Mithilfe der Zauberamulette seiner Familie hat der 13-jährige Florian Falco den Sprung in die Vergangenheit geschafft. Und nicht nur das. Seine fünf besten Freunde begleiten ihn. Während Florian Falco und seine heimliche Jugendliebe Anastasia im mittelalterlichen Warnemünde landen, fallen Hans Peter und Bernhard auf der Ostsee in die Gewalt dänischer Piraten. Charlotte und Mohamed Janek begeben sich auf eine abenteuerliche Suche nach ihnen. Doch wer ist Freund und wer Feind, in einer von Grausamkeit und Aberglauben geprägten Zeit? Konfrontiert mit den verbrecherischen Branntweinbrüdern, dem barbarischen Narbenpete, den mörderischen, von Habgier und Rücksichtslosigkeit geprägten Freibeutern, stützen sie sich auf ihre Freundschaft und Kämpfen gemeinsam um ihr Überleben. Werden die sechs Freunde jemals in ihre eigene Zeit zurückfinden?

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 3,99 €

ePub: 978-9963-52-563-8
Kindle: 978-9963-52-565-2
pdf: 978-9963-52-562-1

Zeichen: 604.292

Printausgabe: 14,99 €

ISBN: 978-9963-52-561-4

Seiten: 391

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Sabine Bürger

1946 an der Ostsee im hanseatischen Rostock geboren, blieb mein Wunsch, Gedichte und Geschichten aufzuschreiben, vorerst auf kindliche Versuche beschränkt. Mein Schulabschluss an einer POS in Rostock, meine Ausbildung zur Laborantin am Justus von Liebig Institut und meine Heirat folgten. Als Berufstätige und Mutter dreier Kinder war ich vollends ausgelastet. Mein großer Traum vom Schreiben rückte in den Hintergrund. Erst viele Jahre später brachte mich meine Liebe zu den Büchern, die bis heute meine ständigen Begleiter sind, dazu, an meine Kinder – und Jugendjahre anzuknüpfen, Eigenes aufzuschreiben. Seit 2010 schreibe ich für eine Agentur Krimis und Kurzgeschichten. Im Dezember ist mein Kinder- und Jugendbuch erschienen, dem hoffentlich viele folgen werden. Ich freue mich riesig auf die Zusammenarbeit mit einem Verlag, der meinen Vorstellungen und Wünschen total entspricht.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Wie alles begann

Im Großen und Ganzen war Florian Falco Marsch für seine dreizehn Jahre nicht besonders neugierig. Eher normal. Ziemlich faul, was die Schule betraf, immer zu Streichen aufgelegt, freundlich und nett. Obwohl er das Wort ablehnte, nachdem sein bester Freund ‚nett‘ als ‚kleine Schwester von scheiße‘ bezeichnet hatte. Gut, dann war er ab sofort nicht mehr nett, nur noch freundlich. Selbst das war kompliziert, wenn er an seine zwei Jahre ältere Schwester Samantha dachte. Da gab es irgendein Geheimnis, das seine Familie umgab. Etwas Mysteriöses, verborgen hinter ihrem und Mums hartnäckigem Schweigen. Manchmal kam er sich vor wie der Prinz vor Dornröschens Dornenhecke. Natürlich würde er seine Schwester nicht wachküssen wollen. Nee, wirklich nicht. Seine Methoden waren viel moderner und ergiebiger. Meistens jedenfalls. Warum zum Teufel machte Samantha ihren Mund nicht auf? Seine hartnäckigen Fragen zu dem, was vor Jahren passiert war, wurden mit blöden Stammeleien und nichtssagenden Sprüchen beantwortet und dem Gekicher dieser dunkelhaarigen Zwillinge, ihren heimlichen Blicken und dem Finger, den sie sich auf den Mund legten, wann immer sie seiner ansichtig wurden.
   Verdammt, ja. Er hatte es begriffen. Das Thema war topsecret. Trotzdem. Er wollte es endlich wissen. Diese ganze Geheimniskrämerei war letztlich der Grund dafür, dass ihn die Neugierde packte, wie der Hund einen Knochen. Genauso wenig ließ er los. Viel schlimmer. Es weckte eine detektivische Unrast in ihm, die ihn selbst überraschte. Er fand heraus, dass die Beantwortung seiner Fragen von Samanthas Tagesform beeinflusst wurde. Dort musste er ansetzen. Bei den Mädchen. Obwohl er sie nicht besonders gut leiden konnte.
   Einige. Egal.
   Sie mochten ihn und das war wichtig. Warum das so war? Keine Ahnung. Womöglich lag das an seinen blonden Wuschelhaaren oder seinen blitzblauen Augen? Wie auch immer. Es wäre wirklich gelacht, wenn er diese Nuss nicht knacken würde.

Laut und unangenehm schrillte die Schulglocke an diesem Montag. An diesem herrlichen Septembertag, der zu allem einlud, nur nicht zum Schulbeginn. Logisch, dass die Schüler der 7a den Klingelton geflissentlich ignorierten und so taten, als ginge sie das überhaupt nichts an. Wer würde das nicht verstehen? Sorry, die Lehrer nicht, aber die zählten nicht. Die waren Außerirdische. Die mussten so sein. Immer streng im Dienst, immer belehrend, immer unerbittlich. Was wussten Lehrer schon von unbeschwerter Ferienzeit, von Faulenzen und Nichtstun? Ohne Schule konnten sie nicht leben, kaum die Ferien überstehen.
   Florian Falco schubste seinen Freund Motze auf den Sitz neben sich, weil er genau wie alle anderen den Pfiff gehört und den pummeligen Jungen mit der Harry-Potter-Brille auf der Nase in die Klasse flitzen sah.
   »Mann, Motze. Jetzt geht det los, det Elend!«, sagte er unterdrückt, stöhnte, fegte mit einem kurzen Ruck seines Kopfes eine blonde Locke aus der Stirn und ließ die Tür nicht aus den Augen. Nichts passierte.

*


   Nur Bernhard blickte sich triumphierend um, wobei er das verrutschte T-Shirt über seine rundliche Mitte zerrte. Ein Umstand, der ihm den Spitznamen Klößchen bei seinen Mitschülern eingebracht hatte. Den Platz in der ersten Reihe hingegen verdankte er seinem eingeschränkten Sehvermögen und den Anordnungen der Lehrer. Sie hatten ihn auf den vordersten rechten Außensitz gesetzt, ohne zu ahnen, dass er damit automatisch zum Schmieresteher und Aufpasser für den Flur bestimmt wurde. Begeistert war er nicht, aber gegen die stillschweigenden Vereinbarungen der Klasse protestieren? Nee, ging gar nicht. Mittlerweile tröstete er sich damit, dass er für seine Mitschüler so etwas wie der rechte Außenstürmer beim Fußball war. Genau wie Schweinsteiger, Müller oder Lahm. Das machte ihn stolz.
   »Noch ist nicht aller Tage Abend, mein Junge«, hatte Uroma Ilse einmal lächelnd gesagt, nachdem er ihr sein Leid über die Ungerechtigkeiten in der Welt und speziell in seiner Klasse geklagt hatte. Ihren geheimnisvollen Blick dabei hatte er bis heute nicht vergessen. Klar, Oma Ilse war zu dem Zeitpunkt bereits uralt und gebrechlich gewesen und inzwischen war sie im Himmel. Trotzdem. Manchmal dachte er darüber nach, wie das wäre, wenn sie tatsächlich Dinge voraussehen konnte und ihr Blick seiner famosen Zukunft gegolten hatte?
   Genüsslich rekelte sich Klößchen in seinem Sitz. Siegessicher, weil eine Minute nach ihm die neue Klassenlehrerin den Raum betrat und neunzehn Schüler der gefürchteten Lehrerin einen mustergültigen Empfang bereiten konnten. Kein Laut war zu hören. Nur absolute Verblüffung machte sich breit. Irritiert blickten die Schüler der siebten Oberschulklasse auf die kleine Frau mit der zerbrechlichen Figur und der altmodischen Dauerwelle auf dem Kopf.

*

»Was, die soll streng sein? Ich seh nur ein Mäuschen«, flüsterte Motze seine Beobachtungen Eff Eff, seinem Freund und Banknachbarn, zu. Dabei hielt er sich ein Taschentuch vor das Gesicht, um das aufsteigende Prusten zu ersticken.
   »Täusch dir nich, Motze. Showtime!« Florian Falco verbarg seine Antwort hinter einem fürchterlichen Hustenanfall. Er wusste es besser. Seine Schwester hatte ihn in den Ferien über seine zukünftige Klassenlehrerin aufgeklärt und ihn gleichzeitig gewarnt, sie um Himmels willen nicht zu unterschätzen. Tatsächlich vermittelte Frau Eberhart dieses herrliche Die–steck–ich–in–die–Tasche–Gefühl. Diesen Eindruck bekräftigte sie erneut, indem sie ihre Mappe fast geräuschlos auf den Lehrertisch gleiten ließ, lächelnd in die Klasse blickte und das junge Mädchen, das unmittelbar hinter ihr stand und verlegen seine Fußspitzen musterte, vor sich zog. Entspannte Blicke begleiteten die Lehrerin. Erst, als sie die Schüler mit einer tiefen energischen Stimme begrüßte, die so gar nicht zu ihrem Äußeren passte, erstarb das Getuschel verblüfft.
   »Das ist Anastasia Mercédès Koth aus Rothenburg ob der Tauber«, erklärte Frau Eberhart und nickte der Neuen aufmunternd zu. »Anastasia stockt unsere Klasse auf zwanzig Schüler auf und wird uns fortan begleiten. Genauso wie ich auch!« Sie lächelte. Das fand Motze nett. Dumm nur, dass ihn dieses Lächeln an seine Mama erinnerte, wenn sie ihn beim Krimigucken ins Bett schickte. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen.
   »Viele von euch kennen mich bereits und die anderen werden mich bestimmt kennenlernen«, sagte Frau Eberhart mit einem Blick, der alles bedeuten konnte.
   Bestimmt. Eff Eff prustete belustigt und registrierte gleichzeitig das flammende Rot auf den Wangen der Neuen und das unterdrückte Gekicher, als die Lehrerin die Kreide ergriff und den Nachnamen des Mädchens an die Tafel schrieb. Dabei unterstrich sie das T und das H im Familiennamen dick. »Für diejenigen, die es immer noch nicht begriffen haben. Koth, nur ein Name, meine Damen und Herren. Kein Grund zur Belustigung.« Der missbilligende Zug um ihre Mundwinkel war noch nicht verschwunden, als ihr Blick über die Bankreihen glitt und bei der unbesetzten vor Motze und Eff Eff hängen blieb. Auffordernd dirigierte sie das Mädchen mit dem langen Namen genau dorthin. »Mohamed Itztürk rückt eine Bank vor. Neben Florian Falco ist Platz für Anastasia Mercédès.« Knappe, unmissverständliche Anweisungen.
   »Scheiße«, murmelte Motze und puffte seinem Freund in die Seite.
   »Wieso Scheiße, die heißt Koth!«, flüsterte Eff Eff zurück.
   »Na und, is doch das Gleiche, Kot is nur vornehmer Scheiß!«
   »Ach so?« Eff Eff runzelte verständnislos die Brauen. Egal. Er hatte die Neue genauer betrachtet und festgestellt, dass ihm gefiel, was er sah. Hey! Wen interessierte der Name? Das Mädchen war ein Knaller. Wie ein schönes Reh stand sie da. Große braune Augen, lange Haare und ein Mund, der jeden anderen in den Schatten stellen konnte. Als sie durch die Bankreihen schwebte, starrte er bewundernd hoch, bevor er aufgeschreckt seinem Freund die Schulbücher in die Hand drückte, die Krümel und Frühstücksreste von der Bank fegte und grinsend auf den Platz neben sich wies. Anastasia lächelte zurück und Eff Eff begann zu träumen. Das war bestimmt kein Zufall, dass sie ausgerechnet neben ihn gesetzt wurde. Zufälle gab es nicht. Das war Schicksal! Logisch, dass nur er der Freund von Anastasia Mercédès Koth aus Rothenburg ob der Tauber werden musste. Klang gut, wo immer das auch war. Nachdenklich wanderte sein Blick von Anastasia zu Charlotte Grube. Charlotte saß am Fenster vorn links. Auf der Nase thronte ihre obligatorische schwarz gerahmte grausige Brille. Designerbrille nannte sie das Monstrum. Maulwurfsbrille nannte er das, weil sie ohne das Teil fast so blind wie der kleine Schaufler war oder wie Klößchen, der sich ohne seine Harry-Potter-Brille nur tastend vorwärtsbewegte. Hin und wieder trennte sich Charlotte von ihrem Lieblingsteil und ersetzte es durch unsichtbare Kontaktlinsen. Eff Eff grinste. Logo, die Dinger waren gut, um ihren Durchblick zu verbessern. Den Blick auf ihr Äußeres eher nicht. Charlotte blieb immer Charlotte. Ganz selten wurde aus einer Ente ein Schwan. So was gab es nur im Märchen.

*

Motze machte sich über sein Aussehen keine Gedanken. Er war bereits ein Schwan, daran zweifelte er keine Sekunde. Charlotte konnte ruhig so bleiben, wie sie war. Für ihn war sie okay so. Sie war sein rettender Anker, seine Verbindung zu dem, was ihn nie erreichte. Die kluge Freundin erledigte seine Hausaufgaben, half ihm mit Spickzetteln durch das Tal der Ahnungslosen und unterstützte ihn, wo immer sie konnte. Da waren Vorurteile wegen Augenfehlfunktionen wirklich unangebracht. Ihre schmachtenden Blicke ertrug er geduldig und verständnisvoll. Warum auch nicht? Er war zum Künstler geboren. In einigen Jahren würde er ein berühmter Schauspieler sein, kreischende Mädchen und verliebte Frauen zu seinem Alltag gehören. Bis dahin genügte Charlotte Grube. Zusammen waren sie unschlagbar. Ein Puzzle zwischen schön und klug. Ein Geben und Nehmen. Mehr konnte er in dieser eberharten Schulzeit nicht erwarten.

Kapitel 2
Ein ungewöhnliches Erlebnis

Drei Wochen später war das Wetter immer noch schön und bis auf einige versprengte Blätter, die es aufgegeben hatten, sich an ihre Zweige zu klammern, wenig herbstlich.
   »Ein Wetterchen, zum Helden zeugen«, flüsterte Eff Eff glucksend in Anastasia Mercédès Ohr, die vor ihm auf der Stange seines Bikes saß und ihre Beine baumeln ließ. Es machte ihn glücklich, dass er sie zum See fahren durfte. Wenngleich sein Vorsatz, so schnell wie möglich der Freund dieses bayrischen Rehleins zu werden, viel schwerer in die Tat umzusetzen war, als er vermutet hätte. Mädchen waren kompliziert. Nie wusste man, woran man bei ihnen war. Genau wie jetzt. Anastasia hatte ihren Kopf zur Seite geworfen, ihn spöttisch angeblinzelt und ihn irgendwie zu einer Antwort genötigt. »Is der Spruch von meinem Papa«, erklärte er verlegen. »Ick meine, ein Wetter zum Baden und zum Arbeiten und … und … ein Wetter, bei dem es höchstens Stubenhocker in die Räume halten tut.«
   Mitten hinein in die vier Schüler der 7a, die vor ihnen am Waldsee angekommen und die bereits von ihren Rädern gestiegen waren, erklang das wiehernde Gelächter Anastasias. Sie konnte sich kaum halten vor Lachen und stieg ab. In ihren Augen tanzten tausend Kobolde. Sie sah aus, wie ein Smiley, der ihn auslachte. »Effi, nu tu man nich einschnappen, das tu ich nich so meinen«, gurrte sie hinter ihrem Fahrer her, der stumm eine Decke vom Fahrradträger zerrte und sie auf den Waldboden schleuderte. Schnell griff sie zu, blinzelte den Jungen mit den blonden Wuschelhaaren und der gekränkten Miene entschuldigend an und ließ sich seufzend auf die Decke plumpsen.
   Eff Eff blickte finster zu den anderen Kindern, die bereits ihre Sachen zu einem Haufen getürmt hatten und sich nun munter unterhielten. Es war ein warmer Herbsttag und die Wandzeitungsgestalter der siebten Klasse waren sich einig darüber, dass man die erste Sitzung in diesem Schuljahr an den Waldsee verlegen musste. Mit der ersten Ausgabe wollten sie mit einem außergewöhnlichen Erlebnis an die letzten Ferien erinnern.

*

Klößchen blickte ziemlich ratlos und abgelenkt von seiner zu engen Badehose, die er vergeblich versuchte, über seine Speckrollen zu zerren, auf das leere Blatt in seinen Händen. Hilflos zog er die Schultern hoch. Mit sichtlich rotem Kopf glitt sein Blick zu Anastasia Mercédès hinüber. Sie war genau wie er neu im Team der Schreiberlinge. Doch während Anastasia von Charlotte Grube als leitende Redakteurin ganz offiziell dazu aufgefordert worden war, war er nur aus Versehen zum Team der Jungautoren geraten. Eigentlich nur, weil sein bester und einziger Freund Hans Peter Husch die ersten Schultage im Bett verbringen musste.
   »Irgendwas mit Darm und Magen«, hatte Motze die Mitteilung naserümpfend kommentiert und gelangweilt abgewinkt. Das war zu viel für ihn.
   »Was heißt hier irgendwas!« Entrüstet hatte er sich vor Motze aufgebaut und die Hände in die Seiten gestemmt. »Du hast wirklich null Ahnung von Huschers Krankheit, Motze. Menno, Huschi hat Flitzekacken. Schlimmes Flitzekacken!«
   Dabei hatte er sich echte Sorgen um seinen Freund gemacht. »Sag mal Charlotte«, hatte er die schlaue Charlotte gefragt und seinen Bauch gestreichelt. »Sag mal, kann der lange dünne Körper von Huscher solche Anstrengungen überhaupt überleben? Wie denkst du darüber?« Seine Stimme war ganz zittrig vor Angst gewesen. Was wusste er denn darüber, was passieren konnte, wenn nichts da war? Kein Speck auf den Rippen? Charlotte hatte ihn aus dunklen, kontaktlinsenverstärkten Augen angeblinzelt und fassungslos den Kopf geschüttelt. »Blödsinn, Kloß, entgiften ist eine völlig natürliche Sache. Bakterien werden bekämpft, überflüssiges Fett abgebaut und in null Komma nichts ist die Gesundheit wieder hergestellt.« Dabei hatte sie ihn kritisch gemustert und ihre Blicke mit Worten begleitet, die ihn zu Tode erschreckten. »Dir würde es jedenfalls nichts schaden, so eine kleine Entgiftung meine ich. Einfach ist es auch. Steck dich einfach bei Huscher an.«
   Sofort verzichtete er auf Hausbesuche, mailte seinem Freund die täglichen Aufgaben, hielt ihn auch sonst auf dem Laufenden und vertrat ihn in seinem journalistischen Wirken, so gut er das eben konnte.

*

Inzwischen war Huscher wieder gesund, wälzte sich lang und schmal neben ihm, weil er genau wie Charlotte damit einverstanden war, dass er dabei blieb und ihren kleinen Trupp weiterhin verstärkte.
   Als letzter Wandzeitungsgestalter war Mohamed Janek dabei. Nicht wegen seiner Intelligenz, die war eher mäßig, sondern wegen seiner Freundschaft zu Florian Falco und Charlotte. Wobei Charlotte die Zuwendung des dunkelhaarigen Jungen im Moment allein genießen konnte, weil ihr gemeinsamer Freund nur noch Augen für das braunhaarige Mädchen aus Bayern hatte.
   »Also, zuerst müssen wir uns darüber einigen, wie die ungewöhnliche Geschichte in unserer Oktoberausgabe aussehen soll.« Charlotte unterbrach das muntere Stimmengewirr ihrer fünf Freunde und erinnerte sie daran, dass sie Hausaufgaben machen wollten und nicht zum Faulenzen an den See gekommen waren.
   »Meinem Vater sind in den Ferien eine Ladung Schweine vom Transporter gerutscht, weil die Viecher bei einer Vollbremsung durch die Seitenwand gekracht sind. Menno, muss das eine Aufregung gewesen sein, quiekende Sauerei auf der Autobahn.« Klößchen kicherte los, schlug sich vergnügt auf die Schenkel und blickte Beifall heischend in die Runde.
   »O nein! Die armen Tiere, so eine Quälerei, das schreiben wir auf gar keinen Fall, Bernhard.« Charlotte protestierte entrüstet, schob ihre Brille auf die Haare und blinzelte den Rufer kurzsichtig an. »Sei nicht sauer, Kloß, aber damit wollen wir nichts zu tun haben, das ist Sache eurer Fleischerei.«
   »Schon klar«, murmelte Klößchen verwirrt und wurde rot bis unter die Haarwurzeln, bevor er sich besann und tief Luft holte. »So siehst du das also, Charlotte Grube? So? Schweine werden eh gefressen. Isst du keine Wurst? Esst ihr keine Wurst?« Sein Blick glitt gekränkt von einem zum anderen.
   »Mann, Bernhard.« Huscher schüttelte genervt den Kopf und klopfte seinem Freund beruhigend auf den Arm. »Nimm das doch nicht persönlich. Es geht nicht um dich. Nur um irgendeinen mehrheitsfähigen Artikel.« Aber Klößchen antwortete nicht. Er presste die Lippen aufeinander und starrte mit verdächtig blanken Augen auf den See.
   »Charlotte hat recht«, unterbrach Motze rücksichtslos das betretene Schweigen und genoss das Lächeln, das ihm postwendend zuteilwurde. »Bloß, weil dein Vater eine Schlachterei betreibt, müssen wir nicht gleich über euren verunglückten Schweinkram berichten.«
   »Na, nu ist’s derweil g’nug davon, gell?« Entschlossen griff Anastasia ein und stoppte Motzes sinnloses Geplapper. »Wie wäre es mit einem Bericht über Rothenburg ob der Tauber? Über Bayern wisst ihr wenig, nit war?«
   »Kannste ein anderes Mal erzählen, für alle is det ätzend«, platzte Eff Eff dazwischen und ruderte nach einem Blick auf seine Flamme erschrocken zurück. »Äh, nee. Det is jetzt nich böse gemeint, Mercédès. Wenn det alle gut finden, denn find ick det och prima.« Beschwichtigend legte er seine Hand auf ihren Arm. »Extrem spannend. Bayern und so.«
   Charlotte verdrehte die Augen. »Wir brauchen etwas Besonderes, etwas, das einschlägt wie eine Bombe. Denkt noch mal nach. Überlegt. Huscher, was ist mit dir, sag mal was.« Energisch schubste sie den hageren Jungen an, der unentwegt in den Wald starrte und sich nicht an den Gesprächen beteiligte. Plötzlich sprang er auf und deutete zitternd in die Büsche »Sofort in Deckung, da ist ein Bär!«, krächzte er, wobei sich seine Stimme überschlug.
   Fünf Augenpaare folgten verwirrt seinem Zeigefinger, aber da waren nur Bäume und Büsche und eine Freifläche mit Schaukel und Rutsche für die Kleinen. Motze stand auf und tätschelte Huschers magere Schulter. »Mann, Huscher. Du machst mir Angst. Ist das ein bleibender Schaden? Womöglich von der Kackeritis, hmm?« Er griente über das ganze Gesicht. »Verkacktes Hirn! Schlimm, Huschi. Wirklich schlimm.« Prustend schlug er sich auf die Schenkel und schubste den erstarrten Jungen wohlwollend an. »Quatsch Bär, du meinst Beeren, Hans Peter. Er meint Beeren mit ee.« Er wandte sich feixend an die anderen. »Immer noch besser als weiße Mäuse.« Lachend setzten sich alle wieder hin, erstaunt und erleichtert, dass es nur ein grandioser Witz von dem Langen war, der noch immer bleich und regungslos den Wald beobachtete. Plötzlich hob er langsam den Arm in Richtung Büsche, stolperte rückwärtsgehend auf den See zu und flüsterte heiser: »Da! Seht ihr ihn nicht? Er kommt näher … los … ins Wasser!«
   Plötzlich sahen ihn alle. Kreischend stürzten fünf Freunde hinter Huscher her, versanken bis zur Brust im Wasser und trauten ihren Augen kaum. Ein ausgewachsener Braunbär hoppelte auf die Decken der Kinder zu, grunzte erfreut und schnüffelte aufgeregt an ihren Rucksäcken herum.
   »Ein Ursus arctos beringianus! Ein herrliches Exemplar«, hauchte Charlotte zitternd vor Kälte. Später würde sie nicht mehr sagen können, was größer gewesen war. Die Faszination, einem ausgewachsenen Braunbären am Waldsee zu begegnen, oder die Angst, von ihm gefressen zu werden.
   »Ein wat?«, nuschelte Eff Eff fragend und traute sich kaum, die Lippen zu bewegen. Wie gelähmt stand er im See und hoffte, dass der große Bär wieder abziehen und sie nicht weiter beachten würde. Als Klößchen mit weinerlicher Stimme wissen wollte, ob der schwimmen könne und Charlotte ihren Kopf schüttelte und, »glaub ich nicht, nur fressen«, wisperte, atmeten alle erleichtert auf. Es war zu sehen, was sie meinte. Der riesige Braune war endlich fündig geworden, saß auf seinem dicken Hinterteil und nuckelte andächtig an Klößchens Orangensaftflasche. Er brummte zufrieden, warf die geleerte Flasche hinter sich, fand Stullen und Kekse ebenso lecker und machte auch vor den noch unbeschriebenen Heftseiten nicht halt.
   Er trampelte, brummte, grunzte und schniefte alles nieder. Plötzlich richtete er sich auf und musterte die stocksteif stehenden Kinder aus kleinen, tückischen Augen.
   »Mir ist fürchterlich kalt und schlecht und ich muss mal«, jammerte Huscher los und riss die Augen auf.
   »Stell dich nich so an, Huscher, lass es laufen«, zischte Motze bibbernd, wobei er krampfhaft überlegte, wie sie den See unbemerkt verlassen könnten.
   »O nein, ich muss auch. Richtig!« Klößchen wimmerte entsetzt auf, wurde knallrot und befingerte verzweifelt seine Badehose. Niemand antwortete ihm.
   Erst als keiner mehr damit rechnete, lebend nach Hause zu kommen, weil der Bär ausgestreckt auf den Decken lag, sich genüsslich hin und her wälzte und sie nicht aus den Augen ließ, da stürzte ein wunderlich gekleideter Mann auf die Lichtung. »Amur, Amur, da bist du ja«, rief der kleine Mann glücklich, rannte mit flatternden Pluderhosen auf das Untier zu, schlang ein Seil um dessen Hals und drückte ihm einen Leckerbissen ins Maul. Gleichzeitig glitt sein Blick über die zertrampelten Decken und blieb an den halb nackten Gestalten im Wasser hängen.
   »Was, ihr haben Angst?« Mit breitem Grinsen sprach er die Kinder an und betrachtete amüsiert Eff Eff, der stumm den Kopf schüttelte und als Erster zum rettenden Ufer watete. Genauso weit entfernt von tatendurstigem Journalismus wie seine Freunde, die wie krabbelnde Ameisen aus einem volllaufenden Marmeladentopf flüchteten.
   »Braucht nicht haben Schiss in Hose. Ist nur Amur. Will immer fressen und spielen und manchmal weglaufen!«, rief ihnen der Tierbändiger beruhigend zu, während er den verfressenen, nur spielen wollenden Bären streichelte, der freudig schnaufte und seine dicken Bärentatzen aufeinander patschte. Die Kinder beachteten ihn nicht. Ihn nicht und den Bären erst gar nicht. Sie sprangen auf ihre Räder und radelten los, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Am nächsten Tag stattete der Direktor des Zirkus »Amurs Welt« den Schülern der 7a einen Besuch ab und verteilte Freikarten. »Als Entschädigung für den ausgestandenen Schrecken«, entschuldigte er sich und hob bedauernd die Hände. Tags darauf verfolgten zwanzig Kinder begeistert die Zirkusaufführung. Sechs von ihnen wussten, wie die Geschichte für ihre Wandzeitung aussehen würde und dass da nur von einem verirrten Ursus arctos beringianus und nichts von einem Angstkloß in Bernhards Badehose stehen würde — das war Ehrensache!

Kapitel 3
Samanthas Versprechen

Es regnete in Strömen. Wie ein Wasserfall fiel es vom Himmel, klatschte geräuschvoll gegen Fenster, floss durch Dachrinnen und über Dächer, trommelte, rauschte und prasselte den ganzen Tag. Eff Eff bezeichnete Tief Gustav als totalen Stimmungskiller. Er feuerte seine aufgeweichte Jacke der Schultasche hinterher, angelte nach trockenen Turnschuhen aus dem Schrank und warf dem Flurspiegel einen mürrischen Blick zu. Der spiegelte ein nasses, von Haaren zugeklebtes Gesicht und einen Florian Falco in denkbar schlechter Laune wieder.
   Die Physikarbeit war alles andere als gut gelaufen. Nicht mal mangelhaft. Vielleicht hätte er erklären können, dass er das mit den wechselnden und gleichlaufenden Strömen nicht in sein Gehirn prügeln konnte, weil sich ihm die Geheimnisse um Plus- und Minuspole nicht erschließen wollten? Vielleicht würde Papa ein Auge zudrücken und von nervenden Übungsaufgaben absehen? Tja, vielleicht würde er das auch tun – wenn es der erste Fehlschlag seines Sohnes gewesen wäre.
   »Verdammter Mist!« Wütend versetzte Eff Eff seinen nassen Schuhen einen Schwinger. Um diese widerliche Fünf auszugleichen, musste er mindestens drei sehr gute Zensuren dagegen halten. Das war genauso unmöglich, wie morgen den Mount Everest zu besteigen.
   Da waren Klößchens gut gemeinte Worte, dass er selbst nur eine Fünf hätte und Effi sich bloß nicht ärgern solle, völlig fehl am Platz gewesen. Hallo! Das hatte ihn erst recht auf die Palme gebracht.
   »Brabbel nich son Unsinn, Kloß. Für dir is ne Fünf ne Erleuchtung, für mir ne Katastrophe«, hatte er in Bernhards mitleidiges Gesicht gefaucht, ihm einen Rippenstoß versetzt und seinen Unmut in einem Wettrennen mit dem gerade abfahrenden Bus ausgetobt. Es war kein guter Tag. Solche gab es.
   Völlig unverständlich war es für ihn, dass seine sechzehnjährige Schwester Samantha an so einem Tag mit der kleinen Fünfjährigen vergnügt in der Stube sitzen und Nintendo spielen konnte, Griselda Gisela ihre winzigen Finger über die Tasten des konfektschachtelgroßen elektronischen Spielgerätes fliegen und der Erfolg sie kreischen und frohlocken lassen konnte. Nur weil sie, die Jüngste der Familie Marsch, die größere Schwester bezwingen konnte. An so einem Tag?
   Wieso waren seine schlechten Tage nicht für alle schlecht? Warum nahm niemand Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit? Weshalb schmerzte sein Kopf von diesem Weibergekreisch so heftig?
   »Kannste det Spiel nich leise grölen, Sam? Grisly muss ihre Lungen nich verausgaben, bis mir inne Ohren der Tinnitus klingelt. Dürfte ick um bisschen mehr Ruhe bitten, wenn ick von der Schule kommen tu?«
   Empört über so viel Frohsinn stand Florian Falco im Türrahmen und tadelte an seinen beiden Schwestern herum. Er musste sie einfach teilhaben lassen an seinem verdorbenen Tag, ihnen ein Prozentchen schlechte Laune abgeben. Womöglich half das auch, um seine verunglückte Physikarbeit aufzuwerten. Geteiltes Leid ist halbes Leid – so hieß es doch.
   »Ach, der Herr Bruder ist zu Hause. Tag, Effi.« Belustigt verzog Samantha das Gesicht und betrachtete ihren wütenden Bruder grinsend. »Wieso bist du so mies drauf? War etwa ein Zensurenteufelchen im Spiel?« Glucksend hielt sie die Hand vor den Mund, wohl ahnend, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatte.
   »Wat heißt hier mies? Haste nie ’nen schlechten Tag? Det wundert mir nich.« Aufgeregt stampfte er den kurzen Weg zwischen Stube und Flur hin und her. »Bin eben kein Streber. Bin nich wie du, Samantha. Denn kommt det vor, dass det Leute im Mittelfeld ereilen tut, so einen wie mir, Sam. Für die is manchmal allet Scheibenkleister!«
   »Hey, beruhige dich, Effi, wo brennt der Schuh?« Erschrocken über den verzweifelten Ausbruch ihres Bruders stand Samantha auf, bedeutete Griselda Gisela, hinauf in ihr Zimmer zu gehen, und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Behutsam strich sie ihm die nassen Haare aus dem Gesicht. »Komm schon, vielleicht kann ich dir helfen.«
   Florian Falco ließ den Kopf hängen. Seine Wut über die ungerechte Zensurenverteilung war genauso schnell verflogen, wie das schlechte Wetter da draußen. Sonnenstrahlen blinzelten zaghaft durch die dunklen Wolken und produzierten einen herrlichen Regenbogen in den nassen Tag.
   »Es brennt eben nich.« Er stöhnte auf und wischte schniefend über seine Nase. »Die blöde Lampe in meinem Stromkreis brennt nich. Wo kein Licht is, verteilt Haller och keins. Ich meine det war ihm zu dunkel und für Finsternis gibt’s ne Fünf Minus, Sam.«
   »Ach so, eine Fünf für falsche Schaltung.« Erleichtert atmete Samantha auf und schob ihren Bruder in ihr Zimmer, nachdem sie die nassen Sachen im Flur aufgehoben und Griselda Gisela Filzstifte und ein Malbuch hingelegt hatte. Es würde länger dauern. So viel war klar. Deshalb schaltete sie den Fernseher in ihrer Kuschelecke aus, die außerdem einen kleinen Tisch, einen Schaukelstuhl und ein Bücherregal voller Bücher beherbergte, und wandte sich ihrem Bruder zu. »Na dann, Effi, machen wir Schularbeiten.« Resolut drückte sie ihn in den Stuhl, setzte sich ihm gegenüber auf das Bett und begann behutsam, das Wunder der Physik zu erklären.
   Seit Soraya Marsch wieder in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeitete und Nachtdienst verrichten musste, übernahm Samantha die Rolle der Hausfrau. Sie holte Griselda Gisela vom Kindergarten ab, spielte mit ihr und kümmerte sich um ihren jüngeren Bruder, sofern der es zuließ. Meistens empfand Florian Falco diese Fürsorge als extrem lästig und unnötig. Besonders, wenn Samantha den Überflieger und Bestimmer raushängen ließ. Das machte ihn wütend und er hasste es, verdammt, und sich selbst auch, weil er wusste, wie ungerecht er über seine Schwester urteilte.
   Manchmal allerdings kam es vor, dass er sich überwinden musste, weil er auf sie angewiesen war. So wie heute, wo ihm das Zuhören schwerfiel, weil er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Wen interessierten irgendwelche Geschichten, die sie erzählen wollte, wenn er in der nächsten Arbeit eine Eins schaffen würde? Bla bla bla … vom Mittelalter, vom Strom von … was?
   Wie elektrisiert fuhr er aus seinem Dämmerzustand auf. Gebannt sah er Samantha an und vernahm Worte, die wie Musik in seinen Ohren klangen, vernahm etwas, wovon er schon lange geträumt, was er immer wieder gefordert und ihm niemand erzählt hatte. Endlich würde er sie erfahren, die Geschichte seiner Familie. Geheimnisse, die seine Mum, seine Schwester und ihre Zwillingsfreundinnen umgaben! Seine Ohren wuchsen parallel zum Hörvermögen.
   »Und bei der nächsten Eins in Physik erzähle ich dir eine Geschichte, eine über Strom und so. Das passt zu deinen Hausaufgaben finde ich.« Eff Eff nickte begeistert, als Samantha verschmitzt lächelnd ergänzte: »Obwohl es vor fünfhundert Jahren keine Lehrer gab, die Kinder mit Hausaufgaben quälen konnten.« Dabei wanderte ihr Blick aus dem Fenster, schien sich in eine längst vergangene Zeit zu entfernen. Wehmütig und nachdenklich. »Trotzdem glaube ich, dass du alt genug bist, um endlich darüber Bescheid zu wissen.«

Kapitel 4
Agenten 006

Jens Haller blickte prüfend über die Reihen seiner Schüler. Es war mucksmäuschenstill in der Klasse 7a. Kein Schwatzen, kein Gekicher und keine Unaufmerksamkeiten störten den Unterricht. Nur das Kratzen der Füllfederhalter und gelegentliches Räuspern und Seufzen waren zu hören. Die Köpfe tief über die Hefte gebeugt, kämpften zwanzig Kinder mehr oder minder mit den Fragen, die an der Tafel standen und die es zu bewältigen galt. Dreizehn Fragezeichen, dreizehn Antworten, dreizehn Chancen, die über Sein oder Nichtsein entschieden, über gute oder schlechte Zensuren und über ein Versprechen, das eingelöst werden würde, oder eben nicht.
   Alles in allem eine folgenschwere Physikarbeit, die in der Morgenstunde dieses kalten, frühwinterlichen Herbsttages geschrieben wurde.
   Florian Falco ließ sich nicht beirren. Auch nicht, als sich Motze umdrehte und ihn und Anastasia fragend ansah. Für Flüsterinfo hatte er keine Zeit. Er wollte und musste endlich seine Eins in der Physikarbeit schreiben. Zu viel stand auf dem Spiel. Seit Wochen büffelte er mit Samanthas Hilfe wie ein Süchtiger, verzichtete auf alles – auf fast alles –, was ihm Freude machte. Quälte sich durch Mathe, Deutsch und Physik bis zur totalen Erschöpfung und alles nur, weil Samantha, diese hinterlistige Hexe, ihre Forderungen auf mehrere Fächer ausgedehnt hatte. Den Vorwurf der Erpressung ignorierte sie lachend. Sie war die schlaue Gymnasiastin, half ihm, wenn sein Gehirn streikte, und schwieg ansonsten beharrlich. Deshalb – sorry Motze, heute nicht.
   Jens Haller, den die Kinder Physik-Haller nannten, war ein dreißigjähriger Mann mit dunklen Haaren, klugen Augen, durchtrainiertem Körper und einem jungenhaften Lachen, welches er häufig einsetzte. Er war das Idol aller Mädchen und sie lernten nur für ihn. Für die Jungen galt das nicht und für Eff Eff schon gar nicht. Er lernte für seine Schwester. Besser gesagt, für das Geheimnis, das sie ausplaudern sollte. Genau genommen büffelte er aus quälender Neugierde. Sie bewog ihn, seine Nase tiefer in die Bücher zu stecken, sich zu quälen und zu schinden, bis die ungewohnten Bemühungen Früchte trugen. Ha! Es fruchtete. Als sich erste Erkenntnisse in seinen Zensuren widerspiegelten, erfüllte ihn ein nie gekanntes Hochgefühl. Er hatte seinen inneren Schweinehund besiegt. Grandios.
   Leider verstanden seine ahnungslosen Freunde dieses hartnäckige Eindringen in die unbekannte Materie nicht, verglichen ihn mit dem Beißer, der sich durch Stahl frisst, und beschimpften ihn als Streber.
   Florian Falco ließ sich nicht beirren. »Ihr werdet euch noch wundern«, sagte er ab und an geheimnisvoll lächelnd und nahm, außer an Fußballturnieren, nirgendwo mehr teil.
   Heute beendete er sogar als einer der ersten Schüler die Physikarbeit. Zufrieden strich er sich über die Haare und brachte das Heft mit roten Wangen und blanken Augen zu Physik-Haller an den Lehrertisch.
   »Was, schon fertig, Florian?«, flüsterte der nicht wenig Verwunderte, bevor er besorgt Eff Effs Augen und Wangen betrachtete. »Oder etwa krank, Falco?«
   »Natürlich nicht, Herr Haller, nur froh«, antwortete Eff Eff hastig, wobei er ärgerlich registrierte, dass ihn Haller innerhalb eines Satzes einmal Florian und einmal Falco genannt hatte. Beides zusammen nie. Das wollte ein Vorbild sein – ein Lehrer, der sich weder Namen merken noch sich entscheiden konnte. Beides schlecht. Anrede nach Tagesform. Pah. Was die Mädchen bloß an dem fanden?

Drei Stunden später fand Florian Falco ihn ebenfalls wunderbar.
   Physik-Haller hatte die Arbeiten der 7a in einer Freistunde korrigiert und mit schwungvoller Handschrift eine 1- in sein Heft gemalt. Eff Eff strahlte. Das kleine Minuszeichen störte ihn nicht. Na ja … vielleicht Samantha?
   Um ganz sicher zu gehen, nahm er in der Pause seinen Füller und fügte einen winzigen Strich hinzu. So, damit war der kleine Schaden behoben.
   Mehr als Eins Plus konnte selbst seine oberschlaue Schwester nicht erwarten. Nun würde sie ihr Versprechen einlösen und endlich reden müssen.

Samantha hielt Wort. Als Griselda Gisela in ihrem Bett lag und Paps in der Stube vor dem eingeschalteten Fernseher eingeschlafen war, huschte sie leise zu ihrem Bruder unter die Decke, strich ihm über die Haare, bis er unwirsch knurrend ihre Hand beiseiteschob und erzählte.
   Mit großen Augen vernahm Florian Falco die Geschichte ihrer Mum, der Hexe Soraya, die mit Großmutter Amelie de Mére durch die Geheime Pforte in das Mittelalter gelangt war und viele Abenteuer bestanden hatte.
   Er hörte von Gauklern und einem hinterlistigen Mönch, von Verrat und Kerker, von Freundschaft und Zuversicht in einer grausamen, von Aberglauben und Armut geprägten Zeit.
   Er erfuhr von der Zeitreise seiner Schwester und der Zwillinge, lachte über ihre listigen Einfälle und war betroffen über Mathildas Schicksal. Streichelte Einer, den gefleckten Dalmatiner, der am Fußende des Bettes lag, und war glücklich, dass Samantha bei ihm war, unversehrt und von der Pest geheilt.
   In diesem Moment liebte er sie sehr. Wenn sie jetzt Bestimmer sein wollte, keine Widerrede käme über seine Lippen, kein böses Wort, er würde ihre Zickerei ertragen wie ein Mann. Schade nur, dass sie seine Frage nach dem Verbleib der Remember mes und der Geheimen Pforte nicht beantwortete. Vielleicht wollte sie es nicht. Das würde er noch herausfinden. Samanthas lapidare Äußerung, dass Mum angeblich alles vernichtet hätte, um ihre Kinder vor derartigen Reisen zu schützen – das war ihm zu unsicher.

Am nächsten Tag konnte er den Schulbeginn kaum erwarten. Fast kam es ihm so vor, als würde der Schulbus besonders langsam fahren, was für einen normalen Tag okay war, nur heute nicht. Grinsend blickte er aus dem Fenster und starrte dem aufwirbelnden Laub hinterher. Er musste sofort mit seinen Freunden sprechen, auch wenn er Samantha heiliges Stillschweigen gelobt hatte. Menno! Ab und an musste man Abstriche machen. Mal ehrlich. Erwartete seine Schwester ernsthaft, dass er so eine unglaubliche Geschichte für sich behielt? Da musste sie echt geschmeidig bleiben. Wozu waren Freunde sonst da? Alter, die würden Augen machen. Was war mit der Wahnsinnsidee, die ihm geradewegs ins Hirn gesprungen war? Perfekt war die. Logisch, dass vorher kriminalistische Fähigkeiten gefragt waren. Tatort besichtigen und Zeitreisereliquien suchen. So was in der Art. Wie 007. Nee, sie waren ja nur sechs. Agenten 006 also.

Kapitel 5
Die Schatullen der Soraya Marsch

»Hey Alter, hier ist nur Schmuck. Keine Amulette. Nur Ringe, Uhren, Ketten, Spangen aus Gold, Silber, Blech. Alles zum Aufbrezeln und Antackern. Lauter Weiberkram. Nur Müll.« Kopfschüttelnd murmelte Huscher vor sich hin, während er in Soraya Marsch’s Schmuckkästchen über den mit Samt ausgekleideten Boden strich, bevor er alles zurück in die Kassette warf. Grinsend befestigte er einen einzelnen Ohrring an seinem Ohr, wackelte mit dem Kopf und blickte feixend in den Spiegel.
   »Det kommt gut, Langer. Siehst aus wie ne Elster mit Blingbling.« Eff Eff war hinter Huscher getreten und begutachtete fachmännisch die großen Ohren seines Freundes, die das lange Gesicht wie Segel beflaggten und die Perlenschnüre in ruckartigen Schwingungen um seinen Kopf kreisen ließen. Gleichzeitig erfasste der Spiegel das Chaos und die restlichen Freunde, die unermüdlich dabei waren, das Schlafzimmer seiner Eltern auf den Kopf zu stellen. Er stöhnte unterdrückt. Das Aufräumen würde in Arbeit ausarten!

Ansonsten betrachtete Florian Falco das Vertrauen seiner Schwester ihm gegenüber als etwas Selbstverständliches. Eine verdiente Belohnung für seine verbesserten schulischen Leistungen. Versprochen war schließlich versprochen. Es war die längst fällige Anerkennung und Würdigung seiner Person. Soweit war das in Ordnung.
   Aber wieso zum Henker glaubte sie ernsthaft, dass er den Mantel des Schweigens über die brisante Vergangenheit legen würde? War er Robinson Crusoe? Selbst der hatte Freitag und einen Papagei, mit dem er reden konnte. Vertraute sie etwa seinen reifen dreizehn Jahren? Für ein Mädchen verständlich. Die waren alle gläubig, aber reif? Das konnte täuschen. Es gab unreife Früchte, die nur reif aussahen. Ausgereifte wurmstichige und saure Früchtchen und hinterlistige, welche zum Hineinbeißen verführten und zu kichern schienen, wenn man sie angeekelt ausspuckte. Egal. Solche Vergleiche hinkten immer. Zuerst hatte er gründlich abwägen müssen, welche seiner Freunde in das Geheimnis der Familie Marsch eingeweiht werden sollten. Da begann das erste Problem, mit dem er sich tagelang herumschlug, bis ihm plötzlich klar wurde, dass er nur seine Zeit verschwendete. Wen bitte sollte er ausgrenzen? Sie waren alle seine Freunde. Das vertrug sich nicht mit unnötigen komplizierten Auswahlverfahren. Außerdem war er sich sicher, dass die Begünstigten ihr Schweigen brechen würden. Wusste es einer, wussten es alle. Der absolute Dominoeffekt.
   Berichtete er Motze davon, rannte der zu Charlotte. Charlotte würde es mit großen Augen Anastasia flüstern und Huscher, der seine Ohren überall hatte, weil sie so an seinem Kopf befestigt waren, dass sie jeden Ton und jede Schwingung wie ein Peilgerät aufnahmen, war eh immer informiert. Blieb noch Klößchen übrig, aber der zählte nicht. Er folgte dem Langen wie ein Schatten.
   So blieb es nicht aus, dass sich daraufhin alle sechs an ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz am Waldsee einfanden und ihn erwartungsvoll anblickten. Kein Wunder. War er doch allen zuvor gestellten Fragen mit Grinsen und bedeutungsvollem Augenrollen ausgewichen. Als die Spannung kaum noch auszuhalten war, Anastasia und Charlotte sämtliche Büsche und Bäume der Umgebung auf versteckte Spione untersucht hatten und ihn alle drängten, endlich die Katze aus dem Sack zu lassen, legte er mit seiner unglaublichen Story los. Eine Bombe hätte keinen größeren Schaden anrichten können, als die Geschichte über die Zeitreise seiner Mum, Großmutter Amelie de Mére, den Zwillingen Anica und Antonia und Samantha, seiner Schwester. Einer nach dem anderen erstarrte, lauschte erstaunt und erschrocken den Worten des Freundes. Angespannte Stille, nur unterbrochen von vereinzeltem Vogelgezwitscher oder dem Rascheln trockener Blätter, schwebte über der Gruppe. Selbst der Wind war abgeflaut und drohte einzuschlafen. Deshalb kam der plötzlich einsetzende Stimmenwirbel einer Explosion gleich. Wie Steinschläge prasselten die empörten Worte in den Abend, schienen Florian Falco erschlagen zu wollen.
   »Sag mal Alter, willst du uns auf den Arm nehmen?«
   »Veralbern können wir uns allein!«
   »Effi, hast du ein Problem mit deinem Gehirn? Mann, ich glaube, wir fahren besser mit dir ins Krankenhaus. Jetzt spinnst du total.«
   »Coole Story. Können wir für die nächste Wandzeitungsausgabe nehmen. Echt ätzend, Eff! Wirklich geiles Teil! Hey Alter, das wird lustig!«
   »Ruhe! Ick versteh nischt!« Genervt presste Florian Falco seine Hände auf die Ohren. Doch das Stimmengewirr nahm zu. Der Topf mit den Emotionen brodelte. Jeder brüllte, rief und stellte Fragen in gefährlicher Lautstärke. Erst als Anastasia kopfschüttelnd seine Stirn befummelte und ihn mitleidig ansah, reichte es ihm. Wütend schüttelte er ihre Hand ab und sprang auf. »Ruhe endlich! Fresse, Alter! Jetzt rede ick, verdammte Axt!«
   Sekunden später blickte er triumphierend in die Runde, schleuderte mit einer entwaffnenden Geste seine Arme in die Luft und nickte seinen Freunden entschuldigend zu. »Ick weeß doch, wie det allet klingen muss«, flüsterte er heiser. »Klar, dass ihr denkt, det is die totale Verarsche. Wat soll ick sagen, det is die reine Wahrheit. Ganz schlecht war mir, bei det Geheimnis, wat Samantha ausgeplaudert hat. Mann Alter, ick dachte wirklich, ick bin inne Märchenstunde.« Er machte eine Pause und ließ das Gesagte wie Zucker im Tee wirken, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete grinsend ab. Dabei betrachtete er die offenen Münder seiner Freunde mit Genugtuung. Er registrierte ihre ungläubigen Mienen, ihre Fassungslosigkeit, die in Empörung umschlug, genauso, wie ihre sprachlose, allgemeine Dämlichkeit. Selbst Charlotte und Anastasia waren davon nicht ausgenommen.
   Die Situation entspannte sich ein wenig, als er die Hand hob, Zeigefinger und Mittelfinger in die Luft stieß und feierlich »det schwör ick euch« sagte. »Beim Leben meiner kleenen Schwester schwör ick det. Verfaulen soll ick, in die tiefste Hölle sinken, wenn det die Unwahrheit sein tut!«
   Huscher, Klößchen, Charlotte, Anastasia und Motze blickten sich erstaunt an. Dieser feierliche Schwur veränderte die Situation erheblich. Alle wussten, dass er seine niedliche, fünfjährige Schwester total vergötterte. Wenn er bei ihrem Leben schwor, log er nicht. Nie würde er sie benutzen.
   Anastasia ergriff als Erste das Wort. »Gut, Effi«, sagte sie entschlossen und warf ihren Kopf zurück. »Okay, ich versuche, dir zu glauben. Nur eines begreife ich nicht. Warum in aller Welt hast du uns das erzählt? Dir musste doch klar sein, wie wir darüber denken würden. Unsere Ablehnung war vorprogrammiert. Warum also, Effi?«
   »Ja, warum, Effi?« Klößchen wiederholte die Frage wie ein Echo, wobei er versuchte, seine Stirn intelligent zu falten, was gleich zweifach misslang. Erstens war sein Gesicht schön ausgepolstert, da wurde es mit Falten nichts, und zweitens war Intelligenz ihm so fremd wie das Wort.
   »Na, ick dachte, det könn wa och. Genauso wie Samantha und ihre Hupfdohlen. Meint ihr nich?« Entspannt lehnte Eff Eff seinen Rücken an den Stamm einer Birke und blickte grinsend von einem zum anderen, bis Motze plötzlich aufsprang und verkündete, dass ihm dazu etwas eingefallen wäre.
   Zuversichtlich lächelte er in Charlottes Richtung.

*

Erschrocken und ertappt fuhr Charlotte zurück. Verlegen putzte sie an ihrer Brille herum, wobei sie inständig hoffte, dass niemand sie beobachtete. Es war wie ein Zwang. Sie konnte ihre Augen kaum von Mohamed lassen. Natürlich war er mit ihr befreundet. Er brauchte sie, daran bestand kein Zweifel. Nur wusste sie mittlerweile, dass ihre Gefühle ihm gegenüber irgendwie anders waren als seine zu ihr. Er behandelte sie wie einen Kumpel, wie es Effi oder Huscher waren. Sie seufzte leise, schob ihre Brille zurück auf die Nase und versuchte, Motzes Worten so unbefangen wie möglich zu folgen. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sie gefangen von den sprühenden Augen und den schwarzen Haaren hingerissen in seine Richtung blinzelte.

*

»Gab es da nicht diese komische Begegnung in eurem Hühnerstall?«, fuhr Motze an Eff Eff gewandt fort und griente von einem Ohr zum anderen. »Hey, Alter, war das ein Bombenspaß, deine Schwester und die dunkelhaarigen Zwillinge bei ihren Sprungübungen gegen die Wand zu beobachten. In diesen dämlichen Klamotten.«
   »Genau, Motze.« Aufgeregt unterbrach Eff Eff seinen besten Freund und nickte heftig. »Und denn sind se verschwunden. Einfach so. Mitten durch die Schuppenwand und Großmutter Amelies Geheime Pforte. Menno, die hat die Mädchen ins mittlere Alter gebeamt. Die Pforte. Det hat mir Sam bestätigt. Die kleinen Mauersteine um den Hals waren die Fühler für die Zukunft. Die Rückfahrkarte, verstehste? Diese Amulette aus Ton erinnern sich genau, woher du kommen tust.« Lachend hieb Eff Eff seinem Freund auf die Schulter.
   »Hm, schon.« Anastasia mischte sich mit ihrem schwingenden Dialekt ein, der in Florian Falcos Ohren wie liebliches Glockengeläut klang, selbst dann noch, wenn sie wie jetzt die Augenbrauen zusammenzog. »Ja mei. Wie soll das denn gehen? Was wollen wir erzählen, ohne unsere Eltern misstrauisch zu machen?«
   »Stimmt.« Bernhard nickte heftig. In seinen runden Brillengläsern und seinen geweiteten Augen spiegelte sich absolutes Erschrecken. »Meine Mutter ist mächtig besorgt, wenn sie nicht weiß, wo ich bin. Ständig denkt sie darüber nach, ob ich genug zu essen habe, ob ich nur Suppe bekomme oder so.«
   »Typisch Kloß.« Huscher grinste, reckte seinen langen Hals wie eine Giraffe und gebärdete sich, als wollte er die Blätter von den Bäumen rupfen. »So musste das machen Bernhard. Nahrung wächst überall. Natürlich grunzt, gackert, meckert und muht sie nicht, aber zum Überleben genügt eine Brennnesselsuppe. Ist eh viel gesünder.«
   »Ach nee, meine gackernden Eierstullen stören dich nicht. Stimmt, die schmatzen, wenn du sie frisst!« Bernhard schnaufte empört und zerrte ein Papiertaschentuch aus der engen Packung. Dass ihn ausgerechnet sein bester Freund verhöhnte, das war wirklich zu viel.
   »Meine Güte, nun beruhigt euch doch. Komm, Bernhard, sei nicht sauer, das hat Hans Peter bestimmt nicht so gemeint.« Charlotte wandte sich an den pummeligen Jungen, unter dessen Brillengläsern es bedenklich glänzte. Gleichzeitig zog sie den langen Freund von den Bäumen weg und schubste ihn näher an die grinsenden Kinder heran. »Hans Peter, entschuldige dich bei Bernhard. Du verfügst als Angehöriger der schreibenden Zunft über einen gewissen Grad an Bildung, also benutze ihn und verhalte dich entsprechend.«
   Wieder einmal bestätigte Charlotte ihren Ruf, die Beste und die Klügste der Klasse 7a zu sein. Ruhig und gefasst hatte sie die Situation in den Griff bekommen. Sie beschämte die Streithähne und packte sie bei ihrer Ehre. Alle respektierten das. Selbst Motze blickte stolz in ihre Richtung.
   »’tschuldigung.« Mit rotem Kopf streckte Huscher seinem Freund die Hand hin und nickte erfreut, als er sah, wie dieser zugriff und erleichtert aufatmete.
   »Klar soweit?« Anastasia flocht ihre üppige Haarpracht zu einem Zopf, sprang von der Schaukel und sah Eff Eff ungeduldig an.
   »Ob wir reisen wollen, das ist fürs Erste zweitrangig. Ob wir überhaupt können, das ist die Frage. Hat deine Schwester verraten, wo die Amulette, die wir ja angeblich dringend benötigen, jetzt sind? Und wo bittschön das Geheime Pfortel deiner Urgroßmutter Amelie ist?«
   Ach, Anastasia Mercédès aus Rothenburg ob der Tauber, du bist nicht nur die Schönste im ganzen Land, sondern du kannst zuhören, du kannst kombinieren und du kannst deine Schlussfolgerungen daraus ziehen. Eff Eff hob hilflos die Schultern. »Tja, det is det Hauptübel. Wär schön, wenn wir alle zusammen verreisen könnten. Zeitreisen natürlich.« Er stützte den Kopf in die Hände. »Keine ätzende Klassenfahrt, obwohl det einfacher wäre.« Sein Blick glitt über die Freunde, verharrte misstrauisch bei Huscher, zweifelnd bei Klößchen und überzeugt bei Anastasia, Charlotte und Motze. Gut, das könnte klappen. Vier top, zwei wackeln. »Passt scho«, würde Anastasia sagen. »Aber da ist noch etwas, was wir klären müssen.« Er strich sich eine Locke aus der Stirn. »Meine Schwester denkt, dass unsere Mum die Amulette samt Geheimer Pforte wegen mir und Griselda vernichtet hat. Det glob ick weniger. Bestimmt hat se det nur gesagt, um mir det Reisen in die Vergangenheit zu vermiesen. Na ja«, erneut blieb sein Blick bei Klößchen und Huscher hängen, die ihm begeistert zunickten, »einfach wird det nich werden. Kämpfen müssen wir schon und hundertpro zusammen. Det is nich zu ändern.«
   So war es nach Eff Effs überzeugendem Appell kaum verwunderlich, dass alle sechs letztendlich in harmonischer Übereinstimmung beschlossen, zuerst die Dinge zu suchen, die für das Abenteuer Zeitreise Voraussetzung waren. Großmutter Amelies Geheime Pforte und die unansehnlichen Amulette aus Ton, die Samantha Remember me genannt hatte.

*

»Was ist nun mit deiner Theorie, Charlotte Grube, dass alle alten Leute ihre Wertsachen im Kleiderschrank aufbewahren?«
   Gedämpft erreichten Hans Peters provozierende Worte Charlotte. »Vielleicht ist Effis Mum nicht alt genug? Sie ist vierzig. Richtig alt ist meine Oma, die ist schon sechzig«, murmelte sie, ohne den Kopf zu heben.
   »Deine Oma nützt uns nichts.«
   »Richtig, wir müssen nehmen, was wir haben.«
   Mit zerknautschten Haaren und verrutschter Brille tauchte Charlotte aus dem Kleiderschrank auf und betrachtete missbilligend den Ohrring an Hans Peters Ohr sowie das Kästchen, das er wie eine Trophäe hin und her schwenkte. »Wie ich sehe, hast du nichts gefunden, Hans Peter. Überleg doch mal, wo würdest du etwas lassen, wenn es niemand finden soll?« Kopfschüttelnd drehte sie sich zu dem tatenlos herumlungernden Klößchen um. »Und du, Bernhard, was glaubst du, wozu Kinder zu faul sind?« Ratloses Schulterzucken. »Zum Denken!« Wütend fauchte sie ihn an.
   Anastasia kicherte und nickte bestätigend, während sie Unmengen ausgeleerter Schuhkartons an Charlotte vorbei durch den Raum balancierte. »Ja, mei, des Zeugs. Wer braucht all des?« Ihr Blick irrte zu Motze, der schnaufend unter den Ehebetten hervorkroch und grinsend eine Wollmaus auf die Dielen spuckte. »Auf keinen Fall würde ich unter dem Bett suchen.« Er lachte überlegen und sprang auf. »Viel zu einfach, viel zu tief, viel zu eng, aber für mich war’s ein Kinderspiel.« Beifall heischend blickte er sich um.
   »Ich würde weder unten noch oben suchen können«, stellte Klößchen lakonisch fest und zerrte eine ausklappbare Trittleiter hinter dem Schrank hervor. »Aber mit kleinen Hilfsmitteln bin ich flink wie ein Wiesel.«
   »Nu lass mal den Onkel Hape ran, du Wiesel. Ab und zu ist lang und dünn extrem praktisch.« Huscher schob seinen Freund beiseite, klappte die Leiter an den Schrank und stieg hinauf.
   »Nee, hier ist auch nichts.« Er hustete unterdrückt. »Nur Staub und ne Strippe, die hängt hinten runter. Bestimmt Lavendel, das is gegen Motten, macht meine Oma auch so.«
   »Quatsch Motten, Mum doch nich.« Florian Falco stieg entschlossen zu Huscher auf die Leiter, trat ihm auf die Finger und robbte an den jammernden Freund vorbei auf den Schrank. Langsam schob er sich zwischen Schlafzimmerdecke und Möbel, quetschte die Hand in den Spalt bis zur Wand und zog vorsichtig an der Schnur, die dort tatsächlich hinunterführte. Schnell griff er zu und schüttelte das schmale Kästchen triumphierend vor seinem Bauch. Hastig ließ er sich die Leiter hinunterrutschen und legte es feierlich auf das Bett. Es raschelte und knurrte daraus hervor, Töne, die ihm seltsam vertraut erschienen. Vor mehr als drei Jahren hatte er die kleine Schachtel unbeachtet auf den Tisch geworfen. Heute löste er behutsam die glänzenden Bänder, schob andächtig den Deckel beiseite und folgte den entzückten Blicken aus fünf Augenpaaren angesichts der funkelnden Ketten, die so gar nicht zu den unscheinbaren Anhängern aus Ton passen wollten. Stumm sahen sich die Freunde an, bevor sie sich jubelnd um den Hals fielen. Wen interessierte schon das Missverhältnis aus Stein und Glanz? Sie hatten die sagenhaften Amulette Urgroßmutter Amelie de Méres gefunden, die Remember mes von Soraya und Samantha, von Antonia, Anica und Mathilda. Der zehnjährigen Mathilda, die aus der Vergangenheit gekommen war. Die Fahrkarten dorthin lagen auf dem Ehebett der Familie Marsch. Was gab es Schöneres?

Kapitel 6
Ein Haus mit vielen Türen

Wer müsste nach dem relativ schnellen und unkomplizierten Auffinden der Amulette nicht annehmen, dass die Suche nach Großmutter Amelies Geheimer Pforte nur noch ein Kinderspiel wäre? Wer wollte nicht daran glauben, dass Soraya Marsch das zweite notwendige Relikt für die Zeitreise ebenso simpel versteckt hätte, wie die Remember mes? Kein Wunder also, dass Florian Falco und seine fünf Mitstreiter am Boden zerstört waren, als sie ihren Irrtum erkannten. Erwachsene waren pfiffiger, als sie aussahen, verdammte Axt!
   Trotz weiterer intensiver Suche gab es keine Spuren innerhalb und außerhalb der Gebäude. Sie fanden nicht den geringsten Hinweis, der auf den Verbleib der mysteriösen Pforte schließen ließ.
   Der Hühnerstall mit seiner Gerätekammer und den Hühnern, von denen Helgoland, Winnetou und erstaunlicherweise Morgen dem jährlichen Schlachten entkommen waren, präsentierte sich übersichtlich und unauffällig wie immer. Emma, Esmeralda, Julie und Rosenrot waren tatsächlich nur Hühner.
   Unter, über, zwischen und hinter allem, was schwebte, klemmte oder schwamm, suchten sechs Kinder zwei Wochen lang verzweifelt nach der mysteriösen Pforte. Ohne Großmutter Amelies Fenster in die Vergangenheit gab es keine Reise dorthin. Davon war auch Florian Falco überzeugt, als er sich unruhig in seinem Bett hin und her wälzte.
   Sein Gehirn glich im Moment einem Haus mit vielen Türen und Fenstern, von denen sich leider nur die öffnen ließen, hinter denen die Gedanken über die Zeitreise lagerten. Die ihn wach hielten und äußerst intensiv Tag und Nacht beschäftigten. Diese anstrengenden Denkmanöver bereiteten ihm langsam Kopfschmerzen. Es war bereits drei Uhr morgens und noch immer starrte er mit großen Augen an die Decke und grübelte darüber nach, wie eine Reise in das Mittelalter auch ohne dieses blöde, unauffindbare Teil möglich sein könnte. Wie im Fieber quälten ihn seine Überlegungen. Nur mit Mühe unterdrückte er aufkommende Zweifel, die das gesamte Unternehmen infrage stellten, aber leider durchaus realistisch waren. Er kannte seine Mum gut. Was wäre, wenn sie diesen geheimnisvollen Rahmen mit voller Absicht vernichtet hätte? Wer sonst wusste um die faszinierende Anziehungskraft dieser Dinge, wer sonst hatte sie mehr als einmal am eigenen Leib erfahren? Kein Wunder also, wenn sie ihre Kinder vor dieser Gefahr beschützen wollte. Mist! Ohne Zeitreisepforte waren die Anhänger nur noch harmlose Tonscherben.
   Eff Eff seufzte leise und betrachtete die Schatten, die die große Birke vom Nachbargrundstück an seine Wand malte, blinzelte in das helle Licht, das der runde Mond durch die Zweige warf und spürte den Wind, der den Baum in Bewegung brachte, ihn in gleichmäßigen sanften Wellen schwingen ließ. Hin und her, hin und her …
   Seine Zweige flossen durch das Fenster. Sie berührten ihn, glitten über seinen Arm, weich, warm, beruhigend. Leise raschelten die Blätter, ein braunhaariger Mädchenkopf tauchte zwischen ihnen auf und bernsteinfarbene Augen sahen lächelnd auf ihn herab. Das Mädchen winkte leicht mit der Hand. Er erhob sich und flog ihr entgegen. Überrascht und erstaunt über die Schwerelosigkeit seines Körpers wollte er sie fragen: »Anastasia, was machst du denn hier, wieso können wir fliegen?« Aber sein geöffneter Mund spuckte geschriebene Worte aus, die ihn anklagend anblickten. »Alles falsch, alles falsch, du musst üben, üben, üben!«, sagten sie mit Frau Eberharts Stimme. Dumpf verebbte das Echo in seinem Kopf, öffnete Türen und Fenster und pustete eine frische Brise hindurch. Gierig schlürfte er den frischen Sauerstoff, atmete tief ein und aus, schmeckte den harzigen Tannenduft, schnupperte Erde, Moos und Wasser und blickte ungläubig auf den Waldsee, der tief unter ihm im Licht des Vollmondes glitzerte.
   Plötzlich änderte sich alles. Verschwunden waren der Mond und Anastasia. Ihren Platz hatten schwarze Wolken eingenommen, die drohend den Himmel bedeckten. Es war schwül und stickig geworden. Donner grollte und Blitze zuckten mit glühenden Augen über den See.
   »Schau hin, Florian! Schau genau hin, Falco! Das ist es. Die Lösung für alles. Das ist Physik! Du musst üben, üben, üben!« Physik-Haller lachte meckernd und sein Lachen verschmolz mit dem Klingelzeichen der Schulglocke. Es klang durchdringend und wollte einfach nicht aufhören. Florian Falco hielt sich die Ohren zu. Fürchterlich, dieses Geräusch. Er musste es abstellen. Wild hieb er mit den Händen durch die Luft, bis nur noch ein gedämpftes Knurren übrig blieb und Samanthas Stimme. »Sag mal, Eff Eff, Schule ist heute wohl nicht angesagt was? Wach endlich auf! Genug geträumt, deine Mathearbeit wartet.«
   Mathearbeit? Welche Mathearbeit denn? Hilfe! Die Mathearbeit!
   Mit einem Fluch auf den Lippen fuhr Florian Falco hoch, schleuderte den Wecker, den er unter seine Schlafanzughose gestopft hatte, auf den Nachttisch und stürzte an seiner Schwester vorbei ins Bad. Sieben Uhr! Himmel! Die große Uhr über der Badezimmertür, die er mit gehetztem Blick streifte, blieb unbarmherzig. In einer halben Stunde würde der Bus ohne ihn abfahren. Unmöglich, er musste es schaffen.
   Ungekämmt, ungewaschen und ohne Frühstück im Magen rannte Florian Falco seinem Schulbus hinterher. Der Fahrer wollte gerade vom Haltestellenbereich auf die Straße abbiegen, als er den heftig winkenden Jungen bemerkte. Abrupt trat er auf die Bremse.
   »Wohl gestern nicht ins Bett gefunden, wat? Das nächste Mal etwas zeitiger, junger Mann«, brummte er dem schnaufenden Jungen zu und setzte kopfschüttelnd seine Fahrt fort.
   Florian Falco ließ sich schwer atmend in einen Sitz fallen und kümmerte sich nicht um die schadenfrohen Blicke der anderen Schüler. Gleichgültig starrte er aus dem Fenster und versuchte angestrengt, die konfusen Bilder der Nacht zu ordnen. Immer wieder hatte er die Worte Physik-Hallers im Ohr. Dessen geheimnisvolle Bemerkung über eine Lösung, die ihn und das Gewitter betreffen musste. Es konnte gar nicht anders sein.
   Er beschloss, seine Vermutungen über die Kraft der elektrischen Energie zunächst mit Huscher zu diskutieren. Hans Peter kannte sich mit Physik und solchen Kram aus. Anastasia ebenso. Eff Eff lächelte, schloss zufrieden die Augen und lehnte den Kopf gegen das kalte Glas des Fensters.

Kapitel 7
Eine demokratische Entscheidung

Wider Erwarten waren die Aufgaben der gefürchteten Mathearbeit leicht und Eff Eff grinste triumphierend, als er vor allen anderen sein Arbeitsblatt auf den Lehrertisch legte. Dabei hatte er ein ausgesprochen gutes Gefühl. Dieses Mal konnte es nicht trügen. Da war er sich ziemlich sicher. Noch viel weniger wollte er an Samanthas gehässige Worte betreffs seiner Gefühle nach Klassenarbeiten denken und an seine zugegeben ab und zu aufgetretenen Fehleinschätzungen. Kommt vor, aber jetzt nicht. Er hatte Wichtigeres zu erledigen.
   »In der Hofpause zu mir, Huscher«, flüsterte er Hans Peter möglichst unauffällig zu, während er zu seinem Platz zurückschlenderte. Zufrieden lehnte er sich in seinen Sitz, streckte die Beine unter die Bank und beobachtete belustigt die gesenkten Köpfe und die angestrengten Gesichter seiner Mitschüler. Sogar Anastasia würdigte ihn keines Blickes. Eifrig löste sie Aufgabe um Aufgabe. Wieso war sie eigentlich noch nicht fertig? Und die anderen auch nicht? Verwundert reckte er den Hals und blickte auf die Heftseite seiner Nachbarin – und erstarrte. Die Aufgaben kannte er überhaupt nicht! Oder hatte er sie nur vollkommen anders in Erinnerung? Unmöglich. »Wie viel Hektar ergeben 200.000 Ar?«, murmelte er bestürzt und sandte verzweifelte Blicke zum Lehrerpult, aber die Mathematiklehrerin blätterte nur flüchtig in seinen Blättern, hob ab und zu den Kopf und ließ ihren Blick über die arbeitenden Kinder gleiten. Endlich bemerkte sie seinen erhobenen Arm und stand auf. »Was gibt es, Florian Falco?«, flüsterte sie. »Du hast doch bereits abgegeben?« Unschlüssig stand sie neben seinem Sitz und blickte ihn verwundert an.
   »Frau Carsten«, nuschelte Eff Eff und verzog schmerzlich das Gesicht. »Ick glaube, meine Aufgaben sind falsch.«
   »Ja, selbst wenn es so wäre, Florian. Jetzt ist es zu spät. Daran ist nichts mehr zu ändern. Alles nur eine Frage der gründlichen Vorbereitung.« Bedauernd zuckte sie mit den Schultern und legte tröstend ihre Hand auf seinen Arm. »Tut mir leid, mein Junge. Wirklich ärgerlich.«
   »Nein, nein, so meine ich das nicht.« Unbeherrscht krächzte Eff Eff los und pochte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Anastasias Heftseite. »Es ist nur so, dass da in meinem Heft andere Aufgaben stehen, als … als bei ihr!«
   Schnaubend sah er auf und flehte insgeheim, dass er sich nicht irren möge. Schon allein deshalb nicht, weil er in Anastasias Augen vorerst keinen Spott, sondern nur Verwunderung über die Störung lesen konnte. Mittlerweile waren auch die anderen Kinder aufmerksam geworden und begleiteten den Dialog zwischen ihm und der Mathematiklehrerin mit Getuschel und fragenden Mienen.
   »Wieso sollten deine nicht … nicht …?« Mit prüfendem Blick auf Anastasias Aufgaben stockte Frau Carsten mitten im Satz, stürzte zum Lehrertisch und starrte auf Eff Effs Arbeitsblätter. Ungläubig drehte und wendete sie die Seiten, wedelte ihrem geröteten Gesicht damit Luft zu und zuckte hilflos mit den Schultern. »Na, so was? Wie konnte das passieren?«
   »Wat konnte wie passieren?« Eff Effs Augen weiteten sich vor Schreck. »Tatsächlich so schlecht? Bullshit!«
   »Flo-ri-an! Das habe ich jetzt nicht gehört! Ihr anderen bringt eure Arbeiten zu Ende!« Warnend wandte sich Frau Carsten an die Klasse, in der es schlagartig kicherte und summte, wie in einem Bienenstock. Erst, als sich alle Köpfe gesenkt hatten und wieder Ruhe eingetreten war, sah sie Eff Eff schuldbewusst an und lächelte begütigend. »Nein, Florian Falco, das ist absolut nicht schlecht. Im Gegenteil, du hast alle Aufgaben richtig gelöst. Wirklich ordentlich.« Überrascht hob Eff Eff hob den Kopf. Hallo? Das klang doch gut. Wo war das Problem? Er beantwortete das unerwartete Lob mit einem selbstgefälligen Grinsen. Triumphierend, siegessicher. Er leckte sich die Lippen und kostete seinen Erfolg aus. Genau zwei Sekunden lang, bevor sein Grinsen inmitten der Genugtuung zu einer Grimasse gefror, weil Frau Carsten bedauernd den Kopf schüttelte. »Trotzdem nicht gut, weil … weil es die Känguru-Aufgaben der sechsten Klasse sind.« Sie hob die Schultern und schob die Lippen vor. »Wie diese Arbeitsblätter unter unsere Mathematikarbeit geraten konnten, kann ich mir nicht erklären.«
   »Wat kann ick dafür?«, keuchte Florian Falco gepresst und kämpfte mit den Tränen. »Det is doch allet richtig und ick … ick … bin hier det Opfer und nich der Täter! Manchmal bin ick schusselig, obwohl ich noch nich so alt bin, wie die Lehrer, aber heute … nee! Heute nich!«
   Verzweifelt legte er einen Arm über die Augen und ließ sich in seinen Stuhl zurückrutschen. Seine Empörung und Wut zerfloss ins Nichts. Nur noch hilflose Enttäuschung blieb übrig. In der Klasse war es mucksmäuschenstill geworden. Mitleidige Blicke trafen ihn. Kein Wunder. Seine Freunde wussten, wie unermüdlich er in den letzten Wochen gebüffelt hatte. Nee, das war einfach ungerecht. Was, wenn er nun keine oder sogar eine schlechte Zensur dafür kassieren würde?
   Charlotte hob ihre Hand. Zögernd stand sie auf. Sie drehte sich um und blickte Eff Eff und anschließend die Lehrerin an. »Frau Carsten«, sagte sie leise, holte tief Luft und schob ihre Brille gerade. »Also, ich als Klassensprecherin der 7a will mich … also ich … ich …« Sie hielt inne und blickte ungehalten zu Klößchen, der unterdrückt kicherte. »Ich wollte nur sagen, dass Florian Falco dafür nichts kann, wenn ein Versehen passiert ist, dass nicht, also, das er nicht … verursacht hat.« Zustimmendes Gemurmel erklang.
   »Mmm«, machte Frau Carsten unschlüssig, runzelte die Stirn und ging zum Lehrertisch. Aufmerksam flog ihr Blick über die Kinder.
   »Wer meint noch, dass Florian Falco benachteiligt wird, wenn ich die falsche Arbeit nicht oder nur mangelhaft bewerte?« Wie Windmühlenflügel flogen die Arme in die Höhe.
   »Anastasia, du bist ebenfalls der gleichen Meinung, wie deine Mitschülerin?« Erstaunt blickte die Lehrerin Eff Effs Banknachbarin an.
   »Ja, Frau Carsten. Weil es nicht wirklich falsch ist.« Anastasia deutete eifrig auf die Arbeitsblätter der Mathematikolympiade. »Ich meine die Aufgaben da. Sie selbst haben gesagt, dass Florian alles richtig gelöst hat. Das muss berücksichtigt werden.«
   »Berücksichtigt werden«, echote es in Eff Eff und er nickte Anastasia begeistert zu.
   »Klar, das gibt Bewährung.« Hans Peter lachte gackernd und bekräftigte seine Worte mit lautem Händeklatschen.
   »Das muss berücksichtigt werden«, wiederholte Klößchen Anastasias Worte, rot vor Aufregung wegen der unüblichen Rebellion in der Klasse.
   »Voll ungerecht!«, brüllte auch Motze, stampfte ausgelassen mit den Füßen auf den Boden und registrierte, dass sich unterdessen die Protestrufe zu einem allgemeinen Tumult entwickelten. »Wir streiken!« Wie bei einem spontanen Wettbewerb versuchten die Schüler, sich gegenseitig niederzubrüllen. Zu Eff Effs Entzücken standen außer seinen Freunden (was er als selbstverständlich erachtete) auch die übrigen Mitschüler voll hinter ihm.
   »Kinder, Kinder! Ruhe bitte!«
   Die Mathematiklehrerin versuchte, gegen die Welle anzukämpfen, die über sie hereingebrochen war und sämtliche Regeln der Schuldisziplin wegspülte. Beschwichtigend hob sie die Hände, senkte und hob sie, senkte und hob sie. Heben senken, heben senken. Eff Eff grinste. Wenn sie jetzt noch in die Knie ging, wäre das eine passable Sporteinlage. Fabelhafte Vorstellung, die schlagartig sämtliche Trübsal aus seinen Gedanken verscheuchte. Es war wie in seinem Traum. Frische Luft strömte durch sein Gehirn. Er hatte das richtige Fenster geöffnet. Entspannt legte er sich zurück. Die Kinder sahen ihn an und die Aufregung verebbte. Frau Carsten nickte erleichtert und packte Eff Effs Känguruarbeit zusammen mit den echten Mathematikarbeiten in ihre Aktentasche.
   »Also Kinder«, ungeduldig sah sie auf ihre Armbanduhr, »die Schulstunde ist beendet, und da ihr so kräftig für euren Mitschüler eingetreten seid, werde ich die Arbeit bewerten. Halt, halt Kinder«, rief sie in das erneut aufflackernde Stimmengewirr und das begeisterte Trommeln und Beifallklatschen. »Allerdings kann ich Florian Falco kein »Sehr gut« geben. Ich denke doch, dass ihr das versteht, nicht wahr? Zugegeben, seine Arbeit ist fehlerfrei. Trotzdem ist es der Stoff einer sechsten Klasse. Viel zu einfach für ihn.«
   »Von wegen«, protestierte Eff Eff leise, wobei er grinsend zu Anastasia blickte, die den Daumen hob und ihm zunickte.
   »Eine Zwei plus ist angemessen, Florian Marsch«, beendete Frau Carsten streng die Diskussion und drehte sich in der Tür um. »Du kannst mit deiner Leistung zufrieden sein. Glückwunsch.«
   Ja, und irgendwie war er das dann auch. Außerdem gab es noch etwas, was ihm nicht aus dem Kopf ging. Wenn es möglich war, für eine falsche Mathearbeit eine gute Zensur zu bekommen, musste es genauso möglich sein, ohne Geheime Pforte ins Mittelalter zu reisen. Vielleicht reichten die Tonscherben doch aus.
   Nicht alles, was falsch aussah, musste falsch sein.

Kapitel 8
Eine blitzgescheite Idee

»Mann, Alter, das glaub ich jetzt nicht. Nur wegen deines dämlichen Traums? Das ist kompletter Unsinn.« Ungläubig schüttelte Motze den Kopf und blickte seinen Freund prüfend an. »Aber sonst ist alles klar bei dir?«
   »Det ist nich nur ein Traum, Motze. Det is ne Offenbarung.« Mit einer angriffslustigen Bewegung fegte Florian Falco seine Haare aus der Stirn und sah seinen Freund beschwörend an. Motze zuckte einlenkend mit den Schultern. »Na gut. Vielleicht ist ja was dran, Eff, aber ich …« Er bohrte seine Schuhspitzen in den schwarzen Belag des Schulhofs. »Ich kann das nicht wirklich glauben. Sorry. Nee, das ist eher unwahrscheinlich.«
   »Kannste aber. Ganz deutlich hab ick det gesehn. Det Waldbad bei Gewitter.« Eff Eff packte seinen Freund bei den Schultern. Seine blauen Augen waren dunkel vor Aufregung. »Gewitter, Motze. Gewitter! Das ist es!«
   »Welches Gewitter und wo?« Charlotte war als letzte hinzugekommen und hob fragend die Augenbrauen.
   »Gleich, Lotte.« Hastig zog Eff Eff sie in den Kreis der fünf Freunde, die sich bereits in einer Ecke des Schulhofs versammelt hatten. Klößchen und Motze kauten auf ihren Stullen herum, Anastasia hatte eine Flasche mit Wasser in der Hand und Huscher untersuchte Klößchens Proviantbox auf weitere Leckereien. Eff Eff hatte extra die Mittagspause ausgesucht, weil er dachte, dass dreißig Minuten für die Gespräche ausreichen würden. Knapp wurde es nur, wenn er so wie jetzt jeden einzeln überzeugen musste. Mist! Irgendwie lief das aus dem Ruder. Ursprünglich wollte er das Thema mit Huscher allein besprechen, aber der konnte natürlich seinen Schnabel nicht halten und musste stille Post spielen. So war es nicht verwunderlich, dass selbst Anastasia kaum erwarten konnte, ihr frisch erworbenes Wissen weiterzureichen. »Um das Mittelalter geht es, Lotte, und wie wir ohne das Pfortel reisen können.« Anastasia schob ihren Kopf näher an den der Freundin heran und nickte begeistert. »Effi hat eine sagenhafte Idee.« In kurzen Zügen berichtete sie ihr von Florian Falcos Traum und dessen gewöhnungsbedürftigen Schlussfolgerungen.
   »Na, ich weiß ja nicht …« Ernüchtert blickte Charlotte in Anastasias Gesicht. Ihre Miene drückte deutliche Zweifel aus und ihr Blick glitt unschlüssig zu den Jungen, die allesamt interessiert schienen. Skrupel und massive Gegenwehr? Fehlanzeige.
   »Wann, wann soll es losgehen?«, flüsterte Klößchen heiser vor Erregung. Er blinzelte in die Sonne, fuhr mit seiner Zungenspitze über den Rest Fett auf seinen Lippen und hob den Arm. »Für den Proviant sorge ich.«
   »Du hast wirklich nischt anderes als Fressen im Kopp.« Missbilligend schüttelte Huscher seinen Kopf, schnappte sich ein gekochtes Ei aus Bernhards Brotdose und schob es langsam in den Mund. »Alles zu seiner Zeit, Bernhard. Zuerst müssen wir uns über das Wie im Klaren sein, dann das Wo bestimmen und – megawichtig – über das Wann einig sein.«
   »Menno. Dann eben nich, Hans Peter. Bleib ich hier. Ohne Futter geh ich nirgendwo hin.« Klößchens Gesicht war knallrot angelaufen und unter seiner Brille glänzte es verdächtig. Er gurgelte erstickt und drehte sich um. Dabei sandte er seinem verräterischen Freund einen tieftraurigen Schulterblick. Betroffen senkte Huscher den Kopf. Menno, das wollte er nicht. Extrem sensibel, wie Klößchen damit umging, Himmel! Irgendwie übertrieb er immer.
   »Hey, Kloß.« Motze rettete die Situation, griff nach Bernhards Arm und zerrte den Widerstrebenden zurück. »Bleib hier. Ohne dich sind wir doch aufgeschmissen.« Besänftigend flüsterte er ihm zu und schob ihn zu den anderen. »Was denkst du denn? Megawichtig bist du, genauso wichtig, wie diese Ws, die Huscher gemeint hat.« Zur Bekräftigung seiner Worte legte er dem Kleineren eine Hand auf die Schulter und knetete sanft dessen Hals. »Die Döner von meinem Vater kann ich wirklich nicht anschleppen, Bernhard. Höchstens zwei Stunden, dann sind die matsch. Außerdem versteh ich vom Kochen nischt. Manchmal weiß ich nicht mal, ob das schmeckt, was ich mampfe.« Motze grinste in die Runde und zwinkerte seinen Freunden zu. »Also, wenn keiner von euch etwas dagegen hat, ernennen wir Klößchen zu unserem Oberproviantmeister.«
   »Abgemacht!« Charlotte nickte spontan und blickte Motze dankbar an. Gleichzeitig kümmerte sie sich um Bernhard, der immer noch eingeschnappt in das Beet mit den Astern starrte und so tat, als würde er vom Koch zum Gärtner umsatteln wollen.
   »Ehrlich Bernhard. Das ist klasse von dir, wirklich klasse, wenn du das freiwillig übernehmen würdest«, sagte sie schmeichelnd und nickte Richtung Blumenbeet. »Da sind wir auf jeden Fall sicher, dass es was zu essen geben wird. Im Mittelalter ist das eine ziemliche Verantwortung, verstehst du? Kaum Zutaten, primitive Bedingungen, ekliges Fleisch … nehme ich an. Deshalb wird ein guter Proviantmeister megawichtig sein. Sozusagen lebensnotwendig für uns.«
   »Wirklich?« Unsicher blinzelte Bernhard in die fahle Herbstsonne und sein Blick wetteiferte mit dem Glanz der Sommersprossen auf seinem gerötetem Gesicht. »Wenn ihr das so gemeint habt, bin ich natürlich einverstanden.«
   »Was ist nun mit dem Gewitter?« Ungeduldig beendete Anastasia die Diskussion. »Effi, würdest du das bittschön Charlotte erklären? Das mit dem Gewitter. Und mir auch noch einmal.« Fragend hob sie die Schultern und verdrehte die Augen. »So richtig hab ich das nicht begriffen. Physik ist irgendwie nicht meins. Mehr was für Jungen, oder?«
   »Äh, ja, schon. Im Prinzip hast du recht. Nur in diesem Fall … fragen wir lieber Huscher. Der ist der Physikmann.« Unschlüssig kaute Eff Eff auf seiner Unterlippe herum. Dann nickte er bekräftigend. »Wirklich, det kann Huscher besser. Ick kann nur versuchen, euch meinen Traum nahe zu bringen, obwohl ick den selbst nich richtig verstehe. Los Hans Peter, erklär ma.« Mit Nachdruck trat Eff Eff dem Träumenden auf den Fuß.
   Huscher fuhr zusammen, legte unauffällig seine Hand auf den Rücken und wischte verstohlen den Finger, mit dem er zuvor in seinem Ohr herumgebohrt und dessen schwarzer Fingernagelrand das Ergebnis seines Gründelns war, an seinem T-Shirt ab. »Ja, hm?« Verlegen hob er den Kopf. Sein Blick kreuzte ausgerechnet den von Anastasia, die aufkeuchte und auf den dunklen Streifen deutete, der sich quer über sein helles Shirt zog. Angeekelt verzog sie das Gesicht. »Pfui, Hans Peter. Waschen würde helfen. Nicht nur einmal im Monat gell?«
   »Voll krass, Nasty, Huscher is’n Ferkel.« Eff Eff unterbrach sie ungeduldig und puffte den Langen in die Seite. »Menno. Nu fang endlich an, Huscher. Sonst is die Pause um, bevor wir det alle kapiert haben.«
   »Also, das ist so.« Huscher reckte seinen mageren Hals in die Luft und ließ seinen Blick über die fünf Freunde gleiten. »Effi glaubt, dass eine elektrische Luftentladung, wie sie bei Gewittern vorkommt, ausreichen könnte, um den Tonscherben mitzuteilen, wohin wir wollen. Schon möglich, dass die Energie in der Atmosphäre tatsächlich die Kraft hat, uns zu beamen.« Nachdenklich heftete er seinen Blick an die weiß getünchte Hauswand, bevor er einen abgekauten Fingernagel ausspuckte. »Das Komplizierte bei dieser Methode ist allerdings, nicht gleichzeitig vom Blitz erschlagen zu werden.«
   »Toll. Sterben wollte ich noch nicht«, keuchte Charlotte entsetzt und wurde eine Spur blasser.
   »Quatsch.« Huscher wiegelte ihren Einwand ab. »Wir müssen nur die Luftströmungen abwarten. Genau das passiert über dem Wasser. Wenn eine feuchte, schwüle Luftschicht als energiegeladener Wasserdampf in die kälteren Luftschichten aufsteigt, ganz oben friert und zum Gewitterregen wird, also wenn die Tropfen schwer genug geworden sind … und natürlich zum Blitz, weil sich zwischen den Wolken die angestaute Energie entlädt«, Huscher grinste und senkte bescheiden die Stimme, »dann müsste es funktionieren. Auf jeden Fall so ähnlich, wenn die Amulette darauf reagieren.«
   »Hm, hm.«
   »Ach was?«
   Charlotte und Anastasia äußerten sich fast synchron und blickten die vier Jungen, deren begeistertes Nicken ihnen wenig half, ungläubig an.
   »Das will Eff Eff alles in seinem wundersamen Traum erkannt haben? Wo bleibt der Beweis?« Charlotte rieb verwirrt über ihre Stirn. »Also, das mit dem Gewitter hast du gut erklärt, Hans Peter.« In ihrer Stimme schwang leichtes Misstrauen. »Hätte ich nicht besser machen können.«
   »Aber reicht solch, solch Energiefeld aus, um uns alle zu tragen?«
   Kritisch streifte Anastasias Blick Klößchen. »Ja mei, da wird’s mehr als eine Windhose sein, die nötig ist.«
   »Doch keine Hosen. Haste nicht zugehört? Wir reden hier von Energie. Blitzender Energie.« Motze lächelte nachsichtig und blähte die Wangen auf.
   »Du hast keine Ahnung, Itztürk«, erwiderte Anastasia bissig. »Deine Unterhose hab ich kaum gemeint. Windhosen sind etwas ganz anderes.«
   »Ruhe Kinder!« Charlotte hob die Arme und funkelte energisch von einem zum anderen. »Fassen wir mal zusammen. Nur so für die, die irgendetwas missverstehen wollen. Also, Windhosen sind starke konzentrierte Winde, die Bäume ausreißen und Häuser hochheben können. Ähnlich den Tornados, die bereits ganze Dörfer verwüstet haben. Blitze hingegen erzeugen ein riesiges elektrisches Feld, wenn sie sich entladen. Das könnte einen Ochsen heben und uns sechs ganz bestimmt … Wenn es überhaupt funktioniert.«
   Das Klingeln der Schulglocke beendete die Diskussionen um das Für und Wider von Hosen und Energien. Nachdenklich gingen die Freunde zurück in ihren Klassenraum, jeder auf seine Weise mit dem beschäftigt, was er gehört hatte. Florian Falco ließ sich auf seinen Stuhl fallen und suchte intensiv in seinem Rucksack. Endlich hielt er die Arbeitsmittel für die nächste Unterrichtsstunde in der Hand. Stöhnend knallte er sie auf den Tisch und murmelte verbissen in das aufgeschlagene Heft. »Einen Versuch is det allemal wert, oder?«
   »Klar, Effi«, sagte Anastasia gedehnt und lächelte spöttisch. »Einen Versuch oder zwei oder viele? Eines Tages klappt es bestimmt.«
   »Abwarten und Tee trinken, Nasty. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«
   »Oder hat es zu spät gerafft.« Anastasia kicherte unterdrückt und legte den Finger auf den Mund, weil Bernhards Pfiff ertönte.

Kapitel 9
Letzte Vorbereitungen

»Ach Mum, bevor ich es vergesse, würdest du das bitte unterschreiben?« Eff Eff hielt Soraya einen Zettel hin, wackelte mit einem Kugelschreiber zwischen den Fingern und blickte seine Mutter treuherzig an. Seine Stimme zitterte ein wenig und seine Ohren glühten burgunderrot inmitten seiner blonden Haare.
   Herr im Himmel, mach, dass sie nichts merkt, dass sie keine Fragen stellt und möglichst schnell zur Arbeit verschwindet. Eff Eff presste seine Lippen aufeinander und wagte kaum zu atmen.
   »Aha? Eine Woche Vorbereitungslager für den Wandzeitungswettbewerb«, murmelte Soraya beim Lesen und hob erstaunt die Augen.
   »Morgen schon? Davon hast du gar nichts gesagt. Ist etwas kurzfristig, nicht?«
   »Ja, ja – ganz kurzfristig«, erwiderte Eff Eff hastig. Seine Zunge lag wie Blei im Mund. »Das leitet der Haller. Äh, ick meine Herrn Haller, unseren Physiklehrer, den mein icke. In unserem Artikel soll – der soll von Physik handeln.«
   »Das ist eine gute Idee.« Aufmunternd wuschelte Soraya ihrem Sohn durch das Haar. »Reden wir heute Abend drüber, Schatz. Jetzt muss ich wirklich los. Machs gut, Flo.« Die Haustür fiel ins Schloss und Eff Eff blieb so lange am Fenster stehen, bis das hellblaue Auto quietschend auf die Straße geschossen kam, schnell Fahrt aufnahm und aus seinem Blickfeld verschwand. Wehmütig winkte er hinterher. Es war immer das Gleiche. Mums Arbeit, Papas Schicht, Samanthas Gymnasium, Griseldas Kita, seine Schule. Ein geregelter Tagesablauf für jeden aus der Familie Marsch. Ab heute Abend würde davon nichts mehr übrig sein.
   »Machs gut, Mum, und entschuldige bitte«, flüsterte Eff Eff bedrückt in die Gardine. »Det muss jetzt sein. Bestimmt verstehste das, wenn du richtig überlegen tust.«

Eine warme Spätsommersonne flimmerte zwischen den Bäumen und Sträuchern, die in lockerer Anordnung den See säumten. Gierig leckten ihre Strahlen den Tau von den Blättern, erfassten eine tanzende Mückenwolke und Schwalben, die mit geöffnetem Schnabel über das funkelnde Wasser schossen und mit lauten Rufen die morgendliche Stille unterbrachen. Neugierig umkreisten sie die Jungen und Mädchen, die zu dieser frühen Morgenstunde das Waldbad besuchten. Alle plapperten aufgeregt durcheinander und machten den Schwalben Konkurrenz. Sogar ihre Kleidung erinnerte an bunte, gefiederte Gesellen.
   »Guck dir Nasty und Lotte an«, frotzelte Motze, wobei er mit abgeschnittenen Hemdsärmeln um die beiden Mädchen herumflatterte. »Wie braune Ziegen im Melkeimer seht ihr aus. Nur mit Stricken um die Mitte und Sahnetörtchen auf dem Kopf.«
   »Und du? Was denkst denn du, wie du daherkommst?« Anastasia grinste übermütig zurück, hob ihr wadenlanges Kleid an, um nicht zu stolpern, und deutete mit dem Finger auf ihn. »Deine abgefusselten Jeans und das Hemd von deinem Papa sind nicht besser. Lotte und ich haben wenigstens Kleider und Hauben aus dem Theaterfundus besorgt. Das sieht doch echt aus, gell?« Ausgelassen hob sie die Arme, drehte sich schwungvoll an Motze vorbei auf Eff Eff zu und lächelte ihn auffordernd an.
   »Na ja, stimmt eigentlich allet«, gab der blonde Junge zu und nickte anerkennend, während er seine Augen auf die mittelalterliche Bekleidung seiner Freundin richtete. Plötzlich lachte er los, weil sein Blick an Anastasias Füßen hängen blieb, die barfuß in viel zu großen Schuhen steckten.
   »Nee, was is das denn? Mann Alter, die Bodden da, die passen nich zu det Andere. Da geb ich Motzen recht. Wo haste die denn her? Vom Gebrauchtmarkt?«
   »Na wenn schon. Ist doch egal, Eff Eff.« Charlotte zerrte ihren Rucksack von der Schulter und ließ sich schnaufend fallen.
   »Denkst du, wir konnten teure Schuhe bezahlen? Klar sind die vom Wühltisch.« Zufrieden betrachtete sie ihre Schuhe und hob grinsend die Füße in die Luft. Die schweren Sohlen und das klobige Obermaterial umschlossen ihre kleinen Füße wie ein Panzer. Schwer fielen sie in den Sand zurück.
   »Billig und hässlich.« Charlotte kicherte ausgelassen. »Für das Mittelalter sind die viel zu schön. Im Übrigen mussten wir nehmen, was da war. In unserer Größe gab es nichts anderes.« Zum Beweis rutschte sie mit den Zehen in die Spitzen der Schuhe und betrachtete den zentimeterlangen Hohlraum hinter ihren Fersen. »Tja.« Sie schob ihre Brille gerade und zuckte mit den Schultern. »Wir haben Einlegesohlen drin. Das sieht nur von außen komisch aus. Drinnen ist das superbequem oder was meinst du, Anastasia?«
   »Na ja. Geht so.« Anastasia rutschte in ihren Schuhen hin und her und jeder konnte sehen, dass sie andere Vorstellungen von bequem hatte als Charlotte. Besorgt betrachtete sie die rote aufgeblähte Haut am Fuß. »Hoffentlich ist das morgen nicht noch schlimmer. Pflaster hab ich jedenfalls eingepackt – und Kühlen hilft bestimmt.« Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog sie die Schuhe von ihren Füßen und humpelte stöhnend zum Wasser.
   »Nee, die Probleme ham wa nich und kriegen wir och nich rinn!« Eff Eff prustete los und die Jungen stimmten schadenfroh mit ein. Wie konnte man nur so blöd sein? Wohlwollend musterte er seine Schuhe. Die passten.
   »Stimmt vielleicht«, rief Anastasia und stellte ihren nackten Fuß seufzend in das kühle Wasser des Sees. »Dafür werdet ihr auf eure Superlederschuhe pausenlos aufpassen müssen. Wegen der Flügel, die sie bekommen, verstehst du?« Sie ließ ihre Arme an ihrem Körper auf und niederschwingen, bevor sie auf die Füße der vier Jungen deutete, die allesamt in modernen Markensportschuhen steckten. »Bei der ersten Gelegenheit sind die geklaut. Versprochen. Das wollten wir nicht riskieren. Unsere guten Schuhe bleiben deshalb lieber daheim.«
   »Mann, ihr habt Sorgen.« Huscher schüttelte verständnislos den Kopf, klaubte einen flachen Stein aus dem Sand und ließ ihn über das Wasser springen. Dabei kniff er die Augen zusammen und blinzelte in den flimmernden See.
   »Meine Mutter davon abzubringen, nicht sofort den Haller anzurufen, das war mein größtes Problem. Sie war regelrecht empört über unsere kurzfristig angekündigte Fahrt. Menno, hab ich gelogen. Das war echt krass. Trotzdem. Erklären, dass unser Ausflug mit Zauberamuletten bei Gewitter stattfinden würde, ging wohl schlecht.« Er kicherte schuldbewusst und schüttelte den Kopf so heftig, dass seine großen Ohren in der Sonne durchsichtig wie Butterbrotpapier erschienen.
   »Meine Mama war nur besorgt wegen unserer Verpflegung«, keuchte Bernhard erschöpft, während er einen riesigen Rucksack hinter sich her schleifte. Ab und an musste er seine Füße in den lockeren Sand stemmen und an dem Tragegestell rucken, um ihn überhaupt vorwärtszubekommen. Auf seiner Hose verteilte sich der feuchte Sand, vermischt mit schmierigen Blättern, Tannennadeln und Gras zu einer bunten Naturlandschaft. Dermaßen präpariert würde er in der Vergangenheit am wenigsten auffallen. Außerdem war er der Einzige, dem das Hemd seines Vaters einigermaßen passte. Mit seinen abgeschnittenen Hosen und dem blusigen Oberteil sah er wie der Knecht eines Müllers aus. Fehlte nur noch die mehlbestäubte Zipfelmütze.
   »Kann man doch verstehen, ihre Sorge.« Er grinste verlegen, als er die ungläubigen Blicke seiner Freunde bemerkte, mit denen sie seinen vollgestopften Rucksack musterten. Dabei verzog er das Gesicht zu einer Grimasse, wackelte bedenklich mit dem Kopf und ließ seine Augenbrauen über die Brillenränder nach oben wandern. »Ach Gott, mein Junge, in der Wildnis so ohne alles?«, quietschte er mit der besorgten Stimme seiner Mutter. »Ein Pfadfindertrip sagst du? Pass schön auf, hörst du Bernhard? Ich pack dir reichlich ein. Hunger tut weh, mein Schatz.« Wiehernd stimmte er in das Lachen seiner Freunde ein und hob ratlos die Schultern. »Mama meint es immer sehr gut mit uns. Meinen kleinen Bruder und meinen Papa behandelt sie genauso. Wie kurz vor einer Hungersnot.«
   »Wie meine Mutter.« Motze nickte. »Alle Mütter sind so. Das ist das Gluckensyndrom.«
   »Sy-n-drom von wat?« Eff Eff rollte verständnislos mit den Augen.
   »Motze meint, dass alle Mütter immer besorgt um ihren Nachwuchs sind. Wie die Glucken. Die wuseln um ihre Küken herum und werfen ihnen das Futter vor die Schnäbel. Genauso, wie unsere Mütter das tun. Manchmal weitet sich das zum Komplex aus. Zum Syndrom. Damit meine ich nicht deine Mama«, schränkte Charlotte mit vorsichtigem Blick auf Klößchen ein, aber der winkte lässig ab. »Wenn schon. Manchmal ist das sehr hilfreich. Egal, wie das heißt. Das ist mir echt wurscht.« Feixend fuchtelte er mit einer Dauerwurst herum, die er aus seinem Rucksack gezogen hatte. Hinzu kamen Käse sowie etliche Dosen mit Fleischpastetchen und Mett.
   »So viel?« Anastasia machte große Augen. »Da hat dein Muttel wohl euren Metzgerladen leer geräumt, gell?«
   »Bin ich nun der Proviantmeister, oder nicht?« Klößchen strahlte über das ganze Gesicht. Dabei hatte es verblüffende Ähnlichkeit mit dem rosaroten Schinken in seiner Hand. Fest, rund, köstlich duftend. Fehlte nur noch die Harry-Potter-Brille obendrauf. Eff Eff räusperte sich und tätschelte Klößchens Schulter.
   »Also ja, Bernhard. Det is große Klasse, is det. Wirklich dufte. Im wahrsten Sinne.« Er sog die Luft in die Nase und stöhnte genießerisch. Dabei fiel sein Blick auf Huscher, der fasziniert und mit verklärtem Ausdruck in den Augen den Schinken anpeilte. Sein Blick klebte wie Rosinen an dem Fleisch. Echt gierig, der Lange, gerade so, als wäre er kurz vorm Verhungern. Grinsend stieß Eff Eff Klößchen an und deutete mit dem Kopf auf Huscher. Klößchen stutzte, setzte eine nachsichtige Miene auf und lächelte seinen Freund verständnisvoll an. »Nee, Huschi, jetzt noch nicht. Das ist für später, wenn wir richtig Kohldampf schieben, weißt du?«
   »Ja, schon klar, Bernhard. Nur … nur … in meiner Familie gibt es selten so feine Sachen. Sind alle Vegetarier. Die futtern nur grün.« Verlegen wandte er sich ab und wurde rot.
   »Hm.« Charlotte seufzte plötzlich und nickte ihm zu, wobei ihre Augäpfel unter den starken Brillengläsern hektisch hin und her kullerten. »Genau wie bei uns, Hans Peter.«
   »Was? Du bist Vagotarierin?« Motze blickte seine Freundin entgeistert an.
   »Vegetarierin.« Sie verbesserte ihn liebevoll und nickte beklommen.
   »Jaja, egal, wie das heißt. Warum hast du das nicht vorher gesagt? Bernhard schleppt ein halbes Schwein an und du willst … du willst … Gras? Mann, Lotte.« Fassungslos fuhr er sich durch die Haare und stakste aufgebracht im Sand hin und her. Seine Hemdsärmel begleiteten ihn wie aufgescheuchte Hühner, flatternd und bespickt mit Blättern, die im auffrischenden Wind durch die Luft wirbelten. Abrupt blieb er vor Charlotte stehen und sah sie ratlos an. »Was machen wir nu? Du verhungerst ja?«
   »Nichts, Mohamed. Mach dir keine Sorgen. Gemüse gibt es überall.« Charlotte lächelte verträumt. Sie legte den Kopf auf die Knie, zog den Rock um ihre Beine und blickte anhimmelnd zu Motze auf.
   »Getreide, Kürbis, vielleicht sogar Kartoffeln – gab es die überhaupt schon?« Anastasia zog die Unterlippe zwischen die Zähne und hob fragend die Augenbrauen, aber da kam nichts außer Schulterzucken, Kopfschütteln und Hilflosigkeit in den Blicken. Sogar der Proviantboss schwieg verblüfft.
   »Du bist unser Expeditionsleiter, Effi.« Anastasia wandte sich mit leichtem Vorwurf in der Stimme an Florian Falco. »Wenn du einverstanden bist, laufen Lotte und ich zum Gemüsehändler und kaufen Obst und Gemüse ein. Was ist mit Eiern, Lotte?«
   »Ja.« Charlotte nickte eifrig. »Gekocht und gebraten.«
   »Einverstanden.« Eff Eff sprang auf und verdrehte die Augen. »Ick glob det nich. Menno! Wir wollen in det mittlere Alter reisen und nich ne Fressparty organisieren. Guckt euch lieber den Himmel an.« Er legte den Kopf in den Nacken, fuhr mit dem Finger in die Höhe und deutete auf die Wolken, die dunkel und bedrohlich aufzogen. Eindringlich wanderte sein Blick über die Freunde. »Wir warten auf Gewitter. Auf das elektrische Spannungsfeld, schon vergessen? Nich auf Karnickelfutter oder gerührte Jungbroiler. Det habt ihr hoffentlich noch uffm Zeiger!« Nach einer flüssigen Kehrtwendung auf der Ferse stampfte er zum See hinunter, stellte seinen Rucksack nahe an das Wasser, legte einen Lederriemen daneben und tastete nach seiner Taschenlampe und den Amuletten, die kühl auf seiner Brust lagen. Winkend forderte er die anderen auf, ihm zu folgen. »Wenn ihr das erste Rumpeln hören tut, allet hinschmeißen und Ferse geben!«, brüllte er den beiden Mädchen hinterher, die in Richtung Dorf aufbrachen. »Auch ohne Karnickelfutter! Ist det klar?«
   »Aye, aye Boss«, kam es kichernd und kaum hörbar zurück. Verschluckt von den Wolken, die sich dick und schwül über dem See ballten.

Kapitel 10
Mit der Kraft des Lichts

»Ein Amulett für Motze, eins für Huscher und das letzte für mich, weil wir Charlotte, Kloß und Nasty auf dem Rücken tragen werden«, krächzte Eff Eff mit vor Aufregung fremd klingender Stimme und verteilte die Amulette an die Jungen. Er hängte sie ihnen um die gesenkten Köpfe, feierlich, wie bei einer Siegerehrung. Niemand sagte etwas. Nur das Rauschen des Windes, der in Böen über die Kinder hinwegfegte und träge schwarze Wolkenmassen vor sich herschob, begleitete die inhaltsschwere Handlung. Knisternde Spannung lag in der Luft. Atemlos, geheimnisvoll, erstickend. Ab und an raschelte es in den Büschen, zwischen den Sträuchern, im verdorrten Gras. Winzige Mäuschen, grün schillernde Eidechsen und behaarte Käfer hasteten auf der Suche nach einem Unterschlupf durch das frühherbstliche Gestrüpp. Tief beugte der Sturm die Spitzen der Bäume, verwirbelte abgestorbene Äste und Blätter, fuhr den Vögeln unter das Gefieder und zerrte an den Kleidern der Kinder.
   »Menno, wo bleiben die Mädchen mit det Gemüse?« Eff Eff grummelte ungehalten, legte den Kopf in den Nacken und blickte unruhig auf die zunehmend dunkler werdende Wolkenwand. Zum wiederholten Mal waren die vier Jungen zu dem schmalen Pfad gelaufen, der sich wie ein träger Wurm zwischen den Bäumen hindurchschlängelte, um nach den beiden Mädchen Ausschau zu halten. Nichts. »Klar war det klar«, fauchte Eff Eff in die Finsternis und stemmte die Fäuste in die Seiten. »Einkaufen ohne Getöse is nich. Weiber können det nich. Selbst bei Gurken und Tomaten können die nich einpacken und weg. Schlimm is det. Genau wie Samantha und die Zwillingschen. Stunden schleichen die um die Regale. Fallen fast in Ohnmacht vor Verzückung, wenn irgendwo der Justin Wasserratte druffgeköpft is!« Eff Eff schnaufte wütend. War er nicht deutlich genug gewesen? Der Himmel hing schwarz und tief über ihnen, aus dem See sprang bereits Gischt in die Bäume. Es brodelte und kochte an diesem Morgen, der bereits so dunkel wie die Nacht zuvor war.
   »Wenn die nicht bald zurückkommen, müssen wir ohne sie starten.« Huscher reckte seinen Hals wie eine Giraffe, damit er inmitten der Bäume den schmalen Fußweg überhaupt noch erkennen konnte. »Warten geht nicht, Effi. Sonst ist alles zu spät. Wenn’s überhaupt funktioniert.« Mit einem kritischen Blick auf die Gewitterwand neigte er seinen Kopf zur Seite und hob den Zeigefinger. Seine überdimensionalen Empfangsgeräte registrierten deutlich erstes Donnergrollen. Warnend hob er die Hand und zog die Brauen hoch.
   Eff Eff presste die Lippen aufeinander und auch Motze nickte zustimmend. Verdammt! Er hatte es auch gehört.

*

Mit einem Ruck seines Kopfes fegte Motze seine Haare aus der Stirn und grinste in die empörten Gesichter. »Hallo«, sagte er betont fröhlich, lachte und mimte den Unbeschwerten. »Was soll die Panik? Menno. Ihr kennt doch Lotte. Die ist eklig zuverlässig. Warum sollte sie ausgerechnet das hier verpassen?« Als niemand antwortete, nur der Wind höhnisch kicherte, blieb auch sein Lachen in der beklemmenden Finsternis hängen. Verächtlich pustete er die Wangen auf. Die Angsthasen nervten. Sie waren zu jung zum Kämpfen. Kein Wunder. Immerhin war er bereits vierzehn. Fast ein Jahr älter als die anderen. Gekonnt zauberte er ein überhebliches Grinsen auf sein Gesicht und ließ es dort liegen. Eingefroren. Er beugte den Kopf hinunter und zerrte seinen Rucksack zwischen die Beine. Dabei tastete er unauffällig nach dem Amulett um seinen Hals. Die Oberfläche war rau, die Ränder ausgefranst wie abgefressen von Mäusen. Nur die Unterseite fühlte sich gut an. Glatt, kalt, wie Marmor. Zärtlich streichelte er die Seite, die sich beruhigend an seine Haut schmiegte. Dieses Steinchen war die Fahrkarte in die Vergangenheit und zurück. Remember me. Hoffentlich. Er hob den Kopf und prallte auf Klößchens aufmerksamen, zweifelnden Ausdruck in den bebrillten Augen. Beobachtete Bernhard ihn etwa? Hatte er sich verraten?
   »Weißt du, Motze«, sagte Klößchen prompt und fuhr zusammen, als ein greller Lichtstreifen die Dunkelheit erhellte, der die Angst in seinem Gesicht deutlich erkennen ließ und die Silhouetten der Kinder gespenstisch beleuchtete. »Weißt du, Motze«, wiederholte er zitternd, »ich muss die ganze Zeit darüber nachdenken, was passiert, wenn Huscher mich nicht mehr tragen kann, mich plötzlich loslässt oder so.« Fragend hing sein Blick an seinen Lippen.
   Motze erschrak. Was sollte er darauf antworten? Mut zusprechen. Konnte er das überhaupt? »Weißt du, Kloß«, sagte er zögernd. »Das wird bestimmt nicht der Fall sein. Huscher ist … zugegeben … er sieht nicht so aus, … hm … aber seine Kraft ist überirdisch groß.« Himmel, sein Gestammel war dagegen megaunterirdisch. Wenn er Klößchens begriffsstutzigen Ausdruck richtig deutete, war es eh umsonst.
   »Was ist, wenn der Riemen reißt?« Bernhard gab keine Ruhe. »O Gott, Motze, wenn ich durch die Zeit flitze? Völlig unkontrolliert? Wo komme ich an und wie überhaupt zurück?«
   Motze sah ihn an und prustete los. Er achtete kaum auf Klößchens schweißbedeckte Stirn und seinen weinerlich verzogenen Mund. Er japste und gluckste völlig ausgelassen. »Mann, Kloß. Du als UFO. Hilfe, ist das komisch. Und die Landung.« Kichernd rang Motze nach Luft. Er schniefte laut, fuhr sich mit dem Ärmel über Nase und Augen und schubste Klößchen sachte an. »Nee, Bernhard, mal ernsthaft. Das ist kompletter Unsinn. Wir bleiben schön zusammen. Wenn nicht, kannst du höchstens mit dem Langen zusammen abgetrieben werden. Im Segelmodus sozusagen.«
   »Aber …« Klößchen stutzte und seine Augen weiteten sich. Er grinste bis zu den Ohren. »Segelmodus?« Verzückt schnalzte er mit der Zunge. »Da war ich letztes Jahr. Zur Segelregatta in Warnemünde an der Ostsee. Klasse anzusehen, die vielen Schiffe …«
   »Sie kommen! Sie kommen! Endlich!« Eff Effs Gebrüll, verbunden mit dem Getöse des Sturms und dem Freudengeheul Huschers, unterbrachen Klößchens Erinnerungen. Aufgeschreckt taumelte ein Vogel von einem Ast auf den anderen und beäugte misstrauisch den hoch aufgeschossenen Jungen, der die Handflächen aufeinanderpatschte, als wollte er die umherschwirrenden Mücken zwischen ihnen platt walzen.

*

Schwer beladen, schnaufend und schwitzend humpelten Charlotte und Anastasia den aufgeregten Jungen entgegen.
   »Det wird jetzt wirklich Zeit! Nu gebt ma Gas! Fast wäre det Unternehmen Zeitreise ohne euch gestartet!« Mit drohendem Blick blieb Eff Eff vor Anastasia und Charlotte stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Habt euch nix bei gedacht, wa? Nix, weil nämlich det Gewitter eher vorbei is, bevor ihr ausse Puschen kommen tut. Hey! Wat soll man dazu sagen?«
   »Nichts«, fauchte Anastasia und verzog beleidigt das Gesicht. »Das wäre am besten, weil du keine Ahnung hast, was passiert ist.« Entrüstet schob sie Eff Eff beiseite, ließ den Rucksack zu Boden plumpsen und packte hastig den Inhalt aus. Äpfel, Kohl, Mohrrüben, Kartoffeln, Weintrauben, Radieschen, Tüten mit Kressesamen sowie goldgelbe Bananen. Anschließend erhob sie sich betont langsam, verschränkte ebenfalls die Arme vor der Brust und baute sich so nah vor Eff Eff auf, dass sich ihre Arme berührten. »Sei froh, dass wir noch allein sind. Irgendwelche Zeitungsreporter sind hinter uns her. Weiß nicht, ob wir sie abschütteln konnten.« Ihre Augen blitzten spöttisch. »Da kannst du exklusiv berichten, warum wir am Wasser stehen und um Erleuchtung bitten.«
   »Wieso, wie, Zeitungsfritzen?«, stotterte Eff Eff kleinlaut und riss die Augen auf. »Nee, das geht gar nich. Det fehlte gerade noch. Die Presse am Hacken.«
   »Das war nur, weil wir mit unserer Mittelaltertracht so aufgefallen sind. Einen richtigen Auflauf haben wir verursacht«, erklärte Charlotte näherschlappend. »Ich habe einfach von einem Schulfest erzählt, von Camping, von Lagerfeuer mit Selbstverpflegung. Wegen der vielen Lebensmittel.« Sie deutete auf den Haufen, der sich vor Anastasia auftürmte.
   »Ja doch. Gelogen haben wir halt. Das Blaue vom Himmel herunter.« Anastasia lächelte schief und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Obwohl der Himmel gar nicht blau war. Genau wie hier, schwarz wie Tinte.« Versöhnlich grinste sie Eff Eff an und nickte zufrieden, als er auf den Rucksack zuging und hineingriff. Dunkelbrot, Brötchen und kleine Hafertaler gesellten sich zum Obst und Gemüse. Es duftete verführerisch und nicht nur Klößchen stöhnte hungrig. Anschließend bestaunten die Jungen Salz, Zucker und Mehl genauso wie drei Dosen mit löslichem Tee und gezuckerter Kondensmilch, die Eff Eff abschließend in den Sand stellte.
   »Prima, da kann ich uns was Feines kochen«, bemerkte Klößchen anerkennend und winkte Anastasia und Charlotte heran. »Wir sind die Packesel. Alles auf drei Rucksäcke verteilen, schnell!«
   »Mann, Kloß, det is total schade, dass wir uns mit dem Essen noch beherrschen müssen«, sagte Eff Eff und grinste, nachdem alles hastig verstaut worden war und er hinter Klößchen und Huscher zum Wasser stürmte. Plötzlich hörten sie Stimmen.
   »Mist«, rief Anastasia und packte Eff Eff am Ärmel. »Die Pressemafia!« Schnell half er ihr, den Rucksack auf den Rücken zu schnallen, drückte warnend einen Finger auf den Mund und signalisierte Motze und Huscher, auch Charlotte und Klößchen mit den Rucksäcken zu helfen. Anschließend rannten sie alle auf das Waldbad zu. Am Rande des Sees, kurz bevor das Wasser um ihre Füße schwappte, blieben sie stehen und sahen sich beklommen an. Niemand sagte etwas. Eff Eff erkannte plötzlich die eigene Angst in den Augen der anderen. Verletzlich, nackt und ehrlich. Ein verwirrender Moment, der ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugte, schöner und beruhigender als jedes Freundschaftsversprechen.
   Eilig nahm er Anastasia, Motze Charlotte, und Huscher, dessen Knie unentwegt einknickten, den halb ohnmächtigen Klößchen auf den Rücken. Die Aufsitzer schlangen mit zitternden Händen einen Riemen um ihre Träger und schnallten sich fest. Entschlossen blickte Eff Eff von einem zum anderen.
   »Nicht vergessen«, brüllte er in das Heulen des Sturms und in einen Blitz, der hell über den See zuckte und von ohrenbetäubendem Donner begleitet wurde. »Eine Hand an die Amulette, die andere zum Nebenmann! Festhalten und bis fünf zählen. Eins, zwei …«

*

Nur der Wind spürte das Beben der Kinder, vernahm ihr Gewisper und das Jammern eines pummligen Jungen. Nur er sah Lippen, die sich zusammenpressten und Augen, die sich entsetzt schlossen, als er sie hochhob und trudelnd in den Blitz aus grellem Licht und unendlicher Energie schleuderte. Nur er bemerkte die Reporter und Fotografen, die auf die Lichtung stürzten, sich kopfschüttelnd ansahen, umdrehten und zu ihren Fahrzeugen zurückrannten. Fauchend stürmte er über den leeren Strand, wirbelte Sand und Blätter empor, zerrte Fontänen aufgewühlten Wassers in den dunklen Wolkenhimmel, übermütig, kraftvoll, bis sich sein Getöse in den Kronen der Bäume verlor.

Kapitel 11
Fremde Ufer

»Aua, das tut weh!« Krampfhaft versuchte Anastasia, ihren Fuß aus Florian Falcos Umklammerung zu befreien. Er hatte ihren Knöchel gepackt und hielt ihn fest wie in einen Schraubstock.
   »Lass endlich los, du Idiot!« Mit aller Kraft boxte sie ihm in die Seite. Zögernd öffneten sich seine Finger. Seine Augenlider zuckten und sein Körper lag zusammengerollt auf der Seite.
   »Effi?« Besorgt beugte sie sich über ihn. »Was ist mit dir? Sag doch was!« Sie rüttelte an seinen Schultern. Keine Reaktion. »Florian Falco?« Hastig legte sie ihren Kopf auf seinen Brustkorb und atmete erleichtert auf, als sie sein Herz klopfen hörte. Gleichmäßig und deutlich. Sekundenlang beobachtete sie das Heben und Senken des Oberkörpers. Sie nickte beruhigt. Nichts Schlimmes. Bestimmt würde er gleich zu sich kommen. Schnell rollte sie den Ledergürtel auf, der sie an ihren Freund gefesselt hatte, und stand auf. Für einen kurzen Moment drehte sich alles um sie. Stöhnend griff sie an ihren Kopf und schloss die Augen. Erst, als alles ruhig wurde und das Schwindeln in ihrem Kopf aufhörte, setzte sie zögernd einen Fuß vor den anderen.
   Plötzlich plätscherte es zu ihren Füßen. Sie riss die Augen auf. »Ja mei, woas is des?«, flüsterte sie beklommen. Hatte sie etwa …? Nein! Sie hob den Kopf und blinzelte in eine strahlende Sonne, die sich funkelnd im Wasser spiegelte. Rauschend und schäumend rollte es auf den Sand. Erleichtert atmete sie auf. So war das also. Am Meer waren sie gelandet. Wasser, so weit das Auge reichte, und ein Strand, breit und lang, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Wo waren die anderen? Sie legte die Hand über die Augen und blickte sich um.
   »Nasty? Bist du das?«, hörte sie plötzlich Eff Eff hinter sich krächzen. Er hatte sich aufgesetzt und blickte mit verwirrtem Blick um sich.
   »Effi! Lieber Gott, bin ich froh.« Wie der Blitz war sie bei ihm. »Geht’s wieder? Wir sind am Meer, Effi. Wo, weiß ich noch nicht, aber es ist überall Wasser. Hörst du es rauschen?« Aufgeregt klopfte sie ihm auf dem Rücken und griff in den warmen Sand, der wie Zucker durch ihre Finger rieselte. Schwankend stand Eff Eff auf, betastete vorsichtig seinen Kopf, bewegte Arme und Beine, verzog den Mund und grinste sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Bestandsaufnahme. Zumindest äußerlich schien alles in Ordnung zu sein.

*

»Ob det wieder geht, Nasty, det is nich klar«, schränkte er ein, weil er es prima fand, wie sich seine Freundin um ihn kümmerte. Diesen herrlichen Zustand wollte er so lange wie möglich erhalten. Er breitete die Arme aus, blickte angestrengt auf seine Nasenspitze, wobei seine Pupillen sofort hinterherrutschten und ihm den Ausdruck des schieläugigen Opossums Heidi bescherten, schwenkte einen Arm hinterher und steuerte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seine Gesichtsmitte zu. Bingo! Getroffen. Er nickte Anastasia zu. »Funktioniert. Langsam seh ick dir nich mehr doppelt.« Anastasia prustete los und schubste ihn in die Seite. »Mann, Effi. Hast du mir einen Schreck eingejagt. Ich dachte wirklich, du stirbst und ich bleib in dieser Einöde allein zurück. Sieh dich um, außer Sand und Wasser ist hier nichts. Nur, wo sind die anderen? Ja mei. Wenn die woanders gelandet sind?« Anastasia blickte über den menschenleeren Strand.
   »Hey, nu chill ma, Nasty. Wo wir hier sind, is och nich klar. Ob det det richtige Jahr, äh Jahrhundert is, meine ick. Komm schon. Wir sehen uns ma um.« Entschlossen schulterte er Anastasias Rucksack, griff nach ihrer Hand und stapfte los. Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel und sandte ihre sengenden Strahlen hinunter. Schneeweiße Wölkchen waberten am Horizont. Tief schwebten sie über dem Wasser wie watteweiche Gebilde, eingebettet in flirrende Luftpartikel, die die Augen narrten wie eine Fata Morgana in der Wüste.
   »Eins steht schon mal fest«, stellte Anastasia nach einiger Zeit fest und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Herbst wie bei uns, also in unserer Zeit meine ich, ist hier nicht gerade. Eher brütende Hitze.«
   »Stimmt. Fette warm.« Eff Eff keuchte und blieb atemlos stehen. »Befürchte Hochsommer.« Er ließ den Rucksack in den Sand plumpsen, wühlte in ihm herum und förderte triumphierend eine Flasche mit Cola zutage. Hastig schraubte er sie auf, setzte sie an seine trockenen Lippen und schluckte wie ein Verdurstender. Gierig und schnell. Er seufzte erleichtert, fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund und hielt Anastasia die Flasche hin. »Mann, Nasty, det is geil.« Ob er mit dieser Bezeichnung den erfrischenden Schluck aus der Flasche meinte oder das Wasser, das er gleichzeitig beobachtete, war nicht sicher. »Überall Meer.« Staunend glitt sein Blick bis zum Horizont. »Baden wär jetzt toll.« Er schob die Unterlippe vor und streckte Anastasia die offenen Handflächen entgegen. »Siehste ma, so verschieden is det im Leben. Andere fliegen nach Mallorca, wir in das mittlere Alter.« Lachend zog er sein Hemd über den Kopf, schleuderte die Schuhe von den Füßen und stürzte mit Geheul in die schäumende Brandung. Mit erhobenen Armen stellte er sich vor die ankommende Welle, tauchte blitzschnell hindurch, um zappelnd und quietschend im Sog des Wellenbergs wieder aufzutauchen. »Komm rin, Nasty«, brüllte er euphorisch und fuchtelte mit den erneut abtauchenden Armen. »Herrlich is det. Voll die Abkühlung!«

*

Anastasia verfolgte nachdenklich die Planscherei ihres Freundes. Irgendwie konnte sie seine Freude nicht teilen. Immer wieder sah sie sich um und legte die Hand über die Augen. Waren sie hier wirklich in der Vergangenheit gelandet? Aber wo waren die anderen? Von ihnen war nichts zu sehen. Wann war die Kette ihrer klammernden Hände auseinandergerissen worden? Keine Ahnung. Alles lag, wie unter einem dichten Nebel verborgen. Ihr Blick glitt die Steigung hinauf, die von Buchen, Birken und kleinen Steinen gesäumt wurde. Was war hinter dem Hügel? Wo begann das Land? War eine Ortschaft in der Nähe, ein Dorf, eine Stadt? Sakra noch einmal, wo waren sie hier bloß?
   »Au, au, aua! Menno tut das weh. Weg von mir! Glibberiges, beißendes Zeugs!« Eff Effs Schreie rissen Anastasia aus ihren Überlegungen. Bestürzt blickte sie zu ihrem Freund, der mit schmerzverzerrtem Gesicht umhersprang und wütend auf die Wasseroberfläche schlug. Immer wieder griff er in die schäumende Gischt, schleuderte große Klumpen durch die Luft, die wie nasse Frösche in die Dünung platschten oder auf dem nassen Sand liegen blieben, um von den Wellen zurück ins Meer gesogen zu werden. Was tat Effi da? Entschlossen zog Anastasia ihren Rock hoch, stopfte den Saum in ihren Taillenbund und rannte los. Das Wasser umspielte ihre nackten Beine, ihre Knie und Oberschenkel, bevor sie bei ihm angekommen war. »Mann, Effi, was ist los? Du schreist so laut, dass einem das Herzel stehen bleiben kann.« Verständnislos blickte sie ihren Freund an. Er sah völlig normal aus. Kein fließendes Blut, kein blasses Gesicht, eher sonnenstichfarbig, kein Hai und keine anderen Ungeheuer zu entdecken. Ja mei?
   »Von wegen Herzel!« Florian Falco blickte Anastasia empört an, hob seinen Fuß aus dem Wasser und rieb seinen großen Zeh. »Quallen sind det. Eklige Schlapperquallen, die an mir nagen. Det brennt wie Feuer, Nasty. Det Wasser is verseucht von die Dinger. Bloß raus hier.« Eilig watete er durch das Wasser auf den Strand zu.
   »Die tun euch nichts. Das sind harmlose Quallen. Der Wind hat sie hergebracht. Von da draußen!«

*

Eff Eff wirbelte herum und starrte auf das Mädchen, das mit hochgeraffter Schürze im Wasser stand und wie ein Geist hinter ihm aufgetaucht war. Sie lächelte, schüttelte ihre langen rotblonden Locken und streckte einen Arm auf das Meer hinaus. »Wenn der Wind dreht, sind sie wieder weg – das weiß hier jedes Kind.« Sie dehnte die letzten Worte fragend und musterte Anastasia und Eff Eff misstrauisch. »Was führt euch an unsere Küste?« Ihr Blick heftete sich auf Eff Effs abgeschnittene Jeans, wanderte von Anastasias Kleid hinüber auf den Strand und blieb an Eff Effs achtlos hingeschleuderten Sportschuhen hängen. Ihre Augen weiteten sich. »Seid ihr etwa aus dem Dänischen? Spione gar?« Sie schlug die Hand vor den Mund, ließ die glänzenden schwarzen Muscheln aus ihrer Schürze ins Wasser gleiten und rannte los.
   »Halt! Lauf doch nicht weg. Wir sind keine Spione. Det doch nich! Nu bleib schon stehen!« Eff Eff hatte sich als Erster gefasst und stürmte keuchend und platschend zum Ufer. »Wir sind Schiffbrüchige, det sind wir. Gekentert uffm Teich. Bei Blitz und Donner is det Boot abgeso… äh … untergegangen. Einfach so.« Schnaufend und nach Luft ringend warf er sich in den warmen Sand und schloss erschöpft die Augen.
   »Schiffbrüchige?« Die Rothaarige blieb abrupt stehen. Sie drehte sich um und kam langsam zurück. »Schiffbrüchige?«, wiederholte sie und zog die Mundwinkel herab. »Mit welchem Boot denn? Ich weiß von keinem, das hier gestrandet wäre.« Sie legte ihren Kopf schief und drehte eine Locke um den Finger. In ihren Augen funkelte es blau, grün und grau. Hell und klar, wie Himmel und Meer. Eff Eff hob den Kopf und blinzelte hinauf.
   »Ein Streifenhörnchen«, murmelte er verblüfft und grinste dümmlich. »Ein sommersprossiges, rotbraunes Meeresstreifenhörnchen.«
   Anastasia trat ihm heftig gegen das Schienbein. Sie lächelte die Fremde an und schüttelte den Kopf. »Hör nicht auf ihn. Er hat wahrscheinlich einen Sonnenstich. Außerdem ist ihm ein Brett auf den Kopf gefallen. Als das Schiff kenterte, verstehst du? Alles weg – wie weggeblasen von Sturm und Gewitter. Puh.« Sie spitzte die Lippen, blies hindurch und blickte mit gerunzelter Stirn auf das Meer. Die Sonne näherte sich immer mehr dem Horizont. Ein roter Ball auf strahlend blauem Untergrund, der sich in blaugrünen Wellen spiegelte. »Ich weiß nur noch, dass wir sechs waren«, sagte sie langsam und strich sich über die Stirn. »Ja, sechs. Außer uns beiden noch Charlotte, Mohamed, Bernhard und Hans Peter. Unser Schiff ist – nein war – der, der Falke. Stimmt, Falke. Das war der Name unseres Schiffes. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Nur an einen fürchterlichen Schlag und dann – das viele Wasser. Tut mir leid.« Anastasia seufzte, hob die Schultern und drehte sich um. Warnend blinzelte sie Eff Eff zu, pikte zuerst auf seine und anschließend auf ihre Brust.
   »Das ist Florian Falco und ich bin Anastasia Mercédès. Wir sind auf der Suche nach unseren Freunden. Leider wissen wir nicht, wo wir hier sind und von ihnen ist leider weit und breit nichts zu sehen.« Stöhnend fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. »Heiß ist es, wir haben kein Wasser und kein Brot mehr. Wann wir das letzte Mal gegessen haben – ich kann mich nicht erinnern – woher auch, gell. Der Rest ist ja auch weg.« Unschuldig blickte sie das Mädchen und den grinsenden Eff Eff an. »Aber Spione sind wir bestimmt nicht, das wüsste ich.«
   »Dann ist es ja gut.« Das Mädchen, das ungefähr in ihrem Alter sein musste, nickte beruhigt. »Es sind unsichere Zeiten, meint Vadding. Die Dänischen scheuen sich nicht und schicken auch solche wie euch zum Feind. König Christian II von Dänemark lässt nichts unversucht, um den Feind zu bespitzeln, aber die Hanse wehrt sich. Bald werden sie ihm zeigen, wer das Sagen hat. Nur unsereins hat nichts davon, sagt Vadding. Die Herren raufen und die Kleinen ersaufen. Das war schon immer so. Ein schlimmes Jahr ist das. 1522 wird es noch ärger werden. Die alte Grede hat das für Warnemünde vorausgesehen. Es stimmt immer, was die Muhme sagt.« Das Mädchen nickte und winkte den beiden zu. »Kümmt nu. Vielleicht kann sie euch helfen. Es ist schwierig, wenn man sich bei uns nicht auskennt. Schon viele sind im Moor geblieben.« Sie zwinkerte Eff Eff zu, als sie seine bestürzte Miene sah, und schüttelte den Kopf. »Nö, nö. Keine Angst. Ich bin hier geboren und kenn jeden Stein und jede Untiefe. Mein Vadding ist Caspar Glockengießer, müsst ihr wissen. Er betreibt eine kleine Fischwirtschaft in unserem Dorf. Da gibt es reichlich Brot, Butter und viel Fisch natürlich.« Sie drehte sich um, strich die Schürze über ihren dunklen Rock glatt und stakste durch den Sand voran. Ihre Füße waren nackt und Florian Falco klaubte verlegen seine teuren Schuhe aus dem Sand, bevor er den Rucksack schulterte und an Klößchens Kostbarkeiten auf seinem Rücken dachte.
   »Ih, Fisch«, murmelte er Anastasia zu und verzog das Gesicht. »Kann ich nicht ausstehen. Du etwa?«
   Anastasia hob entrüstet die Brauen und blickte ihren Freund vorwurfsvoll an. »Deine Sorgen möcht ich haben. Denk lieber daran, was passiert, wenn wir uns verquatschen. Wie es aussieht, sind wir in Warnemünde gelandet. Irgendetwas von 1522 hat das Mädchen gesagt. Das sind mehr als fünfhundert Jahre von uns entfernt, oder?«
   »Hm. Wenn du det sagst?« Eff Eff grinste und zuckte mit den Schultern. »Mathe, det is nich so meins. Vielleicht konnten uns die Wellen nich loslassen und – schwups waren det paar Umdrehungen und paar Jahre mehr. Hey, det is jetzt eh wurscht.« Schnaufend stapfte er über eine kleine Anhöhe und blieb abrupt stehen. Hastig packte er Anastasias Arm und deutete mit dem Kopf geradeaus. »Kiek ma, Häuser. Richtige Häuser. Kleben wie Schwalbennester aneinander.« Er starrte mit offenem Mund auf zwei Reihen schilfgedeckter Katen. Ihre spitz zulaufenden Giebelseiten waren weit heruntergezogen, so weit, dass das jeweils folgende Gebäude nahtlos an die Giebelseite des vorher stehenden heranreichte. Eine Dachfront in Zickzacklinie, die schützend ihre Hand über die kauernden, unscheinbaren Behausungen unter sich zu legen schien. Parallel zur Häuserzeile dümpelte ein schmaler Fluss vorüber. Eff Eff ging langsam weiter und inhalierte tief die würzige Seeluft. Seine Nasenflügel vibrierten wie eine Gummidüse beim Absaugen von Abwasser. »Fisch.« Er schniefte angewidert und keuchte unterdrückt. »Det war klar.« Unzufrieden fixierte er die lehmverschmierten Bauten. »Ick weiß nich, Nasty, die Häuser, die gucken mir an wie Fischgesichter. Hohläugige Löcher rechts und links der Tür und drüber det runde Fenster wie det Auge vom Zyklopen. Grusel pur, oder?« Abwartend blickte er seine Freundin an, die gedankenverloren nickte und den Sand betrachtete, der bei jedem Schritt zwischen ihren Zehen hindurchrieselte.
   Plötzlich blieb sie stehen, blickte ihn erschrocken an und legte eine Hand auf die Lippen. »Wer bittschön ist die Muhme? Eine Hexe? Eine Wahrsagerin? Himmel, Effi! Was ist, wenn sie unsere Lügen erkennen kann?«

Kapitel 12
Die Spökenkiekerin

»Deubel eins, Nele«, hörte Eff Eff eine Frau schimpfen, als sie das Haus betraten. »Wo bleibst du nur? Hast dich wieder am Strand rumgetrieben, was? Hast im Sand gebuddelt und die Muscheln vergessen. Sag nix. Ich seh es in deinen Augen. Recht hab ich. Du bist ein unnützes Ding. Nichts als Flausen im Kopf. Warum straft der liebe Herrgott mich so? Einen Haufen unnützer Fresser im Haus und ein Mannsbild, der ohne Vergorenes und Muscheln nicht leben kann. Fischsuppe ist nicht recht, Hühnchen nicht, nur Gebratenes, Gesottenes und Muscheln. Anderes darf ich nicht auf den Tisch bringen.«
   Die rothaarige Frau, die eindeutig als Neles Mutter zu erkennen war und die ihre Tochter mit einem Schwall von Worten empfing, die weder Rechtfertigung noch Antwort erwarteten, stand mit verschwitztem Gesicht und mürrischer Miene an einem Kessel und rührte heftig darin herum.
   »Sieh nur, Mudding, wen ich mitbracht heff. Gäste und Fremde noch dazu. Lustig wird’s, Mudding, lustig und spannend.«
   Ohne auf das Gejammer der pummeligen Frau zu achten, stürmte Nele über den kleinen Flur in die winzige gemauerte Kochecke, umarmte ihre Mutter heftig und drückte ihr einen innigen Kuss auf die Wange. Eilig kam sie zurück, zog die Tür hinter Anastasia und Eff Eff zu und schob die beiden vor das lodernde Herdfeuer.
   »Das sind Anastasia und Florian, Mudding. Schiffbrüchige. Von der See an unseren Strand geschwemmt. Mit den Quallen.« Sie kicherte unterdrückt und grinste in Florian Falcos Richtung. »Sechs wieren se, sächt dat Mädel.« Nele deutete auf Anastasia und hob die Hände. »Verschollen de vier annern. Allsamt. Wir werden sie suchen müssen Mudding. Jetzt, sofort. Ich hol Beißer und säch Vadding tach. Zum Sonnenbaden sind wir zurück.« Sie ging in einen weiteren Raum, der die doppelte Breite und Länge von Diele und Küche hatte, und kam mit einem Tuch zurück, das sie sich um Kopf und Schultern schlang.
   »Nehmt Vetter Melchior mit, Nele. Er ist beim Vater draußen und dichtet das Boot ab. Ein Leck, Steuerbord vorn, sächt he. Melchior isn kräftigen Jung. Er wird euch helfen.« Die kleine Frau nickte und lächelte freundlich. Ihre Übellaunigkeit war wie weggeblasen. Sie wischte sich mit der Schürze über das Gesicht und flocht ihre vollen Haare zu zwei ordentlichen Zöpfen. Sie waren rot und lockig, genau wie Neles und der vier anderen Mädchen, die plötzlich die Tür aufstießen und die Fremden aus großen Augen anstarrten.
   »Muhme Grede will die Neuen sehen, Mutter. Sie weiß schon von ihnen«, flüsterte das größte der Kinder schüchtern, knickste vor Anastasia und Eff Eff und rannte wie der Blitz hinaus.
   »Das war Ännlin.« Nele lachte, scheuchte die anderen mit einer Handbewegung hinterher und wandte sich an Eff Eff und Anastasia. »Sie sehen nicht allzu oft Fremde, versteht ihr? Sie fürchten sich ein wenig vor euch. Fast noch mehr als vor der alten Grede. Na ja, Ännlin ist erst sechs, da schaudert es einen noch vor Moorgeistern und Irrlichtern. Als ich so klein war, war das bei mir genauso. Heute ist das anders. Seit dem Frühjahr bin ich bereits im vierzehnten Sommer, fast erwachsen also.«
   »Klasse. Ick bin och im vierzehnten Sommer«, erwiderte Eff Eff prompt und reckte sich auf Zehenspitzen, damit er dem hochgewachsenen Mädchen in die Augen sehen konnte. »Genau genommen is det so seit dem ersten Monat im neuen Jahr. Damit bin ick älter und klüger, als du det sein kannst.«
   »Hm.« Nele blickte Eff Eff spöttisch an. »Das werden wir ja sehen. Hattest du auch einen Birkenzweig in der Wiege liegen? Nicht? Tja, dann weiß ich nicht, ob die bösen Geister dich nicht ins Moor ziehen werden. Was macht es schon, wenn du einige Monde älter bist als ich. Da hilft gar nichts, wirklich nichts. Sagt Grede. Nur Birke.« Nele prustete los und nahm Eff Effs Hand. »Los jetzt, die Muhme wartet nicht gern. Sie wird wissen, wo ihr eure Freunde wiederfindet. Tot oder lebendig.«

Nachdem Eff Eff und Anastasia ihren teuren Lederrucksack mit dem herrlichen Proviant in dem kleinen Haus am Meer zurückgelassen und von Nele mit einem Kanten Brot sowie einem Schlauch mit brackig schmeckendem Wasser versorgt worden waren, eilten alle drei zur alten Grede Glockengießer, Neles Tante. Sie war die ältere Schwester Caspar Glockengießers und lebte im winzigen Anbau des Haupthauses, wie Nele erzählte. Vorsichtig klopfte sie an die mit geschnitzten Ornamenten bedeckte Tür. Lauschend schob sie ihr Ohr an das Holz. Nichts. Sie klopfte stärker. Plötzlich schwang die Tür nach innen auf und Eff Eff trat erschrocken zurück. Im Türrahmen stand eine große, dunkel gekleidete Frau. Lange Zöpfe hingen ihr wie graue Eiszapfen über die Schultern, bedeckt von einer schwarzen Haube, deren Bänder bis auf den Rücken fielen. Ihre hellen Augen blickten starr auf die Kinder, ernst und aufmerksam. Plötzlich lächelte sie und unzählige kleine Falten überzogen ihr Gesicht. Der strenge Ausdruck verschwand. Es war, als würde die Sonne die Wolken beiseiteschieben. Die gefürchtete Muhme Grede entpuppte sich plötzlich als nette ältere Frau, deren freundliches Wesen dem einer gütigen Omi entsprach. Eff Eff, der stumm und mit banger Erwartung dem überraschenden Treffen entgegengesehen hatte, entspannte sich.
   Er zwinkerte Anastasia zu und reckte den Hals, während Grede sie mit einer Handbewegung aufforderte, näher zu treten. »Da seid ihr endlich«, sagte sie wie selbstverständlich, zog zwei Hocker unter einem Tisch hervor, der vor einer Holzbank an der Wand stand, und deutete darauf. »Ich habe bereits auf euch gewartet. Sigunda spürt es, wenn etwas Ungewöhnliches passiert ist.« Grede trat zu einer großen Möwe, die auf einer Stange thronte und die Kinder aus glänzenden schwarzen Knöpfen beäugte. Sie hielt den Kopf geneigt und krächzte angriffslustig. »Schsch, Sigunda.« Grede beruhigte das nervöse Tier und streichelte das weiße Gefieder mit den schwarz geränderten Flügeln. »Das sind die Kinder, von denen du mir berichtet hast. Der Junge mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen und das Mädchen mit dem Kopf eines Jungen und den zwei Gläsern im Gesicht …«
   »Nein, Muhme Grede.« Nele unterbrach hastig die alte Frau und ihre Stimme vibrierte vor Aufregung. »Dieser Junge hat helle Haare und helle Augen. Das Mädchen ist groß. Ihre Haare haben die Farbe brauner Erde und ihre Augen sehen aus wie die Goldsteine an unserem Strand.« Nele ergriff die Hand ihrer Tante und legte sie auf Anastasias Kopf. »Fühlt selbst, Muhme. Sigunda hat sich geirrt.«
   Anastasia rührte sich nicht, sondern wartete mit großen Augen und angehaltenem Atem ab. Die alte Frau befühlte ihr Gesicht, ertastete die Form ihrer Nase, glitt zart über Anastasias Mund und hielt an den Spitzen ihrer Haare inne. Anschließend seufzte sie, schüttelte ihren Kopf und versetzte der kreischenden Möwe einen Kopfstüber. »Es stimmt, was du sagst Nelekind«, murmelte sie. »Das ist nicht das Mädchen aus meinem Traum. Der Junge wohl auch nicht.« Eine steile Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen, sie ging einen Schritt zurück und setzte sich langsam auf die Bank. »Hm. Wer seid ihr dann? Es scheint noch mehr fremde Kinder zu geben.«
   »Klar gibt et die.« Eff Eff, der staunend das Gespräch und die Handlungen zwischen Nele und Grede Glockengießer verfolgt hatte, konnte sich nicht länger zurückhalten. »Det sind garantiert unsere Freunde. Motze und Charlotte sind det. Passt wie Arsch auf Eimer.«
   »Effi!« Anastasia hielt ihm den Mund zu. »Wir sind hier Gäste!«
   »Na und? Wenns doch stimmen tut. Ick wollte nur sagen, dass det die Greden-Muhme prima hingekriegt hat. Hut ab, sach ick da nur. Det is ne Trefferquote von fünfzig Prozent. Glatte vier in Matte, was, Nasty?«
   »Halt die Klappe, Eff.« Anastasias Gesicht war rot wie Feuer und sie blickte Florian Falco wütend an. »Entschuldigen Sie bitte.« Sie wandte sich an Grede, die nachdenklich an ihrem Finger saugte und blicklos aus dem einzigen Fenster starrte. »Mein Freund weiß nicht, was er sagt. Das Brett vor dem Kopf, verstehen Sie? Noch immer ist er nicht Herr seiner Worte und Taten.«
   »Herr seiner Worte und Taten? Wo haste denn das gelesen?« Eff Eff prustete los und hieb sich auf die Oberschenkel. »Von wat is die olle Grede der Herr?«, flüsterte er erheitert. »Von die Geister etwa? Quatsch is det. Die kann nich mal richtig kieken. Menno, det sieht een Blinder, det wir nich Motze und Lotte sind.«
   »Stimmt, mein Junge. Das habe ich jetzt begriffen«, sagte Muhme Grede stolz und hob ihren Kopf, »obwohl ich blind bin.« Sie richtete ihre Augen unverwandt auf Florian Falco. Ausdruckslos, unbeweglich.
   »Ach du Scheiße«, flüsterte Eff Eff und blickte die beiden Mädchen an, die ihn schadenfroh angrinsten.
   »Entschuldigen Sie bitte, Frau Grede«, stammelte er in das unterdrückte Gekicher hinein. »Ich wusste ja nicht …« Am liebsten wäre er unter den Tisch gekrochen. Was sollte das Pumuckl-Mädchen bloß von ihm denken? Verflucht, wieso hatte er das nicht gleich bemerkt? Voll dämlich.
   »Lass es gut sein, Junge«, sagte die weißhaarige Frau lächelnd, ging sicher in eine Ecke ihrer Stube und nahm ein Tuch von einem Kessel, der über einer Feuerstelle hing. »Sigunda und der Salzbrunnen sind genug. Sie ersetzen mir das Licht meiner Augen und lassen mich Dinge erkennen, die du nicht sehen kannst. Deshalb weiß ich sehr wohl, dass du mir nicht glauben magst.« Sie streckte einen Zeigefinger in Eff Effs Richtung und winkte ihn zu sich. »Komm her Junge, ich zeige es dir.«
   Zögernd trat Florian Falco näher. Blödsinniger Hokuspokus. Er schob die Unterlippe vor und blickte in den matt glänzenden Kessel. Was sollte er da sehen? Da war nischt. Nur blank gescheuerter Boden. Blank geputzte Verarsche. Er kniff die Augen zusammen, prustete verächtlich und hob den Kopf. »Wat soll ick nu sehen? Da is nix. Sauber is der Topp. Bis uffm Boden, klar wie Kloßbrühe.«
   Muhme Grede antwortete nicht. Sie streckte den Arm aus und nickte, als die Möwe angeflattert kam und sich festklammerte. Sie griff in eine Schale, nahm eine Handvoll gekörnter Substanz heraus und ließ sie in den Kessel rieseln. Anastasia, die auf einen Wink Neles herangekommen war, sah ebenfalls gespannt zu.
   »Das ist Salz aus unserem Meer«, wisperte Nele in Eff Effs Ohr. »Es dauert lange, bis es gewonnen werden kann. Das Wasser enthält nicht viel davon.«
   »Na und? Wollen wir Suppe kochen, oder wat? Det Vogelvieh womöglich? Ick lach ma schlapp.«
   »Pst!« Anastasia legte den Finger auf den Mund und zog die Augenbrauen zusammen. Gleichzeitig trat sie Eff Eff kräftig auf den Fuß. Der schnaufte unwillig und schwieg endlich. Stille breitete sich aus. Beklemmend und unheimlich. Fasziniert richteten die Kinder ihre Augen auf den Kupfertopf, in den Grede nach und nach zu dem Salz eine Flüssigkeit träufelte. Nebelschwaden stiegen auf und waberten durch den Raum, umkreisten die Kinder und tauchten sie in eine feuchtwarme Gischt. Die Stube löste sich in Millionen Wassertropfen auf, in glänzende, durchscheinende Kugeln, die das Licht bunt und schillernd reflektierten. Plötzlich stiegen Möwen auf. Sie umkreisten ein Boot und folgten laut krächzend seiner Spur. Eine von ihnen setzte sich auf die Reling. Ihr Gefieder glänzte in der Sonne. Sie pickte auf das Holz, knarrte laut und flog davon. Ihre Flügel waren schwarz gerändert. Sigunda? Ein Junge blickte ihr hinterher. Er trug eine Brille. »Klößchen«, wollte Eff Eff rufen, »das ist Bernhard.« Seine Stimme gehorchte ihm nicht. Es hörte sich an, als würde er mit den Möwen um die Wette krächzen. Hilflos streckte er seine Arme aus. Plötzlich gluckerte es zu seinen Füßen. Eine widerliche schwarze Masse hielt sie fest. Eine Hand reckte sich ihm entgegen. Erleichtert griff er zu. Motze grinste ihn an. Sein Gesicht war schneeweiß. Er wankte, eine schwarze Gestalt kam näher und fing ihn auf. Eff Eff schrie auf. Helle Augen blickten durchdringend in seine.
   »Es ist vorbei, mein Junge. Es ist vorbei.« Eine kleine Hand klopfte ihm auf die Wangen. Der Nebel verschwand. Er lag auf dem Boden und Grede kniete an seiner Seite. Anastasia blickte ihn verstört an und Nele trommelte in seinem Gesicht herum. Stöhnend richtete er sich auf und sah von einer zur anderen.
   »Menno«, flüsterte er erleichtert, ließ sich zurücksinken und schloss erneut die Augen. Postwendend klatschte erneut eine Hand an seine Wangen. Er grunzte unwillig und öffnete endlich die Augen.
   »Eh«, krächzte er und schob Neles Hand beiseite. »Hörste auf damit? Det schmerzt eklig. Willst ma weich kloppen oder wat?« Wankend stand er auf und fühlte eine Hand in seiner. Anastasia blickte ihn besorgt an. »Das machst du nicht noch einmal, Effi. Ich dachte, du stirbst«, flüsterte sie gepresst und ihre Augen waren dunkel vor Angst.
   »Wieso? Haste nich Klößchen gesehen? Motze und die Möwen und …«
   »Nein, Florian!« Anastasia schluchzte auf und legte die Hand über die Augen. »Nur dich, du blöder Hammel. Wie du gebrüllt hast und plötzlich umgefallen bist, wie ein gefällter Baum.«
   »Sag bloß, Nasty.« Eff Eff grinste verlegen und eine warme Welle flutete von seinem Bauch bis in den Kopf und gab ihm seine gesunde Farbe zurück.
   »Det wollte ich nich. Ehrenwort, aber det kam über mir, wie ein Brechreiz. Echt übelst.« Vorsichtig streichelte er ihren Arm. Jetzt ging es ihm wirklich besser. Sie sorgte sich um ihn. Hurra, olle Muhme. Det war eine klasse Vorstellung und det Ergebnis mehr als supi. Zufrieden blinzelte er in die Sonnenstrahlen, die durch das kleine Fenster in den Raum flimmerten und ihn in ein warmes Licht tauchten. Nichts deutete mehr auf das gerade Erlebte hin. Nele half ihrer Tante, den schweren Kessel zu reinigen und das Wundersalz zu bergen. Es landete wieder in einer der braunen Holzschalen, die aufgereiht über dem Herd standen. Anschließend schüttete sie Wasser aus einem Eimer in den Kessel, fügte getrocknete Kräuter hinzu und entfachte die Glut unter dem Topf, bis das Reisig knisterte und die Holzscheite hellauf loderten. Es dauerte nicht lange und ein würziger Duft erfüllte die Stube. Muhme Grede stellte vier Holzbecher auf den Tisch, lächelte und richtete ihre blicklosen Augen auf Eff Eff. »Na, mein Junge?« Ihre Hand fuhr über den Tisch und legte sich, noch bevor Eff Eff reagieren konnte, auf seine Schulter. »Du warst wirklich ein hervorragender Botschafter, Kind. Selbst Nele gelingt das nicht besser. Es ist ein Teil deiner Zukunft, die du gesehen hast. Vieles wird dir rätselhaft vorkommen. Warte geduldig, bis du alles verstehen wirst. Setze niemals den zweiten Schritt vor den ersten.« Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht und tiefe Falten gruben sich in ihre Haut. »Passt auf euch auf«, sagte sie warnend und nickte Nele zu, die die Becher mit dem heißen Kesselinhalt füllte. »Trinkt, Kinder, und dann sucht hinter der Steilküste nach euren Freunden. Beißer wird euch führen. Bevor die Sonne ins Meer taucht, müsst ihr zurück sein. Das Moor ist unberechenbar.«

*

Anastasias Lippen zitterten, als sie den Tee schlürfte. Stur blickte sie in ihren Becher, pustete vorsichtig die schwimmenden Kräuter beiseite und versuchte, das unheilvolle Gefühl zu ignorieren, das ihr wie eine Schlange den Rücken hinaufkroch und sie trotz des sommerlichen Wetters da draußen frösteln ließ.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.