Irgendetwas stimmt hier nicht. Warum zum Kuckuck reagiert Kalle nicht, wenn Finja ihn in der Schule anspricht? Finja will ihn nach dem Unterricht zur Rede stellen, doch etwas Merkwürdiges geschieht: Ihrem Mathelehrer, Herrn Sockenschuss, qualmt der Kopf. Als dann auch noch der Schuldirektor eine Ölpfütze neben die Sporthalle pinkelt und ein Typ mit Weihnachtsmannbart und Nudelsieb auf dem Kopf auftaucht, beschließen Finja und Kalle dem seltsamen Treiben in Reichenbach nachzugehen. Ein Plan, der die beiden in große Gefahr bringt ...

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ISBN: 978-9963-52-367-2

Seiten: 117

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Patrick Grasser

Patrick Grasser
Patrick Grasser wurde 1981 in Nürnberg geboren und wuchs in der Nähe von Erlangen auf. Nach dem Zivildienst studierte er evangelische Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit. Seit 2007 arbeitet er als Religionslehrer an Haupt- und Förderschulen. Neben seinem Hauptberuf beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit dem Schreibhandwerk. Patrick Grasser schreibt und veröffentlicht Fachbücher für den Religionsunterricht und Geschichten für Kinder. Im bookshouse-Verlag erschien sein Debütroman für Kinder: „Prinz Leon und der Schwarze Magier“.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Miss Totalschaden

Das knallgrüne Auto rumpelte wie ein übergroßer Laubfrosch um die Ecke und spuckte eine stinkende Rauchwolke aus dem Auspuff. Eine spindeldürre Frau klammerte sich an das Lenkrad. Sie blinzelte hinter zentimeterdicken Brillengläsern hervor und klebte mit ihrer Nase an der Windschutzscheibe.
   Finja verdrehte die Augen und trat vorsichtshalber einen Schritt zur Seite. Wenn Ute Klatschmohn mit ihrem Auto unterwegs war, wurde es gefährlich. Finjas Papa hatte schon viermal den Zaun reparieren müssen, nachdem Ute Mama besucht hatte. Und so, wie Ute heute unterwegs war, würde Papa am Wochenende wieder seine Beschäftigung haben.
   »Solange der Zaun das Einzige ist, was Ute mit ihrem Killerfrosch umlegt, ist alles halb so schlimm«, hatte Papa gesagt, als Ute vergangenen Winter das Gartentürchen umgenietet hatte. Allerdings dürfte es nicht mehr lange dauern, bis dem Killerfrosch erste Fußgänger zum Opfer fielen. Zumindest, wenn Ute weiterhin so häufig zu Mama kam, um Eierlikör zu trinken und sich über diese »rücksichtslosen, egoistischen Schweine« auszuheulen.
   Mit diesen »rücksichtslosen, egoistischen Schweinen« meinte Ute übrigens Männer. Ganz besonders die Sorte Männer, die ihr das Herz brachen. Die ganze Welt schien voll davon. Vielleicht gab es auch einen »Ute-Herzensbrecher-Club«, der sich in einem dunklen Keller traf und Pläne schmiedete, wer, wie und wann Ute als Nächstes das Herz brechen konnte. So, wie Ute heute unterwegs war, hatten die Herzensbrecher wieder einmal gnadenlos zugeschlagen. Das würde ein Nachmittag werden.
   Finja seufzte und bog in den Tulpenweg ein. Am Ende der Straße stand das schiefe Häuschen, in dem sie mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Jonas wohnte. Die Fensterläden mussten dringend gestrichen werden, das wollte Papa dieses Wochenende erledigen.
   Krach!
   Okay, aus den Fensterläden würde nichts werden. Vielleicht sollte Papa lieber einen Gummizaun bauen.
   Utes Wagen hing im Beet mit den Margeriten. Die Vorderreifen drehten sich noch und der Rauch aus dem Auspuff hatte die zersplitterten Zaunlatten mit Ruß verqualmt.
   Finja schob sich an dem verbeulten Auto vorbei und öffnete die Haustür. Schon in der Diele war Utes Heulen zu hören. Finja schüttelte nur den Kopf: Und da sagten die Erwachsenen immer, dass die Pubertät ein anstrengendes Alter sei. So ein Quatsch. Immerhin bekam Finja mit ihren zwölf Jahren so langsam Erfahrung mit der Pubertät, aber im Vergleich mit Utes Stimmungsschwankungen war das ein Klacks.
   »Hallo«, murmelte sie genervt, als sie in der Tür zum Wohnzimmer stand. Sie hatte keinen Bock auf Utes Geflenne. »Zwei in Deutsch, ’ne drei in der Matheabfrage und keine Hausaufgaben. Was gibt’s zu essen?«
   Mama warf ihr einen Du-bist-doch-meine-große-Tochter-Blick zu und goss Ute Eierlikör in ein Glas.
   »Ich mach mir selbst was.« Sie ging in die Küche, holte die Erdnussbutter aus dem Kühlschrank und schmierte sich zwei Brote. Auf dem Weg nach oben hörte sie nur noch, wie Ute schluchzte: »Dieses rücksichtslose, egoistische Schwein. Prost.«
   In ihrem Zimmer ließ Finja den Rucksack auf den Boden plumpsen, warf sich auf ihre Couch und aß. Wenigstens war Jonas diese Woche auf Klassenfahrt. Ihr Bruder war drei Jahre älter als sie, und wenn er etwas nicht leiden konnte, dann war es, wenn sie an seinen Computer ging, um ihre E-Mails zu lesen. Genauso allergisch reagierte er, wenn sie sein ferngesteuertes Auto aus dem Schrank holte und es durch den Garten jagte, obwohl es bei ihm nur herumstand und verstaubte.
   Die Luft in Jonas’ Zimmer roch abgestanden, als hätte er seit Monaten nicht mehr gelüftet. Finja rümpfte die Nase. Also doch keine E-Mails checken. Zumindest nicht ohne Gasmaske. Ihr Blick wanderte über ein staubiges Regal an der Wand. Ausgetrunkene Coladosen, leergefutterte Chipstüten und zerknülltes Papier türmten sich übereinander. Irgendwo darunter musste doch der Geländewagen stecken.
   »Igitt!« Finja blickte angeekelt auf die klebrige Masse, die sich zwischen ihren Fingern zog. »Kaugummi mit Chipskrümeln. Widerlich!« Schnell wischte sie ihre Hand an einem T-Shirt ab, das über Jonas’ Schreibtischstuhl lag. »In Zukunft ziehe ich mir Handschuhe an, wenn ich hier etwas anfasse.« Mit spitzen Fingern schob sie den Müllberg im Regal zur Seite und hob das ferngesteuerte Auto heraus. Wie sehr sie Jonas beneidet hatte, als er es damals zu Weihnachten bekommen hatte. Sie hatte nur eine Puppenküche unter dem Baum liegen – wie langweilig. Mittlerweile hatten es ihre Eltern aber verstanden, dass sie an diesem ganzen glitzernden und putzigen Mädchenzeugs kein großes Interesse hatte. So ein ferngesteuerter Jeep war da schon etwas ganz anderes. Das waren Action und Abenteuer. Finja warf einen Blick in das Batteriefach der Fernsteuerung – alles in Ordnung. Dann konnte es ja losgehen.
   Sie packte Auto und Fernsteuerung und sprang die Treppe hinunter.
   »Ich bin draußen«, rief sie ihrer Mutter zu, als sie am Wohnzimmer vorbei in die Diele sauste. Auf eine Antwort wartete sie erst gar nicht. Mama war bestimmt zu beschäftigt damit, Schreckschrauben-Ute Taschentücher zu reichen und Eierlikör nachzuschenken.
   Draußen war es herrlich. Eine warme Brise fuhr durch Finjas Locken und wirbelte sie durcheinander. Die Sonne blinzelte von einem wolkenlosen Himmel herunter und in den Hecken und Sträuchern zwitscherten die Vögel. Nur der grüne Blechfrosch, der im Gartenzaun hing, passte nicht recht ins Bild.
   »Autofahren will eben gelernt sein.« Finja setzte den Miniatur-Geländewagen auf den Boden, zog die Fernsteuerung aus ihrer Tasche und drückte den Starthebel nach oben. Der Geländewagen surrte und raste quer über den Gehweg. Sie steuerte ihn über die Bordsteinkante. Er holperte über den Gullydeckel und weiter die Straße hinunter. Der Tulpenweg war eine Sackgasse. Die endete an einem schmalen Waldweg, den nur der Förster von Zeit zu Zeit benutzte. Sonst ließen sich hier kaum Autos blicken. Finja lenkte den Jeep auf den Trampelpfad. Der Wagen rumpelte über abgebrochene Äste und Rindenstückchen, an einer Gruppe Pilze vorbei, hinein ins Dickicht der Blaubeersträucher. Wie ein Rammbock schob er die winzigen Äste und Blätter beiseite und donnerte über den moosbewachsenen Waldboden. Im Slalom steuerte Finja den Wagen um die Baumstämme. Sie erhöhte das Tempo. Immer schneller raste der Geländewagen zwischen den Bäumen hindurch und schnurgerade auf einen Felsen zu, der wie eine Sprungschanze aus dem Unterholz ragte. In voller Geschwindigkeit düste der Jeep die Rampe hinauf und zischte über die Kante. Das Auto flog. Finja ließ den Motor aufheulen, bis die Räder in der Luft durchdrehten. Krachend landete das Auto auf einem dicken Ast und rammte gegen einen moosbewachsenen Stein.
   »So ein Mist!«
   Hoffentlich war nichts kaputt. Doch ihr Wunsch wurde nicht erhört. Ein Reifen war abgebrochen und lag zwischen den Sträuchern. Die Windschutzscheibe war blau verschmiert von den Blaubeeren, die das Auto bei seinem Sturz zerquetscht hatte. Mit der Motorhaube musste der Wagen genau auf den winzigen Felsen geknallt sein, so verbeult, wie sie war. Finja fluchte. Jonas würde sie umbringen. Nicht, weil ihm das Auto so viel bedeutete. Sie konnte ihn förmlich hören, wie er sich bei Mama und Papa beschwerte: »Immer muss dieser kleine Störfaktor meine Sachen anfingern.«
   »So, wie es aussieht, ist Ute nicht die Einzige, die Nachhilfe im Fahren braucht. Hoffentlich steckt sie mich nicht auch noch mit ihren anderen Ticks an.« Finja malte sich aus, wie sie wohl in Utes grün und rot geblümter Sommerjacke aussehen würde. Oder mit einer spitzen Panzerglas-Brille. Schnell weg mit diesen Gruselfantasien und lieber der Realität ins Auge sehen. Immerhin konnte man von einem Geländewagen erwarten, dass er auch einen kleinen Luftsprung aushielt. Ute brauchte für ihren Totalschaden keine Offroad-Tour. Sie schaffte das schon auf einer normalen Straße.
   Finja hob den verbeulten Jeep auf. Die Radaufhängung war gesplittert – keine Chance, den Schaden mit ein wenig Klebstoff zu beheben. Vielleicht sollte sie den Wagen einfach wieder unter dem Müllberg in Jonas’ Zimmer verbuddeln. Bei dem Ordnungssinn ihres Bruders würde es vermutlich Jahre dauern, bis er den Schaden entdeckte.
   Etwas sauste durch die Luft. Nur knapp über Finjas Kopf hinweg. Sie fuhr zusammen, duckte sich und spähte in den Wald. Nichts zu sehen. Okay, vielleicht war sie ja doch dabei, durchzudrehen. So wie Ute. Wenn sie jetzt auch noch Lust auf Eierlikör bekäme und sich im Drogeriemarkt türkisfarbene Plastikfingernägel kaufte, konnte sie sich gleich in der nächsten Irrenanstalt anmelden. Wieder brummte etwas hinter ihr. Es surrte, als würde ein Bumerang durch die Luft fliegen. Ein Schatten raste auf sie zu. Was zum Teufel …? Finja schleuderte dem Ding das abgebrochene Rad ihres Geländewagens entgegen. Das fliegende Etwas spuckte eine Rauchwolke aus und kam ins Trudeln, als es mit dem Reifen zusammenprallte. Es knallte gegen einen Baum und fiel mit einem splitternden Geräusch zu Boden. Finja betrachtete das Miniflugzeug, das zu ihren Füßen lag. Der Propeller hatte sich in den feuchten Waldboden gebohrt und die beiden Flügel lagen abgebrochen zwischen den Blaubeersträuchern. Wo kam dieses Flugzeug her?
   Im nächsten Augenblick stand ein Junge vor ihr. Hey, das war doch … wie hieß der Neue noch gleich? Karl? Nee, Kalle hatte er gesagt, als er vergangene Woche zum ersten Mal im Unterricht war. Er redete nicht besonders viel und in der Pause hing er meistens allein herum. Als Finja ihm einmal zugerufen hatte, ob er mit auf den Pausenfußballhof kommen wolle, hatte er überhaupt nicht reagiert.
   »Ist das dein Flieger?«
   Kalle nickte und hob die flügellose Maschine auf.
   »Scheint heute irgendwie ein Unfalltag zu sein.« Finja hielt ihm den demolierten Jeep entgegen.
   Kalle reagierte nicht. Er betrachtete nur die Einzelteile seines Flugzeugs. Sein Blick fiel auf den Geländereifen auf dem Boden.
   »Hey, ich wollte das nicht. Ehrlich. Aber ich hatte gerade eine Panne und da war ich … na, ich war einfach ein bisschen durch den Wind und hab den Reifen geworfen.« Finja sah Kalle erwartungsvoll an. »Meinst du, man kann das reparieren?«, fragte sie kleinlaut, als Kalle nicht antwortete. O Mann, er war wahrscheinlich mächtig sauer. Das hatte sie ja prima hinbekommen. Wenn das so weiterging, würde sie Ute bald den Titel der »Miss Totalschaden von Reichenbach« streitig machen.
   »Warst du das?«, fragte Kalle nach einer Weile und hielt Finja ihren abgebrochenen Reifen entgegen. Was war denn das nun wieder? Hatte sie ihm nicht gerade erklärt, dass sie das Rad geworfen hatte? Verdutzt sah Finja ihn an. »Also, dann noch einmal fürs Protokoll: Ich habe dein Flugzeug abgeschossen, nachdem ich eine Panne mit meinem Geländewagen hatte, der überhaupt nicht geländetauglich ist. Es tut mir leid und ich hoffe, dass ich das wiedergutmachen kann.«
   Warum starrte Kalle nur die ganze Zeit auf ihren Mund?
   »Brauchst du nicht.« Er schloss die Augen, spitzte seine Lippen und atmete langsam aus. »Krieg ich schon hin.« Er drückte ihr den Reifen in die Hand, wandte sich ab und stapfte durchs Gestrüpp.
   Finja sah ihm nach. Kalle war ein komischer Typ. Aber ein komischer Typ mit einem ziemlich coolen Flugzeug – das sie kaputt gemacht hatte.
   Sie rannte hinter ihm her. Als sie ihn eingeholt hatte und neben ihn sprang, fuhr er erschrocken zusammen.
   »Mach das nicht noch mal«, prustete er und schleuderte ihr einen finsteren Blick entgegen.
   »Was?«
   »Dich so anschleichen. Und jetzt lass mich in Ruhe.«
   »Ich hab mich überhaupt nicht angeschlichen.«
   Kalle drehte sich weg und ging weiter.
   »Es tut mir ehrlich leid«, rief sie ihm hinterher, aber Kalle beachtete sie nicht. Mann, der war wohl mächtig sauer. Und Finja hatte gedacht, dass mit Utes Geheule schon der Tiefpunkt des Tages erreicht war. Was für ein Irrtum. Sie schüttelte den Kopf. »Das hast du ja mal ganz toll hingekriegt, Finja.«

Kapitel 2
Explosionsgefahr

Finja kaute auf ihrem Bleistift herum. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr über der Tür. Erst zwei Minuten waren vergangen, seit sie zum letzten Mal nach der Zeit gesehen hatte. Vorn hielt Frau Plunderspeck einen Vortrag in Dauerschleife. Finja hatte keine Ahnung, was die rundliche Englischlehrerin vor sich hinplapperte und ehrlich gesagt, interessierte es sie im Moment auch nicht. Sie wartete nur darauf, dass es endlich klingelte und die Stunde zu Ende war. Eigentlich hatte sie schon heute Morgen mit Kalle reden wollen, vor Unterrichtsbeginn. Aber da mussten ihr ja ihre widerspenstigen Haare mal wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Warum hatte ausgerechnet sie diese unseligen, drahtigen Locken von Papa geerbt? Bis die gebändigt waren, vergingen oft Stunden. Zumindest kam es ihr so vor. Kein Wunder, dass sie oft erst nach dem Läuten ins Klassenzimmer platzte. Heute auch wieder. Frau Plunderspeck hatte ihr einen Blick zugeworfen, als wollte sie Finja direkt auf den Mond oder gleich in ein anderes Sonnensystem schießen. Warum fühlten sich alle Lehrer nur immer persönlich beleidigt, wenn man zu spät kam oder sich nicht für den Kram interessierte, den sie Stunde für Stunde von sich gaben? Die taten alle gerade so, als würde das Wohl der Menschheit davon abhängen, ob man Brüche berechnen konnte oder wusste, was »Wo bitte geht es hier ins Naturkundemuseum« auf Englisch hieß.
   Endlich. Das erlösende Ding-Dang-Dong. Nur eine Minute länger und Finja hätte ihren Bleistift in der Mitte durchgebissen.
   Kaum hatte sich Frau Plunderspeck mit ihrer Tasche unter dem Arm aus dem Klassenzimmer gerollt, begann endlich wieder das wahre Leben. Papierflugzeuge flogen durch die Luft, Benni, der eine Bank neben Finja saß, krallte sich Jennys Deutschheft, um die Hausaufgabe abzuschreiben, und Maik stopfte einen doppelt belegten Schinken-Käse-Toast in sich hinein.
   Finja beugte sich über ihren Tisch. Zwei Reihen vor ihr saß Kalle und kritzelte auf seinem Mäppchen herum.
   »Hey, Kalle.«
   Keine Reaktion.
   »Hallooo? Erde an Kalle. Jetzt komm schon, rede mit mir. Wenn du wegen gestern noch sauer bist, okay. Aber hör auf, mich zu ignorieren.«
   Kalle rührte sich nicht. Von seiner linken Hand einmal abgesehen, mit der er irgendwelche Roboterfiguren auf sein Ledermäppchen zeichnete. Jetzt wurde es Finja zu blöd. Sie spürte, wie ihr Gesicht rot wurde und wie es kribbelte. Ein untrügliches Zeichen, dass ihre Geduld zu Ende war. So sehr sie sich auch anstrengte, dieses hibbelige Gefühl kam immer viel zu schnell. Manchmal war es so stark, dass sie glaubte, zu platzen. Zum Glück war sie heute noch ein ganzes Stück von diesem Punkt entfernt. Okay, einen Moment die Augen schließen, tief durchatmen.
   Finja schob ihren Stuhl zurück, stand auf und ging nach vorn. Sie baute sich mit verschränkten Armen vor Kalle auf und legte den Kopf schief. »Sag mal, findest du es witzig, mich so eisern zu ignorieren?«
   Kalle schreckte hoch und sah sie mit großen Augen an. Eine ganze Weile blickte er ihr ins Gesicht und drehte seinen Kugelschreiber zwischen den Fingern.
   »Hi, wie geht’s?«, brachte er endlich zaghaft heraus.
   Finja kräuselte die Stirn. Das war doch nicht sein Ernst. Das Kribbeln um ihre Nase wurde stärker.
   »Sag mal, was ist eigentlich los mit dir? Ich texte dich die ganze Zeit von hinten zu und du lässt mich links liegen, als hätte ich dir was getan.« Uups – hatte sie ja auch. Finja verdrehte die Augen. »Kriegst du überhaupt mit, dass ich seit gestern versuche, mich bei dir zu entschuldigen? Und tu mir einen Gefallen: Hör auf, ständig auf meinen Mund zu starren.« Okay, jetzt war es so weit. Der Vulkan brodelte, gleich würde er explodieren. Wahrscheinlich hatte sie deshalb diese feuerroten Haare.
   Kalle senkte den Blick und kaute auf seiner Unterlippe.
   »Weißt du …«, Kalle stockte und sah sich um. Er verzog das Gesicht. »Ich sag’s dir. Aber nicht hier. Wir machen was aus.«
   »Guten Morgen«, ertönte eine monotone, tiefe Stimme. Herr Sockenschuss stand in der Tür.
   Dass Lehrer immer zum unmöglichsten Zeitpunkt hereinplatzen mussten. Die hatten echt ein Talent dafür, die Stimmung kaputtzumachen oder wichtige Besprechungen zu stören.
   Herr Sockenschuss ließ seinen starren Blick durch die Klasse schweifen. Der Mathelehrer tat so, als würde er auf eine wuselige Schar Ameisen herabblicken. Tatsächlich war er kaum größer als die meisten Schüler. Das machte ihn für die Schulleitung natürlich zum idealen Spion auf dem Pausenhof. Bis man ihn im Gewühl entdeckt hatte, war es oft schon zu spät und man hatte sich verplappert.
   »Fräulein Winter. Platz!« Herr Sockenschuss fixierte Finja mit seinem eisernen Blick.
   »Ich bin nicht Ihr Hund«, rutschte es Finja heraus, bevor ihr bewusst wurde, was sie da sagte. Wenn der Vulkan erst einmal brodelte …
   »Wie war das?« Herr Sockenschuss baute sich vor Finja auf und streckte seinen Hals in die Höhe, damit er wenigstens einen Kopf größer war.
   »Sie hat doch recht«, entgegnete Kalle und stellte sich demonstrativ neben Finja.
   »Sofort setzen! Alle beide.« Herr Sockenschuss biss die Zähne aufeinander und funkelte Finja und Kalle mit stechenden Augen an. »Wir sprechen uns nach der Stunde.« Er drehte sich um und knallte seine Ledermappe auf das Pult. Mit ungelenken Fingern fummelte er an seiner Tasche herum und fluchte, als sich der Verschluss nicht öffnete. Er hob die Tasche an den Mund und knabberte mit den Zähnen an den Verschlüssen.
   Finja verdrehte die Augen. Herr Sockenschuss trug seinen Namen wirklich zu Recht. Welcher normale Mensch machte eine Tasche mit dem Mund auf? Mal ganz abgesehen davon, dass es einem die Zähne abbrechen konnte – außer man hatte Zähne aus Eisen. Aber Lehrer waren nun einmal nicht normal – und Mathelehrer am allerwenigsten.
   Endlich machte es »Klick« und die Mappe sprang auf. Herr Sockenschuss kramte ein abgewetztes Buch hervor und drehte sich um. Es quietschte entsetzlich, als er mit der Kreide auf die Tafel schrieb. Finja bekam eine Gänsehaut. Dieser Lehrer gab sich aber auch alle Mühe, einen auf die Palme zu bringen. Jede Wette, dass er sie jetzt gleich noch aufrief.
   »Finja, komm nach vorn und rechne uns die Textaufgabe vor.« Na also: Wette gewonnen. Entnervt stieß sie sich an ihrem Tisch ab und schob den Stuhl zurück. Sie ließ die Schultern hängen und trottete in Richtung Pult.
   »Ein bisschen mehr Elan, wenn ich bitten darf.« Herr Sockenschuss klang energisch.
   Vielleicht sollte sie sich doch besser zusammenreißen.
   »Die sechsten Klassen, insgesamt 60 Schüler, fahren in den Nürnberger Tiergarten. Das Busunternehmen verlangt für jeden gefahrenen Kilometer 1,40 Euro. Insgesamt legt der Bus 420 Kilometer zurück. Der Eintritt in den Tiergarten kostet 4,50 Euro. Für Verpflegung fallen für jeden Schüler 2 Euro an. Wie viel muss jeder Schüler für die Klassenfahrt bezahlen?«
   Finja seufzte. Warum suchten Mathelehrer immer nach »Aufgaben aus dem richtigen Leben«? Das klappte sowieso nie. Wahrscheinlich deshalb, weil Mathelehrer mit dem normalen Leben nichts zu tun hatten. Sollten die Lehrer doch selbst ausrechnen, wie viel die Klassenfahrt kostete.
   »Nun? Wir warten.« Herr Sockenschuss verschränkte die Arme hinter dem Rücken und stapfte durch die Bankreihen. »Wie rechnest du aus, wie viel jeder Schüler bezahlen muss?«
   Am liebsten hätte Finja »Gar nicht!« gesagt, aber das ließ sie lieber bleiben. Also griff sie nach der Kreide und leierte genervt die Lösung herunter: »Ich nehme 420 mit 1,40 mal und erhalte dann … 588. Das Ergebnis teile ich durch 60.« Finja kritzelte Zahlen auf ihren Block. »Das sind dann 9,80 Euro. Wenn ich zu diesem Ergebnis 4,50 Euro und 2 Euro addiere, dann sind das 16,30 Euro. Ganz schön teuer.«
   »Richtig«, brummte Herr Sockenschuss mürrisch. »Aber nach deiner persönlichen Meinung zum Ergebnis hat dich niemand gefragt.«
   Typisch, dass der Mathelehrer diesen Kommentar noch loswerden musste. Wahrscheinlich passte es ihm nicht, dass Finja die Aufgabe so schnell gelöst hatte. Das sah dem Fiesling ähnlich.
   Inzwischen war Herr Sockenschuss ganz hinten im Klassenzimmer angekommen und sah durch das Fenster. »Dann macht Kalle weiter. Geh zur Tafel, ich diktiere dir die Aufgabe.«
   Kalle rührte sich nicht.
   »Also los. Oder soll ich dich zur Tafel tragen?«
   Finja nahm ihr Lineal, reckte sich über den Tisch und stupste Kalle an. Er fuhr hoch und drehte sich um. Fragend sah er Finja an. Sie deutete mit dem Kopf in Richtung des Mathelehrers.
   »Soll ich jetzt nach vorn gehen?«, fragte Kalle laut, als hätte er nicht verstanden, was der Mathelehrer gesagt hatte.
   Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus.
   »Und ob du sollst. Aber dalli!« Herr Sockenschuss hatte sich zu Kalle gedreht und durchbohrte ihn mit seinem Blick. Seine Pupillen drehten sich in einer Spirale.
   Finja rieb sich die Augen.
   Das konnte doch nicht sein. Okay, jetzt war alles wieder normal. Alles klar … Jetzt hatte sie schon Wahnvorstellungen. Wenn das so weiterging, würde sie irgendwann noch in der Klapsmühle landen.
   Mittlerweile stand Kalle vor der Tafel und drehte die Kreide zwischen den Fingern. Erwartungsvoll sah er Herrn Sockenschuss an. Der Mathelehrer schritt gemächlich durch den Mittelgang und räusperte sich.
   »Also: Ein Elefant wiegt 4,5 Tonnen. Ein Erdmännchen wiegt etwa 750 Gramm.«
   Kalle hörte aufmerksam zu, ohne Herrn Sockenschuss aus den Augen zu verlieren. Der Lehrer machte ein paar Schritte auf das Fenster zu, sah nach draußen und fuhr mit der Aufgabe fort: »Beide Tiere stehen auf unterschiedlichen Seiten einer Waage. Wie viele Erdmännchen benötigt man, damit die Waage im Gleichgewicht ist?«
   Wieder so eine bescheuerte Aufgabe. Wer stellte schon einen Elefanten und unzählige Erdmännchen gemeinsam auf eine Waage?
   Kalle stand da und sah Herrn Sockenschuss fragend an. »Könnten Sie das noch einmal wiederholen?« Mann, der hatte Nerven.
   »Nein, das kann ich nicht. Ich habe dir eine simple Rechenaufgabe gestellt. Ich habe sie langsam und verständlich diktiert, und wenn du meinst, du musst die Zeit im Unterricht mit Unaufmerksamkeit vergeuden, dann ist es dein Pech! Setz dich sofort hin und wehe …« Herr Sockenschuss schnappte nach Luft. Es rasselte und seine Ohren glühten rot.
   Schon wieder herrschte Explosionsgefahr. Diesmal war es wenigstens nicht Finja, die in die Luft gehen würde.
   »Hefte raus. Alle zusammen.« Herr Sockenschuss kritzelte einige Rechenaufgaben an die Tafel. Normalerweise sorgte das für lautes Murren, aber heute wagte niemand mehr auch nur den leisesten Mucks.
   Finjas Finger waren vom Schreiben beinahe taub, als endlich der Gong ertönte.
   »Mitkommen«, knurrte Herr Sockenschuss in Finjas und Kalles Richtung und stapfte mit seiner Tasche unter dem Arm aus dem Klassenzimmer.
   Auf dem Gang blieb er abrupt stehen. Seine Gesichtszüge spiegelten sich im Fenster, sodass Finja ihn beobachten konnte, obwohl er ihr und Kalle den Rücken zugewandt hatte.
   Herr Sockenschuss zog einen Kamm aus der Innentasche seines Jacketts und strich sich die einzige dünne Haarsträhne, die auf seinem Kopf überlebt hatte, quer über den kahlen Schädel. Als er sich zu ihnen umdrehte, gab es ein merkwürdiges Geräusch, das klang, als würden zwei Stromkabel aneinanderreiben. »Ihr beide habt meine Geduld heute von Anfang an … fang an … fang an … an … an …« Seine Stimme wurde immer tiefer und langsamer und sein Kopf sackte nach unten, als würde er gleich einschlafen. Er blinzelte nervös und richtete sich wieder auf: »… auf die Probe gestellt. Aber wenn ihr glaubt, dass ich so mit mir umgehen lasse, habt ihr euch getäuscht. Ich erwarte, dass ihr in Zukunft aufmerksam bei der Sache seid. Sonst werdet ihr mich von einer ganz unangenehmen Seite kennenlernen.« Mit diesen Worten wandte sich der Mathelehrer ab und stapfte davon.
   Wieder lag dieses Kribbeln in der Luft und die Haarsträhne des Lehrers stand wirr vom Kopf ab, als hätte er in eine Steckdose gegriffen. Ganz plötzlich blieb er stehen. Was war denn das? Kalle und Finja sahen sich verdutzt an.
   »Seit wann darf man denn in der Schule rauchen?«, fragte Finja empört und starrte auf die Rauchwolke über dem Kopf des Mathelehrers.
   »Ich glaube nicht, dass Herr Sockenschuss raucht«, entgegnete Kalle, ebenso perplex. »Zumindest keine Zigaretten oder so. Sieh mal, woher der Rauch kommt.«
   Jetzt fiel es auch Finja auf. Herr Sockenschuss qualmte aus den Ohren.

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