufen. Das Bombardement hat der Wehrmacht gegolten. Die Truppen hauen vor den Russen ab.«
   »Aber Wilhelm …« Ich schritt auf Claudio zu. »Sollten wir ihm nicht helfen, falls er verletzt worden ist?«
   Claudio zögerte kurz. »Dann können wir es auch nicht ändern. Du weißt, er überlebt es.« Ein Grinsen huschte über seine Mundwinkel. »Na los, komm schon. Wir müssen uns beeilen. Er braucht uns jetzt.«
   »Yep, ich wusste es!« Ich ließ mich von ihm mitziehen.
   »Manchmal, Marka«, er stupste mir auf die Nase, »kannst du einem wirklich auf den Drops gehen, mit deinem ständigen Bitte, Bitte.«
   Ich kniff die Augen fest zusammen, um ihm zu demonstrieren, dass ich genau das wusste. Wir konnten uns halt gegenseitig nichts vormachen. Wir kannten uns zu gut.
   In der Ferne machten wir fünf Lastkraftwagen aus. Wir rannten los. Die Hintersten drei waren voll besetzt. Bei den Vordersten standen noch einige Soldaten auf den Rampen. Die meisten waren jedoch bereits hinaufgeklettert. Die, die unten standen, sahen sich ängstlich um. Wie sollten wir es anstellen, Wilhelm aus der Truppe zu isolieren? Ihn überhaupt zu finden? Während wir uns die Köpfe zerbrachen, kamen die zwei Krankenpfleger von vorhin mit wehenden Kitteln angerannt.
   Plötzlich knatterte ein Maschinengewehr los. Einer der zwei machte einen Rückwärtssalto und knallte mitsamt der Bahre zu Boden. An seiner Stirn erschien ein blutiger Punkt. Der andere ließ in totaler Hysterie seine Tasche fallen und rannte schreiend davon. Auch er wurde niedergestreckt. Blutüberströmt blieb er einige Meter entfernt liegen.
   »O mein Gott!« Claudio strich sich die Haare zurück. »Das könnte die Rote Armee sein. Dass sie schon so weit vorgedrungen ist.«
   »Sie haben sie einfach abgeknallt.« Voller Entsetzen wandte ich mich ab. »Auf ihren Armbinden war ein Kreuz.«
   Claudio nahm mich in den Arm. »Das ist der Krieg, Marka, wir sind mittendrin. Im Fernsehen haben sie uns nicht alles gezeigt. Das hier ist die Wirklichkeit. Wie du siehst, ist sie viel schlimmer.«
   Ich japste nach Luft. »Aber es waren Sanitäter. Sie wollten verflixt noch mal helfen.«
   Claudio sah mir in die Augen. Auch seine glänzten feucht. »Der Feind macht keine Ausnahmen. Er muss genauso ums Überleben kämpfen wie die Gegenseite. So ist das Gesetz des Krieges nun mal. Aber wenn wir es nüchtern betrachten, werden wenigstens die Faschisten bald zu Fall gebracht und das Morden ist vorüber.«
   Mein Blick schweifte zu den hinteren drei Armeelastern. Die eng aneinandergedrängten Soldaten reckten furchtsam die Köpfe über die Planen. Gedämpftes Gemurmel war zu hören.
   »Sie werden bestimmt gleich losfahren«, sagte ich mit fahrigem Blick. »In welchem wird wohl Wilhelm sein?«
   »Komm schnell. Wir gehen sie nacheinander ab«, sagte Claudio entschlossen. »Vielleicht kann man irgendwo das mobile Funkgerät erkennen, von dem er gesprochen hat. Außerdem wird er sich unter Garantie gedacht haben, dass wir ihm gefolgt sind. Er wird sicher ab und zu rauslinsen.«
   Ich folgte meinem Bruder und rief an jedem Lkw verzweifelt Wilhelms Name. Im Letzten tauchte endlich sein Gesicht auf. Er gab uns Handzeichen.
   »Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Runter mit der Rübe«, schimpfte jemand mehr überrascht als wütend. Wilhelms Freund Kalle erschien, drückte seinen Kopf nieder und fluchte gedämpft weiter. »Jesses, Teufel noch mal!«
   »Ist gut Wilhelm«, rief Claudio. »Wir wissen jetzt, wo du bist. Wir kommen rauf zu dir.«
   Wilhelm rollten die Tränen übers Gesicht, als wir uns an seine Seite hockten. Es war eng und äußerst unbequem. Außerdem roch es nach Kotze und irgendwer musste sich vor Angst in die Hose gemacht haben.
   Claudio kramte den Zettel wieder hervor. »Am sechsundzwanzigsten Februar starten die Briten einen Bombenangriff auf die Gegend um die Ostsee«, las er vor. »Sie werfen also heute vor Einbruch der Dunkelheit die ersten Bomben ab. Aber keine Angst, du wirst es überleben.«
   In Wilhelms weit aufgerissenen Augen stand Angst. Claudio griff nach seiner Hand und blickte ihn forschend an. »Weißt du zufällig, ob sie euch zum Hafen auf ein Schiff bringen? Hier steht nämlich, dass ein Tanker schwer beschädigt und in der Nähe des Hafens sinken wird.«
   Wilhelms Miene war sorgenvoll verzogen. »Aber dann dürfen wir es auf keinen Fall besteigen«, flüsterte er heiser. »Ich muss die Kameraden warnen.«
   »Wie willst du das bitte begründen?«, fragte ich. »Nein, Wilhelm, rette du dich. Für das Schicksal der anderen bist du nicht verantwortlich.«
   »Pass auf«, sagte Claudio. »Sobald der Lastwagenkonvoi hält, fliehen wir. Vorher musst du unbedingt deine Uniform loswerden.«
   »Wie soll ich das machen? Ich brauche was zum Anziehen.«
   Claudio ließ nachdenklich seinen Blick nach draußen schweifen. An der leblosen Gestalt des einen Sanitäters blieb er hängen. Die Bahre lag noch immer quer über ihm. »Der Kittel. Wir brauchen seinen Kittel.«
   »Dann erschießen sie ihn«, wand ich warnend ein.
   »Tun sie nicht. Hier steht eindeutig geschrieben, dass Wilhelm erst im Frühsommer stirbt.«
   »Claudio, Mensch!« Ich puffte ihn an.
   »Oh sorry, ich Trottel. Es tut mir so leid Wilhelm.«
   Wilhelm runzelte die Stirn. Sie war schweißnass.
   »Wir retten dich«, brachte ich mühsam heraus. »Irgendwie. Du wirst schon sehen.«
   Wilhelm schüttelte den Kopf.
   »Doch!«, bekräftigte ich. »Wir haben die richtigen Informationen, um dir zu helfen. Es gehört zu unserer Mission.«
   »Wir wissen jetzt nicht genau wie«, fiel Claudio mir ins Wort, »denn dazu brauchen wir erst die örtlichen Gegebenheiten. Aber vorerst musst du an den Kittel rankommen. Wir können ihn schlecht holen. Wie soll das aussehen, wenn er durch die Luft schwebt?«
   Wilhelm rang nach Fassung. Sein Atem ging schwer. Ohne ein Wort zu sagen, sprang er von der Ladefläche runter, griff nach der Sanitäter Tasche und zog dem Toten den Kittel aus. Während er beides nach oben warf, klaubte er ihm noch das Käppi vom Kopf. Dann kletterte er im Affentempo wieder hoch. Kalle, der hinter ihm saß, pfiff anerkennend durch die Zähne. Na, du hast vielleicht Mut. Ich hätte mich das nicht getraut.«
   »Ich kann die Medikamente nicht einfach dort vergammeln lassen«, rechtfertigte sich Wilhelm rasch und erntete damit gemeinschaftliches Zustimmen. »Ich kann nicht desertieren. Das ist Landesverrat«, sagte er zu Marca und Claudio.
   Ein schmalgesichtiger Rotschopf mit Sommersprossen sprach ihn mit sächsischem Dialekt an. »Du betest wohl auch, Wilhelm?«
   »Spricht etwas dagegen, Werner?«
   »Nein, nein. Das ist jetzt genau das Richtige.« Ein hoffnungsvolles Glitzern zeigte sich in Werners Augen. »Lasst uns bitte alle zusammen ein Gebet aussprechen. Vater unser, der Du bist im …«
   »Schnauze!«, kam es aus einer der hintersten Ecken. »Oder ich schicke dich eigenhändig zum Teufel.«
   »Lass sie doch«, entgegnete jemand. »Was kann es schaden?«
   Ohne eingeschüchtert zu wirken, setzte sich Werner über den Streit hinweg und betete mutig weiter.
   Plötzlich röhrte der Wagen auf, ruckelte und rollte los. Wir verließen rumpelnd den Stützpunkt in Richtung Küstenstraße. Kein Wort fiel, nur das gleichmäßige Brummen des Motors begleitete uns. Wenige Sonnenstrahlen durchbrachen die Wolkendecke und von tief unten blitzte ein menschenleerer Strandabschnitt empor. Mit sehnsüchtig wirkenden Blicken reckten die Männer die Hälse. Manche rauchten, alle wirkten angespannt und unruhig. Die Angst vor der Ungewissheit ließ sich nur schwer verbergen. Hinter einer lang gezogenen Kurve verlor der Wagen an Geschwindigkeit. Die Kopfsteinpflasterstraße schien nur aus Schlaglöchern zu bestehen. Im Zickzackkurs ging es quälend langsam an langen Reihen vorbeimarschierender Soldaten vorbei. Dieselabgase und der Geruch von Teer und Fisch stiegen mir in die Nase. Das Fahrzeug bremste scharf und schüttelte die Soldaten ordentlich durch. Wir hatten den Hafen erreicht.

Wilhelms Rettung ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

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