Stell dir das mal vor: Du stehst mutterseelenallein in einem stockfinsteren Raum. Die Tür ist von außen fest verschlossen und du kannst das Licht nicht anknipsen, weil sich der Schalter draußen befindet. Da spricht dich aus der Dunkelheit plötzlich eine tiefe Stimme an, die du nie zuvor gehört hast. Ganz schön gruslig, oder? Genau das passiert eines Tages dem achtjährigen Timmi, nachdem ihn sein fieser älterer Bruder in den Keller gesperrt hat. Und es wird noch grusliger, denn schnell stellt sich heraus, dass die fremde Stimme zu einem Monster gehört. Timmi sitzt in einer bösen Falle: Davonlaufen kann er nicht, und es mit einem Monster aufzunehmen, traut er sich nicht. Vielleicht könnte er sich ja irgendwie rausreden? Das hat in kniffligen Situationen schon oft geklappt. So beginnt Timmi verzweifelt, mit Bobbo, dem Kellermonster zu verhandeln.

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ISBN: 978-9963-52-190-6

Seiten: 142

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Bettina Kienitz

Bettina Kienitz, alias Bettina Grabis, wurde im Karneval geboren. Mit dem Schreiben begann sie in den 1980er-Jahren. Anfangs waren es Artikel für Jugend- und Publikunszeitschriften, 1989 veröffentlichte sie gemeinsam mit drei Co-Autoren ihr erstes Buch: „Lady-Fitness - Das neue Körperbewusstsein der Frau.“ Im Januar 1995 erschien ihr erstes Buch für Kinder im Coppenrath-Verlag. Das war noch klein und dünn und trug den Titel „Das kleine Partybuch“. Das nächste war schon erheblich größer und dicker. Seitdem hat Bettina Kienitz, die lange Zeit unter ihrem Mädchennamen Bettina Grabis schrieb, über 250 Bücher für Kinder und Jugendliche, darunter einige Bestseller, veröffentlicht. „Ein Leben ohne Schreiben kann ich mir nicht vorstellen“, sagt sie, und so werden mit Sicherheit noch einige Titel hinzukommen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Bobbo Schlotz hatte sich schon vor geraumer Zeit im Keller der Fiedemanns niedergelassen. Gleich neben den großen Holzregalen, die mit Einweckgläsern, Konservendosen und Pappschachteln vollgestellt waren, befand sich seine Schlafstätte.
   Dem Geruch nach zu schließen, war die Holztruhe der Fiedemanns schon mindestens einhundert Jahre alt. Damit war sie genau der richtige Platz für ein Kellermonster, um sich darin aufs Ohr zu legen und auszuruhen. Und damit es darin auch mollig warm war, hatte Bobbo die Truhe mit ein paar alten Kleidungsstücken der Fiedemanns ausgelegt.
   Bobbo liebte seine uralte Truhe aus dunkelbraunem Holz, die außer von ihm noch von einigen fresslustigen Holzwürmern bewohnt wurde. Das nagende Geräusch seiner kleinen Wohngenossen, die sich ununterbrochen fleißig durchs Holz arbeiteten, störten Bobbo Schlotz nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil. Er genoss den lustigen Klang der Holznager. Für ihn war es, als würden sie ihn mit einem netten Ständchen in den Schlaf begleiten.
   Die dumpfe Feuchtigkeit und die vielen alten Gegenstände in Bobbos Keller sorgten für einen angenehm muffigen und leicht modrigen Geruch. Gerade so, wie er es gerne mochte. Obwohl es für die meisten Kellermonster ruhig noch viel strenger hätte riechen dürfen.
   In den Ecken stapelten sich eine Menge Zeitschriften und verschiedene Kisten und Kartons mit den abenteuerlichsten Sachen: aussortierte Kleidungsstücke, altes Geschirr, jede Menge Spielzeug und allerlei Gerümpel.
   Der Boden des Kellerraumes bestand aus dicken Holzbrettern. Um nicht von Menschen überrascht zu werden, hatte Bobbo sich in mühevoller Kleinarbeit eine pfiffige Warnanlage konstruiert. Dazu hatte er drei Holzbretter vor der Kellertür so gelockert, dass sie herrlich knarrten, sobald sich ein Mensch seiner Wohnstube näherte. Das war dann das Zeichen für ihn, sich schleunigst zu verkriechen und so lange in einem Versteck zu warten, bis die Luft wieder menschenrein war.
   Bobbos Verwandte kamen ihn nur sehr ungern besuchen. Mama Schlotz begrüßte ihn immer auf die gleiche Weise: »Bobbo, Bobbo, wie kannst du es in diesem schlimmen Sauberloch nur aushalten?« Und auch Papa Schlotz war von Bobbos monsterunwürdiger Behausung gar nicht begeistert. Ihm standen jedes Mal die zerzausten Haare vor Entsetzen zu Berge. Er schüttelte dann missbilligend seinen großen Zottelkopf, murmelte etwas vom übertriebenen Reinlichkeitsfimmel der Menschen und suchte nach einer wenigstens halbwegs verschmutzten Ecke, in der er sich niederlassen konnte.
   Bobbo Schlotz hatte wirklich nicht viel Ähnlichkeit mit seinen Artgenossen. Normalerweise lieben Kellermonster Staub in fingerdicken Schichten, prächtige Spinnweben, das Wuseln von unzähligen Kellerasseln und anderem Ungeziefer. Und wenn in der einen oder anderen Ecke auch noch ein paar Schimmelpilze sprießen, so ist das die Krönung einer richtigen Kellermonsterbehausung.
   Das gilt für die meisten Kellermonster, aber nicht für Bobbo Schlotz. Für ihn war ein Keller erst dann so richtig monsterwohlig, wenn er nur von einem Hauch von Staub überzogen war. Und Spinnweben brauchten seiner Meinung nach überhaupt nicht vorhanden zu sein, blieben diese hauchdünnen Fäden doch immer an seinem gut gepflegten Fell kleben. Wie unangenehm!
   Sollten andere Kellermonster sich ruhig wohlfühlen in ihren Schmuddelbuden. Bobbo Schlotz war eben ein sauberes Monster und damit ganz zufrieden. Seine Freude war immer übermonstermäßig groß, wenn die fleißige Menschenfrau mit ihrem Staubwedel in den Keller kam und sein Heim gründlich sauber machte. Herrlich!
   Immerhin war Bobbo in seinen dreihundertsiebenundzwanzig Lebensjahren schon einhundertfünf Mal umgezogen. Das widersprach nun jeder Kellermonsterregel. Üblicherweise hauste ein Monster sein Leben lang in ein und demselben Keller. Umgezogen wurde allerhöchstens dann, wenn die Monsterbehausung von einem dieser erbarmungslosen Abrisskolossen vernichtet wurde, oder wenn die Hausbesitzer all zu großen Wert auf Reinlichkeit im Keller legten.
   Bobbo Schlotz jedoch hielt es an den meisten Orten nicht allzu lange aus. Schmutz und Staub hingen ihm nur zu bald zu den Ohren raus. Bei den Fiedemanns aber wohnte er jetzt schon eine ganze Weile glücklich und zufrieden. Wo fand man heutzutage schon einen Keller mit einem so gepflegten Reinigungsservice? Ja, hier war der Ort, an dem Bobbo sich rundum wohlfühlte.
   Wenn es abends ganz dunkel und still im Hause Fiedemann war, schlich Bobbo manchmal auf leisen Sohlen durch die vielen Zimmer auf der Suche nach etwas Leckerem und um Ausschau nach monstermäßig nützlichen Gegenständen zu halten. Denn so ein Kellermonster kann eigentlich alles gut gebrauchen. Und Bobbos Sammelleidenschaft war nun einmal ganz besonders groß.



Bei seinen heimlichen nächtlichen Wanderungen durchs Haus hatte er schon so manchen tollen Fund gemacht. Erst bei seinem letzten Ausflug war ihm ein knallroter Stiel mit vielen kleinen Zacken
   daran in die Pfoten geraten. Absolut knorke! Das war genau das richtige Handwerkszeug, um sein strubbeliges Monsterhaar zu bändigen.
   Drei Stunden lang hatte Bobbo Schlotz mit seinem neuen Schatz auf einem Stapel alter Zeitschriften gesessen und hingebungsvoll seinen grau gefleckten Pelz vom Kopf bis zu den Füßen geglättet. Hin und wieder überprüfte er sein Aussehen in einer kleinen runden Scheibe mit reflektierender Oberfläche, die er bei einem seiner Streifzüge durchs Haus aufgestöbert hatte. Darin konnte er seinen ganzen pelzigen Körper Stück für Stück begutachten – zumindest, soweit seine langen haarigen Ärmchen das zuließen.



Stolz blinzelte er mit feuerroten Augen seinem Spiegelbild entgegen. Was für ein prächtiges Monsterkerlchen ich doch bin!, stellte er zufrieden fest.
   Seinen Eltern durfte er so herausgeputzt allerdings auf keinen Fall unter die Augen treten. Doch zum Glück kündigte Frittchen, die zuverlässige Botenmaus, deren Besuch immer rechtzeitig an. So blieb Bobbo jedes Mal genügend Zeit, sich vorher in den staubigsten Ecken des Kellers am Boden zu wälzen und nach einem Spinngewebe zu suchen, das er sich angewidert auf den Pelz kleben konnte. So blieben ihm lange, lästige Belehrungen und Vorträge erspart. Was für ein Kellerglück, dass seine Verwandten sich nur sehr selten bei ihm blicken ließen! Im Laufe der letzten Jahre hatte Bobbo auch die menschlichen Bewohner, die dieses Haus mit ihm teilten, ein wenig näher kennengelernt.
   Da war zum einen Mama Fiedemann, die Menschenfrau, die sich um die Sauberkeit in seinem Kellerraum kümmerte – ein sehr angenehmer Mensch, den Bobbo gerne mit Besen und Staubwedel durch seine Wohnstube huschen sah.



Oft versteckte sich Bobbo in seiner alten Truhe, wenn Mama Fiedemann die Monsterbehausung betrat. Dann öffnete er vorsichtig den Deckel ein kleines Stück und beobachtete aufmerksam jeden Handgriff, den die fleißige Menschenfrau tat.
   Ein paarmal wäre das Kellermonster dabei um ein Haar entdeckt worden. Nicht nur, dass Bobbo vor lauter Neugier immer seine dicke Nase durch den Spalt drückte, nein, einmal versuchte er doch glatt, Mama Fiedemanns Staubwedel zu mopsen. Hätte sich sein großer Zeh nicht in einem Loch im alten Holz verfangen, wäre er tatsächlich kopfüber aus der Truhe geplumpst. Was für ein Monsterglück, dass sein Zeh so dick wie eine Tomate war!
   Der Papamensch schien viel unterwegs zu sein, denn Bobbo konnte seine kräftigen Schritte und seine dunkle Stimme nur recht selten hören. Meistens machte sich der Menschenmann im Haus erst am Abend, wenn es draußen langsam dunkel wurde, bemerkbar.
   Dann gab es da noch Paule – eine echte Nervensäge, wie Bobbo Schlotz fand. Der brüllte ständig so laut durchs Haus, dass Bobbo es selbst dann noch hören konnte, wenn er in seiner Truhe saß und den Deckel geschlossen hatte. Verglichen mit Paules Trampelfüßen nahmen sich die Schritte des Papamenschen eher wie das Trippeln von kleinen Mäusepfoten aus.
   Der kleinste Mensch im Haus hörte merkwürdigerweise gleich auf zwei Namen. Die Großen riefen ihn immer Timmi, aber Paule nannte ihn meistens Schweinebacke. Bobbo konnte zwar nicht verstehen, wozu der Kleine zwei Namen brauchte, doch die Menschen taten so manches, was dem Monster sehr seltsam vorkam.
   Im Großen und Ganzen fühlte Bobbo Schlotz sich rundum wohl in seinem Keller. Nur manches Mal konnten die zwei kleineren Hausbewohner ihm ganz schön auf die Monsternerven gehen. Wenn Paule und Timmi Schweinebacke sich in die Wolle kriegten, war es schlagartig aus mit der herrlichen Kellergemütlichkeit.
   Ein Erdbeben!, hatte Bobbo erschrocken gedacht, als die beiden zum ersten Mal aneinandergeraten waren. Was für eine Zumutung für empfindliche Monsterohren! Zu seinem Glück hatte er eines Tages in einer der vielen Kisten im Keller Wollknäuel gefunden, die er sich bei solchen Ausbrüchen rasch in die großen Ohren stopfte. Ohne die hätte das Kellermonster schon längst zum einhundertsechsten Mal seine Siebensachen gepackt und sich nach einem neuen Zuhause umgesehen.

Kapitel 2

Eines Tages war wieder so ein schreckliches Getöse im Hause der Fiedemanns zu hören. Empört griff Bobbo Schlotz nach den Wollknäueln, stopfte sie sich in die Ohren und setzte sich griesgrämig auf das oberste Brett des Regals.



Da öffnete sich die Kellertür und eine menschliche Gestalt kam in den Raum gestolpert. Dann fiel die Tür ins Schloss und es war wieder stockdunkel. Neugierig blickte das Kellermonster auf den unerwarteten Eindringling, der sich mühsam aufrappelte und dann wütend mit den Fäusten gegen die Kellertür hämmerte.
   Als Bobbo seine Ohren wieder von der Wolle befreit hatte, gingen ihm das kräftige Klopfen und das laute Gebrüll durch Mark und Bein. Seine grau gefleckten Haare sträubten sich wie bei einer angriffslustigen Katze.
   »Lasst mich hier raus! Ich habe Angst! Macht die Tür auf!«, schrie eine ihm bekannte Stimme. Sie gehörte Timmi. Er hatte offensichtlich mal wieder heftigen Streit mit seinem Bruder Paule.
   Eine der wichtigsten Regeln für Kellermonster lautet: Halte dich immer von den Menschen fern! Aber manchmal zwang sein monstergutes Herz Bobbo einfach dazu, sich über Regeln hinwegzusetzen. Und dies hier war so ein Fall. Die kleine Schweinebacke stand tränenüberströmt in Bobbos Wohnstube und zitterte vor Angst wie Espenlaub.
   »Hallo!«, sagte Bobbo und gab sich alle Mühe, seine raue Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen. Doch das hätte er lieber nicht getan. Denn jetzt wurde das Geschrei noch viel lauter! Auch das Wummern gegen die Tür wurde so heftig, dass der ganze Kellerraum zu beben schien.
   Das habe ich nun von meiner Freundlichkeit!, ärgerte sich Bobbo.
   »He, du schreiender Monsterschreck! Jetzt halt doch mal die Luft an!«, schimpfte Bobbo. Diesmal hatte er Erfolg. Timmi verstummte augenblicklich. Er drehte sich vorsichtig um und stierte verzagt ins Dunkel.
   »Ist das wieder einer deiner Gags, Paule?«, fragte der Junge ängstlich.
   »Keine Ahnung!«, erwiderte Bobbo. Was wusste er denn schon von menschlichen Einfällen? »Aber du hast ein ganz schön lautes Organ, so viel steht fest. Einfach schrecklich! Monstererbärmlich!«
   »Bist du ein Freund von Paule?«, erkundigte sich Timmi.
   »Ich, und ein Freund dieses plattfüßigen Trampeltieres?«, empörte sich das Kellermonster. »Davor bewahre mich Mama Schlotz!«
   Die Antwort gefiel Timmi. Wenn sein unsichtbarer Gesprächspartner kein Verbündeter seines großen Bruders war, konnte es ja nicht allzu schlimm werden. Allerdings, wenn er kein Freund von Paule war, wie um alles in der Welt kam er dann in den Keller? Und wer zum Kuckuck war er überhaupt?
   »Wer bist du?«, forschte der Junge unsicher weiter. Ihm war die ganze Situation höchst ungeheuer.
   Am liebsten hätte Bobbo Schlotz sich jetzt so vorgestellt, wie es eigentlich unter Monstern üblich ist. Ein gut gezielter Sprung direkt vor die Nase des Gastes und dann die Monsterpfote zum Gruß gereicht. Aber bei einem so empfindsamen Gegenüber, das sich von einer Minute zur anderen in eine heulende Sirene verwandeln konnte, setzte Bobbo doch lieber auf genügend Abstand und blieb deshalb sitzen, wo er war.
   »Ich bin Bobbo«, sagte er freundlich. »Bobbo Schlotz.«
   »Aha!«, sagte Timmi, der mit diesem Namen nichts anzufangen wusste. »Ich bin Timmi.«
   »Ja, ja, ich weiß«, antwortete das Kellermonster. »Timmi Schweinebacke.«
   »Also bist du doch ein Kumpel meines Bruders!«, fauchte die Kinderstimme empört.
   »Wie kommst du denn bloß auf so einen Blödsinn?«, schnauzte das Kellermonster ebenso garstig zurück. Wenn dieser kleine Mensch es ruppig haben wollte, konnte Bobbo sehr gut mithalten.
   »Nur Paule und seine miesen Freunde nennen mich Schweinebacke«, meinte Timmi säuerlich.
   »Ach so, und ich dachte, du hättest zwei Namen. Zugegeben, Schweinebacke kam mir schon immer irgendwie komisch vor. Aber woher soll man das auch wissen? Mein Onkel heißt zum Beispiel Olmutz Klotzefutz Felledreck. Klingt auch nicht gerade toll«, erklärte Bobbo besänftigend. »Aber schließlich sucht sich niemand seinen Namen selber aus. Und überhaupt, …«
   »Wie kommst du eigentlich in unseren Keller?«, fiel Timmi ihm ins Wort. Der unsichtbare Fremde kam ihm immer rätselhafter vor.
   »Ich wohne hier!«, antwortete Bobbo empört. Was für eine Frage? Etwas mehr Interesse an seiner Person hätte er sich schon erwartet. Dieser Knilch schien ja noch nicht einmal etwas von seiner Existenz zu wissen!
   Dabei hatte sich Bobbo in all den Jahren doch auch eingehend mit seinen Mitbewohnern vertraut gemacht. Wozu knarrte er denn immer mit den Holzdielen, ließ hin und wieder Gegenstände zu Boden fallen und verursachte all die monstermäßigen Ärgernisse, wenn ihn trotzdem kein Mensch in diesem Hause auch nur zur Kenntnis nahm?
   Wieder einmal hatte Mama Schlotz recht behalten. »Wenn du Menschen beeindrucken willst, musst du sie immer wieder mal fürchterlich erschrecken«, hatte sie ihm stets eingebläut. Um auf sich aufmerksam zu machen, hätte er wohl noch schaurigere Geräusche machen und jeden Tag mindestens drei Gegenstände zerdeppern müssen.
   Vielleicht hätte er auch seinen Schleim überall kleben lassen sollen? Alle Kellermonster schleimen für gewöhnlich ganz eklig vor sich hin und verteilen ihre gelb leuchtenden Schleimklumpen, wo immer sie nur können. Aber Bobbo Schlotz war nun mal eben ein außergewöhnlich sauberes Kellermonster, und so putzte er ständig hinter seinem Schleim her.
   Langsam bekam Timmi es wieder mit der Angst zu tun. Ihm war der geheimnisvolle Unbekannte ganz und gar nicht geheuer.
   »Wo steckst du überhaupt?«, fragte er mit zittriger Stimme in die Dunkelheit. »Ich kann dich nicht sehen.«
   »Ich sitze hier oben auf dem Regal.«
   Als Timmi seinen Blick in Bobbos Richtung wandte, konnte er außer zwei stark leuchtenden roten Punkten nichts erkennen.
   »Hast du vielleicht eine Taschenlampe oder so etwas hier, damit ich etwas sehen kann?«, fragte Timmi.
   »Natürlich habe ich so etwas da, aber das brauche ich nicht. Ich erkenne dich auch im Dunkeln ganz gut«, meinte Bobbo. Monsteraugen sehen in der Dunkelheit nämlich genauso gut wie bei Tageslicht. Wozu also Licht machen?
   »Mag ja sein, dass du genug siehst, aber für mich ist es zu dunkel«, gab Timmi zurück.
   »Wieso schaltest du dann nicht einfach das Licht ein?«, schlug das Kellermonster freundlich vor.
   »Weil der Lichtschalter draußen ist und die Tür verschlossen!«, antwortete das Menschenkind patzig. »Wenn du hier wohnst, müsstest du das ja wohl wissen!«
   Langsam reichte es Bobbo. »Was glaubst du Bleichnase eigentlich, wer du bist? Dringst uneingeladen in meine Wohnstube ein, störst meine herrliche Monsterruhe und maulst auch noch rum!«, empörte sich das Kellermonster. »Würdest du deine Minimenschenohren richtig aufsperren, müsste dir klar sein, dass ich kein Licht benötige. Ich habe es laut und deutlich gesagt. Woher, zum Donnermonster, soll ich also wissen, wo sich in diesem Haus die Lichtschalter befinden?« Und herausfordernd setzte er hinzu: »Schweinebacke!«
   Nachdem Timmi keine Ahnung hatte, mit wem er sich da überhaupt
   stritt, hielt er es für angebracht, seinen Ton etwas zu dämpfen. »Könntest du aber vielleicht trotzdem etwas Licht machen?«, bat er kleinlaut. »Für mich?«
   »Na, das klingt doch gleich viel besser in meinen großen Lauschern«, antwortete Bobbo und kramte nach der Taschenlampe. Irgendwo musste das Ding doch herumliegen. Er konnte sich noch gut daran erinnern, bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durchs Haus eine dieser erstaunlichen Leuchtstangen eingesteckt zu haben.


Es dauerte eine ganze Weile, bis er fündig wurde. Die Lampe lag in einer der vielen Papp-
   schachteln auf dem Regal. Er knipste sie an und richtete den Strahl auf Timmi. Da stand es nun im Lichtkegel der Taschenlampe, dieses kleine,
   freche Menschenkind, mit verweinten Augen und Angst im Gesicht.
   »Danke!«, flüsterte Timmi und versuchte, etwas mehr von dem Unbekannten
   zu sehen. Doch das Licht blendete ihn so, dass er beim besten Willen nichts erkennen konnte.
   »Ob ich die Taschenlampe vielleicht haben könnte?«, bat der Junge tapfer.
   Bobbo Schlotz war sich nicht sicher, ob er das für eine gute Idee halten sollte. Kellermonster geben niemals etwas aus den Pfoten, das sie sich mühsam beschafft haben. Sollte dieses Menschenkind sich doch gefälligst nach einer eigenen Lichtquelle umsehen!
   Doch weil Timmi nun so freundlich zu ihm war und weil Bobbo ein gutes Monsterherz hatte, entschloss er sich, die Taschenlampe trotzdem mit dem Jungen zu teilen. »Du musst sie mir aber auch wiedergeben«, sagte Bobbo mit Nachdruck.
   »Großes Ehrenwort«, versprach Timmi, obwohl er sich sicher war, dass die Taschenlampe bis vor Kurzem noch ihm gehört hatte.
   Ob ein Menschenehrenwort wohl den gleichen Wert hat wie ein Kellermonsterehrenwort?, überlegte Bobbo. In diesem Fall sollte er die Lampe vielleicht lieber gleich wieder in die Schachtel zurücklegen und auf keinen Fall verleihen. Das Ehrenwort eines Kellermonsters gleicht nämlich einer Seifenblase. Kaum ist es raus, ist es auch schon geplatzt! Nichtsdestotrotz lieben Kellermonster es, ihr Ehrenwort zu geben.
   Mit einem Satz sprang Bobbo Schlotz vom Regal hinunter und trottete nachdenklich auf den Jungen zu. Noch einmal strahlte er Timmi mitten ins Gesicht und reichte ihm dann die Taschenlampe.
   Bevor er sie aber endgültig losließ, musste das Menschenkind noch einmal hoch und heilig versprechen, sie auch wirklich und wahrhaftig wieder zurückzugeben.



»Na, endlich!«, sagte Timmi erleichtert und richtete den Lichtstrahl gleich auf den Unbekannten. Was er zu sehen bekam, verschlug ihm glatt den Atem. Ein behaartes, zotteliges Etwas mit großen, spitzen Ohren, dicker Knubbelnase, einem riesigen Maul und feuerroten Augen blinzelte ihn geblendet an. Dieses Wesen war nur wenig kleiner als er selbst. Seine Körperform hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem übergroßen Frosch: ein kugelrunder Bauch, überraschend dünne, lange Arme und Beine und riesengroße Hände und Füße.
   »Iiigitt! Was bist du denn für einer?«, rutschte es Timmi verblüfft heraus.
   »Ich bin ein Kellermonster«, sagte Bobbo stolz, voll Unverständnis für die unfreundliche Reaktion des kleinen Menschen.
   »Igitt« sagte man bei Schleimschnecken oder Stinkewürmern oder vielleicht bei einem Menschenkind, wie Timmi eines war, aber doch nicht zu einem Kellermonster. Und schon gar nicht zu Bobbo Schlotz!
   Am liebsten wäre Timmi ja weggelaufen, aber zum einen war die Kellertür von außen verschlossen, und zum anderen schien dieses grässlich aussehende Monster doch ganz nett zu sein. Also fand er sich notgedrungen damit ab, es ein wenig näher kennenzulernen.
   Und auch Bobbo war der Meinung, es würde seiner Monsterbildung gewiss nicht schaden, so ein Menschenwesen einmal aus nächster Nähe zu beschnuppern.

Kapitel 3

Nachdem sich Timmi und das Kellermonster gegenseitig ausgiebig gemustert hatten, machten sie es sich gemeinsam auf der alten Truhe bequem.
   »Was tust du eigentlich hier im Keller?«, wollte Bobbo Schlotz wissen.
   »Mein Bruder flippt mal wieder aus. Um mich zu ärgern, hat er mich hier eingesperrt. Dabei weiß er ganz genau, dass ich schreckliche Angst vor dem Keller habe«, erklärte Timmi.



»Du hast Angst vor Kellern? Aber warum denn?«, fragte Bobbo verständnislos. Schließlich gab es doch kaum etwas Schöneres als gemütliche, düstere Kellerräume.
   »Hier ist es so gruselig dunkel. Und dann diese unheimlichen Geräusche!«
   Das gefiel Bobbo gut. Hatten seine monstermäßigen Streiche also doch nicht ganz ihre Wirkung verfehlt. Dieser kleine Mensch hatte seine Anwesenheit gespürt. Mama und Papa Schlotz wären stolz auf ihren Monstersprössling gewesen, wenn sie das jetzt hätten hören können. »Warum sperrt dein Bruder dich denn hier ein, wenn er weiß, dass du Angst hast?«, forschte Bobbo neugierig weiter.
   »Weil er ein Pupsgesicht ist! Nur weil er fünf Jahre älter ist, meint er mit mir machen zu können, was er will!«, regte sich der Junge auf.
   Bobbo gefiel dieser gewisse Glanz in Timmis Augen, wenn sie so vor Wut funkelten. Monsterschleimig gut!
   »Wie alt ist denn das Pupgesicht?«
   »Nicht Pup! Pups-gesicht!«, belehrte ihn das Menschenkind. »Er ist zehn, spielt sich aber so auf, als wäre er schon erwachsen.«
   »Und warum lässt du dir das von ihm gefallen?«
   »Na, leg du dich doch mal mit einem an, der doppelt so stark ist wie du selbst! Oder stehst du auf heiße Ohren?«, schimpfte Timmi.
   Während Bobbo noch darüber grübelte, was Timmi wohl mit »heißen Ohren« meinen könnte, redete sich der Junge weiter den Kummer von der Seele. Wie schön, dass ihm mal jemand zuhörte!
   »Am schlimmsten sind die Wochenenden, an denen Mama und Papa verreisen und mich mit Paule alleine lassen. Dann flippt der immer völlig aus und markiert den starken Max. So wie jetzt. Kaum sind unsere Eltern aus dem Haus, geht der Ärger auch schon los!« Timmis Stimme wurde plötzlich leiser und dicke Tränen kugelten ihm übers Gesicht.
   »Dein Bruder scheint ja ein richtiges Ekelpaket zu sein«, pflichtete Bobbo dem Menschenkind bei und legte sein dünnes behaartes Ärmchen um Timmis Schulter.
   »Ja!«, erwiderte der Junge schluchzend. »Ein ganz großes sogar. Stell dir vor, seit ein paar Wochen bleibt mir kaum noch etwas von meinem Taschengeld, weil mir Paule jeden Euro abknöpft.«
   »Wie?«, fragte Bobbo ungläubig. »Der Kerl klaut dir dein Geld?«
   »Nein, natürlich nicht! Paule ist zwar fies, aber doch kein Dieb!«, nahm Timmi seinen großen Bruder empört in Schutz.
   »Du gibst es ihm doch nicht freiwillig?« Bobbo kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr und blickte sein Gegenüber fragend an.
   »Also, die Sache ist die: Mein Bruder scheint immer zu riechen, wenn mir etwas Dummes passiert. Erst gestern, zum Beispiel, hatte ich keine Hausaufgaben gemacht. Mein Lehrer hielt mir nach dem Unterricht auf dem Gang eine Standpauke deswegen. Und wer kam da rein zufällig vorbei und machte große Ohren? Mein Bruder Paule! Auf dem Nachhauseweg hielt er dann die Hand auf und sagte: Zahltag!«
   »Was heißt das denn?«, wollte Bobbo neugierig wissen.
   »Na ja, ich geb ihm eben Geld, damit er den Mund hält. Tu ich das nicht, rennt er los und verpetzt mich zu Hause. Also zahl ich lieber, bevor ich mit meinen Eltern Ärger bekomme. So verschwindet mein Geld nach und nach in seiner Tasche.«
   »Das ist ja erbärmlich!«, stellte Bobbo entsetzt fest.
   Der Junge zuckte hilflos die Achseln. »Das ist aber noch lange nicht alles! Meine Freunde kommen nicht mehr zum Spielen vorbei, weil er sie immer piesackt. Oft muss ich sogar ganz alleine aufräumen, und Paule schleimt sich dann bei unseren Eltern als großer Saubermann ein.«
   »Was denn, die Menschen schleimen sich auch ein?« Bobbo hatte immer gedacht, das wäre nur bei Sabbermonstern, wie er eines war, üblich. Wozu wischte er denn dann ständig hinter seinem gelb leuchtenden Schleim her? Ob er dieses eingeschüchterte Menschenkind vor sich vielleicht mal kräftig einschleimen sollte?
   Eine bange Stimme unterbrach seine Überlegungen: »Wann Paule wohl die Tür wieder aufschließt?«, fragte Timmi.
   »Dein Bruder scheint mir ein ziemlicher Stinkstiefel zu sein! Vielleicht sollte ich ihn mir mal monstermäßig vorknöpfen?« Bobbos rote Augen blitzten bei dieser Vorstellung vor Vergnügen.
   Timmi war sofort hellauf begeistert. Endlich hatte er jemanden gefunden, der auf seiner Seite stand! Wenn sein Verbündeter auch nicht sehr groß war, so war er doch bestimmt pfiffig genug, um Timmi das Leben vielleicht etwas angenehmer zu gestalten.
   »Du bist ein dufter Typ!«, sagte der Junge freundschaftlich.
   »Wirklich?«, fragte Bobbo Schlotz erfreut. So ein tolles Kompliment hatte ihm noch nie jemand gemacht. Hatten sich die vielen Stunden intensiver Monsterhaarpflege also bezahlt gemacht.
   »Ja, du bist wirklich ein toller Kerl«, wiederholte Timmi.
   »Nein, nein, nein. Ich will kein toller Kerl sein. Ich will ein dufter Typ sein!« Darauf bestand Bobbo. »Oder rieche ich etwa nicht gut?«
   Das Menschenkind schnupperte kurz an Bobbos Pelz und meinte naserümpfend: »Na ja, meine Lieblingsduftnote ist es nicht, aber es lässt sich aushalten.«
   »Was soll das heißen?«, empörte sich das Kellermonster.
   »Ich will dich ja nicht beleidigen, aber du riechst ein wenig modrig.«
   »Aber nur ein ganz klein wenig, oder?« Bobbo wollte es genau wissen.
   »Paules alte Socken riechen jedenfalls schlimmer!«, fand Timmi. »Aber ich mache dir einen Vorschlag: Du hilfst mir gegen Paule, und ich mache dein Fell ganz duftig!«
   »Das klingt monsterschleimig gut! Einverstanden!« So ein verführerisches Angebot wollte sich Bobbo auf keinen Fall entgehen lassen.