Marka ist 14, als ihre Träume ihr einen Schock versetzen. Was sie träumt, findet sie in den alten Büchern ihrer Großmutter wieder. Um einen Zufall auszuschließen, forscht sie mit ihrem Bruder Claudio nach. Sie folgen den Spuren aus Träumen und Geschichten und werden in den Tiefen einer Kupfermine auf gespenstische Weise nach Witara katapultiert. Die mystische Welt existiert wirklich, doch ein skrupelloser Ausgestoßener treibt das friedliche Witara auf den Untergang zu. Der zukünftige Erste Daanjo ist ermordet worden und niemand scheint zu wissen, wie es weitergehen soll. Mithilfe von Kujo finden sie ein heiliges Refugium, das ihnen einen Blick in vergangene Daseinsebenen gestattet. Sie brauchen dieses Wissen zurück bis zum Anbeginn der Zeit, um dem Wahnsinnigen entgegen- treten zu können. Marka und Claudio glauben, dem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, doch die Bedrohung nimmt erst ihren Anfang …

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ISBN: 978-9963-722-93-8

Seiten: 416

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Dagmar Helene Schlanstedt

Dagmar Helene Schlanstedt
Dagmar Helene Schlanstedt, geboren 1956, ist in Sachsen Anhalt zu Hause. Ihr ursprünglicher Beruf als Kommunikationstechnikerin machte ihr lange Zeit Freude, bis die Liebe zur Natur siegte und sie mit einem Kräuterlädchen einen Neuanfang wagte. Endlich angekommen, unterstützt sie seitdem Ratsuchende mit ihren Kräuter-und-Energie-Heilungen. Nebenher ist das Schreiben von Geschichten in Versform, aber auch Fantasy um irgendwelche kleine Wesen, ihre große Leidenschaft.

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Mansfelder Land, 1. März

Kapitel 1 – Kalt erwischt


Es war Samstag und ich wollte ausschlafen. Windböen pfiffen durch die Dachritzen und ich mummelte mich tiefer in die Decke ein. Fehlte nur noch, dass es anfing zu schneien.
   Gerade, als ich mich wieder auf das schöne Gefühl konzentrieren wollte, das mein Traum hinterlassen hatte, überkam es mich. O nein, morgen ist Claudios vierzehnter Geburtstag. Sofort war ich hellwach, denn mein Bruder wollte unbedingt eine gigantische Party veranstalten.
   Widerwillig öffnete ich die Augen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste aufstehen. Hinter der Schräge meines Dachfensters zogen dunkle Wolken auf. Ich fröstelte. Mutsch hatte mich dazu verdonnert, bei den Vorbereitungen mitzuhelfen. Sie war immer beschäftigt und verbrachte kaum Zeit mit uns. Claudio und ich lebten allein mit ihr. Das mit unserem Vater hatte sich gleich nach seiner Geburt erledigt. Mit einem Kloß im Magen setzte ich mich im Bett auf. Nur allzu gern hätte ich mich gedrückt vor dem ganzen Stress. Aber wie?
   »Du hast doch den ganzen Tag Zeit«, hatte Mutsch versucht, mir einzureden. »Da kannst du mir auch beim Kuchenbacken zur Hand gehen.« Sie hatte mir kurz übers Haar gestrichen und war gegangen. Ich hatte nicht einmal die Chance gehabt, ihr zu widersprechen. Doch so einfach wollte ich mich nicht vor vollendete Tatsachen stellen lassen. Ich half ihr schließlich schon mehr als genug. Deshalb durfte es nicht zur obersten Priorität werden, auch wenn sie mich gern als Ältere hinstellte.
   Dabei war Claudio gerade mal neun Monate später zur Welt gekommen als ich. Rein rechnerisch gesehen waren wir wegen seiner Frühgeburt für das nächste Vierteljahr gleichaltrig. Nur mit dem Unterschied, dass ich als Mädchen für die Küchenarbeit taugte, Claudio hingegen Zwiebeln zum Weinen brachten, wenn er helfen sollte. Weil das jedes Mal so war, war ich momentan an dem Punkt angelangt, an dem ich hätte platzen können. Aber diesmal, das schwor ich mir, würde ich mich elegant drücken. Jawohl, das sah ich überhaupt nicht mehr ein. Sollte er seinen Kram allein machen. Ich konnte schließlich auch nie auf Hilfe von ihm bauen. Sich krank zu stellen, empfand ich als eine taktisch kluge Lösung. Ich litt sowieso seit Kurzem unter plötzlich auftretenden Kopfschmerzen. Da brauchte ich nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben. Um meine Ausrede so perfekt wie möglich zu gestalten, vergrub ich mich unter der warmen Bettdecke. Doch mein hitziges Gesicht reichte mir nicht aus, deshalb stöhnte ich vorsichtshalber noch ein bisschen. Unsere Wohnung war hellhörig genug, es würde bestimmt jeder hören. Ich tat dies, bis ich Schritte hörte.
   »Raus aus den Federn, du Schlafmütze.«
   Mutsch riss mir vergnügt lächelnd die Bettdecke vom Gesicht. Sie trug ihren wuscheligen, orangefarbenen Bademantel, der ihr so gut stand. Ich rieb mir über die Stirn und verzog wehleidig das Gesicht.
   »Du weißt doch«, fügte sie leiser hinzu, »dass wir jede Menge zu tun haben.«
   In ihren Worten schwang Sorge mit. Innerlich jubelnd senkte ich die Lider und setzte eine noch wehleidigere Miene auf, als wenn ich Schmerzen hätte.
   Mutsch ließ sich auf die Bettkante nieder und betrachtete mich mit kummervollem Blick. »Ist alles in Ordnung?«
   Sie beugte sich über mich und tätschelte meine Wange. Um sie nicht ansehen zu müssen, drehte ich mich weg. Doch sie fasste nach meinem Kinn und drückte es zurück. Die Spitzen ihrer langen Haare strichen über mein Gesicht. Sie waren ebenso kohlrabenschwarz wie meine.
   »Das ist nicht komisch, Marka«, sagte sie mit einem gefährlich tiefen Blick in meine Augen. Irgendwie sah sie traurig aus. »Könnte es sein, dass du deine fünf Minuten hast?«
   Sie meinte meine Kopfschmerzen, die manchmal aus heiterem Himmel auftraten, und genauso schnell wieder verflogen.
   »Ich glaube ja«, presste ich hervor. Blöderweise errötete mein Kopf wie ein Feuermelder. Mutsch verzog den Mund. Ich hoffte, es war kein Grinsen. Na gut, dann muss ich eben einen Fieberschub vortäuschen. Ich stieß die Bettdecke mit den Füßen weg, als würde ich schwitzen und gab einen lang gezogenen Stoßseufzer von mir. Das musste sie jetzt aber endgültig überzeugt haben. Ich glaubte es ja beinahe selbst.
   »Ausgerechnet heute, Marka, wo ich dich so dringend brauche.« Eine von Mutsch’ schwarz geschwungenen Augenbrauen hob sich.
   »Aber es tut so weh«, schmollte ich. »Claudio ist doch auch noch da.«
   »Er hat genug zu tun.« Mutsch runzelte missbilligend die Stirn. »Verdirb ihm nicht seine Feier und gönne ihm das bisschen Freude.«
   Jetzt hatte sie es geschafft. Schuldgefühle keimten auf. Ich fühlte mich wie in die Enge getrieben. »Mir geht`s aber wirklich nicht gut. Irgendwie ist mir übel.«
   »Was ist denn los mit dir, Marka?«, fragte Mutsch nach langem Zögern und ich wurde das blöde Gefühl nicht los, dass sie mir nichts von meinem Theater abnahm. »Hast du eventuell etwas Schlechtes gegessen, vielleicht gestern in der Schule? Warte, ich sehe mal nach, wie es Claudio geht.«
   Als Antwort zuckte ich mit den Schultern, woraufhin sie auf dem Absatz kehrtmachte und aus dem Zimmer rauschte. Kurz darauf klappte eine Tür. Und dann, wie zum Beweis dessen, dass es Claudio natürlich gut gehen musste, rief Mutsch aus der Küche unsere Namen.
   Ich schnaufte über die kaum verhohlene Ironie in ihrer Stimme. Zeigte sie mir doch, dass ich mit meiner Intuition richtig lag. Nicht die Bohne hatte sie mir geglaubt. Deshalb hatte sie meinen Namen auch zuerst gerufen. Ich hatte mich aber auch wieder dämlich angestellt. Während ich meine heißen Ohren rieb und überlegte, womit ich mich retten könnte, schallte Mutschs Ruf noch energischer durch die Wohnung.
   Diese doofen Namen. Kein Mensch heißt heutzutage Marka oder Claudio. Wenn dann Claudia und Marko. Das wäre doch viel geschmeidiger. Was hatte sich Mutsch nur dabei gedacht? Aber sie fand, unsere Namen würden gut zu uns passen.
   Außerdem wäre ohnehin niemand mit seinem Namen zufrieden. Ihrer gefiel ihr schließlich auch nicht. Hallo? Wenn ich Juna Wirtsler heißen würde, würde ich den Ball mal ganz flach halten.
   Nebenan erklang ein Gähnen. Ich spitzte die Ohren. Gleich darauf polterte es und ein herzergreifendes Gejaule ertönte.
   Ich grinste. Claudio war anscheinend statt auf seinen Latschen wieder auf den kalten Fußbodenfliesen aufgekommen, als er aus dem Bett hopste. Das kommt davon, wenn man die Augen nicht aufkriegt. Schade nur, dass er nicht ausgerutscht war, oder sich wenigstens wehgetan hatte. Dann wäre dieser bekloppte Geburtstag vielleicht ausgefallen. Na, wenigstens tönte sein Gefluche wie Musik in meinen Ohren.
   Mein Schmunzeln verbreiterte sich, doch meine Freude währte nicht lang, da Claudio an meiner Tür vorbeigaloppiert kam wie ein wild gewordener Hammel mit extra lautem Gesang, nur um mich zu ärgern. Hundertpro war es Absicht, als er volle Kanne auf meine Türklinke haute.
   »Draußen blutet die Front«, plärrte er in mein Zimmer, »und du träumst gemütlich vor dich hin.«
   Wie ein Prophet baute er sich vor meinem Bett auf.
   Wutentbrannt zerrte ich mir die Bettdecke über den Kopf. Sein schrilles Geschrei kotzte mich an.
   »Da sieht man es mal wieder«, stänkerte er weiter, »abends bis in die Puppen lesen und früh die Zeit verpennen.«
   Halt bloß die Klappe. Für den Bruchteil einer Sekunde hätte ich ihm am liebsten die Meinung gegeigt. Doch ich schluckte nur, ohne auf ihn einzugehen. Ich würde ihn sonst nicht wieder loswerden.
   »Aber du weißt schon«, fuhr er großspurig fort, »dass faul Däumchen drehen Inputs killt.«
   Unverschämt, dass ausgerechnet er den großen Macker markiert. Dumm wie Bohnenstroh sein, aber so tun als ob, das sind die Richtigen.
   »Noch so ein Spruch«, herrschte ich ihn von unter der Decke an, »und du lernst meine Hachse kennen.«
   Die resolute Ansage schien gezogen zu haben, denn er trollte sich aus meinem Zimmer. Es könnte aber auch der Duft von Mutschs Pfannkuchen gewesen sein, der ihn gelockt hatte.
   Um mich zu vergewissern, ob er wirklich weg war, linste ich unter der Decke hervor. Ich kannte meinen Bruder als falschen Fünfziger. Oftmals kam nicht eindeutig rüber, woran man bei ihm war. Er war fort und so rutschte ich mit wohligem Gefühl zurück in die Wärme meines Bettes, um noch etwas zu dösen.
   Mein wundersames Traumerlebnis aus dieser Nacht schwirrte noch leicht in meinem Kopf herum. Doch ich konnte mich nicht darauf konzentrieren wegen der angespannten Situation mit Claudio. Mir wollte nicht in den Kopf, wieso es zwischen uns dauernd Knatsch gab und niemals Einvernehmen. Ob es daran lag, dass wir so grundverschieden waren? Am augenscheinlichsten war unser unterschiedliches Aussehen. Wir hätten eigentlich gar keine Geschwister sein dürfen. Und dabei hatten wir ein und denselben Vater, wie Mutsch Stein auf Bein schwor. Trotzdem war bei uns alles komplett entgegengesetzt ausgerichtet. Während Claudio eine absolut spitzenmäßige Optik besaß, war mein Äußeres gerade mal so lala. Dafür hatte ich den nötigen Verstand, an dem es ihm wiederum mangelte. Wobei ich ihn nicht gleich als den letzten Trottel hinstellen möchte … nein. Aber ein eingebildeter Lackaffe mit geistigem Tiefgang, ja, das war er. Für ihn war ich schließlich auch eine Schreckschraube mit Köpfchen. So oder ähnlich ging es bei uns ständig ab. Immer versuchte irgendwer, dem anderen seinen Stempel aufzudrücken, grad, wie es ihm in den Kram passte. Angefangen hatte das, als wir zu Teenagern heranreiften. Da wir fast gleichaltrig waren, hätte man meinen können, dass wir uns auch in etwa tempogleich entwickelten. Aber Pustekuchen, während Claudio im Schnelltempo aufblühte, hatte ich das Gefühl, in meiner Erscheinung zu verkümmern. Mit jedem Zentimeter, den er wuchs, stand ich mehr in seinem Schatten. Irgendwann überragte er mich um einen Kopf. Nun vermutete jeder, dass die neun Monate Altersunterschied andersherum wären. Jeden Tag betete ich zum Universum, dass mein Körper doch bitte endlich erwachen sollte. Doch nichts, aber auch rein gar nichts, rührte sich. Und weil auch mein Busen nicht das machte, was ich wollte, nahm ich irgendwann hin, dass meine fürs Wachstum verantwortlichen Zellen im Tiefschlaf bleiben wollten. Sie hatten sich gegen mich verschworen, wahrscheinlich sogar für immer.
   Dann war da noch die Sache mit meinem Gesicht. Oberflächlich gesehen könnte man es als okay bezeichnen; außer meiner Nase, die zu lang war, den viel zu eng stehenden Augen, und nicht zu vergessen, meine immer strähnigen Haare. Kein Wunder, dass ich jedes Mal vor Wut platzte, wenn mein superschöner Bruder auftauchte. Diese geschwisterliche Ungerechtigkeit war niederschmetternd. Dennoch wollte ich mich nicht hinter Claudio verstecken, obwohl es ziemlich wehtat, wenn er über mich ablästerte. Das Harmloseste war: »Lieber nur Grütze im Kopf haben, als lahm und Oberspießer.« Oder schlimmer: »Ne Packung Valiumzäpfchen ist nur halb so langweilig wie du.«
   Und so gingen die Vergleiche immer weiter. Ich, eher nachdenklich gestimmt und höchst einfühlsam. Er, immer gut gelaunt und ein Draufgänger. Ich, immer ordentlich saubere Kleidung. Er, am liebsten zerrissene Jeans und ausgeleierte T-Shirts. Und was unseren Musikgeschmack anging, mochte ich am liebsten stilvolle Musik, die nachdenklich stimmt, wie zum Beispiel Balladen, oder auch mal klassische Stücke. Nie im Leben würde sich mein Bruder etwas in der Art anhören. Wenn, dann mussten Soundeffekte drin sein, die richtig derb in den Ohren hämmerten. Klar, dass ich die auf den Tod nicht ausstehen konnte und auch klar, dass wir uns deshalb nonstop fetzten.
   Und trotzdem, und das muss ich fairerweise sagen, machte er nicht nur eine gute Figur, sondern hatte auch außergewöhnliche Begabungen. Allen voran war da sein Gitarrengeklimper. Er konnte aus dem Stegreif jede angesagte Mucke runterleiern. Und dabei hatte er null Ahnung von Noten. Die waren ihm genauso fremd wie einem Esel das Wiehern. Er habe auch so genügend Talent, behauptete er selbstbewusst, solche Mätzchen brauchte er nicht zu beherrschen. Die würden ihn sogar bremsen in seinem Können, wenn er sich auf Teufel komm raus danach richten müsste. Wie eingebildet ist das denn?
   Besonders gern präsentierte er sich natürlich vor weiblichem Publikum. Ihm war durchaus bewusst, welche Wirkung er auf das andere Geschlecht hatte. War eine ganz besonders Hübsche darunter, setzte er sich betont in Szene, indem er bei Blickkontakt seine smaragdgrünen Augen aufblitzen ließ. Biss das arme Mädel an, schlenkerte er die blonde, kinnlange Mähne lässig und im Rhythmus seiner Musik. Spätestens da war ihm jede verfallen.
   Aber noch etwas anderes hatte er richtig gut drauf. Er brachte zwar keinen Notenschlüssel zustande, konnte aber gut mit Stift und Pinsel umgehen. Vor allem Porträts hatten es ihm angetan, und natürlich standen die weiblichen Modelle bei ihm Schlange.
   Eine von den aufgetakelten Schönheiten hatte mal mitbekommen, wer ich war, und ließ affektiert ihre Gemeinheiten über mich vom Stapel. Am liebsten hätte ich ihr eine geknallt. Doch ich hatte eine bessere Strategie, um ihr vor den Kopf zu stoßen. Ich weiß nicht, warum, aber es genügte ein Blick, und ich wusste, was die dumme Pute dachte. Ihre Gedanken lagen wie ein offenes Buch vor mir und ich konfrontierte sie damit. Sie starrte mich geschockt an und schrie hysterisch, sie hätte ihren BH gar nicht ausgestopft und so weiter und so fort. Claudio grinste erst in meine Richtung, dann leicht verlegen in ihre. Und plötzlich sah die Schöne gar nicht mehr so wunderhübsch aus. Sie schnaubte und fluchte mit verzerrtem Gesicht, wirbelte herum und machte total blamiert einen Abflug. In solchen Situationen merkten Claudio und ich, dass wir im Grunde genommen denselben Humor hatten. Wenn es gegen andere ging, hielten wir auch komischerweise zusammen.
   In plötzlicher Vorfreude sprang ich aus dem Bett, putzte mir rasch die Zähne und stürmte in die Küche, wo Claudio schon kräftig futterte.
   »Ah, unser verlorenes Kind«, posaunte er mit vollen Backen. »Dachte schon, du kommst gar nicht mehr.«
   Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, setzte ich mich an den liebevoll gedeckten Frühstückstisch.
   »Na«, raunte mir Mutsch zu, »alles wieder okay?«
   »Geht so«, sagte ich. Den Kopf hielt ich gesenkt.
   Claudio zog mich auf den Stuhl neben sich. »Was gibt es Neues in deinem zweiten Leben? Hast du schon …«
   »Nicht jetzt«, fiel ich ihm ins Wort. Hat er gerade gesagt «dein zweites Leben”? »Wie meinst du das?«, flüsterte ich hinter vorgehaltener Hand.
   »Was denn?«
   »Das mit meinem zweiten Leben.«
   »Wenn ich penne, dann penne ich. Wenn du pennst, lebst du in deinen Träumen indirekt weiter. Oder sehe ich das falsch?«, entgegnete er mit einem Lächeln.
   Für den Moment war ich zu baff, um etwas zu erwidern. Das war gar nicht mal so doof gedacht, das war sogar verdammt cool.
   Es gab nämlich noch etwas anderes, das uns gezwungenermaßen zusammenschweißte – unser Schulweg. Für unsere Räder war er zu gefährlich wegen der mangelnden Radwege, und da es keinen Schulbus gab und die herkömmliche Linie zu unregelmäßig fuhr, mussten wir zu Fuß gehen – auf Anweisung von Mutsch gemeinsam.
   In den dreißig Minuten redeten wir seit geraumer Zeit über unsere Träume. Bei Claudio kam fast immer belangloses Zeug, das er sich wahrscheinlich zusammenreimte, aber ich hatte meist etwas halbwegs Interessantes zu bieten, denn seit Kurzem blieben mir meine Träume fest im Gedächtnis haften. Nicht einmal bemühen musste ich mich, um sie zu behalten. Es war, als hätte ich sie wirklich erlebt. Manchmal träumte ich sogar da weiter, wo ich in der Nacht zuvor aufgehört hatte. Ein Bild entstand in meinem Kopf wie ein Puzzle, das immer größer wurde. Irgendwann konnte ich es nicht mehr erwarten, ins Bett zu kommen und aufstehen – so wie heute – wollte ich schon mal gar nicht.
   »Wie in einer süchtig machenden Fernsehserie«, bemerkte er eines Tages, »nur dass du beteiligt bist.«
   Und damit hatte er recht. Meine Träume wirkten so plastisch und lebensecht wie das Leben selbst. Die Sache hatte nur einen Haken - Claudio nahm mir nicht ab, dass ich von meinen Träumen erzählte. Träume wären nur Schäume und was ich zum Besten geben würde, hätte ich aus der Luft gegriffen. Klar, dass er mir nicht glaubte, denn irgendwelche Fähigkeiten hatte bislang immer nur er. In seinen Augen wollte ich mich interessant machen.
   Aber näher erklären konnte ich es ihm leider nicht. Es war ja selbst für mich zu paradox.
   Nach und nach begann er, mir aber zu glauben, schließlich bekniete er mich sogar regelrecht, von der zurückliegenden Nacht zu berichten.
   Mutsch sah mich über die Schulter hinweg an und holte mich aus meinen Gedanken. Sie stand am Herd und wendete die Frühstückspfannkuchen. »Was heckt ihr zwei schon wieder aus?«
   Wahrscheinlich war sie froh, dass es mir wieder besser ging.
   »Nichts«, sagten wir wie aus einem Munde und bewiesen ihr damit das Gegenteil. Aber Claudio hatte recht. Ich nutzte meine Zeit in der Tat viel optimaler. Man könnte sagen, ich verdoppelte sie mit meinen Träumen. Vielleicht war ja mein irdisches Leben geträumt und nicht andersherum.
   Während ich mich noch wunderte, dass ich das noch nie so gesehen hatte, klingelte mein Handy. Ich sprang auf, um es aus meinem Zimmer zu holen, und rannte Mutsch fast um. Der Pfannkuchen, den sie mir gerade auf den Teller legen wollte, wäre um ein Haar auf der Tischplatte gelandet.
   Am Klingelton erkannte ich, wer es war; Oma. Ich drückte auf die Abruftaste und schnatterte drauflos, ich müsste sie sehen, weil ich unbedingt etwas zu besprechen hätte. Sie erwiderte, dass sie ebenfalls etwas Wichtiges mit uns zu bereden hätte.
   »Mit uns?«
   »Ja«, entgegnete sie. »Mit Claudio und dir. Kommt mal auf eine Stunde vorbei.«
   »Und Claudios Geburtstag? Mutsch wird mich bestimmt nicht weglassen.«
   »Hm …« Oma überlegte. »Gib sie mir doch mal.«
   Ich rannte in die Küche zurück. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später machten wir uns warm eingepackt auf die Socken.
   »Aber bitte pünktlich sein«, rief uns Mutsch nach, »spätestens zum Mittagessen seid ihr wieder zurück.«
   Ich nutzte die zehn Minuten Weg, um Claudio von meinem letzten Traum zu erzählen. Die Ruhe meines sonst friedlichen und sonnigen Traumlandes wurde nämlich von einer Begegnung der ungewöhnlichen Art gestört.
   Menschenähnliche Wesen geisterten umher.
   Nicht allzu groß, und anstatt eines Gesichts besaßen sie eine konturenlose, schwarze Hülle. Recht gruselig, fand ich.
   Claudio warf mir einen erschrockenen Blick zu. »Greifen die an?«
   »Ich glaube, sie sind harmlos. Zumindest gehen sie mir aus dem Weg.«
   »Warum tun sie das?«
   »Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht, sie stören mich ja nicht.«
   »Trotzdem würde ich sie nicht einfach so außer Acht lassen«, sagte Claudio misstrauisch. »Vielleicht sind sie der Schlüssel, um den tieferen Sinn deiner Träume zu verstehen. Sprich sie doch mal an. Ich bin gespannt, ob sie dich verstehen.«
   Ich machte Claudio klar, kein Interesse an den Typen zu haben. Ich wollte die schönen Träume nur genießen. Wer wusste schon, wie lange sie noch andauern würden? Doch er ließ nicht nach, drängte mich, entweder mit den Wesen zu sprechen oder wieder ausschließlich auf der tollen Erde zu leben, so wie er.
   »An dir hat ja auch die halbe Welt einen Narren gefressen. Mich beachtet doch kein Schwein«, knurrte ich. »Ich würde viel lieber dort leben. Da ist es harmonisch und friedlich, voller Natur, fast wie in einem Dschungel.«
   »Bist du jetzt völlig durchgeknallt?«
   Ich seufzte. Es hatte überhaupt keinen Sinn, mit Claudio darüber zu reden. Die tiefe Sehnsucht konnte und würde er niemals verstehen. Ablenkung hieß das Zauberwort. »Was mich viel mehr interessiert, ist, was es so Wichtiges gibt, dass Oma ausdrücklich verlangte, dass wir kommen sollen.«
   Natürlich sprang er darauf an. »Vielleicht hat sie ‘ne neue Story auf Lager. Sie schreibt doch immer an irgend so einem Zeug.«
   »Das ist kein Zeug. Oma ist die geborene Schriftstellerin.«
   »Ja, klar und warum veröffentlicht sie dann nichts?«
   »Weil sie nicht will. Außerdem ist das ihre Sache.«
   »Vielleicht hat sie Angst, nicht gut genug zu sein.«
   »Als wenn es darum geht. Sie hat Spaß am Schreiben. Früher oder später wird schon noch was erscheinen. Ich finde ihre Leseproben, die sie uns vorliest, immer total toll.«
   »Sie müsste professioneller sein und nicht so märchenhaft. Vielleicht ein bisschen zeitgemäßer oder so.«
   »Klar«, gab ich zurück, »so was in der Art, wie du dir reinziehst. Hauptsache Geballere und viel Blut.«
   Claudio konnte sich nicht mehr verteidigen, denn Omas Haustür öffnete sich. Dabei hatten wir noch nicht einmal die Klingel berührt.

Zufall oder nicht? Ich rätselte jedes Mal.

Kapitel 2 – Omas Welt


Oma bewohnte ein verwinkeltes Fachwerkhaus mit kleinen Sprossenfenstern und einer Tür mit aufgemalten Ornamenten. Sie lebte allein, an einen dazugehörigen Opa erinnerten wir uns nicht. Aber es gab ihn, das wussten wir von Mutsch. Allerdings musste er so fies zu Oma gewesen sein, dass sie sich strikt weigerte, über ihn zu reden.
   Wir schlüpften durch die angelehnte Tür ins Haus, gleich ins Wohnzimmer, einen spärlich eingerichteten Raum mit einer kunstvoll gefertigten Anrichte, einem klobigen Esstisch und vier dazu passenden Stühlen. Alle Wände im Haus waren mit Naturputz versehen, weil der ohne Schadstoffe war und besser atmete als Tapete. Oma verzichtete sogar auf Gardinen wegen der vermehrten Staubansammlung. Als Gesundheitsfanatikerin hatte sie alle Fensterscheiben mit Naturfarbe bemalt.
   Es war angenehm warm im Zimmer. Oma hatte extra für uns den Kamin angezündet, weil wir es so gemütlich fanden, wenn das Holz knackte. Sie stand an den schwarz marmorierten Kaminsims gelehnt und lächelte versonnen das grellfarbene, monströse Kunstwerk gegenüber an der Wand an. Es war von ihr.
   Mit wild verschlungenen Linien hatte sie es bestimmt einmal im Zorn gemalt. Niemand hatte bisher erraten können, was es darstellte. Ich glaubte, nicht einmal Oma wusste das. Betrachtete man es aus einem bestimmten Winkel heraus, sah es wie eine Fantasielandschaft aus. Kippte man den Kopf etwas zur Seite, wurde ein sich umarmendes Liebespaar daraus. Und jetzt, im Schein des Feuers, hatte ich unweigerlich das Gefühl, die Linien traten hervor und bewegten sich auf mich zu. Eine geheimnisvolle Aura umgab es.
   Oma lächelte mich mit einem unbestimmten Ausdruck in den Augen an. Sie liebte das Bild und sie wusste, ich tat es auch.
   »Hi«, sagte sie locker, »da seid ihr ja schon.« Sie schob uns zwei Paar gefütterte Hausschuhe zu. Sie trug ähnliche an den Füßen.
   »Oh, eine neue Frisur«, stellte ich fest. In Omas frisch nach hinten geföhnten Haaren schimmerten rote Strähnchen. In ihrer engen Jeans und dem lockeren, selbst gestrickten Pullover sah sie wirklich nicht wie Mitte fünfzig aus.
   Wir nahmen an dem dunklen Holztisch Platz, auf dem drei Suppentassen und drei Tassen Tee dampften. Bei Oma und Mutsch gab es immer Tee. Morgens, mittags und abends. Bei keinem Ausflug durfte eine Thermoskanne mit heißem Tee fehlen.
   »Hm, Käsesuppe«, schwärmte Claudio, »und wie die duftet!«
   »Langt zu. Reden können wir gleich.«
   Claudio goss die Suppe in sich hinein, ohne den Löffel zu benutzen. Ich hingegen nippte nur daran. Mir war nicht nach Essen zumute. Oma entging das natürlich nicht. Sie bat mich, meine Tasse zu nehmen, und mit ihr nach nebenan zu gehen.
   »Kein Problem«, sagte Claudio mit vollem Mund, »Marka ist heute das Sorgenkind.«
   Angenehm überrascht von seinem Feingefühl, folgte ich Oma ins Arbeitszimmer. Anders als im gefliesten Wohnbereich war hier der Boden mit einer Holzdielung ausgelegt, farblich abgestimmt auf die Regale an den Wänden. Alle Bücher, die sich dort aneinanderreihten, hatte Oma schon gelesen. Genau wie ich war sie eine Leseratte, die alles verschlang, was sie in die Finger bekam. Nur ihre Manuskripte standen nicht dort. Ordentlich nach Datum sortiert lagen sie auf einem Extraregal, das über dem breiten Liegesofa angebracht war. Daran hatte ein guter Freund, der Möbeltischler war, einen Laptoptisch für Oma angebracht. Ein total praktisches Teil, auch optisch eine Augenweide. Omas Lieblingsplatz – kein Wunder.
   Oma beobachtete mich mit erwartungsvollem Blick und irgendwie sah sie nicht besonders glücklich aus.
   »Was hast du auf dem Herzen, Kind?« Sie lächelte mich aufmunternd an.
   Ohne zu wissen, wo ich anfangen sollte, begann ich bei meinen Kopfschmerzen. Meine schreckliche Angst, vielleicht entsetzlich krank zu sein, verschwieg ich. Schon nach dem ersten Satz weiteten sich Omas Augen. Im Verlauf des Gespräches und vor allem, als die Rede auf meine Träume kam, schien sie in völliger Reglosigkeit zu erstarren. Ich schien sie nicht überzeugt zu haben, sie schwieg.
   »Glaubst du mir nicht, Oma?«
   Omas Lippen fingen an zu beben. »Doch, doch, es ist sogar das Schönste, was ich seit Langem gehört habe.«
   Aber warum kamen ihr dann Tränen?
   »Jetzt heul ich dir auch noch die Ohren voll«, sagte sie, kramte umständlich ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich leise. »Dabei müsste ich doch allen Grund zur Freude haben.«
   »Aber warum weinst du dann? So schlimm sind meine Kopfschmerzen meist nicht«, versuchte ich Oma zu beruhigen.
   »Weil es nicht neu für mich ist, was du da erzählst, Marka.« Sie sah mir fest in die Augen. »Ich habe es genauso aufgeschrieben.«
   Leicht pikiert, weil Claudio mal wieder alles gepetzt hatte, schimpfte ich über ihn.
   »Aber nicht doch, Kind. Dein Bruder hat nichts damit zu tun.« Sie sprang auf und ging rastlos im Zimmer umher.
   »Dann hat Mutsch es dir erzählt?«, fragte ich. »Ich weiß, sie macht sich Sorgen.«
   Oma fuhr sich langsam über die Augen, während sie mit dem Kopf schüttelte. »Es ist viel komplizierter«, sagte sie, als sich unsere Blicke trafen. »Sogar mehr noch, als du vermutest. Komm, setz dich erst mal. Es gibt eine durchaus rationale Erklärung dafür. In erster Linie hat sie mit der Macht des Bewusstseins zu tun. Genauer gesagt – mit deinem Bewusstsein.«
   Ich klappte nur wie bescheuert den Mund auf.
   »Du weißt, dass wir beide, du und ich, sehr viele Gemeinsamkeiten haben«, sagte Oma betont langsam. »Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, wenn deine Träume mit dem im Zusammenhang stehen, wovon ich schreibe.«
   »Was haben deine Bücher …?«
   »Du hast richtig gehört. Genauso bildhaft habe ich das alles auch schon einmal gesehen.«
   Wie vor den Kopf gestoßen saß ich da und starrte sie an. Es kam selten vor, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
   Oma setzte sich neben mich und nahm mich fest in den Arm. »Vielleicht hätte ich nicht so lange schweigen dürfen. Ich hätte wissen müssen, dass du anders bist als deine Mutter.«
   Ich löste mich aus der Umklammerung. Meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. »Ich kapier nicht, was du meinst, Oma. Du machst mir Angst mit dem, was du sagst.«
   »Ich gebe zu«, sagte sie und ihre Finger zitterten, »dass es sich ganz schön schräg anhört. Aber du musst nicht gleich in Panik verfallen, nur weil ich deine Traumerlebnisse kenne. Für mich ist das wie ein Geschenk, eine wahr gewordene Wunschvorstellung. Ein absoluter Sonderfall.«
   »Aber woher willst du das so genau wissen?«
   »Ich habe dich gesehen, wie du durch deine Träume geirrt bist. Deshalb habe ich euch herbestellt.«
   »Du hast mich gesehen?« Mein Magen drehte sich vor Fassungslosigkeit um.
   »Anfangs glaubte ich wegen der Ähnlichkeit, dass du deine Mutter bist. Aber angesichts dessen, wie behutsam du jedes Detail betrachtet hast, klärte sich die Verwechslung schnell auf. Deine Mutter wäre gar nicht auf die Idee gekommen, so etwas wahrzunehmen.«
   Während des Satzes war sie wieder aufgestanden und zu einem ihrer Regale gegangen. Sie zog ein Buch heraus, blätterte darin und erwähnte, dass Seite zehn bis zwanzig von größter Bedeutung für mich wären. Die sollte ich jetzt lesen.
   Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, denn noch nie hatte ich eines ihrer Bücher in den Händen. Omas Blick war tiefgründig, als sie mein Gesicht umfasste.
   »Kind, hat schon einmal ein Gefühl von Dunkelheit und Kälte dich ergriffen während deines Kopfschmerzes?«
   Ich schaute Oma wie vom Blitz getroffen an.
   »Es stimmt also. Das beweist mir, dass wir zwei denselben Zugang zu der Welt unserer Ahnen besitzen. Es ist eine magische Welt, musst du wissen. Genauso magisch, wie es der Schmerz in deinem Kopf ist.«
   »Ein magischer Schmerz?«, echote ich.
   »Jeder unserer Vorfahren kennt ihn und jeder hat gelernt, ihn zu beherrschen.«
   »Oma, welche Vorfahren? Was haben die mit meinen Schmerzen zu schaffen? Die können mich auch nicht heilen.«
   »Eine Heilung ist nicht nötig«, antwortete sie, »weil dein Schmerz schon bald nicht mehr schmerzhaft ist. Du wirst ihn sogar vermissen, glaube mir.«
   Sie nahm meine Hände. »Es tut mir so leid, mein Kleines, dass du so leiden musst«, beteuerte sie leise. »Aber wenn der Schmerz wieder auftritt, blockierst du ihn einfach mit folgender Methode: Noch ehe er sich richtig bemerkbar macht, musst du ihn mit aller Kraft wegdenken, ihn quasi von dir schieben. Wenn er ignoriert wird, verliert er seine Kraft.«
   »Einfach so?«
   »Ja, einfach so.«
   »Weißt du was, Oma? Wenn ich nur die Hälfte, von dem was du sagst, verstehen würde, wäre ich schlauer.«
   Oma streichelte mir mit rührender Geste über die Hände. »Warte noch etwas ab, dann klärt sich alles auf.«
   »Nee, nee«, ereiferte ich mich, »jetzt musst du auch mit Antworten rüberrücken. Warum habe ich das Kopfweh immer nur frühmorgens?«
   »Wenn du aus deinem Traum erwachst«, sagte sie, »kann deine Seele nicht so schnell umschalten. Es entsteht ein kurzes Gefühl der Leere und das ist schmerzhaft. Aber jetzt weißt du ja, wie du es umgehen kannst.«
   »Soll das heißen, dass irgendwann alles wieder gut wird?«
   »Aber ja doch, mein Kind, bestimmt.«
   »Und warum fühle ich mich in meinen Träumen so wohl? Ich hab richtig schlechte Laune, wenn ich aufwache.«
   Omas Blick wirkte plötzlich befremdlich. Sie stand auf. »So weit ist es also schon. Der Einfluss hat dich bereits erreicht. Fehlt nur noch die versteckte Botschaft.«
   »Oma!«, fuhr ich aus der Haut. »Welcher Einfluss? Was für eine Botschaft?«
   »Es zieht dich fort von hier, nicht wahr?«, fragte sie mit beklemmender Stimme, statt mir zu antworten. »Du magst dieses Leben hier nicht mehr. Es kommt dir fremd und falsch vor.« Sie tippte auf das Buch in meinen Händen. »Lies es in aller Ruhe, dann wirst du unmissverständlich wissen, was du tun musst.«
   »Du gibst es mir einfach so?«
   Sie nickte. »Du gehörst zu den Wenigen, die es verstehen werden.«
   »Darf ich es mit nach Hause nehmen? Du bekommst es auch unversehrt wieder.«
   Oma schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, Kleines. Aus Sicherheitsgründen. Anschließend können wir darüber reden. Wie wäre es morgen, nach Claudios Geburtstagsfeier?«
   Ich überlegte. Ich könnte dann bei Oma übernachten. Selbstverständlich wollte ich ihren Wunsch respektieren, obwohl er mir seltsam vorkam. Ich gab ihr das Buch zurück. »Okay.«
   Plötzlich schien es Oma eilig zu haben, mir von einem Mädchen zu erzählen, das sie gut gekannt hatte. Es hätte sich vor vielen Jahren von seinem bisherigen Leben getrennt, weil es der festen Überzeugung war, woanders hinzugehören. Und obwohl jeder dagegen war, ließ es sich nicht beirren. Sie traf die Entscheidung aus dem inneren Bauchgefühl heraus. Das half ihr auch zu überleben, als sich herausstellte, dass sie den falschen Weg gewählt hatte. Aber das hätte sie niemals zugegeben, im Gegenteil.
   Während Oma mir das erzählte, wurde mir klar, dass sie mir gerade aus der Seele sprach. Ich war wie das Mädchen unglücklich und fühlte mich fehl am Platz. Zufall? Ich starrte Oma an.
   Plötzlich bemerkte ich, wie ich von einer schwindligen Leichtigkeit erfasst wurde, die alles um mein Gesichtsfeld in Schwingungen versetzte. Wie Milch in Kaffee zerfloss die Einrichtung des Zimmers mit den Konturen von Omas Gestalt und eine tiefe Wärme durchflutete mich. Ich ging in mich, um zu ergründen, wieso ich das fühlte. Ein jäher Energieschub hob mich sanft empor. Ich wunderte mich, keine Angst zu verspüren, als das Bild einer wunderschönen Landschaft auftauchte.
   Es war haargenau dieselbe, die ich aus meinen Träumen kannte. Bekannte Glücksgefühle übermannten mich. So frei und unbeschwert fühlte ich mich schon lange nicht mehr. Und inmitten des bezaubernden inneren Friedens hörte ich Omas Stimme, die immer und immer wieder meinen Namen rief.
   Unfassbares Staunen durchrieselte mich, als ein kleiner, menschlicher Schatten in die Landschaft trat und wild winkte. Obwohl er keinen Schritt machte, näherte er sich im Schnelltempo, als würde er von einem Magneten angezogen. Eigenartigerweise fühlte ich immer noch kein bisschen Angst. Ich freute mich sogar, ihn zu sehen. Wer war es bloß?
   Allmählich bekam die Figur ein vertrautes Gesicht – Oma! Sie lächelte mich voller Güte an und ich war von der Gewissheit beseelt, dass sie genau dasselbe sah wie ich.
   Ich spürte eine Berührung auf meinem Gesicht und alles löste sich auf. Oma und ich saßen wieder nebeneinander auf dem Liegesofa und blickten uns geradewegs in die Augen. Ihre quollen über vor Tränen.
   »Na, noch Zweifel?«
   Für einen Moment war ich noch zu verwirrt, um zu antworten. Omas und meine Gedanken waren gerade eins gewesen. Sie hatte mir den Weg gezeigt, der mir vorbestimmt war.
   Ich lächelte sie an. »Nein«, flüsterte ich rau.
   Ein raschelndes Geräusch von draußen ließ unsere Köpfe erschrocken hochschnellen. Die Tür ging auf und Claudios blonder Schopf erschien.
   »Mutsch hat angerufen. Wir sollen langsam mal heimkommen. Sie hat ziemlich hektisch geklungen, deshalb schlage ich vor, lieber nicht mehr so lange zu trödeln.«
   Oma erhob sich und ich folgte ihr in den Flur. »Du wirst deinen Weg schon finden, mein Kleines«, sagte sie, während sie mir in die Jacke half und mich zum Abschied drückte. »Geh ihn so, wie du es für richtig hältst. Und deine Fragen beantworte ich morgen, da sehen wir uns ja schon wieder.« Sie schob uns zur Tür hinaus. Ihr bedeutungsvolles Lächeln begleitete mich noch eine ganze Weile.
   Unterwegs grinste mich Claudio dauernd von der Seite an.
   »Was ist?«
   Er baute sich plötzlich provokativ vor mir auf. »Es hat so blöd rumgelegen.« Er knöpfte die Vorderseite seiner Jacke auf. »Da hab ich es gleich mal eingesteckt.«
   »Scheiße«, entwich es mir tonlos, als ich Omas Buch erkannte. »Und wenn sie es merkt?« Ich leuchtete sicher wie eine Tomate vor Schreck.
   »Dann war es eben ein Versehen. Ich nehme alles auf meine Kappe, kannst dich drauf verlassen.«
   Den ganzen restlichen Nachmittag musste ich Mutsch beim Kuchen backen helfen. Erst als sie die letzte Form in den Herd schob, durfte ich abdampfen.

Tief in mir fühlte ich, dass das ein Anfang war. Nur von was wusste ich nicht.

Kapitel 3 - Neue Weichen stellen


Wie ein Blitz sauste ich in Claudios Zimmer. Ich hatte ihm von dem Gespräch mit Oma erzählt und Angst, dass er ohne mich angefangen hatte, in dem Buch zu stöbern. Und natürlich hatte er das.
   Er wirbelte ertappt herum und winkte mit einem vergilbten Stück Papier vor meiner Nase. Ich schloss rasch die Tür.
   »Es war wie mit Spucke am Buchrücken angeheftet«, meinte er. Seine Stimme zitterte leicht vor Aufregung. »Ich habe wirklich nur ganz sacht dran gezogen und dann hatte ich es in der Hand.«
   »Du hast nachgeholfen.«
   »Es war aus Versehen, Oma wird das schon verstehen.«
   Das Blatt war über und über mit wirrem Rumgekritzel übersät. Kleine und große Kreise sowie gezackte und runde Wölbungen in den unterschiedlichsten Farbabstufungen verwirrten den Blick beim Draufsehen.
   »Da hat aber jemand ganz schön seine Kreativität ausgelebt. Das kann doch kein Schwein entziffern.«
   »Du bist doch der Künstler von uns beiden«, stellte ich gleich klar, »also, lass ich dir den Vortritt.«
   »Woher soll ich wissen, was diese Strichmännchenzeichnung bedeutet? Nicht meine Kragenweite.«
   Doch dann beugte er sich vor und fuhr mit dem Finger ein unscheinbares Symbol entlang. Es bestand aus neun Punkten. Einer lag in der Mitte und die restlichen acht reihten sich in jeweils vier Zweiergruppen drum herum. Ein dicker Kreis markierte das Zeichen.
   »Könnte ein Plan sein«, mutmaßte er, »so wie bei einer Schatzsuche.«
   »Träum weiter, Bruder. Ich kann schon die Eurozeichen in deinen Pupillen sehen.«
   »Von wegen, schau mal hier!« Er tippte auf einen blassblauen Schlängelstrich, der die Peripherie des Doppelkreises leicht anschnitt. »Ich fresse ‘nen Besen, wenn das kein Fluss ist.«
   »Könnte auch ein Tunnel sein, oder eine Grenze.«
   »Dann könnte es auch einen Ausgangspunkt darstellen.«
   »Hm …, vielleicht ist es auch ein Berg oder eine Höhle.«
   Ich sah den Verlauf der verzerrten Linie entlang, bis ich an einem scharfen Knick hängen blieb. »Du hast recht, Claudio. Es ist kein Fluss, sondern eine Straße. Und das hier«, ich tippte auf eine gebogene Linie, »das muss eine Kurve sein.«
   Claudio musterte mich mit schmalen Augen und ich wusste, dass er wusste, was ich dachte. Die merkwürdig verwirrenden Linien erinnerten an die grafische Darstellung der Umgebung, in der wir wohnten. Und weil sich kurz hinter der ersten Kurve noch eine zweite befand, die entgegengesetzt und noch viel steiler war, konnten wir die Stelle sogar punktgenau einordnen. Es stellte eine typische S-Kurvenlinie dar, die an einem alten Schacht vorbeiführte, der sich am südlichen Rande unserer Stadt befand.
   »Gibt es die Mine überhaupt noch?«
   »Klar, aber ich glaube, die haben sie schon vor Jahren dichtgemacht. Daneben ist aber noch ein Schacht. Ich kenne ihn von einem Schulausflug. Er wird nur noch für touristische Zwecke genutzt, als Schauobjekt sozusagen.«
   »Ist das der, wo das komische Ding steht, was so berühmt ist?«
   Claudio nickte triumphierend, wahrscheinlich, weil er endlich mal mehr wusste als ich. »Du meinst die Dampfmaschine. Sie ist die Erste ihrer Art, die in Deutschland aufgestellt wurde. Mit ihrer Hilfe wurde damals das Wasser aus den Förderbereichen gepumpt, damit die Bergleute nicht absoffen. Aber das soll wohl schon mindestens 250 Jahre her sein. Immerhin ist das Mansfelder Land dadurch berühmt geworden.«
   »Soll es nicht sogar noch originalgetreue Bergbaupfade geben?«
   »Und eine Grubenbahn. Mit der kannst du bis in den obersten Stollen einfahren. Aber weiter runter ist es, glaube ich, verboten.«
   Sehr verwunderlich, dass Claudio über derartige Dinge Bescheid wusste. Genauso merkwürdig war es, wie er sich für das Buch zu interessieren schien.
   »Schlag mal Seite zehn auf.«
   Claudio blätterte wild drauflos.
   Sofort sprang uns ein komischer Begriff ins Auge, der wie eine Überschrift angelegt war. Der erdenferne Kaskadensprung.
   Mit unbeweglichen Gesichtern stierten wir darauf.
   »Eindeutig deine Traumwelt. Tag und Nacht sind schließlich zwei aufeinanderfolgende Kaskaden.«
   Mein Puls begann zu rasen bei seinem hohen Gequatsche. »Eine Kaskade ist ein Wasserfall, oder meinetwegen auch so etwas wie eine Verwirbelung. Das gibt es nun wirklich nicht in meinen Träumen.« Wahrscheinlich hatte ich einfach nur Schiss, dass er recht haben könnte. Zudem ahnte ich, was er vorhatte.
   »Lass es uns doch einfach rauskriegen.« Claudio sprang auf. Als ich wie festgewachsen sitzen blieb, schnaubte er. »Na los, der Berg ruft!«
   Ich wusste nicht, ob er das ernst meinte oder nicht, und blieb weiterhin auf seinem Bett hocken.
   »Wieso wollte dir Oma wohl das Buch geben? Sie wollte, dass du dir das da anschaust.« Er tippte auf das lose Papier.
   »Vielleicht war ihr nicht bewusst, dass da eine Karte drin ist.«
   »Das glaubst du doch selbst nicht! Sie war schließlich eingeklebt. Hier, guck, man sieht die Stelle noch. Nun komm, wir schauen es uns an.«
   »Die Kaskaden?«
   »Nein … den Schacht natürlich.«
   »Was für ‘ne hirnrissige Idee. Du glaubst doch nicht, dass wir da was finden. Und sowieso kriegen mich da keine zehn Pferde rein, dass du es gleich weißt!«
   »Warts doch erst mal ab.«
   Claudio klappte das Buch zu und ließ es in seinem Rucksack verschwinden. Wir kramten den alten Stadtplan heraus, den Oma uns mal überlassen hatte. Anhand des Vergleiches mit dem Plan aus ihrem Buch stellten wir fest, dass die hellblauen Linien tatsächlich Straßen waren. Eine Dunkelblaue deutete einen Fluss an, unsere Wipper. Das Symbol mit dem Kreis kennzeichnete den kleineren der beiden Schächte.
   »Worauf warten wir noch? Jetzt steht fest, wo wir hinmüssen. Übernimm du den Proviant, ich kümmere ich mich um den Rest!«
   Obwohl ich mich total überrannt fühlte, hatte mich Claudios Euphorie angesteckt. Mutsch lag total geschafft auf dem Sofa vor der Glotze. Ich verkrümelte mich ungehindert und überlegte, was ich mitnehmen sollte. Claudio hatte mir zwar eingebläut, nur das Notwendigste einzupacken und bloß nichts Unpraktisches anzuziehen, was aber bestimmt nicht für meine schicken Fransenstiefel galt.
   »Das glaub ich jetzt nicht, Marka. Mal abgesehen davon, dass tiefster Winter ist, wollen wir zu einem dreckigen Berg fahren. Die Dinger da kannst du hinterher wegschmeißen!«
   »Egal«, sagte ich und stellte sie zu seinem bereits fertig gepackten Rucksack.
   »Wozu brauchst du denn den ganzen Krempel?« Es glich einem Wunder, dass der alte, rote Rucksack noch nicht aus allen Nähten geplatzt war. Meine niedliche Umhängetasche sah dagegen mickrig aus. »Und wer soll das schwere Ding schleppen, falls du mal schlappmachst?«
   »Ich bin es gewohnt, so viel mit mir herumzutragen.«
   Damit war die Diskussion beendet und wir warteten reisefertig, bis Mutsch ins Bett ging. Wissen durfte sie natürlich nichts von unserem Vorhaben. Wir geduldeten uns noch etwas, um sicher zu sein, dass sie wirklich schlief, dann verließen wir leise die Wohnung.
   Höchstens zwei bis drei Stunden rechneten wir, würde unsere Aktion dauern. Vor Mitternacht wären wir längst wieder in unseren Betten.
   Wir schwangen uns auf unsere Fahrräder und fuhren durch die nächtlichen Straßen. Um diese Zeit sah uns zum Glück kaum einer. Die Wege waren sogar halbwegs trocken, dennoch fröstelte es mich. Mein Atem kondensierte. Nahe dem Schacht wechselten wir auf einen leicht ansteigenden Feldweg, der schmal und holprig dahinführte. Immer mal wieder rutschten unsere Reifen auf schmierigen Steinen aus, doch wir hatten unser Ziel klar vor Augen. Die Lampen knipsten wir vorsichtshalber aus, in der Dunkelheit wären wir sonst zu sehr aufgefallen. An einer halb zerfallenen Ziegelsteinmauer hielten wir, um zu Fuß weiterzugehen. Sie bot ein hervorragendes Versteck für unsere Räder.
   Wir kämpften uns durch dornige Brombeeren, die meterhoch und ziemlich widerspenstig die Ranken nach uns ausstreckten, bis wir auf das nächste Hindernis trafen – einen alten, verrosteten Absperrzaun.
   Er umgrenzte die beiden Halden weiträumig, war aber teilweise kaputt, sodass wir schnell einen Spalt fanden, durch den wir hindurchpassten. Mit jedem Meter wurde die Vegetation spärlicher. Den Boden übersäten graue Schieferplatten, die nicht zuließen, dass hier etwas wuchs. Aber dafür war das Gelände eben und so liefen wir im Laufschritt auf ein flaches, zerfallenes Gebäude zu, das nicht gerade einladend im fahlen Licht des fast vollen Mondes leuchtete.
   Aus dem undichten Dach der Baracke ragten übergroße, vertrocknete Goldrutenbüschel. Daneben standen Reste von kleineren, ebenfalls überwucherten Holzbutzen. Alles gehörte zu der Schachtanlage, auch wenn es nur Ruinen waren, die im Zwielicht unheimliche Schatten warfen. Die größere der beiden Halden lag dahinter, die kleinere etwas weiter abseits. Ein löchriger Holzzaun trennte sie, den es als Nächstes zu überwinden galt.
   »Das wird schwierig«, flüsterte ich und rieb meine Hände aneinander. Sie fühlten sich schon klamm an, obwohl sie in dicken Handschuhen steckten.
   Claudio stellte den prallen Rucksack ab und trat mit voller Wucht gegen einen stattlichen Pfosten. Mir entwich ein erstickter Laut, und ich traute meinen Augen kaum, als er umfiel und alle Übrigen mit umkippten wie angeschlagene Dominosteine. Auch hier kam uns der Zahn der Zeit zu Hilfe.
   Geduckt flitzten wir auf den Schieferberg zu, der von dem Symbol auf der Karte gekennzeichnet worden war. Schmutzig graues Schiefergeröll umgab ihn weitläufig, was jeden Schritt zum Balanceakt werden ließ. Kaum hatten wir ihn erreicht, setzte ein heftiges Schneetreiben ein. Der Mond verschwand hinter bedrohlichen Wolken und wir waren binnen weniger Minuten klatschnass bis auf die Haut.
   »Da braut sich ganz schön was zusammen«, rief Claudio. »Könnte ein richtig fetter Schneesturm werden.«
   Obwohl er unmittelbar vor mir über den rutschigen Geröllmatsch stapfte, konnte ich ihn kaum erkennen. Meine Sichtweite betrug höchstens einen Meter.
   »Ich glaube, wir müssen weiter rüber, zur anderen Seite«, schrie er und ich beeilte mich, ihm zu folgen, weil seine Stimme so weit weg klang. Doch der eiskalte Wind nahm mir jegliche Luft, ich konnte nicht mehr und blieb stehen. Um den eisigen Windböen zu entgehen, wandte ich mich ab und sank zu Boden. Wenn es doch irgendwo einen Baum zum Unterstellen gäbe, oder etwas anderes, was uns Schutz bot. Schwer keuchend schaute ich über das unheimliche Grau des Geröllberges. An einer Stelle mit einer besonders dicken Schieferplatte stoppte mein Blick. Täuschte ich mich, oder lag eine kleine Einbuchtung darunter? Mein Stimmungspegel schnellte augenblicklich nach oben und genauso schnell sprang ich auf und hastete auf die Stelle zu.
   Als hätte jemand eine meterhohe Kerbe in den Berg gehauen, befand sich dort tatsächlich eine eingelassene Rinne mit einer Schieferplatte als Überstand. Das Unwetter riss an meiner zugeschnürten Kapuze und zerrte an meinem Anorak, als wollte es mich davonreißen. Ich duckte mich eilends hinein und hielt zum Schutz meine Tasche vors Gesicht. Noch ehe ich mich richtig zusammenkauerte, stand Claudio vor mir.
   »Du kannst mich doch nicht einfach weiterlatschen lassen, ohne was zu sagen. Ich dachte, dir wäre was passiert.«
   Er schmiss mir wutentbrannt den Rucksack vor die Füße. Die Gurtschnalle schlug neben mir auf, was ein hölzernes Geräusch verursachte.
   »Was war das? Hast du das gehört?«
   Ohne die Atempause des Sturmgeheuls hätte ich es sicher nicht mitbekommen. Ich tastete den Boden ab und Claudio hockte sich neben mich.
   »Was hast du gesagt?«
   »Deine Rucksackschnalle ist auf etwas Hartes aufgeschlagen.«
   Claudio erhob sich und stampfte mit dem Fuß auf. Auch ich trampelte auf der Stelle herum. Meine Absätze bohrte ich tief in den Steinmatsch und plötzlich ertönte ein Ratschen, grad so, als wenn jemand mit einem Schraubenzieher abgerutscht wäre. Ich kratzte erneut über den Widerstand.
   »Bleib so stehen! Da ist wirklich was drunter.«
   Claudio suchte einen abgebrochenen Stab und steckte ihn in das Loch, das mein Absatz hinterlassen hatte. Er scharrte mit einer Schieferplatte Schotter weg und klopfte auf die Stelle, die nunmehr ein breites Loch war. Der nächste Schlag verursachte ein klares Klopfgeräusch auf Holz.
   Nun gab es kein Halten mehr. Mit jeweils einem scharfkantigen Stein bewaffnet, entfernten wir eine Schicht aus Erde, Steinchen und Schieferbruchstücken. Wir legten einen großen Holzdeckel von ungefähr dreißig Quadratzentimetern frei.
   »Das Kreuz auf Omas Karte«, keuchte ich vor Freude und Erschöpfung. Wir versuchten, den Deckel anzuheben, doch er ließ sich nicht bewegen. Claudio tastete nach einem Verschluss, fand aber keinen.
   »Mist!«, fluchte er und sprang auf dem Holz herum.
   Ich ließ mich nicht lumpen, nahm ihn in den Arm und dann hopsten wir gemeinsam und tempogleich. Nichts.
   »Wir müssen das Ding aufhebeln«, meinte er, während er den Rucksack durchsuchte. Mit einem Messer und einer Taschenlampe bewaffnet, sagte er ernst: »Rutsch etwas rüber, falls es abbricht.«
   Ich wollte mich an der Wand entlangdrücken, rutschte aber mit dem linken Fuß ab. Meine Stiefelspitze steckte irgendwo unter dem Holz fest. Panisch zog ich daran, doch ich kam nicht frei.
   »Halt doch mal still!« Claudio packte meinen Stiefel und befreite ihn. Dann wühlte er mit den Fingern so lange im Matsch, bis er auf einen eisernen Ring stieß, neben dem ein kleiner, flacher Metallkasten eingelassen war.
   »Marka, du bist klasse!«
   »Was?«
   »Da haben wir ihn, den Schließmechanismus. Nun müssen wir nur noch rauskriegen, wie er funktioniert.« Doch der Kasten war fest verschlossen und es gab nicht einmal irgendwelche Befestigungsschrauben. »Mist verdammter!« Er fluchte und schlug mit der Faust auf den Kasten.
   Klack machte es unverhofft und noch einmal klack, dann gab etwas unter dem Holz nach.
   »Weg!«, rief Claudio und ließ sich nach hinten fallen. Ich konnte noch gerade rechtzeitig zur Seite springen, bevor die Klappe aufsprang und an meinem Knie vorbeizischte.
   »Das war knapp«, sagte er im brüchigen Tonfall und ich stand da wie geplättet und schluckte.
   Claudio leuchtete eine bräunlich, fleckige Fläche in der Form eines Dreieckes mit der Taschenlampe an. Flimmernde Staubteilchen flirrten empor. »Rost. Wahrscheinlich ist er durch die feuchte Holzluke entstanden.«
   Ich reichte ihm ein Papiertaschentuch, damit er die Schicht notdürftig entfernen konnte. Dabei bemerkte er drei eingeritzte Kerben, die mit geraden Strichen aufeinander zuliefen. Exakt in der Mitte markierten sie einen Punkt. Er fingerte nach dem Taschenmesser, das übrigens ein Geschenk von Oma war, was mir jetzt gar nicht mehr wie ein Zufall vorkam, und presste es von oben in den mittigen Schlitz. Paradoxerweise passte die Klingenspitze genau hinein, und als Claudio das Messer losließ, blieb es sogar stecken.
   »Da haben wir ja richtig Glück gehabt«, bemerkte ich trocken. Claudio zog eifrig nickend sein Messer heraus und plötzlich geschah etwas total Unerwartetes. Es zischte kurz, als wenn Luft unter heftigem Druck entwich, dann formierte sich die braune Staubschicht, wo die Messerspitze gesteckt hatte und verschwand nach innen.
   »Da unten gibt es bestimmt keinen Strom«, grübelte Claudio. »Der Mechanismus hat vermutlich einen stinknormalen Druckausgleich ausgelöst.«
   Erstaunlich, wie schnell er auf so eine plausible Erklärung kam. Eigentlich dachte er immer so lahm, wie eine Schnecke vorankam, wenn er überhaupt eine Lösung fand. Langsam aber sicher verstand ich die Welt nicht mehr.
   Das Dreieck schwang mit einem leisen Ächzen nach unten und machte die Sicht auf ein schaurig schwarzes Loch frei. Claudio legte sich auf den Bauch, um seine Taschenlampe in die Öffnung zu halten. Ich starrte an ihm vorbei in die grauenhafte Schwärze.
   »Du kannst beruhigt sein«, sagte er. »Da ist nichts drin, was mehr als vier Beine hat.«
   Mein Magen drehte sich bei der Vorstellung um. Claudio hob den Kopf. »Ich weiß, dass du …, na ja, dass du das da nicht so prickelnd findest«, offerierte er mir. »Aber vielleicht hilft es dir, wenn ich erst mal allein runtersteige und die Lage peile.«
   Wie vor den Kopf gestoßen, weil mein Bruder unaufgefordert auf mich Rücksicht nehmen wollte, sah ich auf ihn hinab. Noch niemals hatte er mir freiwillig irgendeinen Dienst erwiesen. Als Wiedergutmachung nahm ich mir vor, ebenfalls die Nettigkeit in Person zu sein. Eine Hand wäscht immerhin die andere. Also nickte ich.
   Ohne einen weiteren Kommentar ließ er sich in die Tiefe gleiten. Ich war versucht, an meinen Fingernägeln zu knabbern, während ich dem Heulen des Schneesturms lauschte und dem raschen Schlagen meines Herzen. Als Claudios Kopf endlich wieder in der Öffnung auftauchte, stieß ich Luft aus, als hätte ich sie die ganze Zeit angehalten.
   »Alles in bester Ordnung. Da ist außer ein paar Ameisen nichts Ekliges. Außerdem ist es entschieden wärmer als hier.«
   Auch wenn sich alles in mir sträubte, zwang ich mich durch die Öffnung. Meine Füße suchten die Tritte der Leiter. Zwei Sekunden lang war ich der Dunkelheit total ausgeliefert, dann tanzte Claudios Taschenlampenkegel zu mir empor.
   »Warte kurz«, hallten seine Worte. »Du trittst mir sonst auf den Kopf.«
   Ich klammerte mich an die Leiter und versuchte, ein Zittern zu unterdrücken. Ich wollte den Abstand zu ihm nicht allzu groß werden lassen und lange hier stehen auch nicht, immerhin wusste ich nicht, in welchem Zustand die Leiter war.
   »Kannst kommen!«
   Ich angelte mit dem rechten Fuß nach der nächsten Sprosse. Die Eisenleiter schwankte, zusammen mit meinem Magen. Während meine Hand den Holm loslassen wollte, bemerkte ich, dass sie trotz Handschuh daran festpappte. Eisiges Entsetzen packte mich bei dem Gedanken, festzuhängen. Mit einem spitzen Schrei riss ich mich los. Die Leiter schwankte und ich klammerte mich fest, um nicht in die Tiefe zu fallen.
   Mein Puls donnerte mir bis in die Ohren. Vorsichtig setzte ich einen Fuß unter den anderen. Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Finsternis gewöhnt und so konnte ich erkennen, dass der Schacht mit dunklen Ziegeln ausgekleidet war. Zehn Sprossen weiter wurde es allmählich wärmer, aber leider auch feuchter. Rinnsale perlten an den Wänden ab. An manchen Stellen waren sie von Schimmel überzogen ebenso wie die Leiter, die noch rutschiger wurde. Fast schon bereute ich es, auf meinen Bruder gehört zu haben. Ich schaute nach unten und sah am Licht seiner Lampe, dass er trotz des Rucksacks erheblich schneller vorankam. Immer wenn er ein Bein nachsetzte, schüttelte es mich durch. Das Gewackel war kaum auszuhalten.
   »Nur noch ein paar Meter«, rief er mir zuversichtlich zu. »Wir sind gleich unten.«
   »Was für traumhafte Aussichten«, murmelte ich und beim nächsten Schritt rutschte die glatte Sohle meiner Stiefel ab. Ich schrie auf.
   »Alles okay?« Der Schein der Taschenlampe leuchtete mir von unten her durch die Beine. Ich hatte mich noch gerade so festhalten können. Vorsichtig befühlte ich die nächste Stufe. Schweiß lief mir über die Schläfen und den Rücken. Ich fröstelte, obwohl mir heiß geworden war.
   Nach geschätzten zwanzig Metern kündigte ein bläuliches Licht den Boden an. Claudio stand neben einem in der Erde eingelassenen ovalen Kreis. Er empfing mich lächelnd.
   »Alles gut?«
   Ich nickte, auch wenn mir die Knie zitterten.
   Claudio leuchtete den niedrigen Raum aus, in dem wir gelandet waren. Modrig riechendes Wasser lief in Rinnsalen die Wände entlang wie in einem Kellerloch.
   »Und was nun?«
   »Hm, mal sehen«, sagte er und klopfte die umliegenden Wände ab. Rasch folgte ich ihm. Schließlich hielt er die Taschenlampe gegen eine Erhebung am Boden.
   »Schau mal«, hauchte ich mit erstickter Stimme, weil ich ahnte, was darunterlag.
   Der gleiche dreieckige Deckel – das gleiche Öffnungsritual – die gleiche unergründliche Tiefe. Eiseskälte lähmte meinen Körper.
   »Soll ich wieder vorneweg?«, fragte Claudio, als er meine zusammengepressten Lippen bemerkte. Ich nickte.

Ich kam mir vor wie lebendig begraben.

Kapitel 4 – Volldampf voraus


»Hey …, was für ein cooles Teil.« Claudio zeigte auf einen kleinen verrosteten Förderwagen, der am Fuße der Leiter stand. Er schien
   förmlich darauf zu warten, von uns bestiegen zu werden.
   Ich schnaufte mit vor Ekel verzogenem Gesicht, weil wabernde Spinnweben sowohl die vier Räder als auch den Rest des Gefährts umhüllten.
   »Das ist genau das, was wir brauchen«, sagte Claudio. »Das Teil ist genial. Dann sind wir viel schneller unterwegs. Sieh, wie lang der Gang ist.«
   »In das Ding kriegen mich keine zehn Pferde rein. Da kriege ich Herpes.« Ich rümpfte die Nase.
   »Na, und wenn schon, mich stört`s nicht.«
   Fast war ich versucht, zickig zu werden, ließ es aber sein. Stattdessen würgte ich hervor: »Das Teil kracht ja zusammen, so altersschwach ist es. Lass uns lieber zu Fuß weitergehen.«
   »Quatsch, ich finde, es sieht ziemlich rüstig aus.«
   »Dann musst du was an den Augen haben. Die Karre wurde doch hundertpro eine halbe Ewigkeit nicht bewegt.« Ich stieß gegen eine staubüberzogene Schiene. Sie wackelte und alles, was daran befestigt war, vibrierte mit. »Das ganze Zeug ist schon längst ausrangiert.«
   Claudio drehte sich zu mir um, sein Gesicht glühte vor Aufregung. »Hasenfuß!«
   »Und wenn unterwegs was kaputtgeht, oder was auf den Schienen liegt? Dann crashen wir damit.« Mein Blick glitt über verschimmeltes Holz und beschädigte Maschinenteile.
   »Wofür gibt es Bremsen?« Claudio winkte ab. »Und so schnell wird das Teil sowieso nicht fahren. Zur Not können wir ja rausspringen.«
   Er hüpfte in die Lore, wischte ab und zu eine Spinnwebe mit den Ärmeln weg und schnippte irgendwo gegen. Was es war, wollte ich gar nicht erst wissen. Zufrieden ausgestreckt hing er in den zerschlissenen Sitzen. »Ich bleibe hier drin. Ende der Diskussion. Ich lass mich nicht von dir beeinflussen. Lieber schlecht gefahren, als gut gelaufen.«
   Warum wollte er sich nicht eingestehen, wie fragwürdig die Lore aussah? Sämtliches Holz, sprich Sitze, Einstiegstreppe und auch der Unterboden, waren morsch und faulig und an allem, was aus Eisen war, klebte Rost.
   Er setzte sich aufrecht hin und wies auf den Platz neben sich. »Guck mal, hier sind sogar Gurte drin.«
   Voller Abneigung registrierte ich einen schmierig aussehenden Träger. Nicht einmal mit der Kneifzange würde ich den anfassen.
   »Aber bitte, wenn du unbedingt zu Fuß gehen willst. Ich fahr jetzt los, notfalls auch ohne dich.«
   Sein Blick sagte mir, dass er es ernst meinte. Außerdem hatte er die Taschenlampe, fiel mir siedend heiß ein. Im Dunkeln wollte ich auch nicht zurückbleiben. Also ging ich seufzend um die Lore herum zu dem anderen Einstieg. Schnell streifte ich noch meine Handschuhe über, die ich wegen der Wärme ausgezogen hatte.
   Claudio griente, als ich zudem noch den Reißverschluss meines Anoraks bis nach oben zog und die Haare drunter stopfte. »Ist ja gut, du hast gewonnen.«
   Doch komischerweise kostete er seinen Triumph nicht aus. Im Gegenteil, er legte einen Arm um mich und wies mich höflich darauf hin, noch den Gurt anzulegen. Er sprang ab, um die Lore anzuschieben, während ich widerwillig an dem gummiähnlichen Band zog. Wie durch Geisterhand fand es seinen Weg allein und schnappte ein. Ich schluckte. Was war denn das? Unter meinen Füßen begann es zu vibrieren. Die Lore ruckte an, begleitet von lautem Gerassel.
   Nach zwei Sekunden gab es einen Schlag und das Tempo schwoll an.
   Claudio konnte sich gerade noch festhalten. »Hey, was ist denn jetzt looo…?«
   Den Rest seiner Worte verschluckte ein scharfer Luftstoß. Die Lore wurde in die Luft gehoben und für den Moment sah ich nichts als helle, verschwommene Flecken. Sie rauschten an mir vorbei, als wenn ich in einer megaschnellen Achterbahn sitzen würde. Unterhalb meiner Knie, etwa in Knöchelhöhe, spürte ich eine Bewegung. Zu meiner Überraschung hatte sich dort eine Klammer um meine Beine gelegt. Ich war gefangen und das gab mir irgendwie Sicherheit. Ein Aufschrei riss mich aus meiner Verwirrung.
   »Markaaaa, hilf mir. Ich bin hier unten!«
   Mit einer entsetzlichen Vorahnung drehte ich mich in Richtung der Stimme und sah, wie er mit den Händen an einem der Einstiegsholme hing. Sein Körper flog stromlinienförmig hinter der Lore her.
   Wie von Sinnen stemmte ich mich hoch, um meine Hände nach ihm ausstrecken zu können. Der Fahrtwind zerrte mich fast von der Lore. Woher ich die Kraft nahm, mich festzuhalten, wusste ich nicht. Der Gurt gab mir Halt, schränkte mich aber auch in meiner Bewegungsfreiheit ein. Deshalb wollte ich mich ausklinken.
   »Nein, Marka, nicht«, schrie Claudio, »du wirst rausgeschleudert.«
   Was sollte ich nur tun? Er würde sich nicht mehr lange halten können. Obwohl mir die Kehle zuschwoll vor Angst, drückte ich auf den Auslöser. Der Gurt gab nach und ich hing nur noch darin fest.
   »Gib mir deine Hand«, ächzte ich, dem Fahrtwind nun schutzlos ausgeliefert. Ich streckte ihm einen Arm entgegen, worauf er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht abwandte. Da erkannte ich, dass, wenn er losließ, er nur noch an einer Hand baumeln würde. Dabei konnte er sich so schon kaum halten. O Gott, was mache ich nur? Ich muss ihn doch irgendwie retten.
   In der Hoffnung, dass mein Gurt lang und elastisch genug war, schob ich mich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Glücklicherweise saß die Klammer um meine Fußgelenke fest und das Band daran gab nach, sodass ich Bewegungsfreiheit hatte.
   »Ich hab dich gleich«, rief ich und angelte mit der Rechten nach ihm. Die andere krallte ich fest um den Einstiegsgriff. Doch sooft ich zufasste, er entglitt mir immer wieder.
   »Zieh doch endlich den verdammten Handschuh aus«, kreischte er.
   Das machte Sinn, also streifte ich ihn mit den Zähnen ab und versuchte es erneut. Plötzlich hatte ich eine Schlaufe des Rucksacks in den Fingern. Er hing immer noch auf Claudios Rücken.
   »Nicht loslassen«, schrie er.
   Doch meine Kräfte schwanden und ich hatte Angst, abzurutschen. Deshalb entschloss ich mich, auch noch mit der zweiten Hand nachzufassen.
   »Nicht!« Claudio brüllte aus Leibeskräften. »Dann sind wir beide verloren.«
   Ich hörte nicht auf ihn und schwebte wie er durch den gewaltigen Luftzug in der Waagerechten, nur dass ich noch zwischen den Gurten hing und meine Füße festklemmten. Dachte ich zumindest. Zu meinem Entsetzen lockerte sich etwas und ich spürte, wie mein einer Stiefel im Begriff war, sich vom Fuß zu lösen. Mit einem mörderischen Kraftakt setzte ich alles auf eine Karte, holte aus und bekam Claudios Jacke zu fassen. Rasch schloss ich wie von fremder Macht geführt die Augen und stellte mir vor, ein Fliegengewicht in den Händen zu halten. Ein seltsames Gefühl eroberte mich und es gelang mir tatsächlich, ihn in die Lore zu wuchten, obwohl er bestimmt zwanzig Kilo mehr wog als ich. Gegen den Luftstrom und mitsamt dem roten Rucksack landeten wir nebeneinander in den Sitzen. Mit letzter Kraft zogen wir uns unter die Sicherheitsgurte. Kaum klickten sie erneut wie ferngesteuert ein, ging ein Ruck durch das Gefährt. Voller Entsetzen kreischten wir auf, denn es startete nach oben weg. Wir wurden in die Luft gehoben und einen Atemzug später zurück in unsere Sitze gedrückt. Nur gut, dass wir bis zur Unbeweglichkeit angeschnallt waren.
   Meine Augen tränten, der Wind riss an meinem Haar und mein Puls überschlug sich. Ich betete, dass es bald vorüber war … in was auch immer wir hineingeraten waren.
   Ein lang gezogenes Piepen ertönte. Wir starrten uns an. Das Ende der Höllenfahrt oder …? Mit einem ungeheuren Ruck wurde der Fahrtwind noch stärker, als wenn Hunderte Luftwirbel ineinandergriffen. Kurz darauf verebbte das ohrenbetäubende Heulen wieder und die Lore verfiel in ein heftiges Zittern. Wir wurden bis aufs Mark durchgeschüttelt. Auch dieses pendelartige Vibrieren verschwand schlagartig.
   Die Lore stand für einen Augenblick still, und gerade als wir aufatmen wollten, kam sie erneut in Fahrt und jagte richtig los. Vorbei an unheimlichen grauen Lichtgebilden ging es in einer nie zu vermutenden Geschwindigkeit. Mal auf- und mal abwärts, rechts- und linksdrehend und immer, ohne die Schienen zu berühren. Unbarmherzig schleuderte es uns umher, mir war kotzübel von dem dauernden Richtungswechsel. Als ich es kaum noch ertrug, kippte die Lore plötzlich seitlich weg und sauste auf nur zwei Rädern einseitig im Kreis. Es drückte uns derart heftig nach außen, dass wir fast aufeinander saßen. Ich lag zuunterst und bekam eh schon keine Luft, mein Kopf drohte auseinanderzuplatzen. Das Blut in meinen Schläfen schien zu kochen, der Strudelradius wurde noch enger und die Schieflage noch gefährlicher. Die übermächtige Fliehkraft zog unsere Wangen nach innen.
   Ich schrie. Schwindelgefühle und Ohnmachtsanfälle wechselten sich ab. Wir drehten uns nur noch um unsere Achse. All unser Denken setzte aus. Wir stürzten kreischend ins Bodenlose.
   Ein fürchterlich lauter Knall machte dem Ganzen ein Ende. Ich musste kurz in eine Bewusstlosigkeit abgeglitten sein, denn als ich zu mir kam, flogen uns bunt schillernde Luftpartikel um die Ohren. Ich sah zu Claudio, dem ebenso wie mir die Haare zu Berge standen. Noch immer umklammerte er die Taschenlampe. Ein Wunder. Hatten wir das wirklich überlebt? Benommen rang ich nach Luft.
   Wir verloren weiter an Geschwindigkeit. Allmählich wurde es im Windkanal ruhiger. Farbwolken schwebten um uns herum. Es war geradezu angenehm nach dieser Wahnsinnstortur. Minuten später verebbten auch die letzten Geräusche, genauso wie der krampfartige Schmerz in der Magengegend. Die Lore fuhr in großflächigen Kurven und auch wieder auf Schienen. Halleluja! Bald tuckerte sie nur noch im Zeitlupentempo dahin.
   Heilfroh, den Albtraum auf so wundersame Weise überstanden zu haben, richteten wir uns auf. Ich bewegte mich sehr schwerfällig, so als wäre ich betrunken. Unfähig auch nur einen Arm zu heben, hing ich in dem Sitz. Alles in meinem Kopf drehte sich und ich fühlte mich wie ein Sandsack.
   Langsam legte sich das wirre Schwindelgefühl. Claudio faselte davon, dass er sich so ähnlich einen Zeittunnel vorstellte. Da würde man auch innerhalb kürzester Zeit von einem Ende ans andere katapultiert werden. Vielleicht wären wir aber auch nur in ein Magnetfeld geraten, oder so. Auch eine andere Zeitdimension schloss er nicht aus.
   Ich hörte kaum hin. Egal, was es war, ich wollte nur noch aussteigen und so schnell wie möglich nach Hause.
   Claudio räusperte sich. Ich hob den Blick und folgte dem Taschenlampenstrahl, den er durch die Gegend wandern ließ.
   Blau funkelndes Felsgestein prägte die Umgebung jenseits der Schienen. Es erhob sich in großen und flachen Brocken, über die sich eine bläuliche Lichthaut spannte.
   »Und was ist das jetzt deiner Meinung nach? Eine andere Dimension, in der wir gelandet sind? Man kann sich auch vieles einbilden.«
   »Ach, was meinst du, was das eben war? Normal ist doch wohl was anderes.«
   »Mal angenommen du hast recht und dieser komische Tunnel endet nicht auf der Erde. Dann müssten wir einen gewaltigen Quantensprung hingelegt haben. Und so etwas, mein lieber Bruder, gibt es höchstens im Universum.«
   »Das werden wir ja sehen«, sagte Claudio. »Erst mal folgen wir den Schienen.«
   »Die führen wohl nicht nach Hause, oder?«, murmelte ich, während ich mich in dieser wahrlich unnatürlichen Umgebung umsah. Ein Schauder durchlief mich. »Wie so ein Zeittunnel wohl entsteht?«
   Claudio sah mich erstaunt an. »Das fragst du? Das ist doch nicht dein ernst?« Ich zuckte die Schultern und er fuhr zu meiner Überraschung fort. »Wenn zwei entgegengesetzt gepolte Gegenstände aufeinanderprallen, wie zum Beispiel Materie und Antimaterie, kommt es zu einer Verwirbelung, in deren Folge ein schwarzes Loch entsteht. Je nachdem wo das passiert, ändert sich die Zeit, oder auch der Ort, oder manchmal auch beides. Vom mathematischen Standpunkt aus betrachtet, ist das vergleichbar mit eins minus eins.«
   »Eins minus eins?« Ich fragte mich ernsthaft, weshalb ich inzwischen nur noch Bahnhof verstand, wenn Claudio loslegte. Wo war mein dummes Weißbrot hin, das ich sonst als Bruder gehabt hatte?
   »Na, weil das Endprodukt auch nichts ist, genau wie bei der Null. Verstehst du?«
   Ich schaute ihn nur mit zusammengezogenen Augenbrauen an, also redete er weiter.
   »Das Nichts, oder meinetwegen auch die Null, ist das schwarze Loch. Es bleibt übrig, weil Materie und Antimaterie sich gegenseitig auffressen.«
   »Irgendwas bleibt immer«, widersprach ich.
   »Nein«, behauptete er resolut. »In diesem Fall haben sich beide gegenseitig vernichtet. Jedenfalls laut der heutigen Wissenschaft.«
   Ich sah ihn immer noch an. Nicht, weil er sich plötzlich als Mathegenie hinstellte, sondern weil er so verdammt klug daherredete. Langsam fragte ich mich, ob er sein Wissen vielleicht die ganze Zeit nur heruntergespielt hatte, um jeden absichtlich zu täuschen und wenn ja, warum?
   Ein leiser Piepton unterbrach meine Gedanken. Unmittelbar kamen wir mit einem Rums zum Stehen. Mein Kopf knallte gegen Claudios, und ich stöhnte auf.

Der Schmerz an meiner Schläfe quälte mich, aber nicht zu wissen, wo wir gelandet waren, fühlte sich weitaus schlimmer an.

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