Kaum in der Hexenschule angekommen, wird Kikki in ein Gespenst verwandelt. Als sie die Oberhexe um Hilfe bitten will, ist diese verschwunden. Sie ist nicht die Einzige, die vermisst wird. Noch von 32 anderen Hexen fehlt jede Spur. Gemeinsam mit Florina, Luzia und Brunella, macht sich Kikki auf die Suche nach ihnen. Dabei stoßen sie auf die Moorhexen, die sich versteckt haben und sich wegen eines Zaubers langsam, aber stetig in Krähen verwandeln. Obwohl Kikki die Moorhexen nicht besonders gut leiden kann, will sie ihnen helfen.

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ISBN: 978-9963-53-996-3

Seiten: 172

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Kapitel 1
Moorhexenfrühstück

Kikki hüpfte auf einem Bein durch die winzige Stube in ihrem Haus, das gut verborgen mitten im Wald stand.
   Ihre Freundin Florina saß im Schaukelstuhl und schaute ihr zu. »Ich kann nicht glauben, dass wir morgen wieder in die Hexenschule gehen. Es kommt mir vor, als wären wir erst da gewesen.«
   »Stimmt auch. Es sind noch keine vier Monate her seit dem letzten Mal.« Kikki grinste. Sie sah, wie Florina aus dem Fenster in ihren Garten blickte.
   »Das Leben als Hexe ist toll.«
   »Ich weiß.« Kikki blies sich eine ihrer Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihr Besen kam auf sie zu und stupste sie sanft am Arm an. »Oh, du bist wohl müde.«
   Besen nickte.
   »Geh schon mal schlafen. Wir kommen bald nach.«
   Besen nickte erneut und ging in die kleine Schlafkammer. Dabei gab er ein Geräusch von sich, das wie ein Gähnen klang.
   »Magst du etwas essen?«
   »Ich bin hungrig wie ein Wolf.« Florina stand vom Schaukelstuhl auf und ging in die kleine Küche. Sie öffnete mehrere Türen eines Regals. »Es ist kein Brot da.«
   »Daran lässt sich leicht was ändern.« Kikki hob ihren Zauberstab und sprach:

Essen, komm hierher,
   mir zu gehorchen ist nicht schwer.
   Frisches Brot und ein paar Kekse das wünscht sich diese Hexe!

Es vergingen keine fünf Minuten, da erschien auf ihrem runden Holztisch ein noch warmes Brot. Kurz darauf tauchte mit einem leisen »Plopp« eine große Packung Schokoladenkekse auf.
   In der Vorratskammer musste Kikki nicht lange suchen, bis sie das Glas mit ihrer Lieblingsmarmelade fand. Der klebrige Aufstrich, eingekocht aus Baumharz und Rinde, schmeckte einfach köstlich. Sie nahm es aus dem Regal und kehrte zum Tisch zurück.
   Florina und sie aßen das ganze Brot auf. Dazu tranken sie ihren geliebten Froschaugentee.

»Wir sollten schlafen gehen. Morgen müssen wir früh los.« Kikki tätschelte ihren vollen Bauch.
   »Oh, ja. Ich bin auch müde.« Florina gähnte.
   Nachdem sie die Zähne geputzt hatten, schlüpften sie in das Holzbett mit der rot-weiß karierten Bettdecke.
   Lakritz, Kikkis schwarzer Kater, sprang zu ihnen auf die Matratze und legte sich in ihre Mitte.
   »Du kannst kommen«, sagte Kikki zu Esmeralda, die auf dem Bettpfosten hinter ihr saß.
   Die alte, haarige Spinne ließ sich nicht zweimal bitten. Sie seilte sich an einem Spinnenfaden vom Pfosten ab und krabbelte in Kikkis Haare. Dort würde sie die ganze Nacht verbringen.

Schon um neun Uhr in der Früh wachte Kikki auf. Leise stieg sie aus dem Bett und wanderte in ihrem Häuschen umher. Die beiden Besen, die neben der Tür lehnten, schliefen friedlich.
   Die junge Hexe brühte sich einen frischen Froschaugentee auf und blickte aus dem Fenster.
   Eine dicke Schneeschicht bedeckte ihren Kräutergarten. Die Äste der Bäume hatten sich unter der Last der weißen Pracht nach unten gebogen. Da es noch Stunden dauern würde, bis sie bei der Oberhexe sein mussten, beschloss Kikki, etwas Unordnung in die Stube zu bringen. Es gab fast nichts Schlimmeres für Waldhexen, als in ein aufgeräumtes Haus zurückzukehren.

Froschaugen und Fledermauskot, etwas Staub täte hier Not!

Zufrieden sah sie zu, wie sich auf sämtliche Ablageflächen eine dünne Staubschicht setzte.

Elfenglitzer und Firlefanz, ich wünsch mir einen vertrockneten Blumenkranz!

Ein Kranz aus vertrockneten Blumen erschien auf ihrem Schaukelstuhl. Kikki nahm ihn hoch und freute sich über die Blätter, die zu Boden fielen, als sie ihn zu dem eingeschlagenen Nagel trug, der an der Wand neben der Tür hing.
   Danach schob sie den bunten Teppich unter dem Schaukelstuhl zusammen, sodass er schöne Wellen bildete. Als Nächstes hängte sie Bilder an den Wänden etwas schiefer hin, sodass ihre Ecken schräg nach unten hingen.
   Mit den Büchern in ihrem wackligen Holzregal baute sie einen schiefen Turm. »Schon viel besser«, sagte sie.
   Da fiel ihr Blick auf die Einmachgläser, die überall in der kleinen Küche herumstanden. Sie waren so schmutzig, dass man kaum noch sah, was sich in ihnen befand. Dabei war es enorm wichtig, auf die eingemachten Kräuter zu schauen. Man musste sie richtig beschriften und die Gläser gut verschließen.
   Schon etliche Male war es vorgekommen, dass eine Hexe die falschen Zutaten zusammengemischt hatte, was bei einem Zaubertrank schlimme Folgen haben konnte.
   Kikki trug die Gläser zum Tisch und leerte sie aus. Danach wusch sie die Einmachgläser so lange aus, bis sie wieder glänzten.
   Als sie fertig war, füllte sie diese wieder auf, was aber nicht so einfach war, denn die Fledermauszähne waren nicht von Mäusezähnen zu unterscheiden, die getrocknete Ginsterwurzel hatte dieselbe Farbe wie der getrocknete Löwenzahn. Die Krähenfüße waren im gleichen Maß gebogen wie die Rabenfüße.
   Nachdem sie mit ihrer Arbeit fertig war, setzte sich Kikki erschöpft in ihren Schaukelstuhl. Sie schloss die Augen und merkte nicht, wie sie in den Schlaf glitt.
   Vier Stunden später wurde sie von ihrem Besen geweckt. Er stupste sanft gegen ihre Schulter.
   Als sie die Augen öffnete, deutete er mit seinem Besenstiel auf den Herd. Mit einem leisen Knurren tat er kund, dass er Kaffee wollte.
   Kikki streckte ihre steifen Glieder. »Ist ja gut. Ich komme.« Sie strich dem Besen über den Stiel und stand auf.
   Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie kein Kaffeepulver mehr hatte, geschweige denn frisches Brot, auf das sie ihre selbst gemachte Baumrindenmarmelade streichen konnte. Florina und sie hatten gestern alles aufgegessen. »Hühnermist«, schimpfte sie. »Das geht ja gar nicht.« Wie zur Bestätigung begann ihr Magen zu knurren.
   Sie nahm ihren Zauberstab zur Hand.

Feine Dinge kommt zu mir, damit ich essen kann, das gönn ich mir! Brot soll es sein, Kaffee und Marmelade, damit ich keinen Hunger zu leiden habe!

Mit einem Zischen erschienen vor ihr auf dem Tisch ein verschimmeltes Brot, eine hellgrüne Tasse mit abgestandenem Kaffee und eine schleimige, dunkle Paste, die in ein Einmachglas gefüllt war. Auf der vergilbten Etikette war das Wort »Hühneraugenarmelade« zu lesen.
   »Das kommt von den Moorhexen! Wie konnte das passieren?« Fragend blickte sie auf ihren Zauberstab, doch er gab ihr keine Antwort.
   Kikki starrte auf die herbeigezauberten Dinge auf ihrem Tisch. »Kein Wunder, dass sie Moorhexen grüne Gesichter haben, bei dem, was sie essen«, sagte sie zu Besen.
   Besen gab ein zustimmendes Summen von sich.

*

In einem kleinen Steinhaus, weit entfernt in einem anderen Teil des Waldes, blickte Ragna, die Moorhexe, verdutzt auf ihre leeren Hände.
   Ihr grünes Gesicht war starr vor Schreck. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie ein Brot vor sich gehabt, auf das sie ihre Lieblingsmarmelade streichen wollte. Sogar ihr abgestandener Kaffee von vorgestern war plötzlich verschwunden.
   Ungläubig blickte sie neben sich auf den Boden, doch da waren die gesuchten Dinge auch nicht.
   »Wenn ich diejenige erwische, die mir mein Frühstück weggehext hat, wird sie es noch bitter bereuen!« Wütend stapfte sie aus ihrem Haus und wusch ihr Gesicht im nahe gelegenen Moor. »Ich muss mir etwas einfallen lassen, um diejenige zu bestrafen.«
   Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte und zu ihrem Haus zurückkehrte, hinterließ sie eine grünliche Schleimspur.

*

Zwei Stunden später waren alle acht Waldhexen im Haus der Oberhexe versammelt. Sie saßen gemeinsam am runden Tisch in der hinteren Ecke der Stube und tranken frisch aufgebrühten Froschaugentee.
   Kikki liebte dieses Haus, dessen Größe die Oberhexe mit einem Zauberspruch verändern konnte. Hier gab es fünf Katzen, eine riesige Küche und noch zwei weitere Stockwerke.
   Im ersten Stock schlief die Oberhexe. Darüber lag der Dachstock, der vollgestellt war mit Hunderten von magischen und nicht magischen Gegenständen, die Hexen in ihrem Leben brauchten.
   Die siebzehnjährige Isolde, die neben Kikki saß, war damit beschäftigt, sich kleine Kieselsteine aus ihren ungekämmten braunen Haaren zu zupfen.
   »Weshalb hast du so viele Steine auf deinem Kopf?«, wollte Kikki wissen.
   »Das kommt daher, weil ich gestern versucht habe, einen schmalen Gehweg vor mein Haus zu zaubern, was aber gründlich misslungen ist. Anstatt einen Weg zu bilden, fielen die Kieselsteine wie Regentropfen vom Himmel. Du solltest mal mein Bett sehen. Ich konnte kaum schlafen, so viele Steine sind im Schlaf aus meinen Haaren und Kleidern gefallen. Man könnte meinen, sie wären von der Decke geregnet.«
   »Ach du Schande.« Kikki machte große Augen. »Das war bestimmt nicht sehr bequem.«
   »Das kannst du laut sagen«, jammerte Isolde.
   Die Oberhexe kam aus der Küche und hielt ein Schreiben in der Hand, das ziemlich sicher von den Moorhexen stammte. Schleimige Fäden tropften vom grauen Papier hinunter. Sie blieb neben dem Tisch der versammelten Hexen stehen. »Guten Morgen, miteinander.«
   »Guten Morgen, Oberhexe«, antworteten die Hexen am Tisch.
   Die Oberhexe hielt das schleimtriefende Papier näher vor ihr Gesicht. »Dieses Schreiben lag vor dreißig Minuten vor meiner Haustür. Eine Anschuldigung wird uns von den Moorhexen gemacht. Am besten ist es wohl, wenn ich es euch vorlese: Ihr frechen Waldhexen, steht da in der Überschrift. Auch wenn ihr das Kesselrennen in der Silvesternacht gewonnen habt und ihr noch drei Jahre lang bestimmen dürft, was gezaubert wird, ist es euch noch lange nicht erlaubt, uns Dinge zu stehlen.
   Denn nichts anderes als das ist geschehen. Heute Morgen ist diese schreckliche Tat von einer von euch, oder vielleicht sogar von mehreren Waldhexen, begangen worden. Einer unserer ehrbaren Frauen wurde das Frühstück gestohlen, und das, während sie gerade ihre Brotscheiben bestreichen wollte. Eine ungeheuerliche Frechheit! In dem geschilderten Fall wurde außerdem eine Tasse Kaffee und ein Glas Hühneraugenmarmelade weggehext.
   Dies ist ein Vergehen, das wir nicht verzeihen können. Also erwarten wir von euch eine angemessene Entschuldigung, um das wiedergutzumachen. Falls das nicht geschieht, müsst ihr mit einer Strafe rechnen. Dann, wenn ihr es am wenigsten erwartet! Böse Grüße – die Moorhexen!
   Und?« Die Oberhexe schaute prüfend in die Runde. »Hat eine von euch etwas zu sagen?«
   Kikki saß stocksteif da. Ihr Gesicht verriet nicht das Geringste, ihre Kleider hingegen schon. Ihr weiter, geflickter Rock wand sich um ihre Beine und die Schuhspitzen ihrer Stiefel bogen sich nach unten. Ihr Hut hüpfte ihr vom Kopf und verzog sich schleunigst in eine der Zimmerecken.
   »So ist das also!«, meinte die Oberhexe. »Kikki, was hast du dazu zu sagen?«
   Kikki schwieg. Als sich die Oberhexe vor ihr hinstellte und sie dem durchdringenden Blick der kleinen Frau nicht mehr ausweichen konnte, antwortete sie: »Ich hatte bloß Hunger.«
   »Deshalb zettelst du einen Streit mit den Moorhexen an?«
   Isolde, Trixi, Fauna, Irmgard und Vallera rutschten mit ihren Stühlen vom Tisch weg, um einen möglichst großen Abstand zwischen sich und Kikki zu bringen. Aber vor allem zwischen sich und die Oberhexe. Das war jedoch überhaupt nicht nötig, denn die befürchtete Standpauke blieb aus.
   »Das nächste Mal pass bitte etwas besser auf, bevor du einen Zauberspruch loslässt«, sagte die Oberhexe.« Sie kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Die Moorhexen sind wütend. Das ist nicht gut, so kurz vor unserer gemeinsamen Zeit in der Hexenschule. Wie können wir sie wieder besänftigen? Hat eine von euch einen Vorschlag?«
   Irmgard, die kleine Hexe mit den blonden Haaren, die wie ein Turm aufgesteckt waren, hob eine Hand.
   »Ja?«, fragte die Oberhexe.
   »Du könntest Kikki zu den Moorhexen schicken, damit sie sich bei ihnen entschuldigt.«
   »Auf keinen Fall«, sagte Isolde. »Die werden Kikki nicht so leicht davonkommen lassen. Bestimmt haben sie schon was ausgeheckt, um sie zu bestrafen, wenn sie den Diebstahl des Frühstückes gesteht.«
   »Du hast recht«, meinte die Oberhexe.
   »Wie wäre es damit?«, fragte Vallera. »Kikki soll eine Woche lang für die Moorhexen die Wäsche waschen.«
   Irmgard, Isolde, Fauna, Kikki, Trixi und die Oberhexe begannen schallend zu lachen. Nur Florina blieb stumm und beobachtete die anderen.
   »Schlechte Idee«, erwiderte die Oberhexe. »Wer von euch Hexen im letzten Jahr seine Kleider gewaschen hat, soll die Hand heben!«
   Keine der Hände wurden nach oben gestreckt.
   »Eben«, meinte die Oberhexe. Sie strich sich durch ihre schwarzen stoppeligen Haare. Sei es drum, etwas wird mir schon einfallen, wenn die Moorhexen verlangen sollten, dass Kikki für diesen unabsichtlichen Diebstahl bestraft werden soll. Nun denn. Bevor wir losfliegen, unterschreibt ihr alle bitte diese Erklärung.«
   »Was für eine Erklärung?«, wollte Kikki wissen. Sie las die Zettel, die plötzlich auf dem Tisch lagen.

Regeln für den Besuch der Hexenschule

Hiermit bestätigt die unterzeichnende Schülerin, dass sie:
   eine Hexe ist
   die Hexenschule zu den angegebenen Stunden besucht
   weder die Lehrer noch andere Schüler verzaubert
   die Schule abschließt, egal, wie viele Jahrhunderte sie dauert
   keine Freundschaften mit zwielichtigen Gestalten wie bösartigen Kobolden, Giftzwergen und bösen Spukgeistern schließt
   dass sie niemals, aber auch gar niemals, einem Menschen verrät, dass sie eine Hexe ist
   dass sie sorgsam darauf achtet, sich von keinem nicht-magischen Wesen beim Zaubern erwischen zu lassen
   dass sie nie auf die Idee kommt, den anderen Hexen, egal, ob befreundet oder verfeindet, das Frühstück wegzuzaubern
   dass sie hier auf der gestrichelten Linie unterzeichnet

Nachdem alle unterschrieben haben, sogen die Papiere mit einem leisen Zischen die schwarze Tinte in sich auf und verwandelte die Unterschriften in goldene Buchstaben.
   »So, das hätten wir.« Die Oberhexe blickte in die Runde. »Kann es losgehen? Habt ihr alles dabei? Auch eure extra warmen Mäntel und Handschuhe für den Flug zur Hexenschule?«
   »Mist.« Kikki merkte, wie ihre Wangen zu glühen anfingen. »Die Mäntel und Handschuhe liegen noch bei mir zu Hause auf dem Schaukelstuhl«, flüsterte sie Florina ins Ohr.
   »Oh.« Florina blickte betreten drein. »Daran hätte ich auch denken können. »Tut mir leid.«
   »Kein Problem. Dann hexe ich sie hierher.«
   Kikki stand auf und ging nach draußen vor die Tür, damit die Oberhexe nicht bemerkte, dass sie die Mäntel vergessen hatte. Sie nahm ihren Zauberstab in die Hand und sagte:

Zwei Mäntel und vier Handschuhe fehlen mir, fliegt schnell zu mir, ich brauche euch hier!

Aus ihrem Zauberstab schoss ein hellgrünes Licht und verschwand zwischen den Bäumen. Zufrieden grinste Kikki. Es würde bestimmt nicht lange dauern, bis die gewünschten Sachen hier waren.
   »Ich leiste dir Gesellschaft.« Florina war ihr unbemerkt nach draußen gefolgt.
   »Ach, das ist lieb. Bald sind unsere Mäntel hier. Wirst schon sehen.«
   Gemeinsam warteten sie auf ihre Mäntel. Dabei beobachteten sie die tanzenden Schneeflocken, die vom Himmel fielen.
   Zehn Minuten später kamen zwei Mäntel und vier Handschuhe auf sie zugeflogen und klatschten vor ihren Füßen in den Schnee.
   »Na endlich«, sagte Kikki, um dann große Augen zu machen. »Verhext und zugenäht, wie konnte das passieren?«
   »Was denn?«
   »Die gehören nicht uns. Guck!«
   »Bei allen Spinnen, du hast recht!«, sagte Florina.
   Hinter ihnen ging die Tür auf, und die Oberhexe trat zu ihnen. »Was tut ihr hier?«
   »Ähm, Mäntel herbeihexen«, sagte Kikki.
   »Aha. Hast du deinen wohl schon wieder vergessen? So wie jedes Jahr?«
   »Ja«, gab Kikki zu. Sie hoffte, die Oberhexe würde wieder in ihr Haus zurückkehren, aber das tat sie nicht.
   »Wem gehören die?«, fragte sie stattdessen, als sie auf die beiden Mäntel und die vier Handschuhe blickte. »Kikki Krümel, sag jetzt bloß nicht, du hast dich schon wieder verhext. Die gehören doch eindeutig den Moorhexen.« Sie deutete auf die grauen, mit Flicken übersäten Mäntel, an denen grüne Moosflecken zu sehen waren.
   »Es war keine Absicht. Ehrlich. Ich wollte nur meine und Florinas Sachen hierherhexen.«
   »Das ist dir gründlich misslungen.« Die Oberhexe kniff ihre Augen zusammen. Es wird Zeit, dass du wieder die Schulbank drückst. Mit deiner Hexerei bringst du uns in Bedrängnis. Was glaubst du, was die Moorhexen sagen, wenn sie bemerken, was du schon wieder angestellt hast? Erst stiehlst du ihr Frühstück und nun auch noch ihre Mäntel.«
   »Tut mir leid«, sagte Kikki aufrichtig.
   »Damit du etwas lernst, verbiete ich dir, sobald wir in der Hexenschule sind, zwei Wochen lang das Zaubern.«
   Kikki zog hörbar die Luft ein. Für ihr Empfinden war die Strafe, nicht mehr zaubern zu dürfen, das Schlimmste, was sich eine Hexe vorstellen konnte. Bedeutete es doch, man musste selbst kochen und Essen besorgen. Hinzu kam, dass man den Moorhexen dadurch völlig schutzlos ausgeliefert war.
   »Wenn du meinst«, sagte Kikki. »Ich habe heute wohl echt Mist gebaut.
   »Das hast du. Ich meine es nicht böse«, sagte die Oberhexe nun etwas freundlicher. »Ich will nur keinen unnötigen Ärger mit den Moorhexen. Es ist nur zu deinem Besten.« Sie schwang ihren Zauberstab und deutete auf die beiden Mäntel und die Handschuhe.

Fliegenmist und Schneckenschleim, schnell, fliegt wieder in euer Daheim!

Die Kleidungstücke erhoben sich aus dem Schnee und flogen davon. Die Oberhexe nickte zufrieden. »Dann hoffen wir mal, die Moorhexen haben ihr Fehlen nicht bemerkt.« Sie deutete mit ihrem Zauberstab in die Richtung, wo Kikkis Haus stand.

Jetzt, gleich und sofort, ich will Kikkis und Florinas Handschuhe und Mäntel an diesem Ort!

Der Zauber flog davon, um kurz darauf mit den gewünschten Dingen zurückzukehren.

Kapitel 2
Aufbruch zur Hexenschule

Im Haus der Oberhexe wurden die letzten Vorbereitungen getroffen.
   Die Taschen und Koffer standen bereit. Die fünf Katzen der Oberhexe, Kikkis Kater Lakritz und Faunas Kröte Lukas waren gefüttert und in ihren Käfigen.
   »Habt ihr alles eingepackt?«, fragte die Oberhexe. »Fauna, hast du all deine Bücher?«
   Die Hexe mit dem schmalen Gesicht und den braunen Haaren nickte. »Ja, Oberhexe.
   »Und, du Vallera?«
   »Ich habe alles dabei«, sagte die Älteste unter ihnen.
   »Sehr schön. Trixi?«
   »Ich habe auch alles.
   »Isolde?«
   »Ich auch.«
   »Gut«, bemerkte die Oberhexe. Danach befragte sie noch Kikki, Florina, Irmgard und sich selbst. Als alles zu ihrer Zufriedenheit war, meinte sie: »Na los, brechen wir auf, bevor es dunkel wird.«
   Die Koffer und Taschen der Hexen wurden auf ihren Besen festgebunden. Dann verließen sie das Haus.
   Der starke Schnellfall vom Morgen hatte den ganzen Waldboden bedeckt. Nur vereinzelt war noch hier und dort etwas Grün zu sehen.
   Die Oberhexe verschloss mit einem Schlenker ihres Zauberstabs die Tür. Der Schlüssel kam auf sie zugeflogen und landete eigenständig in ihrer Manteltasche. »Es geht los. Steigt auf eure Besen.«
   »Endlich«, meinte Isolde.
   »Wurde auch Zeit«, fügte Irmgard an.
   »Ich friere jetzt schon«, jammerte Vallera. Umständlich stieg die alte Hexe auf ihren Besen. Als auch sie bereit war, flogen sie los.
   Erst nahe am Boden zwischen den verschneiten Bäumen hindurch. Dann, als eine kleine Lichtung kam, flogen sie auf ihren Besen steil nach oben.
   Die Oberhexe flog an der Spitze. Hinter ihr kamen Trixi, Irmgard, Florina, Kikki, Fauna, Isolde und Vallera.
   Die Sonne hatte sich hinter dicken Wolken verkrochen, die sich bereit machten, erneut ihre weiße Pracht fallen zu lassen. Obwohl sie immer schneller flogen und der eisige Wind ihnen ins Gesicht blies, hielten die Hexen tapfer durch. Sie alle hatten ihre Mantelkrägen hochgeschlagen, ihre dicken, wärmenden Schals um ihre Hälse und das halbe Gesicht gewickelt, ihre Hexenhüte auf den Köpfen und trugen dicke Handschuhe. All ihre Kleider waren mit einem Zauber versehen und ließen keine Kälte durch.
   Gegen fünf Uhr abends begann es, dunkel zu werden. Der Schneefall setzte wieder ein, und die Sicht wurde immer schlechter.
   Keine der Hexen, außer Vallera, jammerte. Sie waren es gewohnt, bei jedem Wetter unterwegs zu sein. Zielstrebig flogen sie durch das Schneegestöber, ohne von ihrem Weg abzuweichen.
   Kikki blickte immer wieder zu Florina, die neben ihr flog. Ihre Menschenfreundin, die den Hexeneid abgelegt hatte, hielt tapfer durch. Es war nicht das erste Mal, dass sie gemeinsam diese Strecke flogen.
   Als sie über eine verlassene Landschaft flogen, die weit unter ihnen lag, sagte Fauna einen alten Hexenspruch auf. Die anderen Frauen stimmten mit ein.

Hexen fliegen durch die dunkle Nacht, verborgen durch die weiße Pracht. Grüne Kröten und Haferschleim, sie stehlen sich davon, ganz geheim.

Nach knapp drei Stunden Flug tauchte der große Wald auf, in dem sich die Hexenschule befand. In seiner Mitte stand eine alte Burg mit vier Türmen.
   Die Waldhexen landeten auf dem kleinen Kiesplatz davor und stiegen von ihren Besen.
   »Zückt eure Zauberstäbe«, sagte die Oberhexe. »Es scheint, als wären wir die Ersten. Wir müssen das Tor öffnen.«
   Als alle bereit waren, stellten sie sich in einer Reihe nebeneinander auf.
   »Auf drei gehts los. Eins. Zwei. Drei!«

Geschlossen war dieses Tor für viele Wochen, nun wird es wieder aufgebrochen. Kein Mensch darf von dieser geheimen Schule erfahren, denn hier lauern für sie große Gefahren. Nicht nur Gespenster und wildes Getier tummeln sich in den Wäldern hier. Diese Schule ist in Hexenbesitz, glaub es, sonst trifft dich der Blitz. Halte dich fern, wenn du nicht kundig bist, der Magie, Zauberei und Hexenlist.

Aus den acht Zauberstäben schossen gleichzeitig weiße Blitze, die einige Meter über der Hexenschule explodierten. Ein Regen aus Feuerwerk fiel auf die Burg hinab. Die Mauern und die vier Türme leuchteten kurz auf. Dann verblassten die Lichter wieder.
   Der große Torbogen, der mit einer dicken Tür verschlossen war, öffnete sich. Die Hexen gingen voraus, während ihnen ihre Besen samt den Koffern nachflogen.
   Sie überquerten den quadratischen Innenhof, in dessen Mitte ein Brunnen stand, auf dem ein steinerner Drachen saß.
   Die Oberhexe erstieg die dreizehn Treppenstufen, die in die Hexenschule führten. Mit einem Zauberspruch öffnete sie die Tür.
   Die anderen folgten ihr in den riesigen Eingangsbereich, der im Dunklen lag. Ungefähr in seiner Mitte blieben sie stehen.

Kerzenlicht, das brauchen wir hier, denn wir Waldhexen sind nun hier, sagte Fauna.

In allen Ecken des Raumes begannen die Kerzen zu brennen, die auf Tischen und Regalen verteilt waren.
   »Danke, Fauna.« Die Oberhexe zog ihren Mantel aus und legte ihn auf eines der beiden Sofas, die neben einem riesigen Kamin standen. Dabei betrachtete sie eines der Bilder, das darüber hing. Es zeigte eine ihrer Vorfahrinnen. Eine mächtige Hexe mit riesigem Zauberhut.
   »Lasst uns essen, bevor die anderen hier sind«, sagte sie. Sie ging rechts am Kamin vorbei in die große Küche. Die anderen Waldhexen folgten ihr.
   »Wurde auch Zeit«, meinte Vallera, die für ihr Alter erstaunlich schnell an Kikki und Florina vorbeihuschte.
   Achtlos warfen die restlichen Hexen ihre Mäntel, Schals und Handschuhe in eine der Ecken der Küche. Kurz darauf saßen sie alle an einem der runden Tische und genossen ihr Abendessen.
   Ein paar Minuten später hörte Kikki mehrere bekannte Stimmen. »Die Dunkelhexen sind hier.«
   Die anderen Waldhexen hörten mit dem Kauen auf und lauschten.
   »Du hast recht«, meinte Fauna. »Ich war so mit Essen beschäftigt, dass ich sie nicht gehört habe.«
   Die Waldhexen blickten auf den Eingang der Küche, als die sieben Dunkelhexen hereinkamen. Flavia, die Anführerin, betrat als Erste den Raum.
   »Schön, euch wohlauf hier anzutreffen«, sagte sie. Sie ging um den Tisch der Waldhexen herum und begrüßte jede einzelne von ihnen. Ihre gelben Augen funkelten vergnügt in ihrem dunklen Gesicht. »Seid ihr die Ersten?«
   »Wie es aussieht, schon«, sagte die Oberhexe. »Kommt, esst mit uns.
   Die Dunkelhexen entledigten sich ihrer Mäntel und setzten sich an einen der Nebentische.
   Außer Jananie, die jüngste von ihnen. Sie war Kikkis und Florinas Freundin. Sie nahm einen freien Stuhl von einem der anderen Tische und setzte sich zwischen sie. »Schön, dass ihr hier seid. Geht es euch gut?«
   »Hm, prima«, antwortete Florina.
   »Und, dir, Kikki?«
   »Mir geht es auch gut. Außer, dass ich mich heute Morgen verhext habe. Jetzt will mir die Oberhexe für zwei Wochen den Zauberstab wegnehmen.«
   »Echt?« Jananie riss ihre grünen Augen auf. »War es so schlimm, was du gemacht hast?«
   »Sie hat den Moorhexen aus Versehen das Frühstück weggehext. Worauf diese einen bösen Brief an die Oberhexe geschickt haben. Sie scheinen wütend zu sein«, erklärte Florina.
   »Wegen dem bisschen?« Jananie verdrehte ihre Augen. »Einfach waren sie ja noch nie.«
   Während sie in der Küche saßen, kamen auch die anderen Hexenstämme in der Schule an.
   Die Weiherhexen waren die Nächsten, gefolgt von den Berghexen. Zuletzt trudelten die Moorhexen ein mit der Begründung, sie hätten nach zwei Mänteln und Handschuhen suchen müssen, die nicht mehr in der Truhe gelegen hätten, wo sie hingehörten. Stattdessen hätten sie diese auf dem Hausdach ihrer Anführerin Ragna gefunden.
   Kikki und die Oberhexe warfen sich vielsagende Blicke zu, doch keine von ihnen sagte etwas.
   Um Mitternacht stand die Oberhexe von ihrem Stuhl auf. »Es ist Zeit, dass wir in die Betten kommen. Morgen beginnt die Schule. Danach gibt es noch einiges zu erledigen.«
   »Jetzt schon«, jammerte Fauna. »Es ist noch viel zu früh, um zu schlafen.«
   »Stimmt«, meinte auch Vallera. »Ich bin überhaupt nicht müde.«
   »Besser, ihr geht schlafen«, ertönte eine Stimme vom Tisch der Moorhexen. Die alte Gundel hatte ihr grünes Gesicht zu einer Grimasse verzogen. »Sonst verhext ihr euch wieder und klaut uns unser Essen.«
   »Ja, stimmt«, mischte sich Ragna ein. »Wir warten immer noch auf eine Entschuldigung. Habt ihr unseren Brief nicht gelesen?«
   »Natürlich haben wir das«, sagte die Oberhexe. »Es tut uns leid, dass einer von uns ein Zauberspruch missglückt ist. Das war keine Absicht.«
   »Das wäre ja noch schöner, wenn es absichtlich passiert wäre. Sag, wer von euch ist es gewesen?«
   »Das werde ich nicht verraten. Aber glaubt mir, diese Hexe hat für zwei Wochen Zauberverbot von mir bekommen.«
   »Gut so.« Ragna klang zufrieden.
   Bloß Kikki fand es nicht toll, dass ihr die Oberhexe das Zaubern verbieten wollte.
   Fast gleichzeitig gingen alle Hexen zu Bett. Sie stiegen die Treppen hinauf in die oberen Stockwerke. Bei jeder Tür, an der sie vorbeikamen, huschten einige Frauen und Mädchen in den dahinter liegenden Raum.
   Kikki und Florina kraxelten hinauf in ihr Turmzimmer. Der runde Raum war nicht besonders groß, hatte aber eine hohe Decke.
   Zwei Holzbetten standen sich gegenüber, und es gab zwei kleine Schränke. Darin verstauten sie ihre Kleider. Ihre Hexenhüte legten sie auf dem wackligen Holztisch vor dem Fenster ab.
   Die beiden Besen, erleichtert, ihr Gepäck losgeworden zu sein, stellten sich in ihre Lieblingsecke hinter der Tür und schliefen sofort ein.

Kapitel 3
Magische Schönheitstipps

Kikki wachte um 11:11 Uhr auf und weckte Florina. Als sie aus dem Zimmer gingen, ließen die Tür einen Spaltbreit offen, damit Lakritz ihnen später folgen konnte.
   Sie waren nicht die Ersten, die Hunger hatten. Als sie in die Küche kamen, saßen sicherlich schon dreißig Hexen an ihren Tischen. Daneben standen die Besen und schlürfen Kaffee aus ihren Tassen.
   Kikki und Florina gingen auf den Tisch der Waldhexen zu, wo schon Irmgard, Vallera, Isolde, Trixi und Fauna saßen.
   »Wo steckt die Oberhexe?«, fragte Florina.
   »Sie will noch etwas mit den anderen Anführerinnen besprechen«, antwortete Vallera zwischen zwei Bissen. Sie meinte, sie käme am Nachmittag zurück.«
   »Wenigstens kann ich so meinen Zauberstab noch eine Weile behalten. Vielleicht überlegt es sich die Oberhexe noch anders und lässt ihn mir.«
   »Meinst du?« Das kam von Trixi.
   »Ich hoffe es.«
   »Du wirst es herausfinden, sobald sie wieder hier ist.« Irmgard blickte auf ihre Uhr. »Oh, höchste Zeit, um in die Klassenzimmer zu gehen. »Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Trixi, du sollst die erste Schulstunde der Oberhexe übernehmen.«
   »Hä? Was?« Trixi riss ihre Augen auf und starrte in die Runde. »Wieso ich? Ich habe das noch nie gemacht. Ich bin doch erst 17 Jahre alt.«
   »Keine Ahnung«, gab Irmgard zu. »Die Oberhexe wird ihre Gründe haben.«
   »Darf ich um Ruhe bitten?«, forderte eine der Berghexen vom Nebentisch. Sie war eine eindrückliche Frau mit grauem Haar und unglaublich langen Fingern, in denen sie eine angeschlagene Tasse hielt.
   »Die Klassenlisten hängen links neben der Küche. Ich bitte euch, euch an die Eintragungen zu halten und nicht die Plätze zu tauschen. Die Listen sind auf magischem Papier geschrieben und lassen sich nicht abändern. Gut zu wissen für diejenigen, die bereits mit diesem Gedanken spielen.«

Wenig später standen die Schülerinnen in der Eingangshalle vor den Klassenlisten.
   Es dauerte eine ganze Weile, bis Kikki und Florina ihre Namen fanden.
   »Da«, sagte Florina und zeigte auf eine Stelle auf dem Papier. »Die erste Schulstunde findet tatsächlich bei Trixi statt. Im Klassenzimmer der Oberhexe.«
   »Oh je. Hoffentlich wird das nicht ultralangweilig«, stöhnte Kikki.
   Sie folgten den anderen Hexenmädchen die steinerne Treppe hinab, die ins Untergeschoss führte. Fackeln, die an den Wänden befestigt waren, beleuchteten ihren Weg.
   Im Keller befanden sich alle Klassenzimmer. Zusätzlich gab es fünf weitere Türen, die aber sorgsam mit einem Zauber verschlossen waren. Kikki war schon lange neugierig, was wohl hinter ihnen verborgen lag.
   Eine der Dunkelhexen stand vor dem ersten Zimmer und begrüßte ihre Schülerinnen.
   Im Vorbeigehen blickte Kikki in den Raum hinein. Sie liebte ihn, denn er erinnerte an einen schattigen Wald. Mehrere Bäume wuchsen dort, obwohl es kaum Licht gab. Auf einem Ast des hintersten Baumes entdeckte sie den Schulhauskuckuck, der friedlich schlief.
   »Komm, wir müssen weiter.« Florina zog Kikki von der Tür fort. Dabei kamen sie an Trixi und Irmgard vorbei.
   »Ich weiß nicht, was ich ihnen beibringen soll«, jammerte Trixi. »Wieso ich?«
   »Weil das die Oberhexe so möchte. Am einfachsten erzählst du von Dingen, womit du dich gut auskennst. Es wird schon gut gehen.«
   »Wenn du meinst …« Trixi klang nicht überzeugt. Sie ging schlurfend ins Klassenzimmer der Oberhexe.
   Kikki, Florina und die anderen Drittklässlerinnen folgten ihr.
   Trixi stellte sich vor die Wandtafel hin und rieb sich die Hände. »So, ich sehe, ihr seid alle da. Es ist etwas dunkel hier. Findet ihr nicht auch?«
   »Viel zu dunkel«, meinte Stella, die Weiherhexe. »Dann lasst uns Licht machen. Auf drei sagen wir alle gleichzeitig den Zauberspruch dafür auf. Eins. Zwei. Drei!«

Fackellicht, das brauchen wir hier, denn wir alle sind nun hier,
sagten die zehn Mädchen gleichzeitig.

Die Fackeln begannen einige Sekunden lang zu zischen, bis sie schließlich zu brennen anfingen.
   »Das habt ihr gut gemacht.« Trixi klatschte in die Hände.
   Im Licht der Fackeln kam das düsteres Gemäuer mit feuchten Wänden und Spinnweben hervor. Die Bänke und Stühle waren mit Staub bedeckt.
   Trixi lehnte sich an das Lehrerpult und räusperte sich. Dann schwang sie ihren Zauberstab und sagte:

Hinfort mit Spinnweben und Dreck, denn ihr dient keinem Zweck. Nicht mehr sehen will ich euch, verbannt seid ihr, damit ihr nicht wiederkehrt, solange die Schule währt.

Von einer Sekunde auf die andere waren die Holztische und Stühle blank geputzt und die Spinnweben verschwunden.
   »Bist du krank?«, wollte Stella, die Weiherhexe, wissen. »Weshalb hast du das Zimmer sauber gehext?«
   »Oh«, machte Trixi. »Das ist wohl, weil ich nervös bin.« Sie blickte sich um. »Du hast recht, es sieht schrecklich reinlich aus.« Sie kicherte verlegen und wirkte einen neuen Zauberspruch:

Spinnweben kommt wieder zurück, damit ihr meine Klasse und mich entzückt. Staubfäden hängt euch wieder an die Decke, denn das ist, was ich mit diesem Zauber bezwecke!

»Schon viel besser«, meinte sie, als sie sah, wie ihr Zauber wirkte. »Findet ihr nicht auch?«
   »Ich finde es noch immer zu sauber«, maulte eine der Berghexen.
   »Genug jetzt.« Trixi stellte sich kerzengerade hin. »Heute bin ich eure Lehrerin. Hm, was kann ich euch am besten beibringen?« Sie sah hierhin und dahin. Schließlich blieb ihr Blick an den Haaren der Schülerinnen haften. »Wie ihr sicher wisst, kann ich eines sehr gut. Nämlich hübsch aussehen. Mein Haar ist immer gekämmt, meine Nägel gepflegt und mein Gesicht frei von Schmutz. Ich lege großen Wert auf mein Äußeres. Wenn ich ein Shampoo brauche, zaubere ich es mir herbei. Eine Gesichtsmaske bereite ich mir aus frischen Erdbeeren zu. Einfach alles, was eine Hexe braucht, um gut auszusehen. Nur so könnt ihr eines Tages den richtigen Zauberer betören. Nicht zu vergessen die Kleidung, die Schuhe und so weiter und so fort.«
   Luzia, die junge Moorhexe hob ihre Hand.
   »Ja?«, flötete Trixi.
   »Solltest du uns nicht nützliche Zaubersprüche beibringen? Solche, die wir jeden Tag brauchen können. Ich meine, um jemand zu verhexen, oder mit einem Fluch zu belegen?«
   »Luzia, Luzia«, sagte Trixi. »Nicht alle Zaubersprüche sind dafür da, jemandem zu schaden. Es gibt viele nützliche Sprüche, die einem helfen, das Leben zu vereinfachen. Wenn du Regen brauchst, dann zauberst du ihn herbei. Soll die Sonne scheinen, dann bitte sie darum, hervorzukommen. Zudem dürft ihr Moorhexen in den nächsten drei Jahren nur gute Dinge zaubern. Ich hoffe doch, dass ihr euch alle daran halten werdet!«
   »Wie langweilig«, meinte Luzia.
   Kikki sah, wie sie mit ihren langen Nägeln, irgendwelche Worte in die Tischplatte vor ihr ritzte. Scheinbar hörte sie Trixi gar nicht mehr zu.
   »Trixi, kannst du uns beibringen, wie ich mir in den Bergen eine größere Höhle zaubern kann?«, schlug eine der Schülerinnen vor.
   »Nö«, gab Trixi mit geröteten Wangen zu. »Ich habe keine Ahnung, wie man eine Höhle größer zaubert.«
   »Dann lass uns einen schönen Weiher herbeizaubern«, schlug Stella vor.
   »Auch das kann ich nicht. Noch nicht. Ich bin ja noch jung. Diese Dinge müssen euch die älteren Hexen beibringen.«
   »Ach, menno«, jammerte Stella. »Das wäre cool gewesen. Dann hätten wir einen Weiher im Klassenzimmer gehabt und könnten darin herumplanschen.«
   »Ich bringe euch heute bei, wie man sich hübsch macht.«
   Die Schülerinnen verfielen in Gelächter.
   »Ruhe!«, sagte Trixi. »Das ist mein voller Ernst. Zieht eure Stiefel und Strümpfe aus. Eure Hexenhüte legt auf eure Tische und kommt nach vorn.«
   Kaum standen die Mädchen vor Trixi, ging diese langsam von einer Schülerin zur anderen. »Stella, bei allen Hexen, wann hast du dir das letzte Mal die Zehennägel geschnitten?«
   »Noch nie«, gab Stella zu.
   »Setz dich auf einen der Stühle und schneide sie kürzer.« Trixi kramte aus ihrer Umhängetasche eine kleine gebogene Schere, die sie Stella überreichte. »Na los, mach schon.«
   Stella tat, was Trixi von ihr verlangte.
   »Luzia, deine Nägel sind ganz schmutzig. Mach sie sauber und feile sie etwas. Kikki, über deine Haare weißt du selbst Bescheid. Die müssen dringend gekämmt werden.« Schon zog Trixi einen Kamm aus ihrer Rocktasche, hob ihren Zauberstab und sprach:

Bändige diese Lockenpracht, damit es schön aussieht, so ist es gedacht. Ein paar bunte Maschen wären nicht schlecht, so wird es dieser Hexe gerecht.

Der Kamm flog aus ihrer Hand und begann, Kikkis Haare zu kämmen.
   »Ich finde das gar nicht lustig«, schimpfte Kikki.
   »Warts nur ab, es wird dir gefallen.«
   »Bei dir, Florina, scheint soweit alles in Ordnung zu sein. Außer, dass deine Wangen etwas blass sind. Hier, etwas Erdbeersaft.« Trixi schmierte die klebrig aussehende Flüssigkeit auf die Wangen und nickte zufrieden. »Jananie, du siehst müde aus. Mit ein paar Schminktipps kann ich dir helfen, etwas wacher zu wirken.«
   So, ging es weiter, bis endlich der Kuckuck auftauchte und das Ende der Schulstunde verkündete.
   Luzias sonst üblich grünes Haar war nun schwarz und ihre Nägel rosafarben lackiert. Stellas Füße steckten in gelben Pantoffeln.
   Auf Kikkis Kopf prangten sicherlich zehn Stoffmaschen, soweit ihre Hände richtig gezählt hatten.
   Mürrisch verließen die Mädchen das Klassenzimmer und wurden, sobald sie auf den Flur traten, von den anderen Hexenschülerinnen, die ebenfalls Pause hatten, ausgelacht.
   »Florina, nimm bitte diese Dinger aus meinen Haaren.« Kikki versuchte, die Schleifen aus ihren Locken zu ziehen, was ihr aber nicht gelang.
   »Du musst schon stehen bleiben.« Florina grinste. »Du siehst aus wie ein Weihnachtsbaum.«
   »Noch viel schlimmer«, fand Luzia, als sie neben ihnen stehen blieb.
   »Du musst gerade was sagen.« Kikki blickte auf Luzias rosafarbene Fingernägel.
   Schnell versteckte diese ihre Hände hinter ihrem Rücken.
   »Die Schleifen sitzen so fest«, klagte Florina. »Das muss an diesem Zauber liegen. Bleib endlich ruhig stehen.«
   »Das würde ich ja, wenn du nicht so an meinen Haaren ziehen würdest.«
   »Ah, ich hab’s. Die erste ist weg.« Florina zeigte Kikki eine veilchenblaue riesige Schleife.
   »Igitt, fort damit.«
   Florina grinste und steckte sie in ihre Rocktasche, um sich der nächsten Schleife zu widmen.
   Luzia nickte kurz und eilte den anderen Mädchen hinterher, die auf dem Weg nach oben waren.
   »Habt ihr auf mich gewartet?« Jananie blieb neben Florina und Kikki stehen. Ihre Augen waren so grell geschminkt, dass es beinahe wehtat.
   »Uii, was ist denn mit dir passiert?« Kikki riss ihre Augen auf.
   »Muss ich das wirklich erklären?«
   »Nö. ist ja klar, dass das Trixis Werk ist.«
   »Genau. Sie wollte mich so lange nicht gehen lassen, bis ich richtig hübsch bin.
   »Hier.« Florina hielt ihr eine der Schleifen hin. »Kannst damit deine Augen abwischen.«
   »Super, danke.«
   Es dauerte mehrere Minuten, bis Florina endlich alle Schleifen aus Kikkis Haar gefummelt hatte.
   »Aua! Wer war das?«, fragte Jananie. Sie bückte sich und hob etwas vom Boden auf.
   »Was hast du?« Kikki blickte auf Jananies Hand, die einen Erdklumpen hielt.
   »Jemand hat mir das an den Kopf geschmissen. Der Erdklumpen kam aus der Wand herausgeflogen.«
   Kikki blickte zu der Stelle hin, konnte aber nichts erkennen. »Vielleicht ist er von der Decke gefallen«, mutmaßte sie.
   »Ich bin ja nicht doof. Ich habe es aus den Augenwinkeln gesehen, wie der aus der Wand geflogen kam. Zudem sind die Wände hier im Keller aus Stein gebaut.«
   »Stimmt.«
   »Das war sicher eines der Gespenster«, mutmaßte Jananie.
   »Niemals. Die Geister, die hier in der Schule leben, sind alle nett. Du weißt, dass sich hier nur die guten Gespenster aufhalten dürfen.«
   »Klar weiß ich das. Bloß scheint das dieser Geist nicht zu wissen. Ich habe seinen Arm sehen können, als er aus der Wand herauskam.«
   »Seltsam.« Kikki kratzte sich am Kopf. »Ich hoffe ja nicht, dass du recht hast.«
   »Böse Geister? Hier gibts böse Geister?«, fragte Florina ängstlich.
   »Nein, solche gibt es hier nicht.« Kikki tätschelte ihr die Schulter.

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